Sämtliche Werke 7-8

Part 67

Chapter 673,835 wordsPublic domain

Es dämmerte bereits, und die Uhr war schon vier, als ich wieder bei Tatjana Pawlowna klingelte. Marja, ihre Köchin, antwortete mir auf meine Frage in unhöflichem Tone, sie wäre »nicht gekommen«. Ich muß jetzt wieder an den eigentümlichen Blick denken, mit dem Marja mich lauernd ansah, aber damals konnte ich natürlich noch keinen Verdacht schöpfen. Statt dessen stach mich plötzlich ein anderer Gedanke: als ich geärgert und ein wenig niedergeschlagen die Treppe wieder hinunterstieg, fiel mir der arme alte Fürst ein, der vorhin die Arme nach mir ausgestreckt hatte -- und ich bereute schmerzlich, daß ich ihn verlassen hatte, vielleicht sogar nur aus persönlichen Gründen und gekränktem Ichgefühl. Beunruhigt malte ich mir aus, was ihm da alles während meiner Abwesenheit zugestoßen sein konnte, und begab mich schleunigst nach Haus. Zu Hause war jedoch inzwischen folgendes geschehen:

Anna Andrejewna hatte trotz ihrer Enttäuschung und ihres Zornes den Mut noch nicht verloren. Nebenbei bemerkt: sie hatte schon am Morgen nach Lambert geschickt und dann noch einmal, und da Lambert beide Male nicht zu Hause gewesen war, hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt, ihn zu suchen. Es war der Armen nach meinem Widerstand eben nichts anderes verblieben, als ihre ganze Hoffnung auf Lambert und seinen Einfluß auf mich zu setzen. So erwartete sie ihn denn mit Ungeduld und wunderte sich nur, daß er, der bis dahin unablässig um sie herum gewesen war, sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen ließ. Aber wie hätte sie auch ahnen können, daß Lambert als Besitzer des Dokuments bereits ganz andere Pläne hatte und sich natürlich mit Absicht nicht mehr sehen ließ und sich vor ihr verbarg. In dieser Unruhe und wachsenden Angst war Anna Andrejewna kaum fähig gewesen, den alten Fürsten zu zerstreuen. Dabei hatte sich seine Aufregung in geradezu beängstigendem Maße gesteigert: er stellte seltsame und angstvolle Fragen, begann sogar, sie mißtrauisch zu betrachten und weinte ein paarmal. Der junge Werssiloff war nicht lange bei ihm geblieben, und Anna Andrejewna hatte dann Pjotr Ippolitowitsch zu ihm gebracht, von dessen Unterhaltungskunst sie sich viel versprach, aber seine Unterhaltung hatte dem Fürsten nicht nur nicht gefallen, sondern zum Schluß sogar seinen Widerwillen erregt. Überhaupt begann der Fürst meinen Pjotr Ippolitowitsch mit wachsendem Mißtrauen und sonderbarem Verdacht zu beobachten. Mein Wirt aber mußte zum Unglück richtig wieder vom Spiritismus sprechen, mußte von irgendeinem Schwarzkünstler und dessen haarsträubenden Wunderstückchen erzählen, die er selbst gesehen zu haben behauptete: nämlich wie dieser angereiste Scharlatan angeblich vor dem gesamten Publikum mehreren Menschen die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so in Strömen geflossen wäre, was alle gesehen hätten: und dann hätte er die Köpfe wieder auf die Hälse gesetzt, und sie wären alle wieder angewachsen, gleichfalls vor besagtem Publikum, und alles das wäre geschehen im Jahre achtzehnhundertundneunundfünfzig. Der Fürst erschrak darüber so und geriet dabei, Gott weiß weshalb, in solche Wut, daß Anna Andrejewna sich genötigt sah, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück wurde in dem Augenblick das Mittagessen gebracht, das schon tags vorher (durch Lamberts und Alphonsinkas Vermittlung) bei einem vorzüglichen französischen Koch bestellt worden war, der zufällig stellungslos in der Nähe wohnte und gerade eine neue Stellung in einem vornehmen, reichen Hause oder in einem Klub suchte. Das Essen und der Champagner, den es dazu gab, versetzten den alten Herrn in die beste Laune: er aß mit Genuß und scherzte sogar. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und schläfrig, und da er nach Tisch immer ein wenig zu schlafen pflegte, so richtete Anna Andrejewna ihm das Bett her. Vor dem Einschlafen küßte er ihr immer noch die Hände, sagte ihr, sie sei sein Paradies, seine Hoffnung, seine »Houri«, seine »Goldene Blume« -- kurz, er erging sich in den orientalischsten Lobpreisungen. Schließlich schlief er ein, kurz bevor ich zurückkehrte.

