Part 66
Schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert -- damals, als ich in seiner Wohnung allmählich »aufgetaut« war -- hatte ich ihm wie ein rechter Dummkopf anvertraut, daß ich das Dokument eingenäht in der Brusttasche trug. Und als ich darauf auf dem Diwan für kurze Zeit eingeschlafen war, hatte Lambert sofort die Gelegenheit benutzt, die Tasche zu befühlen und sich davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein Papier in ihr eingenäht war. Auch später hatte er sich einigemal davon überzeugen können, daß ich das Papier immer noch bei mir trug; so hatte er mich auch während unseres Gesprächs nach dem Mittagessen im Tatarischen Restaurant, als wir bei Miljutin Champagner tranken, ein paarmal um die Schultern gefaßt. Und als ihm endlich die ganze Wichtigkeit dieses Dokumentes aufgegangen war, da war in ihm ein Plan gereift, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Wie ein rechter Dummkopf hatte ich mir die ganze Zeit eingebildet, er rufe mich nur zu dem Zweck zu sich in die Wohnung, um mich ungestört überreden zu können, mit ihm zusammen die Sache zu machen. Aber, o weh! -- er hatte es in einer ganz anderen Absicht getan. Er hatte mich zu sich locken wollen, um mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen, und, wenn ich dann bewußtlos dalag -- mir das Dokument aus der Tasche herauszutrennen. Und das hatten sie, er und Alphonsinka, in dieser Nacht denn auch getan. Alphonsinka trennte die Tasche auf, und nachdem sie den Brief, _ihren Brief_, mein Moskauer Dokument, glücklich hatten, nahmen sie einen einfachen Bogen Postpapier von derselben Größe, legten ihn an seine Stelle und nähten die Tasche wieder zu, als wäre nichts geschehen, so daß ich auch nichts von der Auswechselung bemerken konnte. Alphonsinka war es, die die Tasche wieder zunähte. Und so ging ich denn, ging ich bis zum Schluß, also noch ganze anderthalb Tage, in dem Glauben umher, ich, ich wäre der Besitzer des Dokuments, und Katerina Nikolajewnas Schicksal sei immer noch in meiner Hand!
Noch ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Dokuments war die Ursache des ganzen Unglücks, das nun folgte.
II.
Ich stehe vor den letzten vierundzwanzig Stunden der Ereignisse, von denen meine Aufzeichnungen handeln, also vor dem Ende des Endes.
Es war, glaube ich, gegen halb elf, als ich angeregt und doch, wie ich mich erinnere, seltsam zerstreut, aber mit einem endgültigen Entschluß im Herzen, in meine Wohnung gelangte. Ich hatte es nicht eilig, ich wußte schon, wie ich handeln würde. Und plötzlich, ich war kaum in unser Vorzimmer getreten, begriff ich sofort, daß ein neues Unglück hereingebrochen und die Sache noch unvergleichlich verwickelter geworden war: der alte Fürst, den sie soeben aus Zarskoje Sselo nach Petersburg gebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und Anna Andrejewna war bei ihm!
Sie hatten ihn nicht bei mir untergebracht, sondern in zwei Zimmern der Wohnung meiner Wirtsleute, die unmittelbar an mein Zimmer stießen. Es waren dort schon am Tage vorher, wie ich später sah, gewisse Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur ganz unwichtige. Mein Wirt war mit seiner Frau in das kleine Zimmer seines rechthaberischen pockennarbigen Mieters, von dem schon einmal die Rede gewesen ist, übergesiedelt, dieser aber war für die Zeit anderweitig untergebracht worden -- wo, weiß ich leider nicht.
Mein Wirt empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer. Er sah nicht so selbstsicher drein wie tags zuvor auf der Treppe, war aber in einem sozusagen sehr belebten Zustande und ganz auf der Höhe der Umstände. Ich sagte kein Wort zu ihm, trat aber, die Stirn in die Hände gepreßt, in die Ecke und stand so vielleicht eine Minute. Er dachte zunächst, ich »stellte mich nur so an«, dann aber wurde er doch etwas ungeduldig, und schließlich erschrak er.
»Ist Ihnen etwas nicht recht?« fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich nicht Miene machte, zu antworten, begann er: »Ich hab' nämlich auf Sie gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?« Er deutete auf die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm.
»Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,« wandte ich mich mit strenger Miene an ihn, »ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?«
»Ja, wohl schon eine ganze Stunde.«
»Also gehen Sie.«
Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten mußte, zu dem alten Herrn.
Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme.
Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war, und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d. h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht, erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei -- ich, ich hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei hier gleich bemerkt, daß gerade diese »endgültige Entscheidung« und der »Schlüssel« ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde, und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr, nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm.
»_Oh, je disais qu'il a du coeur!_«{[111]} wandte er sich zu Anna Andrejewna und wies dabei auf mich.
»Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!« sagte ich. Aber ach! -- genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm etwas Angenehmes zu sagen.
»_N'est-ce pas, n'est-ce pas?_«{[112]} griff er freudig meine Bemerkung auf. »Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.«
»Lassen Sie sich bitte nicht stören, trinken Sie nur Ihren Tee, und wenn ich auch eine Tasse bekommen könnte, so würde ich Ihnen Gesellschaft leisten.«
»Vorzüglich! >Lasset uns trinken und fröhlich sein ...< oder wie die Verse da heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm auch welchen; _il prend toujours par les sentiments_{[113]} ... geben Sie uns beiden Tee, meine Liebe!«
Anna Andrejewna reichte uns den Tee, plötzlich aber wandte sie sich zu mir und begann mit außerordentlicher Feierlichkeit:
»Arkadi Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai Iwanowitsch, haben unsere Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich will damit nur gesagt haben, daß wir zu Ihnen gekommen sind, zu Ihnen allein, und daß wir beide Sie um Ihre Hilfe bitten. Vergessen Sie nicht, daß das Schicksal dieses heiligen, dieses edlen und von aller Welt verratenen Mannes in Ihren Händen liegt ... Von Ihrem ehrlichen Herzen erwarten wir die Entscheidung! ...«
Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst erschrak dermaßen, daß er am ganzen Leibe zitterte:
»_Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!_«{[114]} unterbrach er sie mit flehend erhobenen Händen.
Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm ihre Herausforderung auch auf mich wirkte. Ich antwortete ihr nichts darauf und begnügte mich mit einer kalten und gemessenen Verbeugung; ich setzte mich an den Tisch und begann sofort absichtlich von etwas anderem zu sprechen, von irgendwelchen Dummheiten; ich lachte und machte Witze ... Der Alte war mir augenscheinlich sehr dankbar dafür und geriet alsbald in eine gehobene Stimmung. Aber seine Heiterkeit schien doch, obgleich er sich ihr mit ganzem Herzen hingab, gewissermaßen unsicher zu sein, und es war zu befürchten, daß sie plötzlich einer vollkommenen Niedergeschlagenheit weichen werde; das sah man auf den ersten Blick.
»_Cher enfant_, ich habe gehört, du wärest krank gewesen ... Ach, pardon! Das war ja ein anderer. Aber von dir habe ich gehört, du beschäftigtest dich mit Spiritismus?«
»Nicht gedacht habe ich daran!« lächelte ich.
»Nicht? Aber wer hat mir denn vom Spiritismus gesprochen?«
»Das war vorhin unser Beamter, Pjotr Ippolitowitsch,« erklärte ihm Anna Andrejewna, »er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge Anekdoten; soll ich ihn rufen?«
»_Oui, oui, il est charmant_{[115]} ... er kennt eine Menge Anekdoten ... aber rufen wir ihn lieber nicht. Wir können ihn später rufen, und er wird uns alles erzählen, _mais après_.{[116]} Stell dir vor, hier wird vorhin der Tisch gedeckt, er aber sagt plötzlich: >Seien Sie unbesorgt, er fliegt nicht weg, wir sind keine Spiritisten!< Sag doch, _cher enfant_, fliegen denn bei den Spiritisten wirklich die Tische in die Luft?«
»Das weiß ich nicht; man sagt allerdings, sie erhöben sich mit allen vier Füßen in die Luft.«
»_Mais c'est terrible ce que tu dis_,«{[117]} sagte er und sah mich erschrocken an.
»Oh, beunruhigen Sie sich nicht, das ist ja alles Unsinn.«
»Das hab' ich ja auch gesagt. Nastassja Stepanowna Ssolomejeff ... du kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stelle dir vor, sie glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, _chère enfant_,«{[118]} wandte er sich an Anna Andrejewna, »ich habe zu ihr gesagt: in den Ministerien stehen doch auch Tische, und auf ihnen liegen doch je acht Paar Beamtenhände, die ewig Papier beschreiben -- warum tanzen denn da nicht die Tische? Stell dir doch nur vor, wie das wäre, wenn sie plötzlich zu tanzen anfingen! Eine Revolte der Tische im Ministerium der Finanzen oder der Volksaufklärung -- das fehlte uns noch!«
»Was für nette Sachen Sie sagen, Fürst, ganz wie früher,« rief ich und gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen.
