Sämtliche Werke 9-10

Part 105

Chapter 1053,781 wordsPublic domain

Und darauf Punkt für Punkt dieselbe Antwort: Schuldig, schuldig, schuldig, und zwar ohne die geringste Milderung! Das hatte niemand erwartet! Selbst die Strengsten waren überzeugt gewesen, daß man doch wenigstens mildernde Umstände in Betracht ziehen werde. Die Totenstille des Saales dauerte immer noch an, buchstäblich, als wären alle erstarrt gewesen – sowohl diejenigen, welche die Verurteilung, wie diejenigen, welche die Freisprechung gewünscht hatten. Doch das war nur in den ersten Minuten. Dann erhob sich plötzlich ein furchtbares Chaos. Unter dem männlichen Publikum schienen viele sehr zufrieden zu sein. Einige rieben sich sogar die Hände, ohne ihre Freude zu verbergen. Die Unzufriedenen dagegen waren niedergedrückt, sie flüsterten untereinander, zuckten mit den Achseln, und schienen immer noch nicht recht zur Besinnung kommen zu können. Aber, o Gott, was geschah mit unseren Damen! Ich glaubte schon, es würde eine Revolution geben. Zuerst trauten sie ihren Ohren nicht. Dann aber hörte man von allen Seiten empörte Ausrufe: „Was soll das bedeuten? Was soll denn das heißen?“ Sie sprangen von ihren Plätzen auf. Wahrscheinlich glaubten sie, daß man alles sofort noch umändern und anders machen könne. Und in diesem Augenblick erhob sich plötzlich Mitjä und schrie noch einmal laut über den ganzen Saal hin, mit einer Stimme, die das Herz erzittern machte, und indem er die Hände vor sich ausstreckte:

„Ich schwöre es bei Gott und seinem furchtbaren Gerichte, am Blute meines Vaters bin ich unschuldig! Katjä, ich verzeihe dir! Brüder, Freunde, habt Mitleid mit der anderen! ...“

Er sprach nicht zu Ende: Er schluchzte mit lauter Stimme auf, mit einer Stimme, die an ihm ganz neu, ganz unerwartet, die weiß Gott woher gekommen war, mit einer Stimme, bei der einen das Grauen faßte. Und da hörten wir plötzlich von oben, aus der entferntesten Ecke des Chores, einen gellenden Schrei: Gruschenka hatte ihn ausgestoßen. Sie hatte schon früher die Leute angefleht, sie dorthin nach oben zu lassen, schon vor den Plaidoyers. Mitjä wurde hinausgeführt. Die Verlesung des Urteils wurde auf den nächsten Vormittag vertagt. Der ganze Saal erhob sich in erregter Hast. Ich entfernte mich und hörte den Menschen nicht mehr zu. Ich habe nur ein paar Ausrufe behalten, die ich auf der Treppe, beim Hinauseilen, auffing.