Anna Andrejewna trat eilig in mein Zimmer, faltete die Hände vor mir und sagte, sie beschwöre mich, nicht um ihretwillen, sondern um des Fürsten willen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, und wenn er aufwachte, zu ihm hinüberzugehen. »Ohne Sie ist er verloren, er kann einen Nervenchok bekommen; ich fürchte sogar, daß er es nicht einmal bis zum Abend aushält ...« Sie fügte hinzu, sie selbst müsse jetzt unbedingt ausgehen, und »es könnte sein«, daß sie nicht vor zwei Stunden zurückkehren werde; so müsse sie den Fürsten ganz unter meinen Schutz stellen. Ich gab ihr sogleich mit größter Bereitwilligkeit mein Wort, bis zum Abend zu Hause zu bleiben, und wenn er aufwachte, mich nach Kräften zu bemühen, ihn zu zerstreuen.

»Und ich werde meine Pflicht tun!« sagte sie entschlossen. Sie ging. Ich will dem Leser auch gleich mitteilen, weshalb sie ausging: sie wollte Lambert suchen: auf ihn setzte sie ihre letzte Hoffnung; außerdem fuhr sie zu ihrem Bruder und zu ihren Verwandten, den Fanariotoffs; man kann sich also denken, in was für einer Stimmung sie zurückkehren mußte.

Der Fürst erwachte ungefähr nach einer Stunde. Ich hörte sein Stöhnen durch die Wand und lief sofort zu ihm: ich fand ihn auf dem Bett sitzend, im Schlafrock, aber dermaßen erschreckt durch die Einsamkeit, das Licht der einsamen Lampe und das fremde Zimmer, daß er, als ich eintrat, zusammenfuhr, aufsprang und aufschrie. Ich trat schnell auf ihn zu, und als er mich erkannte, fiel er mir mit Tränen der Freude um den Hals.

»Du bist's! _Cher enfant!_ -- Stell dir vor, man sagte mir, du wärest in eine andere Wohnung übergesiedelt, hättest Angst bekommen und wärest davongelaufen.«

»Wer hat Ihnen das sagen können?«

»Wer? Hm ... vielleicht hab' ich es mir selbst ausgedacht, aber vielleicht hat es mir auch wirklich jemand gesagt. Stell' dir vor, ich hab' soeben einen Traum gehabt: es kam ein alter Mann mit einem großen Bart und einem Heiligenbild zu mir, einem in zwei Stücke gespaltenen Heiligenbild, und auf einmal sagte er: >So wird sich auch dein Leben spalten!<«

»Ach Gott, Sie haben gewiß von irgend jemand gehört, daß Werssiloff gestern das Heiligenbild zerschlagen hat?«

»_N'est-ce pas?_{[112]} Ich glaube auch, daß ich es gehört habe. Ja, richtig, ich habe es heute morgen von Darja Onissimowna gehört, als sie mein Hündchen und meinen Koffer herbrachte.«

»Nun und da hat Ihnen denn jetzt davon geträumt.«

»_Eh bien_;{[123]} und stell dir vor, dieser alte Mann hat mir immer mit dem Finger gedroht. -- Wo ist Anna Andrejewna?«

»Sie wird gleich zurückkehren.«

»Woher? Ist sie denn auch fortgefahren?« fuhr er erschrocken auf.