»_N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien._«{[119]}
»Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herbitten,« sagte Anna Andrejewna und erhob sich.
Aus ihrem Gesicht sprach die größte Zufriedenheit: meine Liebenswürdigkeit dem Alten gegenüber freute sie. Aber kaum war sie hinausgegangen, als das Gesicht des Fürsten sich sofort veränderte. Er blickte nach der Tür und nach allen Seiten, beugte sich auf dem Sofa zu mir vor und flüsterte mit angstvoller Stimme:
»_Cher ami!_ Oh, wenn ich sie doch beide hier zusammen sehen könnte! Oh, _cher enfant_!«
»Beruhigen Sie sich, Fürst ...«
»Ja, ja, aber ... wir werden sie versöhnen, _n'est-ce pas_?{[112]} Ein so leerer und kleinlicher Streit zwischen zwei so wertvollen Frauen, _n'est-ce pas_? Du bist meine letzte Hoffnung ... Wir werden alles in Ordnung bringen ... Aber was ist das hier für eine sonderbare Wohnung,« sagte er plötzlich und blickte ängstlich um sich, »und weißt du, dieser Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag' doch: ist er nicht gefährlich?«
»Der Wirt? O nein, inwiefern könnte er denn gefährlich sein?«
»_C'est ça._ Um so besser. _Il semble qu'il est bête, ce gentilhomme. Cher enfant_,{[120]} sag' es um Gottes willen nicht Anna Andrejewna, daß ich mich hier vor allem fürchte! Ich habe nämlich hier alles sehr schön gefunden, vom ersten Schritt an, auch den Wirt habe ich gelobt ... Höre, du kennst doch die Geschichte von dem kürzlich ermordeten von Sohn -- erinnerst du dich?«
»Was ist denn damit?«
»_Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas?_{[121]} Was meinst du, hier kann mir doch nichts geschehen ... etwas von der Art?«
»Aber ich versichere Sie, mein Lieber ... wie können Sie so etwas nur denken!«
»_Mon ami! Mon enfant!_« rief er plötzlich und rang die Hände, ohne seine Angst noch zu verbergen. »Wenn du wirklich im Besitz von irgendwelchen Dokumenten bist ... wenn du mir wirklich etwas zu sagen haben solltest, so sag' es lieber nicht: sag' mir um Gottes willen nichts davon ... schweig', so lange du noch irgend kannst ...«
Er wollte sich erheben und mich umarmen, Tränen rollten über sein Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie mein Herz sich zusammenkrampfte: der arme Alte war wie ein schwaches, bedauernswertes, erschrockenes Kind, das Zigeuner aus dem Elternhause gestohlen und zu fremden Leuten entführt hatten. Doch zu unserer Umarmung kam es nicht: die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung betäubte mich förmlich; ich erhob mich und ging zur Tür.
»Arkadi Makarowitsch, erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ...,« sagte Anna Andrejewna mit lauter Stimme, so daß ich gezwungen war, stehen zu bleiben.
»Ich kenne Ihren Bruder _nur zu gut_,« sagte ich, indem ich jedes Wort langsam aussprach und mit besonderer Betonung der Worte »nur zu gut«.
»Ach, es handelte sich damals um einen unverzeihlichen Irrtum! Und ich be--dau--ere ihn so sehr, lieber Andr... Andrei Makarowitsch,« begann der junge Mensch, kam mit ganz außerordentlich liebenswürdigem Ausdruck auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm leider nicht mehr entziehen konnte -- »an allem war nur mein Stepan schuld: er hatte Sie mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen anderen hielt, -- das war in Moskau,« erklärte er seiner Schwester. »Nachher wollte ich Sie unbedingt aufsuchen und Ihnen das Mißverständnis erklären, aber da erkrankte ich. Bitte, fragen Sie doch meine Schwester, ob es wahr ist. _Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance_{[122]} ...«
Und der unverschämte junge Mann wagte es sogar, den Arm um meine Schultern zu legen, was denn doch der Gipfel dieser frechen Familiarität war. Ich trat zur Seite und zog es vor, da ich mich verwirrt fühlte, ohne ein Wort der Erwiderung hinauszugehen. In meinem Zimmer setzte ich mich erregt und in Gedanken auf mein Bett. Die Intrige würgte mich geradezu, aber es war mir trotzdem unmöglich, Anna Andrejewna nun einfach fallen zu lassen. Ich fühlte plötzlich, daß auch sie mir teuer war, und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand.