„Der kann jetzt seine zwanzig Jahre angeschmiedet Bergwerke riechen!“

„Mindestens.“

„Ja, unsere Bäuerlein haben ihren Mann gestanden.“

„Und haben unseren Mitjenka begraben!“

Epilog

I. Pläne zu Mitjäs Rettung

Am fünften Tage nach dem über Mitjä gehaltenen Gericht kam Aljoscha schon früh morgens, schon um neun Uhr, zu Katerina Iwanowna, um mit ihr zum letztenmal über eine für sie beide sehr wichtige Angelegenheit zu sprechen, und außerdem noch mit einem Auftrage an sie. Sie empfing ihn in demselben Salon, in dem sie mit Gruschenka damals Schokolade getrunken hatte; im anstoßenden Zimmer lag Iwan Fedorowitsch noch immer bewußtlos und in Fieberphantasien. Katerina Iwanowna hatte sofort nach jener Szene vor Gericht angeordnet, den erkrankten Iwan Fedorowitsch, der das Bewußtsein verloren hatte, in ihre Wohnung zu bringen. Sie hatte sich von vornherein über jedes spätere und unvermeidliche Gerede der Gesellschaft und deren strenge Verurteilung hinweggesetzt. Die eine von ihren beiden Tanten, die bei ihr wohnten, war denn auch unverzüglich nach Moskau zurückgereist, die andere dagegen war bei ihr geblieben. Doch selbst, wenn beide Tanten fortgefahren wären, hätte Katerina Iwanowna ihren Entschluß nicht aufgegeben, sie hätte trotzdem den Kranken gepflegt und Tag und Nacht an seinem Lager gesessen. Behandelt wurde er von Warwinskij und Herzenstube; der Moskauer Doktor war schon zurückgereist, hatte sich aber geweigert, seine Ansicht über den möglichen Ausgang der Krankheit zu äußern. Die beiden anderen Ärzte sprachen Katerina Iwanowna und Aljoscha zwar immer Mut zu, aber man sah es ihnen an, daß sie selbst noch keine feste Hoffnung hatten. Aljoscha kam zweimal täglich zum kranken Bruder. Dieses Mal aber war er in einer besonderen, sehr dringenden Angelegenheit gekommen. Er fühlte schon, daß es ihm äußerst schwer werden würde, davon zu sprechen, und doch mußte er sich beeilen; er verband mit diesem Besuch noch etwas anderes – Unaufschiebbares. Und nun sprachen sie schon seit einer Viertelstunde von nebensächlichen Dingen. Katerina Iwanowna war bleich, sehr übermüdet, zu gleicher Zeit aber von krankhafter Lebhaftigkeit: sie ahnte, warum Aljoscha zu ihr gekommen war.

„Wegen seiner Einwilligung machen Sie sich keine Sorgen,“ sagte sie in sehr bestimmtem Tone. „Ob so oder so, er wird schon zu der Einsicht kommen, daß er entfliehen muß. Er muß entfliehen! Dieser Unglückliche, dieser Held, der sich für Ehre und Gewissen geopfert hat, – ich meine nicht Dmitrij Fedorowitsch, sondern den, der dort hinter der Tür liegt“ (Katjäs Augen flammten), „der hat mir schon vorher, schon vor ... jenem Tage, den ganzen Fluchtplan mitgeteilt. Sie wissen doch, daß er bereits Verbindungen angeknüpft hatte? ... Ich habe Ihnen schon einiges gesagt ... Sehen Sie, es wird das aller Wahrscheinlichkeit nach auf der dritten Etappe geschehen, wenn die Abteilung der Verschickten über den Ural nach Sibirien geht. Oh, bis dahin ist es noch weit. Iwan Fedorowitsch ist ja schon einmal zum Kommandanten der dritten Etappe gefahren. Nur weiß man jetzt noch nicht, wer der Führer der Transportabteilung sein wird, und das kann man leider nie im voraus erfahren. Morgen, ja, vielleicht morgen werde ich Ihnen den ganzen Plan ausführlich erklären. Iwan Fedorowitsch hat ihn mir am Abend vor der Gerichtssitzung für den Fall hinterlassen, daß dort irgend etwas ... Das war an jenem Abend, als wir uns gestritten hatten und Sie zu mir kamen: Sie trafen ihn auf der Treppe, und als ich Sie kommen hörte, zwang ich ihn zurückzukehren – erinnern Sie sich noch? Wissen Sie, worüber wir uns damals gestritten hatten?“

„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte Aljoscha.