»Nein, nein, sie wird sofort wieder da sein; sie hat mich gebeten, so lange bei Ihnen zu bleiben.«

»_Oui_, zu bleiben. Hm ... Also unser Andrei Petrowitsch ist verrückt geworden ... >wie plötzlich doch und unverhofft!< Ich hab's ihm ja immer prophezeit, daß er damit enden werde. _Mon ami_, weißt du ...« Er faßte mich plötzlich am Rock und zog mich näher zu sich.

»Der Wirt hier,« flüsterte er, »der hat mir vorhin Photographien gebracht, ganz abscheuliche Photographien nackter Weiber in verschiedenen orientalischen Stellungen, und er hat sie mir durch ein Glas gezeigt. Ich, weißt du, ich nahm mich zusammen und sagte, ich fände sie sehr schön, aber hat man nicht auch zu jenem Unglücklichen gemeine Weiber gebracht, um ihn bequemer betrunken machen zu können? ...«

»Ach, Sie denken schon wieder an Herrn von Sohn![17] Aber ich bitte Sie, Fürst! Der Wirt ist ein Dummkopf und weiter nichts!«

»Ein Dummkopf und weiter nichts! _C'est mon opinion! Mon ami_,{[124]} wenn du kannst, so rette mich und bring mich fort von hier!« bat er mich plötzlich mit flehend erhobenen Händen.

»Fürst, ich werde alles für Sie tun, alles, was nur in meinen Kräften steht! Ich bin Ihnen ganz und gar ergeben ... Mein lieber Fürst, haben Sie nur noch ein wenig Geduld, und ich werde alles in Ordnung bringen!«

»_N'est-ce pas?_{[112]} Wir nehmen einfach unsere Sachen und laufen davon, aber den Koffer lassen wir hier, so zum Schein, weißt du, damit er glaubt, wir kämen wieder.«

»Wohin sollen wir laufen? Und Anna Andrejewna?«

»Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... _Oh, mon cher_, in meinem Kopf geht alles durcheinander ... Wart mal ... dort in meinem Handkoffer, rechts, ist Katjäs Bild -- ich habe es heute morgen heimlich hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und besonders diese Darja Onissimowna es nicht bemerkten -- gib es mir her, um Christi willen, aber schnell, damit sie uns nicht überraschen ... Kann man die Tür nicht verriegeln?«

In der Tat fand ich in seinem Handkoffer eine Photographie von Katerina Nikolajewna in einem ovalen Rahmen. Er nahm sie in die Hand, hielt sie ans Licht, und plötzlich rollten Tränen über seine gelben, hageren Wangen.

»_C'est un ange, c'est un ange du ciel!_«{[125]} rief er aus. »Mein ganzes Leben lang bin ich vor ihr schuldig gewesen ... und jetzt erst! _Chère enfant_, ich glaube ihnen nichts, nichts glaube ich ihnen! _Mon ami_, sag' mir doch: ist es denn denkbar, daß sie mich ins Irrenhaus sperren wollen? _Je dis des choses charmantes et tout le monde rit_{[126]} ... und einen solchen Menschen will man plötzlich ins Irrenhaus stecken!«

»Aber daran denkt ja kein Mensch!« rief ich aus. »Das ist ein Irrtum! Ich kenne ihre Gefühle!«

»Und du kennst auch ihre Gefühle? Das ist gut! _Mon ami_, du hast mich von den Toten auferweckt! Wie haben sie mir denn das alles von dir vorerzählt? _Mon ami_, rufe Katjä her, sie sollen sich hier beide vor mir küssen, und ich werde sie wieder nach Hause bringen, und den Wirt, den verjagen wir einfach!«

