Sämtliche Werke 9-10

Part 106

Chapter 1063,809 wordsPublic domain

Schweigen trat ein. Irgend etwas sehr Wichtiges schien Mitjä zu quälen.

„Aljoscha, ich liebe Gruscha wahnsinnig,“ sagte er plötzlich mit bebender, tränenerfüllter Stimme.

„_Dort_ wird man sie aber nicht zu dir lassen ...“ Aljoscha griff sofort das Thema auf.

„Und was ich dir noch sagen wollte, Alexei,“ fuhr Mitjä mit einer ganz eigentümlich klangvollen Stimme fort, „wenn man mich unterwegs oder _dort_ schlagen will – das werde ich nicht dulden, nein, ich werde sie erschlagen, und dann wird man mich erschießen. Und das soll ich zwanzig Jahre lang ertragen! Hier fängt man schon an, du zu mir zu sagen. Alle Wärter sagen zu mir du. Ich habe heute die ganze Nacht wach im Bett gelegen und über mich Gericht gehalten: Nein, ich bin nicht bereit! Ich kann es nicht auf mich nehmen, meine Kräfte reichen nicht aus! Ich wollte dort eine Hymne singen, und da kann ich nun nicht einmal das Du der Wärter verwinden! Für Gruscha würde ich alles ertragen, alles ... übrigens ausgenommen Schläge ... Aber man wird sie ja dort nicht zu mir lassen ...“

Aljoscha lächelte still.

„Hör’ mich, Bruder, ein für allemal,“ sagte er, „ich will dir einmal alle meine Gedanken über deine Flucht sagen. Du weißt, daß ich dir nichts vorlügen werde. Also höre: Du bist nicht bereit für Sibirien, und dieses Kreuz ist auch nicht für dich geschaffen. Und ich werde dir noch etwas sagen: Solch einer wie du, der nicht bereit ist, soll auch lieber gar nicht ein solches Märtyrerkreuz auf sich nehmen. Wenn du den Vater erschlagen hättest, so würde es mir leid tun, daß du dein Kreuz nicht tragen willst. Aber du bist unschuldig, und so wäre ein solches Kreuz gar zu viel für dich. Du wolltest durch die Qual den neuen Menschen in dir auferstehen machen; ich aber glaube, wenn du nur fortwährend, dein ganzes Leben lang, wohin du auch entfliehen, oder wo du hernach leben solltest – wenn du dein ganzes Leben lang an diesen anderen Menschen in dir denkst: so wird auch das für dich genügen. Wenn du diese letzten und äußersten Qualen nicht auf dich nimmst, so wird dies nur dazu dienen, daß du das Bewußtsein einer noch größeren Schuld mit dir nimmst, und dieses Schuldbewußtsein, das nie ganz endet und dich stets geleitet, wird dir fernerhin zu deiner Wiedergeburt verhelfen, und vielleicht noch eher, als wenn du wirklich nach Sibirien gingest. Denn dort würdest du das Leben nicht ertragen und würdest nur wider Gott murren und vielleicht zu guter Letzt doch noch sagen: ‚Ich habe abgerechnet‘. Der Advokat hat darin ganz recht gehabt. Nicht alle können so große Bürden tragen. Für viele sind sie ganz unerträglich. Da habe ich dir nun meine Gedanken gesagt. Vielleicht ist es wichtig für dich, zu wissen, wie ich darüber denke. Wenn für deine Flucht andere die Verantwortung tragen müßten, Offiziere, Soldaten, so würde ich dir ‚nicht erlauben‘, zu entfliehen,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Aber man sagt und versichert sogar – der Etappenkommandant hat es Iwan ausdrücklich gesagt – daß, wenn man die Sache zu machen verstehe, auf niemanden besondere Verantwortung falle: man könne sich mit Leichtigkeit losmachen. Zwar ist das Bestechen auch in diesem Falle nicht in der Ordnung. Doch will ich darüber nicht richten oder auch nur urteilen – schon deshalb nicht, weil ich selbst, wenn Iwan und Katjä mich beauftragten, alles Nötige für deine Flucht zu tun, ohne weiteres die Bestechung auf mich nehmen würde. Das muß ich dir der Wahrheit gemäß gestehen. Wie gesagt, schon deshalb kann ich hier kein Richter sein, was du auch tun mögest. Ich will dir nur sagen, damit du dies ein für allemal weißt, daß ich dich nie verurteilen werde. Und sag doch selbst, wie könnte ich in diesem Falle wohl dein Richter sein? So, jetzt habe ich, glaub ich, alles gesagt.“