„Natürlich hat er es Ihnen damals nicht gesagt, das konnte ich mir denken. Es war gerade wegen dieses Fluchtplanes. Er hatte mir schon vor drei Tagen, am Donnerstag, das Wichtigste mitgeteilt – und gleich damals war es zwischen uns zum Streit gekommen, und so hatten wir uns während dieser ganzen drei Tage gestritten. Es geschah das nur deshalb, weil ich damals, an jenem Donnerstag, als er mir sagte, daß Dmitrij Fedorowitsch, falls er verurteilt werden sollte, ins Ausland entfliehen würde, aber nicht allein, sondern zusammen mit jenem Geschöpf, weil ich mich da plötzlich so aufregte – ärgerte, – ich werde ihnen nicht sagen, warum ... Ich weiß selbst nicht, warum, ... oder vielmehr – natürlich weiß ich es: dieses Geschöpfes wegen ärgerte ich mich damals, und zwar gerade deswegen, weil sie gleichfalls, und noch zusammen mit Dmitrij Fedorowitsch ins Ausland fahren sollte!“ Katerina Iwanownas Lippen bebten vor Zorn. „Als aber Iwan Fedorowitsch merkte, daß ich mich dieses Geschöpfes wegen ärgerte, glaubte er sofort, daß es Eifersucht sei, und daß ich folglich immer noch Dmitrij liebe. So kam es denn damals zum ersten Streit. Ich wollte keine Erklärungen geben, und um Verzeihung bitten konnte ich nicht. Es war mir zu schwer, daß Iwan mich der früheren Liebe zu diesem ... verdächtigen konnte ... Und das noch, nachdem ich selbst ihm gestanden und längst gesagt hatte, daß ich nicht Dmitrij liebe, sondern ihn, ihn ganz allein! Nur aus Wut über dieses Geschöpf habe ich mich damals geärgert! Nach drei Tagen, das war an jenem Abend, als Sie zu mir kamen, brachte er mir ein versiegeltes Kuvert, das ich sofort entsiegeln sollte, sobald ihm etwas zustieße. Oh, er hat seine Krankheit schon lange vorausgefühlt! Er teilte mir mit, daß im Kuvert der ganze Fluchtplan ausführlich, bis in alle Details, mit allen Eventualitäten enthalten sei, und daß, im Falle er sterben oder ernstlich erkranken sollte, ich dann allein Mitjä retten müsse. Zugleich übergab er mir das Geld, an zehntausend Rubel, – dasselbe, von dem der Staatsanwalt gesagt haben soll, er wisse, daß Iwan Fedorowitsch Geld habe wechseln lassen. Ich war sprachlos vor Verwunderung, daß Iwan Fedorowitsch, der meinetwegen doch immer noch eifersüchtig war und nach wie vor fest glaubte, ich liebe Mitjä, – daß er trotzdem nicht den Gedanken aufgegeben hatte, den Bruder zu retten, und mir, gerade mir dessen Rettung anvertraute! Oh, das war ein Opfer! Nein, eine solche Selbstopferung werden Sie nie ganz verstehen, Alexei Fedorowitsch! Ich wäre ihm zu Füßen gefallen, um ihn anzubeten, wenn mir nicht plötzlich der Gedanke gekommen wäre, er könne das für Freude halten, Freude darüber, daß Mitjä gerettet werden sollte – oh, bestimmt hätte er das geglaubt! Da war ich denn schon allein über die bloße Möglichkeit eines so schändlichen Gedankens so empört, daß ich wieder in Wut geriet, und statt ihm die Füße zu küssen, ihm eine neue Szene machte! Wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! Das ist mein Charakter – mein schrecklicher, unseliger Charakter! Oh, Sie werden sehen: Ich werde es noch soweit bringen, ja, ja, ich werde es bestimmt soweit bringen, daß auch er mich um einer anderen willen, mit der sich leichter leben läßt, ebenso verlassen wird, wie Dmitrij ... Das aber, nein, das werde ich nicht ertragen, dann werde ich mir das Leben nehmen! ... Als Sie damals mit ihm eintraten, wissen Sie noch, als Sie zu mir kamen und ich ihn zwang, noch einmal zurückzukommen, – da, als er mit Ihnen eintrat, da ergriff mich ein solcher Zorn wegen seines haßerfüllten, verächtlichen Blickes, mit dem er mich ansah, daß ich – Sie wissen doch noch – Ihnen plötzlich zurief, _er, er allein_ habe mich davon überzeugt, daß sein Bruder Dmitrij der Mörder sei! Ich log es absichtlich, um ihn bis ins Herz zu kränken, denn er hat mir nie, niemals gesagt, sein Bruder sei – der Mörder. Im Gegenteil, ich selbst habe ihn davon zu überzeugen gesucht! Oh, an allem, an allem ist nur mein Charakter schuld! Ich, ich allein habe diese Szene vor Gericht veranlaßt! Wie ich mich verfluche! Er wollte mir beweisen, daß er edel sei, und wenn ich auch seinen Bruder liebe, diesen doch nicht aus Rache und Eifersucht verderben werde. Da kam er denn hin, – erinnern Sie sich noch, wie er sich den Richtern näherte? ... Oh, ich bin die Ursache des ganzen Unglücks, ich allein bin an allem schuld!“