Er erhob sich, streckte die Hände aus und fiel vor mir nieder:

»_Cher_,« lispelte er in sinnloser Angst und zitterte wie ein Espenblatt, »_mon ami_, sage mir die ganze Wahrheit: wohin wird man mich jetzt bringen?«

»Mein Gott!« rief ich erschrocken, hob ihn auf und legte ihn aufs Bett. »Schließlich werden Sie auch mir nicht mehr glauben, werden denken, daß auch ich zur Verschwörung gehöre? Ich werde hier niemandem erlauben, Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!«

»_C'est-ça_,{[127]} erlaub du nichts,« lallte er und klammerte sich mit beiden Händen an meine Ellbogen, während er immer noch am ganzen Leibe zitterte. »Gib mich niemandem! Und belüge mich nicht ... wird man mich denn wirklich von hier fortführen? Höre, dieser Wirt -- Ippolit, oder wie er da heißt ... ist er nicht der Doktor?«

»Was für ein Doktor?«

»Das hier ... ist das nicht eine Irrenanstalt hier, dieses Zimmer?«

In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna trat herein. Wahrscheinlich hatte sie hinter der Tür gelauscht und in der Erregung die Tür etwas zu plötzlich geöffnet -- der Fürst, der schon beim leisesten Geräusch zusammenfuhr, schrie zu Tode erschrocken auf und warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam nun doch so etwas wie einen Anfall, der sich in heftigem Schluchzen entlud.

»Sehen Sie, das sind die Folgen Ihrer Taten,« sagte ich zu ihr und wies auf den Alten.

»Nein, das sind die Folgen _Ihrer_ Taten!« erwiderte sie scharf und mit erhobener Stimme. »Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadi Makarowitsch: wollen Sie endlich diese teuflische Intrige gegen den schutzlosen alten Mann aufdecken und Ihre >sinnlosen und kindischen Liebesträume< opfern, um Ihre _leibliche_ Schwester zu retten?«

»Ich werde Sie alle retten, aber nur so, wie ich es Ihnen vorhin gesagt habe! Ich werde sofort gehen, und vielleicht schon in einer Stunde wird Katerina Nikolajewna hier sein! Ich werde alle versöhnen, und alle werden glücklich sein!« rief ich nahezu begeistert.

»Bring sie, bring sie mir her!« rief der Fürst flehend und wie neu belebt. »Bringt mich zu ihr! Ich möchte Katjä sehen und sie segnen!« rief er mit erhobenen Händen und versuchte vom Bett aufzustehen.

»Sehen Sie,« sagte ich zu Anna Andrejewna und wies auf ihn, »jetzt haben Sie gehört, was er sagt: jetzt kann Ihnen auch kein Dokument mehr helfen!«

»Das sehe ich, aber das Dokument könnte wenigstens meine Handlungsweise vor den Augen der Welt rechtfertigen, so aber -- bin ich an den Pranger gestellt! Doch genug; mein Gewissen ist rein. Ich bin von allen verlassen, sogar von meinen Verwandten und von meinem leiblichen Bruder, den die Möglichkeit eines Mißlingens erschreckt hat ... Doch ich werde meine Pflicht erfüllen und bei diesem Unglücklichen bleiben, als seine Pflegerin, seine Krankenwärterin!«

Jetzt durfte ich keine Zeit verlieren, und ich lief aus dem Zimmer.

»Ich kehre in einer Stunde zurück, und ich komme nicht allein!« rief ich ihnen noch von der Schwelle aus zu.

Zwölftes Kapitel.

I.