„Dafür aber verurteile ich mich selbst!“ sagte Mitjä erregt. „Ich werde natürlich entfliehen, unbedingt, das war auch ohne dich schon eine beschlossene Sache. Wie kann denn Mitjä Karamasoff nicht entfliehen? Trotzdem verurteile ich mich selbst dafür, und ich werde dort ewig zu Gott beten, er möge mir meine Sünden vergeben! So sprechen sonst wohl Jesuiten, nicht wahr? ... Sieh mal an, wie weit wir beide gekommen sind, was?“

„Ja, so reden Jesuiten,“ sagte Aljoscha lächelnd.

„Darum liebe ich dich auch so, Alexei, weil du immer die ganze Wahrheit sagst und nichts verheimlichst!“ rief Mitjä froh aus. „Sieh mal, jetzt habe ich meinen Aljoschka auf dem Jesuitenwege ertappt! Abküssen müßte man dich dafür, aber kräftig, weißt du das, Junge? Nun, so höre denn auch das übrige. Ich will dir auch die andere Hälfte meiner Seele aufdecken. Höre jetzt, was ich mir ausgedacht habe, und worüber ich mir klar geworden bin: Wenn ich nun entfliehe, mit Geld und einem Paß versehen, und, sagen wir, meinetwegen sogar nach Amerika, so ermutigt und beruhigt mich doch nur der Gedanke, daß ich nicht in die Freude, nicht in das Glück entfliehe, sondern in Wahrheit zu einer anderen Zwangsarbeit, in eine andere Verbannung, die vielleicht nicht leichter sein wird als die in Sibirien! Nein, nicht leichter, Alexei, das kannst du mir glauben, sie wird mir wahrlich nicht leichter sein! Der Teufel hole dieses Amerika, ich hasse es schon jetzt. Ich weiß, Gruscha wird dort bei mir sein, aber sieh sie doch nur einmal an: ist sie denn etwa eine Amerikanerin? Russin ist sie, bis zur letzten Nervenspitze Russin! Sie wird sich nach der Mutter, nach ihrer Heimaterde zurücksehnen, und ich werde in jeder Stunde, in jeder Minute zusehen müssen, wie sie sich meinetwegen sehnt und grämt, wie sie für mich das Kreuz trägt! Wodurch hat sie das verdient? Was hat sie verbrochen? Und wie werde denn ich dort, im amerikanischen Leben, diese leibeigene Knechtschaft ertragen, wenn die Menschen auch tausendmal besser sind als ich? Ich hasse dieses Amerika schon jetzt! Und wenn sie auch alle bis auf den letzten weiß Gott was für spitzfindige Maschinisten sind, oder sonst was – der Teufel hole sie samt und sonders, meine Leute sind es nicht, sie haben doch eine andere Seele! Ich liebe Rußland, Alexei, den russischen Gott liebe ich, wenn ich auch selbst ein Schuft bin! Dort werde ich ja umkommen!“ rief er aus, und seine Augen blitzten, während seine Stimme von verhaltenen Tränen bebte.