Noch niemals hatte Katjä Aljoscha solche Eingeständnisse gemacht. Er fühlte, daß ihre Qualen in diesem Augenblick so überwältigend geworden waren, daß selbst ihr stolzes Herz unter Schmerzen seinen Stolz brach und sich, vom Leid besiegt, vor ihm in den Staub warf. Aljoscha kannte sehr wohl noch die andere, die letzte Ursache ihrer Qualen, wie sehr sie dieselbe auch in diesen fünf Tagen nach der Verurteilung Mitjäs vor ihm zu verbergen gesucht hatte. Aber es wäre ihm gar zu schmerzlich gewesen, wenn sie sich entschlossen hätte, sich soweit zu erniedrigen, sich so zu geißeln und selbst von ihrer größten Qual zu sprechen. Sie litt unerträglich unter dem Bewußtsein, Mitjä vor Gericht „überantwortet“ zu haben, und Aljoscha fühlte, daß das Gewissen sie dazu trieb, ihre Schuld gerade ihm, Aljoscha, einzugestehen, womöglich unter Tränen und Schreien und in Krämpfen, in denen sie sich das Haar gerauft und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen hätte. Er fürchtete aber diese neue Erschütterung und wollte daher um so mehr die Märtyrerin schonen – um so schwerer freilich empfand er den Auftrag, mit dem man ihn zu ihr geschickt hatte. Doch brachte er das Gespräch wieder auf Mitjä.

„Nein, nein, seinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen!“ unterbrach ihn Katjä hartnäckig und schroff. „Das dauert bei ihm nur eine Minute an, ich kenne ihn, ich kenne dieses Herz nur zu gut. Seien Sie überzeugt, daß er einwilligen wird, zu entfliehen. Die Hauptsache ist ja, daß er sich nicht sofort zu entschließen braucht. Bis dahin hat es noch Zeit. Iwan Fedorowitsch wird inzwischen wieder gesund werden und selbst alles in die Hand nehmen, so daß ich damit nichts mehr zu schaffen haben werde. Also beunruhigen Sie sich nicht, er wird schon einwilligen. Er ist ja doch auch jetzt schon einverstanden – kann er denn dieses Geschöpf verlassen? Sie aber wird nicht zu ihm in die Erzgruben zugelassen werden – wie sollte er da nicht entfliehen wollen! Hauptsächlich fürchtet er Sie. Er fürchtet, daß Sie vom moralischen Standpunkt aus seine Flucht nicht billigen werden, aber ich denke, die müssen Sie ihm schon großmütig _erlauben_, wenn Ihre Sanktion dazu nun einmal so unumgänglich notwendig ist,“ fügte Katjä fast gehässig hinzu.

Sie verstummte und lächelte.

„Jetzt redet er da,“ begann sie wieder, „von irgendeiner Hymne, von einem Kreuz, das er tragen muß, von einer Schuld ... Ich weiß, Iwan Fedorowitsch hat mir damals viel davon erzählt ... Ach, wenn Sie wüßten, wie er das erzählt hat!“ rief Katjä plötzlich mit überwallendem Gefühl aus. „Wenn Sie nur wüßten, wie er jenen Unglücklichen in dem Augenblick geliebt hat, als er mir von ihm erzählte, und wie er ihn im selben Augenblick vielleicht haßte! Ich aber, oh, ich hatte für seine Worte und seine Qual nur ein stolzes Lächeln übrig! Oh, du gemeines Geschöpf! Dieses gemeine Geschöpf bin ich, mich meine ich damit! Ich bin die tiefste Ursache seiner Krankheit! Jener aber, der Verurteilte – ist denn der etwa bereit zum Leiden?“ unterbrach sich Katjä plötzlich gereizt. „Und kann denn der überhaupt leiden? Solche Menschen, wie er, leiden niemals!“

Gefühle wie Haß, Ekel und Verachtung klangen aus ihren Worten hervor. Und doch war sie es gewesen, die ihn „überantwortet“ hatte, das mußte sie sich immer wieder sagen.