Endlich traf ich Tatjana Pawlowna zu Haus! Ich erzählte ihr so schnell wie möglich alles -- alles, was das Dokument betraf, und alles, was dort bei mir geschehen war. Wenn sie auch über alle Vorgeschichten unterrichtet war und die Sachlage bereits nach zwei Worten hätte überschauen können, so nahm mein Bericht doch, glaube ich, an zehn Minuten in Anspruch. Nur ich sprach, und ich sagte die ganze Wahrheit und schämte mich nicht. Sie saß schweigend, regungslos und steif wie eine Stricknadel auf ihrem Stuhl, die Lippen zusammengepreßt, gespannt horchend und ohne auch nur einmal ihren Blick von mir zu wenden. Doch kaum hatte ich geendet, da sprang sie plötzlich auf -- so überraschend, daß ich unwillkürlich gleichfalls aufsprang.

»Ach, du junger Hund! So ist dieser Brief die ganze Zeit in deiner Tasche gewesen, und Marja Iwanowna, die Närrin, hat ihn dir noch eingenäht! Ach, ihr widerlichen Schurken! Du bist also hergekommen, um hier Herzen zu erobern und die vornehme Gesellschaft zu besiegen, dich an irgendeinem Gevatter Teufel dafür zu rächen, daß du ein unehelicher Sohn bist?«

»Tatjana Pawlowna, unterstehen Sie sich nicht, mich zu schmähen!« rief ich heftig. »Vielleicht sind gerade Sie mit Ihrem Schmähen von Anfang an die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen! Ja, ich bin ein unehelicher Sohn und habe mich vielleicht wirklich dafür rächen wollen, daß ich ein unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem >Gevatter Teufel<, weil ja der Teufel selber nicht herausbringen könnte, wen hier die Schuld trifft! Aber vergessen Sie nicht, daß ich das Bündnis mit den Spitzbuben nicht eingegangen bin und meine Leidenschaften besiegt habe! Schweigend werde ich den Brief vor ihr hinlegen und davongehen, ohne auf ein Wort von ihr zu warten! -- das werden Sie selbst sehen!«

»Gib her, gib ihn her, leg den Brief sofort hier auf den Tisch! Du -- du lügst ja doch nur wieder!«

»Er ist in meiner Tasche eingenäht; Marja Iwanowna hat ihn selbst in den alten Rock eingenäht, und als ich mir hier den neuen Rock bestellte, habe ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn eigenhändig in den neuen eingenäht; hier ist er, fühlen Sie, wenn Sie sich überzeugen wollen, ob ich lüge!«

»Gib ihn her, hol ihn heraus!« bestürmte mich Tatjana Pawlowna aufgeregt.

»Um keinen Preis! Ich sage Ihnen noch einmal: ich werde ihn in Ihrem Beisein vor Katerina Nikolajewna hinlegen und davongehen, ohne auch nur ein einziges Wort von ihr zu erwarten; aber sie soll wissen und mit eigenen Augen sehen, daß ich ihn freiwillig übergebe, ohne Zwang, und ohne Dank zu erwarten.«

»Also wieder eine Rolle spielen? Bist immer noch verschossen, junger Hund?«

»Sie können mir soviel Bosheiten an den Kopf werfen, wie Sie wollen: ich mag sie ja verdient haben und nehme sie Ihnen nicht übel. Oh, mag ich ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der gegen sie eine Verschwörung angezettelt hat, -- aber sie soll wissen, daß ich mich selbst besiegt und _ihr_ Glück über alles in der Welt gestellt habe! Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Mut und Hoffnung! Und wenn das mein erster Schritt auf dem Schauplatz des Lebens gewesen ist, so habe ich ihn doch gut und vornehm abgeschlossen! Und was tut es, daß ich sie liebe,« fuhr ich begeistert und mit glänzenden Augen fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel des Himmels, sie aber ist -- die Königin der Erde! Werssiloff wird zu Mama zurückkehren. Und so brauche ich mich vor _ihr_ meiner Liebe nicht zu schämen; ich habe doch gehört, was sie und Werssiloff dort gesprochen haben, ich stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei -- >Menschen ein und desselben Wahnsinns!< Wissen Sie, wer das gesagt hat: >Menschen ein und desselben Wahnsinns<? Das ist ein Ausspruch von ihm, von Andrei Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir vielleicht mehr sind, denn drei? Ja, ich wette, daß Sie die vierte sind! Wollen Sie, daß ich's sage? -- Ich wette, daß Sie selbst ihr ganzes Leben lang in Andrei Petrowitsch verliebt gewesen sind, und es vielleicht heute noch sind ...«