„Nun, jetzt höre, Alexei, wie ich bei mir beschlossen habe!“ begann er wieder, indem er seine Erregung niederrang. „Sobald wir beide dort angekommen sind, Gruscha und ich, fangen wir sofort an zu pflügen, zu arbeiten, mit wilden Bären, in der Einsamkeit, irgendwo abseits. Man wird doch auch bei ihnen einen Ort finden können, denke ich, der etwas weiter abliegt! Dort soll es ja auch noch Rothäute geben, sagt man, dort irgendwo bei ihnen ganz am Rande des Horizonts. Nun also, und zu denen werden wir dann hinziehen, zu den letzten Mohikanern. Und da machen wir uns denn sofort an die Grammatik, Gruscha und ich. Arbeit und Grammatik, und das so, sagen wir, drei Jahre lang. Und nach diesen drei Jahren werden wir besser Englisch sprechen als die echtesten eingeborenen Amerikaner. Und sobald wir die Sprache intus haben – dann ade Amerika! Wir kommen unverzüglich wieder her, nach Rußland, und zwar als amerikanische Bürger. Aber hab keine Angst, hierher in diese Stadt kommen wir natürlich nicht. Wir werden uns irgendwo weit, weit von hier verbergen, hoch oben im Norden oder vielleicht auch im Süden. Bis dahin werde ich mich schon genügend verändert haben, sie gleichfalls. Dort in Amerika kann mir ein Doktor noch irgend so eine Warze künstlich anbringen – wozu sind sie denn Mechaniker? Und kann er’s nicht, so steche ich mir ein Auge aus, lasse mir den Bart meterlang wachsen, einen grauen, versteht sich – vor Heimweh nach Rußland werde ich ja bald ergrauen. Sicherlich wird man mich dann nicht wiedererkennen, was meinst du? Wenn man mich aber erkennen und von neuem verschicken sollte, dann meinetwegen, dann will es das Schicksal so! Hier jedoch werden wir genau so wie in Amerika irgendwo in der Einöde Ackerbau treiben, und ich werde bis zum Schluß den Vollblutamerikaner spielen. Dafür werden wir dann im Vaterlande sterben können! Sieh, das ist mein Plan, und der ist unwandelbar. Billigst du ihn?“

„Ja, ich billige ihn,“ sagte Aljoscha, da er ihm nicht widersprechen wollte.

Mitjä schwieg eine Weile, dann sagte er plötzlich:

„Aber wie geschickt sie das bei der Verhandlung gedreht haben! Weiß der Teufel!“

„Und wenn sie es auch nicht entstellt hätten, du wärst doch verurteilt worden,“ sagte Aljoscha mit einem Seufzer.

„Ja, das hiesige Publikum war meiner – na, sagen wir, gar zu überdrüssig geworden. Nun, Gott mit ihnen! Aber es ist doch schwer!“ Mitjä stöhnte gequält.

Sie schwiegen wieder eine Weile.

„Aljoscha, töte mich sofort!“ rief er plötzlich leidenschaftlich aus. „Wird sie bald kommen oder überhaupt nicht – sprich! Was hat sie gesagt? Wie hat sie es gesagt?“

„Sie hat gesagt, daß sie kommen werde, nur weiß ich nicht, ob es gerade heute sein wird. Auch ihr fällt es doch schwer!“ Aljoscha blickte besorgt den Bruder an.

„Das weiß ich, das weiß ich, wie soll es ihr denn nicht schwer fallen! Ich verliere darüber den Verstand. Gruschenka sieht mich immer so an ... Sie begreift ... Gott, Herr, gib du mir Frieden! Nach wem verlange ich? Ach, nach Katjä verlangt mich! Weiß ich, nach wem mich eigentlich verlangt? Karamasoffsche Zügellosigkeit – nichts anderes! Nein, ich bin unfähig zum Leiden! Ein Schuft bin ich, und damit ist alles gesagt!“

„Da ist sie!“ rief Aljoscha aus.

In diesem Augenblick war Katjä auf der Türschwelle erschienen. Sie stand und rührte sich nicht, während ihr Blick wie verloren auf Mitjä lag. Der sprang sofort auf: man konnte ihm seinen Schreck ansehen – er wurde ganz bleich. Sofort aber erzitterte ein schüchternes, bittendes Lächeln auf seinen Lippen, und plötzlich konnte er nicht anders – er streckte ihr seine beiden Hände entgegen. Als sie das sah, stürzte sie ungestüm auf ihn zu. Sie ergriff seine Hände und setzte ihn fast mit Gewalt aufs Bett, indem sie sich selbst neben ihm niederließ; sie hielt immer noch seine Hände fest und drückte sie wie im Krampf. Zwei-, dreimal wollten sie beide etwas sagen, doch hielten sie wieder inne, und ihre Blicke hingen aneinander, schweigend, verzehrend, während auf ihren Lippen ein sonderbares Lächeln lag.