III.
Wie ich es nicht anders erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der ihm sofort die neuesten Klatschgeschichten aus der Gesellschaft erzählte und damit den neugierigen Alten von anderen Gedanken ablenkte. Ich erhob mich schweigend von meinem Bett und sah sie fragend an.
»Ich habe Ihnen bereits alles gesagt, Arkadi Makarowitsch,« begann sie ohne weiteres, »unser Schicksal ist in Ihren Händen.«
»Aber auch ich habe Ihnen doch gesagt, daß es mir unmöglich ist ... Die heiligsten Gefühle verbieten mir, das zu tun, worauf Sie rechnen ...«
»Wirklich? Ist das Ihre ganze Antwort? Nun gut, mag ich zugrunde gehen, aber was soll aus ihm werden? Was glauben Sie denn: er wird doch noch heute abend den Verstand verlieren!«
»Nein, aber er würde den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief seiner Tochter zeigte, in dem sie einen Juristen fragt, wie man ihren Vater entmündigen und für irrsinnig erklären könnte!« rief ich heftig. »Das wäre es, was ihn um den Verstand bringen würde! Und außerdem würde er sich von diesem Brief niemals überzeugen lassen -- das hat er mir bereits selbst gesagt!« Die letzte Bemerkung, er selbst hätte mir das gesagt, stimmte zwar nicht ganz, aber diese Verdeutlichung schien mir geboten.
»Das hat er Ihnen schon gesagt? Ich habe es mir ja gedacht! In dem Fall bin ich verloren; er hat auch bereits geweint und nach Hause verlangt.«
»So sagen Sie mir doch, worin besteht denn Ihr Plan?« fragte ich sie rücksichtslos. Sie wurde rot -- wohl aus gekränktem Hochmut -- nahm sich aber zusammen und sagte:
»Wenn wir diesen Brief seiner Tochter in der Hand haben, sind wir vor der Welt gerechtfertigt. Ich werde dann sofort zum Fürsten W. schicken und zu Boris Michailowitsch Pelischtschoff, seinen Jugendfreunden; sie sind beide sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, deren Wort in der Gesellschaft sehr viel gilt, und ich weiß, daß sie schon vor zwei Jahren manche Handlungen seiner mitleidslosen, selbstsüchtigen Tochter verurteilt haben. Sie würden natürlich, auf meine Bitte hin, den Vater mit der Tochter wieder versöhnen, weil ich selbst darauf bestehen werde; aber die Lage der Verhältnisse würde dann eine vollkommen andere sein. Außerdem würden dann, wie ich hoffe, auch meine Verwandten, die Fanariotoffs, sich entschließen, meine Rechte zu unterstützen. Aber für mich kommt es an erster Stelle auf sein Glück an; er soll endlich begreifen und wissen, wer ihm wahrhaft ergeben ist. Zweifellos rechne ich dabei am meisten auf Ihren Einfluß, Arkadi Makarowitsch: Sie lieben ihn doch so ... Und wer liebt ihn denn, außer Ihnen und mir? Er hat in den letzten Tagen nur von Ihnen gesprochen: er hat sich nach Ihnen geradezu gesehnt, nach seinem >jungen Freund<, wie er Sie nennt ... Und es versteht sich von selbst, daß meine Dankbarkeit in meinem ganzen Leben Ihnen gegenüber keine Grenzen kennen wird ...«
Damit spielte sie wohl gar auf eine Belohnung an -- in Geld womöglich.
Ich fiel ihr schroff ins Wort:
»Was Sie mir da auch sagen mögen -- ich kann nicht!« erwiderte ich mit unerschütterlicher Entschlossenheit. »Ich kann Ihnen nur mit derselben Aufrichtigkeit antworten und Ihnen meinen letzten Entschluß kundtun: ich werde in der allernächsten Zeit diesen unseligen Brief Katerina Nikolajewna selbst einhändigen, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir ihr Wort gibt, aus dieser ganzen Geschichte keinen Skandal zu machen und Ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Das ist alles, was ich tun kann.«
»Das ist ausgeschlossen!« sagte sie und wurde über und über rot.
Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie _schonen_ könnte, empörte sie schon.