„Vielleicht kommt dies daher,“ dachte Aljoscha bei sich, „weil sie sich vor ihm schuldig fühlt und ihn deshalb in manchen Augenblicken sogar haßt.“ Er hätte gewünscht, daß es nur in manchen „Augenblicken“ gewesen wäre. In ihren letzten Worten hatte eine Herausforderung gelegen, das fühlte er, aber er nahm sie nicht auf.

„Ich habe Sie heute zu mir gebeten, nur um Ihnen das Versprechen abzunehmen, daß Sie ihn zur Flucht bereden werden. Oder ist es Ihrer Meinung nach tatsächlich unehrenhaft, zu entfliehen, nicht heldenmütig, oder sonst so was ... unchristlich etwa?“ fragte Katjä noch herausfordernder.

„Nein, n–nichts ... Ich werde ihm alles sagen ...“ murmelte Aljoscha vor sich hin. Plötzlich aber blickte er entschlossen auf und sah ihr in die Augen. „Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen!“ kam er ganz unerwartet mit seinem Auftrage heraus.

Katjä zuckte zusammen und fuhr unwillkürlich zurück.

„Mich ... ist denn das möglich?“ stammelte sie erbleichend.

„Es ist wohl möglich, und es muß sogar bestimmt geschehen!“ begann Aljoscha eifrig, da er unbedingt darauf bestehen wollte. „Es ist sehr nötig. Gerade jetzt! Ich würde nicht davon angefangen haben, schon allein, um Sie nicht vorzeitig zu quälen, wenn es eben nicht so unbedingt notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie ein Wahnsinniger, er will immer nur Sie sehen. Er bittet Sie nicht, hinzukommen und sich mit ihm auszusöhnen, sondern nur – nur, er will Sie eben noch einmal sehen! Sie können auf der Türschwelle stehen bleiben – sagt er. Seit jenem Tage hat sich vieles in ihm gewandelt. Jetzt begreift er, wie unermeßlich groß seine Schuld Ihnen gegenüber ist. Nicht um Ihre Vergebung bittet er Sie, – ‚Mir kann man nicht vergeben‘, sagt er selbst, er bittet Sie ganz einfach, sich nur einmal auf seiner Schwelle zu zeigen ...“

„Sie haben mich so plötzlich ...“ stammelte Katjä „– ich habe alle diese Tage geahnt, daß Sie damit kommen würden ... Ich habe gewußt, daß er mich rufen würde! ... Aber – es ist unmöglich!“

„Und wenn es auch unmöglich ist, so tun Sie es doch! Bedenken Sie nur das eine, daß er zum erstenmal begreift, wie sehr er Sie gekränkt hat, zum erstenmal im Leben begreift er es! Niemals vorher hat er es so im ganzen Umfange begriffen und so tief gefühlt. Er sagt: ‚Wenn sie sich weigert zu kommen, so werde ich mein ganzes Leben lang unglücklich sein.‘ Hören Sie: Ein Zwangsarbeiter, der zwanzig Jahre lang keine Sonne sehen wird, will noch glücklich sein! Haben Sie denn gar kein Mitleid? Bedenken Sie doch nur: Sie werden einen unschuldig Verurteilten besuchen,“ sagte Aljoscha stolz, „seine Hände sind rein, an ihnen klebt kein Blut! Um seines unermeßlichen zukünftigen Leidens willen besuchen Sie ihn jetzt! Kommen Sie, bringen Sie Licht in diese Finsternis ... Zeigen Sie sich nur einmal auf der Schwelle, das ist ja alles ... Das müssen Sie doch, das _müssen_ Sie tun!“ schloß Aljoscha, unerbittlich die Worte „das müssen Sie“ betonend.

„Ich muß ... aber ich ... kann nicht! ...“ rang es sich wie ein Gestöhn aus Katjäs Seele hervor. „Er wird mich ansehen ... Ich kann nicht!“

„Ihre Blicke müssen sich noch einmal treffen. Wie werden Sie denn Ihr Leben weiterleben können, wenn Sie sich jetzt nicht entschließen?“

„Lieber das ganze Leben lang Qual!“

„Nein, Sie _müssen_ kommen, Sie _müssen_ es tun!“ sagte Aljoscha wieder unerbittlich.