„Hast du mir verziehen, oder kannst du’s nicht?“ brachte Mitjä schließlich stockend hervor. Darauf wandte er sich zu Aljoscha und rief ihm mit freudeentstelltem Gesicht zu:

„Hörst du, was ich sie frage, hörst du!“

„Darum habe ich dich ja so geliebt, weil du von Herzen edelmütig bist!“ entfuhr es Katjä fast unfreiwillig. „Aber du bedarfst ja gar nicht meiner Verzeihung und ich auch nicht der deinigen. Ob du verzeihst oder nicht – du wirst doch mein Leben lang als offene Wunde in meinem Herzen zurückbleiben, und ich ebenso in deinem – und so muß es auch sein ...“

Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen.

„Wozu bin ich hergekommen?“ begann sie von neuem, sich überstürzend, als hätte sie die Besinnung verloren. „Um deine Füße zu umfassen, deine Hände zu drücken, sieh so, bis zum Schmerz, wie ich sie dir in Moskau gedrückt habe, weißt du noch? – um dir wieder zu sagen, daß du mein Gott bist, meine Freude, um dir zu sagen, daß ich dich unsinnig liebe!“ kam es halblaut wie unter Qualen über ihre bebenden Lippen. Und plötzlich beugte sie sich vor und küßte gierig seine Hand. Tränen stürzten aus ihren Augen.

Aljoscha stand ganz verwirrt da und sagte kein Wort. Alles hätte er eher erwartet, als das, was er jetzt sah.

„Die Liebe ist vergangen, Mitjä!“ fuhr Katjä fort, „aber teuer bis zum Schmerz ist mir das, was vergangen ist. Das sage ich dir jetzt, damit du es weißt und ewig behältst. Jetzt aber, in diesem Augenblick, mag es nur einmal sein, wie’s hätte sein können,“ sagte sie mit einem traurigen Lächeln, indem sie ihm zugleich fast freudig in die Augen blickte. „Du liebst jetzt eine andere, und auch ich liebe einen anderen, und doch werde ich dich ewig lieben, und du ebenso mich – wußtest du das schon? Hörst du, liebe mich, liebe mich dein ganzes Leben lang!“ sagte sie laut, und in ihrer Stimme lag ein drohendes Zittern.

„Ich werde dich lieben und ... weißt du, Katjä,“ – Mitjä holte nach jedem Wort tief Atem – „weißt du, vor fünf Tagen, an jenem Abend, da _liebte_ ich dich ... Als du hinfielst und man dich forttrug, da _liebte_ ich dich ... Mein ganzes Leben lang werde ich dich lieben! Ja, so wird es sein, so wird es ewig sein ...“

In der Weise sprachen sie miteinander: sinnlos, wie im Rausch – vielleicht sagten sie sich sogar Unwahres, aber in diesem Augenblick war alles wahr für sie, und sie glaubten selbst unverbrüchlich an ihre Worte.

„Katjä,“ rief plötzlich Mitjä, „glaubst du, daß ich ihn erschlagen habe? Ich weiß, daß du jetzt nicht daran glaubst, aber damals ... als du aussagtest ... Glaubtest du, sag, glaubtest du es damals wirklich?“

„Auch damals glaubte ich es nicht! Niemals habe ich es geglaubt! Ich haßte dich nur, und da redete ich es mir ein, gerade für diesen einen Augenblick ... Als ich die Aussage machte, redete ich es mir ein, und da glaubte ich denn ... Aber kaum daß ich meine Aussage beendet hatte, hörte ich sofort auf, zu glauben ... Das sollst du wissen! ... Ich vergaß, daß ich gekommen war, um mich zu demütigen!“ fügte sie plötzlich mit einem ganz anderen Ausdruck hinzu, der nichts mehr mit dem soeben gemachten Liebesgeständnis gemein hatte.

„Schwer hast du es, Weib!“ entfuhr es Mitjä fast unbewußt in seinem Mitleid.