Wie gesagt, ich war begeistert und befand mich in einem Glücksrausch, aber ich kam nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen: ihre Hand fuhr plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit in meine Haare und riß meinen Kopf zweimal aus aller Kraft nach vorn herunter ... dann ließ sie mich ebenso plötzlich fahren, ging in eine Ecke, kehrte das Gesicht zur Wand und verhüllte es mit dem Taschentuch.

»Junger Hund! Wage es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie schluchzend.

Das kam alles so unerwartet, daß ich einfach starr war. Ich stand da und sah sie an und wußte nicht, was ich tun sollte.

»Pfui, du Esel! Komm her und gib mir alten Närrin einen Kuß!« sagte sie plötzlich weinend und lachend. »Aber daß du mir nie wieder, nie wieder davon zu sprechen wagst ... Und dich liebe ich und habe dich mein ganzes Leben lang geliebt ... Esel.«

Ich küßte sie. Ich möchte hierzu in Klammern bemerken, daß ich seit der Zeit Tatjana Pawlownas bester Freund bin.

»Ach ja! Was fällt mir ein!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die Stirn. »Was sagtest du da: der alte Fürst sei bei dir in der Wohnung? Ja, ist das auch wirklich wahr?«

»Ich versichere es Ihnen!«

»Ach, mein Gott! Ach, mir wird ganz übel, wenn ich daran denke!« rief sie und lief im Zimmer herum. »Und sie können ja mit ihm alles machen, was sie nur wollen! Ach, daß der Blitz nicht einschlägt in diese Dummköpfe! Und schon seit heute früh, sagst du? Da seht doch mal die Anna Andrejewna! Da seht ihr jetzt die Nonne! Und diese da, die Principessa, die ahnt ja wieder mal noch nichts!«

»Was für eine Principessa?«

»Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Aber was sollen wir jetzt tun?«

»Tatjana Pawlowna, hören Sie!« rief ich, endlich wieder bei Besinnung. »Wir reden hier Dummheiten und vergessen darüber die Hauptsache: ich bin ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die warten dort alle darauf, daß ich zurückkehre!«

Und hierauf erklärte ich, daß ich ihr das Dokument nur unter einer Bedingung ausliefern würde: wofern sie mir verspräche, sich mit Anna Andrejewna zu versöhnen und zu dieser Heirat ihre Zustimmung zu geben.

»Vorzüglich!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das hab' ich ihr ja auch schon hundertmal gesagt! Er wird ja doch noch vor der Hochzeit sterben -- also wird es sowieso nicht zur Heirat kommen, und wenn er ihr im Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so hat er's ihr doch schon ohnedem verschrieben ...«

»Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?«

»Nein, das nicht, aber sie fürchtete immer, das Dokument sei in Annas Händen, und ich fürchtete das auch! Deswegen haben wir doch auf sie aufgepaßt. Als gute Tochter wollte sie ihrem alten Vater nicht diesen Schmerz bereiten. Dem Bjoring aber, dem deutschen Nußknacker, dem war es natürlich um das Geld zu tun.«

»Und trotzdem bringt sie es über sich, diesen Bjoring zu heiraten?«

»Ja, was fängst du denn mit so einer Närrin an? Wer eine Närrin ist, ist eben eine Närrin. >Ruhe<, sagt sie, werde er ihr geben! >Irgendeinen muß man doch heiraten, und zum Heiraten scheint er mir der Geeignetste zu sein,< sagt sie. Na, wir werden ja sehen, wie lange er >der Geeignetste< sein wird. Die Haare wird sie sich noch raufen, aber dann wird es zu spät sein!«

