Part 59
Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Römer und ihre Tugenden heraufzubeschwören. Die Flucht Stawrogins hatte ihn für einen Augenblick vollständig aus der Fassung gebracht. Daß Stawrogin vor seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen einfach vorgelogen: das war es ja gerade, daß er fortgefahren war, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und war es nicht tatsächlich rätselhaft, daß man ihn so ganz unbehelligt gelassen hatte? (Späterhin mußte die Stadtobrigkeit darüber besondere Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag überall nach Näherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so einfach, so plötzlich auf Stawrogin verzichten können! Das war der Grund, warum er mit den »Unsrigen« nicht so rücksichtsvoll umging. Dazu banden sie ihm noch die Hände: er wollte Stawrogin sofort nachfahren, und statt dessen mußte er hier bleiben, um vorher noch auf alle Fälle die fünf »unlösbar zusammenzubinden«. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt ihn zurück. »Werde doch diese fünf nicht umsonst aus der Hand lassen, können mir noch sehr zustatten kommen.« So ungefähr wird er wohl bei sich gedacht haben, denke ich mir.
Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest überzeugt, daß Schatoff denunzieren werde. Alles, was er den »Unsrigen« von der Anzeige gesagt hatte, war natürlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff gesehen, noch ähnliches von seinen Spionen gehört; aber er war nun einmal überzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken. Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich gerade jetzt zur Denunziation entschließen. Wer kann es wissen, vielleicht hatte er auch einige Gründe, gerade das von Schatoff zu erwarten. Bekannt ist jetzt nur, daß er Schatoff persönlich haßte. Es hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, daß dieses Persönliche der hauptsächlichste Beweggrund war.
Die Bürgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fußweg mit seiner Person einnehmend, und ohne Liputin überhaupt zu beachten. Dieser mußte nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm sprechen zu können, auf der schmutzigen Fahrstraße neben ihm traben. Plötzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so wie er jetzt mitten auf dem Bürgersteig ging, Schritt halten und sprechen zu können. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine grenzenlose Wut ergriff ihn jäh.
Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden Unhöflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den »Unsrigen« umgehen, wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, _wußte_ doch mehr von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der »Fünf«, er stand der Sache doch am nächsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wußte, daß Pjotr Stepanowitsch ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen wir, in einem _äußersten Fall_. Aber er haßte ihn schon lange; und weit mehr noch, als wegen dieser Gefahr, haßte er ihn wegen seines anmaßend-hochmütigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen Sache entschließen mußte, erboste er sich über diese Umgangsart mehr als alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wußte er, daß er morgen bestimmt als erster »wie ein Sklave« zur Stelle sein und womöglich noch die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen, diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise hätte totschlagen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so hätte er es unbedingt getan.
In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem Quälgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr Stepanowitsch plötzlich auf einer unserer belebtesten Straßen stehen und trat in ein Gasthaus.
»Wohin denn?« rief erschrocken Liputin. »Das ist doch ein Gasthaus!«
»Ich will ein Beefsteak essen.«
»Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!«
»Macht nichts.«
»Aber ... wir verspäten uns! Es ist schon gleich zehn.«
»Zu dem da kann man nie zu spät kommen.«
»Aber ich komme dann doch zu spät! Die warten doch dort auf mich!«
»Na, mögen sie doch. Es wäre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch zurückkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je später, desto besser.«
Pjotr Stepanowitsch wünschte in einem besonderen Zimmer zu speisen. Liputin setzte sich geärgert und gekränkt in einen Sessel und sah zu, wie er aß. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch beeilte sich nicht, aß mit großem Appetit, klingelte und verlangte anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er war tief nachdenklich -- er konnte tatsächlich beides zugleich: mit Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Haß steigerte sich schließlich so weit, daß er nicht mehr fähig war, seine Blicke von ihm loszureißen: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete jedes Stückchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er haßte Pjotr Stepanowitsch sogar schon dafür, wie er den Mund aufmachte, wie er kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken ließ, ja er haßte schließlich das Beefsteak selbst. Zum Schluß begann alles sich vor seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefühl; heiß und kalt lief es ihm abwechselnd über den Rücken.
»Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies,« sagte plötzlich Pjotr Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu.
Liputin näherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen, unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, daß Pjotr Stepanowitsch schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der Straße reichte ihm Liputin das Papier zurück.
»Behalten Sie es,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »werde Ihnen später sagen, wozu. Übrigens: wie finden Sie es?«
Liputin erbebte förmlich vor Wut.
»Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine einzige blödsinnige Lächerlichkeit ...«
Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er plötzlich hochgehoben und weggetragen.
»Wenn wir uns entschließen,« sagte er, am ganzen Körper vibrierend, »solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, daß man uns ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhältnisse einfach verachtet!«
»Hm! Ich denke anders,« meinte Pjotr Stepanowitsch, fest weiterschreitend.
»Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfaßt haben?«
»Das ist nicht Ihre Sache.«
»Ich glaube auch, daß das jämmerliche Gedicht >Die helle Persönlichkeit<, diese erbärmlichste Reimerei, die es überhaupt geben kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfaßt worden ist!«
»Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.«
»Ich wundere mich auch darüber,« fuhr Liputin zitternd und atemlos fort, »wie man uns überhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, daß alles zusammenkracht. In Europa mag das zu wünschen, und für Europa mag's auch das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind hier, meiner Meinung nach, bloß Liebhaber und tun nur groß.«
»Ich dachte, Sie wären Fourierist.«
»Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.«
»Ich weiß, daß es Unsinn ist.«
»Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann unmöglich glauben, daß im Mai der Aufstand beginnen werde!«
Liputin knöpfte sogar seinen Mantel auf, dermaßen heiß war ihm geworden.
»Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse,« Pjotr Stepanowitsch ging erstaunlich kaltblütig auf ein anderes Thema über, »dieses Blatt werden Sie eigenhändig setzen und drucken. Schatoffs Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In möglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare davon wie nur möglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter über verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele Exemplare wie nur möglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an Sie wenden.«
»Nein, erlauben Sie schon, ich übernehme nicht eine solche ... Ich lehne es ab.«
»Und werden es doch übernehmen. Ich handle nach der Instruktion der Zentrale und Sie müssen gehorchen.«
»Ich glaube aber, daß unsere ausländischen Zentren die russische Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebüßt haben, und darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, daß statt der vielen Hunderte von >Fünfer<-Gruppen in Rußland wir allein die einzige sind, und ein Netz überhaupt nicht existiert!« keuchte Liputin endlich hervor.
»Um so verächtlicher von Ihnen, daß Sie, ohne an die Sache zu glauben, ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein Hündchen.«
»Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurückzutreten und eine neue Gesellschaft zu gründen.«
»R--rrrüpel!« donnerte plötzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit blitzenden Augen.
Beide standen sich eine Zeitlang gegenüber. Dann wandte sich Pjotr Stepanowitsch und setzte selbstbewußt seinen Weg fort.
Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf:
»Ich kehre um und gehe zurück. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde ich nie mehr umkehren.«
So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm ein neuer und tollkühner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht zurück.
Sie näherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen Fußweg auf dem abschüssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten mußte, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann selbst schnell durch die Öffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich nachts zu Kirilloff stahl.
»Schatoff darf es nicht wissen, daß wir hier sind,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu.
III.
Kirilloff saß wie gewöhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur erschrocken den Oberkörper vor und sah ihnen erregt entgegen.
»Sie irren sich nicht,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »ich komme deswegen ...«
»Heute?«
»Nein, nein, morgen ... ungefähr um dieselbe Zeit.«
Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt und sah wie gewöhnlich aus.
»Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben,« Werchowenski wies mit dem Kopf auf Liputin. »Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich ihn mitgebracht habe?«
»Heute nicht. Aber morgen will ich es allein.«
»Aber nicht früher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner Gegenwart --«
»Ich würde lieber nicht in Ihrer Gegenwart --«
»Sie erinnern sich doch noch, daß Sie versprachen, alles zu schreiben und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere?«
»Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben?«
»Ich muß einen gewissen Menschen sprechen und ungefähr eine halbe Stunde bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch.«
Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkühne Gedanke bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs schon von früher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und sah sich finster im Zimmer um.
»Ich möchte ganz gern Tee trinken,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »habe soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen den Tee zu trinken.«
»Trinken Sie, wenn Sie mögen.«
»Früher boten Sie ihn selbst an,« bemerkte Pjotr Stepanowitsch säuerlich.
»Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken.«
»Nein, danke, ich ... kann nicht.«
»Kann nicht oder will nicht?« Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu ihm um.
»Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken,« lehnte Liputin ausdrucksvoll ab.
Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen.
»Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug werden!«
Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute.
»Aber eines weiß ich,« fügte er plötzlich schroff hinzu, »kein einziges Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu erfüllen.«
»Stawrogin ist fortgefahren?« fragte Kirilloff.
»Ja.«
»Das hat er gut gemacht.«
Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich.
»Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort hält.«
»Ich werde mein Wort halten.«
»Übrigens, ich war immer überzeugt, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen würden, wie ein unabhängiger und fortgeschrittener Mensch.«
»Sie aber sind lächerlich.«
»Meinetwegen, es freut mich sehr, daß ich Sie erheitere. Es freut mich immer, wenn ich mit irgend etwas gefällig sein kann.«
»Sie wollen furchtbar gern, daß ich mich erschieße und fürchten doch, daß ich plötzlich nicht will.«
»Das heißt, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer Tätigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so ist schon Verschiedenes unternommen worden, so daß Sie jetzt auf keine Weise mehr zurücktreten können.«
»Nur nichts von Pflicht.«
»Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, daß sich dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt.«
»Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen müssen?«
»Hören Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht plötzlich Angst bekommen? Wenn Sie zurücktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich.«
»Ich habe keine Angst bekommen.«
»Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen.«
»Werden Sie bald fortgehen?«
»Sie fragen schon wieder?«
Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung.