„Laß mich,“ murmelte sie, „ich werde wiederkommen, jetzt ist es zu schwer! ...“

Sie erhob sich von ihrem Platze – da aber stieß sie einen Schrei aus und wankte zurück: – ins Zimmer trat ganz unvermutet mit ihrem leisen Gang Gruschenka. Niemand hatte sie erwartet. Katjä wandte sich sofort eilig zur Tür – als sie aber an Gruschenka vorübergehen wollte, blieb sie jäh stehen, erbleichte unheimlich und sagte leise, kaum hörbar, mit angehaltenem Atem:

„Vergeben Sie mir!“

Die andere blickte sie eine Zeitlang unbeweglich an und antwortete erst nach einer Weile mit haßerfüllter, mit einer wie von Haß gleichsam durchgifteten Stimme:

„Schlecht sind wir beide! Beide sind wir schlecht! Wie könnten wir vergeben, du sowohl wie ich? Rette ihn, und ich werde mein Leben lang für dich beten.“

„Wie, und vergeben willst du ihr nicht?“ rief Mitjä Gruschenka in bitterem Vorwurf fast außer sich zu.

„Sei ruhig, ich werde ihn dir retten!“ flüsterte ihr Katjä halblaut zu und eilte aus dem Zimmer.

„Und du konntest ihr nicht vergeben, nachdem sie selbst zu dir gesagt hatte: ‚vergib‘?“ rief Mitjä vorwurfsvoll aus.

„Mitjä, wage es nicht, ihr Vorwürfe zu machen! Dazu hast du kein Recht!“ rief Aljoscha heftig seinem Bruder zu.

„Ihre stolzen Lippen haben es gesagt, nicht ihr Herz,“ sagte Gruschenka wie mit einem Ekel. „Rettet sie dich, so werde ich ihr alles verzeihen ...“

Sie verstummte, als hätte sie in ihrer Seele etwas niederzuringen.

Sie konnte noch nicht recht zur Besinnung kommen. Wie sich später herausstellte, war sie ganz zufällig eingetreten; sie hatte nicht geahnt, daß sie hier irgendeinen fremden Menschen antreffen werde.

„Aljoscha, lauf ihr sofort nach!“ wandte sich Mitjä ungestüm an den Bruder. „Sag’ ihr ... ich weiß nicht was ... nur laß sie nicht so fortgehen!“

„Ich werde noch vor dem Abend zu dir kommen!“ rief Aljoscha ihm schnell zu und lief dann Katjä nach.

Er holte sie erst auf der Straße ein, als sie den Hospitalgarten bereits verließ. Sie ging sehr schnell, lief fast, beeilte sich sichtlich. Kaum aber hatte Aljoscha sie eingeholt, als sie sich sofort zu ihm wandte und hastig hervorstieß:

„Nein, vor der kann ich mich nicht demütigen! Ich habe sie um Verzeihung gebeten, weil ich mich bis zum äußersten demütigen wollte. Sie hat mir nicht verziehen ... Und ich – liebe sie dafür!“ fügte Katjä mit entstellter Stimme hinzu, und ihre Augen blitzten in wildem Haß.

„Mein Bruder glaubte, daß sie heute erst am Abend kommen würde, er hat sie durchaus nicht erwartet,“ brachte Aljoscha verwirrt hervor, „er war sogar überzeugt, daß sie nicht kommen würde ...“

„Zweifellos war er überzeugt davon. Aber lassen wir das,“ sagte sie kurz abbrechend. „Hören Sie mich an: Ich kann jetzt nicht mit Ihnen dorthin zur Beerdigung gehen. Ich habe Blumen für den kleinen Sarg hingeschickt. Geld haben sie noch, glaube ich. Sobald sie welches brauchen, werde ich wieder schicken. Sagen Sie ihnen, daß ich sie in Zukunft nie vergessen werde, sie können auf meine Hilfe rechnen. Jetzt aber verlassen Sie mich, verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum. Sie werden sich verspäten, es wird schon zur Messe geläutet ... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum!“

III. Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein

Er verspätete sich in der Tat. Man hatte schon lange auf ihn gewartet und sich fast schon entschlossen, den kleinen, mit Blumen bedeckten Sarg ohne ihn in die Kirche zu tragen. Es war der Sarg Iljuschetschkas, des armen kleinen Knaben. Er war am zweiten Tage nach der Verurteilung Mitjäs gestorben. Schon an der Hofpforte wurde Aljoscha von den Knaben, Iljuschas Kameraden, empfangen. Sie hatten ihn mit Ungeduld erwartet, und sie freuten sich, daß er jetzt endlich kam. Es hatten sich ihrer zwölf versammelt, und alle waren sie mit ihren Ränzlein und Büchertaschen auf der Schulter gekommen. „Papa wird weinen, verlaßt nicht Papa!“ hatte ihnen Iljuschetschka sterbend gesagt, und die Knaben erfüllten gern seine Bitte. Ihr Anführer war natürlich Koljä Krassotkin.

„Wie es mich freut, daß Sie gekommen sind, Karamasoff!“ rief er aus und streckte Aljoscha die Hand entgegen. „Hier ist es einfach furchtbar! Wirklich, es wird einem schwer, das mit anzusehen. Ssnegireff ist nicht betrunken, wir wissen es ganz genau, daß er heute nichts getrunken hat, aber trotzdem ist er wie betrunken ... Ich kann schon etwas aushalten, aber das ist doch zu entsetzlich! Karamasoff – wenn ich Sie nicht aufhalte – erlauben Sie mir noch eine Frage, bevor Sie hineingehen?“

„Was ist es denn, Koljä?“ fragte Aljoscha und blieb stehen.

„Ist Ihr Bruder schuldig, oder ist er unschuldig? Hat er den Vater erschlagen, oder hat es der Diener getan? Was Sie sagen, daran werde ich glauben. Ich habe vier Nächte wegen dieser Frage nicht schlafen können.“

„Der Diener hat ihn erschlagen, mein Bruder aber ist unschuldig,“ antwortete Aljoscha.

„Und ich habe das auch gesagt!“ rief plötzlich der kleine Ssmuroff dazwischen.

„So muß er denn als unschuldiges Opfer zugrunde gehen?“ fragte Koljä erregt. „Aber wenn er auch zugrunde geht, so ist er doch glücklich! Ich könnte ihn beneiden!“

„Was sagen Sie, wie können Sie so etwas aussprechen, und warum reden Sie so?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Oh, wenn doch auch ich mich einmal für die Wahrheit opfern könnte,“ sagte Koljä enthusiastisch.

„Aber doch nicht in einer solchen Sache, doch nicht so schandbeladen, doch nicht so grauenvoll!“ rief Aljoscha aus.

„Freilich ... ich möchte für die ganze Menschheit sterben können. Was jedoch die Schande anbelangt, so ist mir alles gleich: Mögen unsere Namen vergehen! Ich verehre Ihren Bruder!“

„Und ich auch!“ rief plötzlich und ganz unerwartet aus der Bande derselbe Knabe, der einmal erklärt hatte, er wisse, wer Troja erbaut habe, und auch diesmal wurde er, genau so wie damals, bis über die Ohren rot. Aljoscha trat ins Zimmer. In einem hellblauen, mit weißen Rüschen geschmückten Sarge lag, die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, Iljuscha. Die Züge seines abgemagerten Gesichtchens hatten sich gar nicht verändert und, sonderbar – die Leiche verbreitete fast gar keinen Verwesungsgeruch. Der Ausdruck seines Gesichtchens war ernst und nachdenklich. Besonders schön waren die Hände, die auf der Brust gekreuzt lagen. Wie aus Marmor gemeißelt sahen sie aus. Unter die Hände hatte man Blumen gelegt, und der ganze Sarg war von innen und von außen mit Blumen geschmückt, die Lisa Chochlakoff schon am frühen Morgen geschickt hatte. Auch von Katerina Iwanowna waren Blumen geschickt worden, und als Aljoscha die Tür aufmachte, da bedeckte der Hauptmann mit zitternden Händen gerade von neuem seinen geliebten Jungen mit Blumen. Er beachtete kaum den Eintretenden, er schien überhaupt niemanden beachten zu wollen; nicht einmal sein „Mamachen“, seine schwachsinnige weinende Frau, die immer wieder versuchte, sich auf ihren kranken Füßen aufzurichten, um ihren toten Knaben besser sehen zu können. Ninotschka wurde von den Knaben mit ihrem Stuhl aufgehoben und näher an den Sarg gerückt. Dort saß sie dann, preßte ihren Kopf an den Sarg und weinte still. Das Gesicht Ssnegireffs war sehr belebt, zu gleicher Zeit aber wie zerstreut und wie verbittert. In seinen Gesten und Worten war etwas geradezu Halbverrücktes. „Väterchen, liebes Väterchen!“ murmelte er immer wieder, auf Iljuscha starrend. Als Iljuscha noch lebte, hatte er die Gewohnheit gehabt, wenn er zu ihm liebkosend sprach, „Väterchen, liebes Väterchen!“ zu sagen.