»Ja, warum lassen Sie es denn zu? Sie lieben sie doch, sie haben ihr doch ins Gesicht gesagt, daß Sie in sie verliebt sind!«

»Und das bin ich auch! Ich liebe sie mehr als euch alle zusammen, und doch bleibe ich dabei, daß sie eine Närrin ist!«

»Also dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie her, und wir bringen hier alles in Ordnung und fahren dann mit ihr zu ihrem Vater.«

»Aber das geht doch nicht, das geht doch nicht, Dummkopf! Das ist es ja eben! Ach, was soll man da tun! Ach, mir wird schlecht, wenn ich daran denke!« Sie lief wieder ratlos im Zimmer umher, griff aber schon nach ihrem Schal. »Wenn du doch um vier gekommen wärst, jetzt ist es ja schon acht Uhr, und sie ist vorhin zu Pelischtschoffs zum Diner gefahren und wollte nachher mit ihnen in die Oper.«

»Herrgott, ist es denn nicht möglich, sie in der Oper zu finden ... nein, nein, das geht nicht! Aber was wird denn jetzt aus dem Alten werden? Er wird ja noch in dieser Nacht sterben!«

»Hör mal: gehe nicht dahin zurück, gehe zu Mama und übernachte dort, und morgen früh ...«

»Nein, den Alten lasse ich um keinen Preis allein, möge kommen, was da wolle.«

»Ja, du hast recht, laß ihn nicht allein. Und ich, weißt du ... ich laufe zu ihr und werde ihr einen Zettel hinterlassen ... ich werde schon so schreiben, daß es außer ihr niemand versteht. Ich schreibe ihr, daß das Dokument hier ist, und daß sie morgen genau um zehn Uhr früh bei mir sein soll -- aber pünktlich um zehn! Sei unbesorgt, sie wird kommen, auf mich hört sie schon; und dann bringen wir die ganze Sache auf einmal in Ordnung. Du aber laufe zurück und unterhalte den Alten, erheitere ihn so gut du nur kannst, und dann bring ihn zu Bett, vielleicht macht er es noch bis morgen früh! Und auch der Anna Andrejewna jag keinen Schrecken ein, ich hab' sie doch auch lieb; du bist zu ihr ungerecht, weil du da vieles nicht verstehst: auch sie ist doch beleidigt, auch ihr ist von klein auf Unrecht widerfahren! Ach, alle kommt ihr mir auf den Hals! Und vergiß nicht, ihr von mir zu sagen, ich selber hätte ihre ganze Sache in die Hand genommen, ich selbst, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz ruhig sein, ihr Stolz wird nicht verletzt werden ... Wir haben uns ja in den letzten Tagen ganz und gar überworfen, mußt du wissen, wir haben uns beinah angespien und beschimpft! Na, lauf nur ... Warte, zeig mir noch einmal die Tasche ... ist's auch wahr, ist's wahr? Ist es auch wirklich wahr, daß du den Brief hast?! Gib ihn mir doch wenigstens zur Nacht, was kann dir das denn ausmachen? Laß ihn hier, ich werde ihn dir ja nicht auffressen. Vielleicht kommt er dir noch über Nacht abhanden ... oder du änderst vielleicht deine Absicht?«

»Um keinen Preis gebe ich ihn her!« rief ich aus. »Da, fühlen können Sie ihn meinetwegen noch einmal, hier ist er ... aber ihn dalassen -- um keinen Preis!«

»Ja, ein Papier ist drin.« Sie betastete mit den Fingern meine Tasche. »Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!«

»Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?«

»Sie lebt.«

»Und Andrei Petrowitsch?«

Sie winkte mit der Hand ab.

»Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!«

Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz Unvorhergesehenes -- fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein Verhängnis in der Welt!

II.