»Nun, sehen Sie mal,« fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr ärgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu können, -- »Sie wollen um der Einsamkeit willen, daß ich fortgehe, um sich sammeln zu können, doch all das sind gefährliche Anzeichen, für Sie, für Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung nach wäre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein, Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich.«
»Mir ist nur das nicht recht, daß in jenem Augenblick solch ein Ekel bei mir sein wird, wie Sie.«
»Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange draußen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so wenig gleichmütig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr gefährlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie können meinetwegen denken, was Sie wollen: daß ich nichts von Ihnen verstehe, daß ich als Mensch unermeßlich tief unter Ihnen stehe ...«
»Nein, nicht unermeßlich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind.«
»Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu bieten ... in einer solchen Minute.«
»Sie begreifen nichts.«
»Das heißt, ich ... jedenfalls höre ich mit Hochachtung --«
»Sie können nichts. Sie können sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut verstecken, obgleich es für Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen. Sie werden mich ärgern und ich werde vielleicht plötzlich noch ein halbes Jahr wollen ...«
Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr.
»Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich weiß, daß Sie sie nicht für uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne uns tun. Auch weiß ich, daß nicht Sie die Idee verschlungen haben, sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht aufschieben.«
»Wie? Mich hat die Idee verschlungen?«
»Ja.«
»Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf.«
»Vorzüglich, sehr schön so. Gerade so muß es ja sein, daß Sie stolz darauf sind.«
»Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt.«
»Zum Teufel, da wird man wohl müssen,« Pjotr Stepanowitsch erhob sich. »Aber immerhin ist es noch früh. Hören Sie, Kirilloff, bei der Mäßnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat auch sie gelogen?«
»Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da.«
»Wie, hier! zum Teufel, wo?«
»Sitzt in der Küche, ißt und trinkt.«
»Wie wagt der Kerl! ...« Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. »Er war verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Paß!«
»Ich weiß nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, daß Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten.«
»A--ah! Er fürchtet, daß ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn ... Wo ist er, in der Küche?«
Kirilloff öffnete eine Seitentür zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus dem drei Stufen in die Küche hinabführten. Von der Küche war, gleich bei der Tür, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewöhnlich das Bett des Dienstmädchens stand. Hier saß nun in der Ecke unter den Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen Schüssel ein kaltes Stück Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er aß mit Genuß und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in der Küche summte schon der Samowar, doch der war nicht für Fedjka aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner ganzen Lungenkraft für »Alexei Nylitsch« an, »dieweil Sie daran überaus gewöhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken!« Ich vermute stark, daß das Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mädchen im Hause war, von Kirilloff selbst schon am Morgen für Fedjka gebraten worden waren.
»Was ist dir eingefallen?« rief Pjotr Stepanowitsch und stürzte die Stufen hinunter. »Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es dir befohlen hat?«
Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch.
Fedjka nahm eine würdevollere Haltung an.
»Du, wart ein bißchen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bißchen,« sagte er, fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, »du mußt als erste Pflicht verstehen, daß du hier auf edlen Besuch bei Herrn Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur ein -- Pfui!«
Und er spie elegant zur Seite, daß der Speichel trocken wie ein Wurf zu Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses, höchst gefährliches, trügerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr dafür, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schließlich auch nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mißerfolge dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede Überlegung gebracht ... Liputin, der über den drei Stufen in der Tür stehen blieb, sah neugierig aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab.
»Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Paß haben und gutes Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein?«
»Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen, und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafür halt ich dich. Du hast mir für unschuldiges Blut großes Geld und das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und für Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin, bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, daß da tausendfünfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren gewischt, daß auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem und versprichst mir Geld, aber wofür -- darüber schweigst du. Ich aber denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rächen und rechnest auf meine Leichtgläubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mörder aus allem hervor. Und weißt du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon wert geworden bist, daß du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schöpfer, wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein großer Philosoph ist, hat dir schon mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schöpfer aller Dinge, erklärt, und desgleichen die ganze Schöpfung der Erde wie alle zukünftigen Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewürms aus dem Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverständiges Götzenbild und verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bösewicht und Verführer, so da heißt Atheist ...«
»Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und verkündet jetzt noch Gott!«
»Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, daß ich sie beraubt habe, aber ich habe bloß ein einziges Perlchen rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige Träne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhöchsten verwandelt für irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weißt du auch aus den Büchern, daß einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so einem Tränenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann später kniefällig vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Füßen gelegt hat, und daß ihn da die heilige Fürsprecherin mit dem goldgestickten Tuch gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so daß denn schon damals ein Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles buchstäblich in die Reichsbücher einzutragen. Du aber hast eine Maus hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht mein angeborener Herr wärst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf meinen Armen gewiegt habe, so würde ich dich jetzt, so wie du da bist, mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen!«
Pjotr Stepanowitsch geriet in maßlosen Zorn.
»Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen?«
»Das darfst du nicht wagen, daß du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen!«
»Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr bekommen.«
»Du, mein Bester, du lügst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu sehen, was für ein leichtgläubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du kläffst nur von unten wie ein dummes Hündchen, während er von oben auf dich auch nur zu spucken schon für eine große Ehre für dich halten würde.«
»Aber weißt du auch,« rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, »daß ich dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der Polizei übergebe!«