„Aber warum denn heute, warum jetzt ... Ich kann den Kranken nicht allein lassen ...“

„Auf einen Augenblick können Sie es sehr wohl. Zu diesem Ausgang brauchen Sie doch nur wenige Minuten. Wenn Sie nicht kommen, wird er noch vor Anbruch der Nacht gleichfalls an einem Nervenfieber erkranken. Ich will Sie doch nicht belügen. Oh, so haben Sie doch Erbarmen!“

„Haben Sie vielmehr mit mir Erbarmen!“ sagte Katjä bitter, und Tränen rollten über ihre Wangen herab.

„Also Sie werden kommen!“ sagte Aljoscha überzeugt, als er ihre Tränen sah. „Ich werde vorausgehen und ihm sagen, daß Sie sogleich kommen werden ...“

„Nein, um Gottes willen, sagen Sie ihm nur das nicht!“ unterbrach ihn Katjä erschrocken. „Ich werde kommen, aber sagen Sie es ihm nicht vorher, denn ... Ich werde kommen, aber ich weiß noch nicht, vielleicht werde ich ... auch gar nicht ... eintreten ... Ich weiß noch nicht ...“

Die Stimme versagte ihr. Sie atmete schwer. Aljoscha erhob sich, um fortzugehen.

„Aber wenn ich dort ... jemanden treffe?“ fragte sie plötzlich leise, indem sie wiederum erbleichte.

„Darum ist es unbedingt nötig, daß Sie sofort kommen, damit Sie dort niemanden antreffen. Es wird niemand bei ihm sein, Sie können es mir glauben. Wir werden Sie also erwarten,“ sagte er mit fester Stimme und verließ das Zimmer.

II. Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit

Er beeilte sich, ins Hospital zu kommen, in dem Mitjä jetzt lag. Am zweiten Tage nach seiner Verurteilung hatte Mitjä so hohes Fieber gehabt – es war natürlich ein nervöses Fieber –, daß er aus dem Gefängnis ins Stadthospital, in die Abteilung der Arrestanten, verbracht worden war, doch hatte der junge Doktor Warwinskij auf Aljoschas und vieler anderer (Frau Chochlakoffs, Lisas usw.) Bitte den Kranken nicht bei den Gefangenen, sondern in einem abgesonderten Raume untergebracht, und zwar in derselben kleinen Kammer, in der auch Ssmerdjäkoff gelegen hatte. Außerdem stand ja am Ende des Korridors ein wachhabender Soldat, und auch das Fenster war dort vergittert; so wagte denn Warwinskij schließlich nicht viel mit seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht. Der junge Mann hatte ein gutes, mitfühlendes Herz. Er konnte es nachempfinden, wie schwer es einem Menschen, wie Mitjä, sein mußte, so plötzlich unter Mörder und Räuber versetzt zu werden. Er verstand, daß man sich an diese Gesellschaft wenigstens erst gewöhnen mußte. Der Besuch von Verwandten und Bekannten war sowohl vom Arzt, als vom Inspektor und sogar von unserem Polizeichef erlaubt worden – unter der Hand, versteht sich. Doch hatten Mitjä in diesen Tagen nur Aljoscha und Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin unbedingt zu ihm gewollt, doch Mitjä hatte Warwinskij dringend gebeten, ihn nicht zu ihm zu lassen.

Als Aljoscha eintrat, saß Mitjä in den Hospitalkleidern auf seiner feldbettartigen Schlafstelle. Er schien noch Fieber zu haben. Um den Kopf und auf der Stirn hatte er ein Handtuch, das mit Wasser und Essig angefeuchtet war. Mit einem unbestimmten Blick sah er Aljoscha an, als dieser eintrat, doch flimmerte es in seinem Blick zuerst wie ein vorübergehender Schreck.