»Ich werde meinen Entschluß nicht ändern, Anna Andrejewna.«
»Vielleicht ändern Sie ihn doch.«
»Wenden Sie sich an Lambert.«
»Arkadi Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück Sie durch Ihren Eigensinn heraufbeschwören,« sagte sie hart und erbittert.
»Ein Unglück wird es schon geben -- das ist sicher ... mir schwindelt der Kopf. Genug: ich habe so beschlossen, und daran ist nicht zu rühren. Und bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.«
»Aber er will doch gerade gutmachen ...«
»Hier ist nichts gutzumachen nötig! Ich brauche das nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief ich und griff mir an den Kopf. (Oh, vielleicht bin ich mit ihr doch gar zu hochmütig verfahren!) »Übrigens, wo wird der Fürst heute übernachten? Doch nicht etwa hier?«
»Er wird hier übernachten, bei Ihnen und mit Ihnen.«
»Ich ziehe noch heute abend in eine andere Wohnung!«
Und nach diesen erbarmungslosen Worten nahm ich meine Mütze und zog mir den Pelz an. Anna Andrejewna betrachtete mich schweigend und kalt. Sie tat mir leid, -- oh, es tat mir leid um dieses stolze Mädchen! Aber ich lief aus der Wohnung und ließ sie ohne ein Wort zurück, das ihr noch hätte Hoffnung geben können.
IV.
Ich will mich möglichst kurz fassen. Mein Entschluß war unerschütterlich, und ich machte mich sogleich auf den Weg zu Tatjana Pawlowna. O weh! Ein großes Unglück wäre verhütet worden, wenn ich sie damals zu Hause getroffen hätte; aber es war wie vom Schicksal vorgesehen, daß mir an diesem Tage alles mißlang. Ich ging natürlich auch zu Mama, erstens um mich nach ihr, der Armen, zu erkundigen, und zweitens, weil ich sicher war, Tatjana Pawlowna dort anzutreffen. Aber auch bei Mama traf ich sie nicht an: sie war gerade fortgegangen, man wußte nicht, wohin; nur Lisa war bei Mama, die krank zu Bett lag. Lisa bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: »Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen und sich gequält; Gott sei Dank, daß sie wenigstens jetzt eingeschlafen ist.« Ich umarmte Lisa und sagte ihr nur in ein paar Worten, daß ich einen großen, schwerwiegenden Entschluß gefaßt hätte und ihn sogleich ausführen würde. Sie hörte mich ohne besondere Verwunderung an, als hätte ich etwas ganz Gewöhnliches gesagt. Oh, sie hatten sich damals schon alle daran gewöhnt, daß ich »große Entschlüsse« faßte und sie dann kleinmütig aufgab! Diesmal aber -- diesmal war es etwas anderes! Ich begab mich zunächst in die Kellerwirtschaft am Kanal und setzte mich dort hin, um die Zeit abzuwarten, bis ich Tatjana Pawlowna voraussichtlich zu Hause antreffen konnte. Übrigens muß ich noch erklären, wozu ich diese Dame gerade jetzt so notwendig brauchte.
Ich wollte sie sogleich zu Katerina Nikolajewna schicken, um sie in ihre, Tatjana Pawlownas, Wohnung bitten zu lassen und ihr dann in Tatjana Pawlownas Gegenwart das Dokument zu übergeben und alles ein für allemal zu erklären ... Kurz, ich wollte nur meine Pflicht tun; und ich wollte mich zugleich ein für allemal rechtfertigen. Und wenn das geschehen war, wollte ich unbedingt und mit aller Dringlichkeit, zu Anna Andrejewnas Gunsten sprechen, und dann, wenn möglich, Katerina Nikolajewna und Tatjana Pawlowna gleich zu mir führen, oder vielmehr zum alten Fürsten, die beiden Feindinnen versöhnen, den Fürsten aus seiner Pein erlösen und ... und ... kurz, alle diese Menschen noch heute glücklich machen, -- wenigstens diesen kleinen Kreis, so daß dann nur noch Werssiloff und Mama übrigblieben. An dem Gelingen meines Vorhabens zweifelte ich keinen Augenblick: Katerina Nikolajewna konnte mir in ihrer Dankbarkeit für die Rückgabe des Briefes, für die ich von ihr nichts verlangen wollte, eine solche Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich glaubte mich ja immer noch im Besitze dieses unseligen Briefes! Oh, in was für einer dummen und unwürdigen Lage ich mich damals befand, ohne es selbst zu ahnen!