„Papachen, gib auch mir Blumen, nimm aus seinen Händchen dort diese weiße und gib sie mir!“ bat schluchzend das schwachsinnige „Mamachen“. Gefiel ihr nun die kleine weiße Rose so sehr, die in Iljuschas Händen lag, oder wollte sie die Rose aus seinem Sarge zum Andenken aufbewahren, jedenfalls fuhr sie mit den Händen hin und her und streckte sie immer wieder wie suchend nach der Blume aus.

„Niemandem gebe ich etwas, nichts gebe ich!“ rief hartherzig Ssnegireff. „Das sind seine Blumen, aber nicht deine. Alles gehört ihm, du bekommst nichts.“

„Papa, geben Sie Mama die Blume!“ bat Ninotschka, indem sie plötzlich ihr tränenüberströmtes Gesicht erhob.

„Nichts gebe ich ihr, nichts! Sie hat ihn gar nicht geliebt. Sie hat ihm damals die kleine Kanone fortgenommen, und er hat sie ihr geschenkt,“ sagte mit schluchzender Stimme der Hauptmann, den die Erinnerung, wie Iljuschetschka seiner Mama die Kanone abgetreten hatte, überwältigte. Die arme Irrsinnige weinte leise und bedeckte mit beiden Händen ihr Gesicht. Als die Knaben schließlich einsahen, daß der Vater den Sarg nicht forttragen lassen werde, während es doch schon die höchste Zeit war, aufzubrechen, drängten sie sich in dichtem Haufen an den Sarg heran und schickten sich an, ihn aufzuheben.

„Ich will ihn nicht auf dem Friedhof beerdigt haben!“ fuhr Ssnegireff sofort heftig auf, „beim Stein will ich ihn beerdigen, bei unserem großen Stein! So hat es Iljuscha gewollt! Ich lasse ihn nicht forttragen!“

Er hatte auch schon früher, die ganzen drei Tage, davon gesprochen, daß er ihn beim „großen Stein“ beerdigen wolle: doch Aljoscha, Krassotkin, die Hauswirtin, deren Schwester und alle Knaben waren dagegen gewesen.

„Sieh einer, was er sich ausgedacht hat, ihn beim Stein wie einen Heiden zu beerdigen, ganz als wäre er ein Selbstmörder!“ sagte streng die alte Wirtin. „Die Friedhoferde ist geweiht. Dort wird man für ihn beten. Aus der Kirche hört man den Gesang, und der Diakon liest so laut und verständlich, daß jedes Wort bis zu seinem Grabe zu hören sein wird, ganz als ob er es an seinem Grabe lesen würde.“

Der Hauptmann winkte schließlich mit der Hand ab. Das hieß soviel wie: „Bringt ihn wohin ihr wollt!“ Die Kinder hoben den Sarg auf. Als sie an der Mutter vorüberkamen, senkten sie ihn ein wenig, damit sie von Iljuscha Abschied nehmen könne. Als sie aber das liebe Gesichtchen, auf das sie in diesen drei Tagen immer nur von weitem hinübergeblickt hatte, jetzt so nah vor sich erblickte, erzitterte sie am ganzen Körper und begann über dem Sarge hysterisch mit ihrem grauen Kopfe hin und her zu zucken.