Mitjä war seit seiner Verurteilung auffallend nachdenklich geworden. Zuweilen schwieg er halbe Stunden lang, während er dem Anscheine nach mit Mühe etwas überdachte und darüber den Anwesenden ganz vergaß. Verließ ihn aber die Nachdenklichkeit, und fing er zu sprechen an, was gewöhnlich ganz unerwartet geschah, so sprach er unbedingt nicht davon, wovon er eigentlich sprechen wollte. Zuweilen sah er den Bruder mit flehendem Blick an, und Aljoscha fühlte dann mit jeder Fiber, wie schwer er litt. Wenn Gruschenka bei ihm war, schien es ihm leichter zu sein, als wenn Aljoscha allein bei ihm saß. Und wenn er auch mit ihr kaum etwas sprach, so verklärte sich doch sein ganzes Gesicht vor Freude, sobald sie nur eintrat. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn auf das Lager. Mitjä hatte ihn voll Unruhe erwartet. Nun wagte er nicht, ihn etwas zu fragen. Es schien ihm undenkbar, daß Katjä einwilligen könnte, zu ihm zu kommen, und doch fühlte er gleichzeitig, daß, wenn sie nicht käme, er diesen Zustand nicht lange ertragen würde. Aljoscha begriff seine Gefühle.

Plötzlich fuhr Mitjä auf und begann geschäftig:

„Trifon Borissytsch soll sein ganzes Haus auseinanderkratzen, sagt man, er soll alle Dachsparren untersuchen, alle Bretter abreißen, die ganze ‚Galerie‘ soll er abgetragen haben. Er sucht immer noch den Schatz, diese tausendfünfhundert Rubel, von denen der Staatsanwalt behauptet, ich hätte sie dort versteckt. Kaum daß er zurückgekehrt ist, soll er sofort angefangen haben zu suchen. Na, ich wünsche ihm viel Vergnügen, dem Spitzbuben! Das hat mir hier der Wärter gestern erzählt; er ist von dort.“

„Höre, Mitjä,“ sagte Aljoscha, „sie wird kommen, nur weiß ich nicht, wann. Vielleicht kommt sie heute, vielleicht erst in den nächsten Tagen, das weiß ich nicht, aber kommen wird sie bestimmt, das weiß ich genau.“

Mitjä fuhr zusammen, wollte schon etwas sagen – sagte dann aber doch nichts. Diese Nachricht war erschütternd für ihn. Man sah ihm an, daß er noch mehr von dem Gespräch Aljoschas mit Katjä erfahren wollte, daß er sich aber nicht zu fragen getraute, sich vor einer Antwort vielmehr bis zur Pein fürchtete: Etwas Hartherziges oder Verächtliches von Katjä zu erfahren – wäre für ihn in diesem Augenblick zu grausam gewesen.

„Und höre, was sie unter anderem noch gesagt hat: Ich solle dein Gewissen wegen der Flucht unbedingt beruhigen. Und wenn auch Iwan bis dahin nicht gesund werden sollte, so wird sie allein die ganze Sache in die Hand nehmen.“

„Das hast du mir schon gesagt,“ bemerkte Mitjä in Gedanken versunken.

„Und du hast es schon Gruscha mitgeteilt,“ bemerkte Aljoscha.

„Ja,“ gestand Mitjä. „Heute wird sie nicht am Morgen kommen,“ sagte er, indem er schüchtern den Bruder anblickte. „Sie wird mich erst am Abend besuchen. Als ich ihr gestern nur andeutend sagte, daß Katjä die Sache machen werde, verstummte sie, ihre Lippen verzogen sich. Sie murmelte nur: ‚Mag sie!‘ Sie begriff, daß es wichtig ist. Ich wagte nicht weiter zu fragen. Doch begreift sie jetzt bereits, denke ich, daß jene nicht mich liebt, sondern Iwan.“

„Meinst du?“ entfuhr es Aljoscha unwillkürlich.

„Du hast recht, vielleicht auch nicht. Nur wird sie heute vormittag nicht kommen, ich habe ihr einen Auftrag gegeben ... Weißt du, Iwan wird uns alle überragen. Er muß leben, nicht wir. Er wird gesund werden.“

„Stell dir vor, Katjä zittert natürlich für ihn, und doch zweifelt sie kaum, daß er gesund werden wird,“ sagte Aljoscha.

„Dann ist sie also überzeugt, daß er sterben wird. Nur aus Angst glaubt sie, daß er gesund werden wird.“

„Iwan ist kein Schwächling, er ist von starker Konstitution. Ich hoffe gleichfalls sehr, daß er gesund wird,“ bemerkte Aljoscha sichtlich erregt.

„Ja, er wird gesund werden. Sie aber ist überzeugt, daß er sterben wird. Großen Kummer hat sie ...“