Sämtliche Werke 5-6

Part 60

Chapter 603,791 wordsPublic domain

Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jähzorn. Pjotr Stepanowitsch riß seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er murmelte etwas, und plötzlich stürzte er jäh zu Boden.

»Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt!« rief Fedjka mit einer triumphierenden Wendung, ergriff seine Mütze, zog schnell unter der Bank ein Bündel hervor und war verschwunden.

Pjotr Stepanowitsch lag röchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Küche.

»Mit Wasser muß man ihn!« rief er.

Er schöpfte in Hast mit einem Blechgefäß Wasser aus dem Eimer, kam schnell zurück und goß es ihm über den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverständig vor sich hin.

»Nun, wie ist es?« fragte Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen, an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tür hervorgetreten war, und lächelte sein altes gemeines Lächeln. Plötzlich griff er schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf.

»Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft Stawrogin,« schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an, die Worte stockend und unklar hervorstoßend, »so hänge ich Sie am anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrücke Sie ... verstanden!«

Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, -- doch schon in derselben Sekunde besann er sich, riß seine Hand zurück, steckte den Revolver wieder in die Tasche und stürzte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrägen Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstraße. Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, daß Liputin ihm kaum nachkommen konnte. Am nächsten Kreuzweg blieb er plötzlich stehen.

»Nun?« wandte er sich herausfordernd nach Liputin um.

Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was geschehen war; aber die Antwort fiel ihm plötzlich wie von selbst von den Lippen:

»Ich denke ... ich denke, daß man >bis nach Taschkent< keineswegs so sehnsüchtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist.«

»Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Küche trank?«

»Was er trank? Branntwein trank er.«

»Nun, so wissen Sie denn, daß er zum letzten Mal im Leben Branntwein getrunken hat. Ich empfehle, für fernere Erwägungen das zu behalten. Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht nötig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen!«

Liputin jagte Hals über Kopf nach Haus.

IV.

Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Paß auf einen fremden Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, daß dieser ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), daß dieser Kapitalist und Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken hatte verfallen können, sich auf alle Fälle so einen Paß zu verschaffen, um sich mit ihm ins Ausland zu retten, _wenn_ ... Er gab also doch die Möglichkeit dieses »_Wenn_« zu, obschon er gewiß nicht hätte formulieren können, was er unter diesem »Wenn« verstand ...

Jetzt aber hatte es sich plötzlich selbst formuliert, und noch dazu auf die allerunerwartetste Weise. Jener tollkühne Gedanke, mit dem er bei Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs »R--rrrüpel« eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womöglich vor Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu bringen! Wer nicht glauben will, daß so phantastische Dinge in unserer alltäglichen Wirklichkeit geschehen, der möge sich die Lebensgeschichten unserer gegenwärtigen Emigranten im Ausland einmal näher ansehen. Kein einziger von ihnen hat eine vernünftigere Flucht hinter sich. Immer war es die gleiche ungebändigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts weiter.

Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, daß er seinen Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine größte Sorge war das Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: »retten«, denn seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr säumen und mußte womöglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wußte er noch nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schließlich entschloß er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station einzusteigen, bis dorthin aber zu Fuß zu laufen. So plagte er sich denn mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im Kopf, und -- plötzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen Stöhnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus.

Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage, ob er _vor_ oder _nach_ Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres »_vor_ Schatoff« flüchten konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- daß er trotzdem nicht »_vor_ Schatoff«, sondern unbedingt erst »_nach_ Schatoff« flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits. Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte, daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt. Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung, daß Fedjka an diesem Abend »zum letztenmal Branntwein getrunken« habe, mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Paß in der Tasche.

Zwanzigstes Kapitel. Die Reisende

I.

Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses »Alles« war, das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese »Schurken« -- so lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen hätte!

Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für »diese Leutchen« zu dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon entscheidend eingreifen.

Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.

Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.

Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte --, so daß das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.

Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.

Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme.

Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte den Kopf hinaus.

»Wer da?« rief er hinunter.

»Wenn Sie Schatoff sind,« klang in einem eigentümlich stolzen Ton von unten eine Frauenstimme zurück, »so haben Sie die Güte, offen und ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?«

Er hatte diese Stimme erkannt.

»Marie! ... Bist du es?«

»Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke hier und kann nicht länger --«

»Sofort ... ich will nur das Licht ...« Schatoff sprang eilig und aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte zu öffnen.

»Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen Mann hier bezahle,« empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.

»Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.«

»Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen Wallach unnütz in Schweiß gebracht.«

»Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das müssen Sie als Einwohner besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie wüßten, wo das sei.«

»Hier, hier sind noch fünf Kopeken,« damit zog Schatoff sein letztes Geldstück aus der Westentasche.

»Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!« fuhr Frau Schatowa auf, doch der Kutscher setzte schon seinen »Wallach« in Bewegung, und Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie in den finsteren Flur.

»Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und ... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht ... Ich werde sofort ...«

Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.

»Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!« rief er schließlich freudig und zündete das Licht an.

Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um.

»Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,« sagte sie launisch und ging zum Bett. »Ach, ich bin müde!« und sie sank kraftlos auf das harte Lager. »Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!«

Schatoff erbebte am ganzen Körper.

»Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?« und flehend faltete er die Hände.

»Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man muß trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor -- nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht!«

»Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!« stammelte Schatoff undeutlich.

»Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie für keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar für einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle!«

Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen »Schurken« erlitten haben!

»Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, nur müde bin ich!«

Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, daß es ihn »liebe«. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je irgendein Weib sagen könnte, es »liebe« ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewiß immer noch schön -- in seinen Augen immer noch wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß -- größer als Schatoff --, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu ihr und erfaßte ihre beiden Hände:

»Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest --?«

»Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!«

»Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!« Schatoff ging hin und her, »-- Holz -- ja, aber ... das heißt ... übrigens auch Tee, sofort!« Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mütze.

»Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?«

»Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...«

Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett.

»Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...«

»Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, -- alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.«

»Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick ... ich werde ohne Revolver ...«

Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in Amerika nebeneinander »auf dem Fußboden gelegen«.

»Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar geben?«

Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich dieser ganz unerwartet hereingestürzt war.

»Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.«

»Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den Samowar.«

»Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später. Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß. Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.«

»Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!«

»Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu mir gekommen sind, ist auch gut.«

»Kirilloff!« rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die Hände Zucker und Brot: »Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!«

»Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein. Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und werde an Sie und Ihre Frau denken.«

Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit gereizter Launenhaftigkeit.

»Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...« bemerkte Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen.

»Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee hergenommen, da Sie keinen hatten?«

Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges gehört.

»Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie haben von dort geschrieben.«

»Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.«

»Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?«