Part 48
»Erlauben Sie, Ihnen einmal _nicht_ beizustimmen, Karmasinoff,« beeilte sich Julija Michailowna zu bemerken. »Ich habe sonst nichts gegen Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele zeitgenössische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen zeitgenössischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgültigkeit gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse für die Karlsruher Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!«
»Ich habe allerdings,« begann Karmasinoff geziert, »im Typ Pogosheff alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler der Westler ...«
»Als ob er damit wirklich schon _alle_ gezeigt hätte!« flüsterte Lämschin ganz leise seinem Nachbar zu.
»... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die überflüssige Zeit irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.«
»Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch,« fuhr Julija Michailowna ganz bezaubert fort, »daß wir morgen das Vergnügen haben werden, etwas Wundervolles zu hören ... eine von den letzten und schönsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs -- sein >_Merci_<. Er kündet in dieser Arbeit an, daß er künftig nichts mehr schreiben werde, unter keiner Bedingung, für keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein Engel vom Himmel käme und ihn bäte, den unwiderruflichen Entschluß aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder für immer aus der Hand. Und dieses graziöse >_Merci_< ist an das Publikum gerichtet, ist sein Dank für die unermüdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre lang seine treue Arbeit für den russischen Gedanken begleitet hat.«
Julija Michailowna war auf der Höhe der Seligkeit.
»Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >_Merci_< und reise dann weg, und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,« bemerkte Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff.
Wie so viele unserer großen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel große Schriftsteller) konnte er Lobsprüche nicht gleichmütig hinnehmen, sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzählt man doch, daß einer von unseren Shakespeares in einem Privatgespräch ganz offen gesagt habe: »Ja, wir _großen Männer_, wir« usw., und zwar ohne daß es ihm selbst aufgefallen wäre.
»Ja, dort in Karlsruhe schließe ich dann für immer meine Augen. Uns großen Männern bleibt ja nichts anderes übrig, als, nachdem wir unser Werk getan, schnell die Augen zu schließen, ohne noch lange auf Dank zu warten. So werde auch ich es denn machen.«
»Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe pilgern kann!« rief der Deutsche und lachte selbst maßlos laut darüber.
»Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden,« sagte plötzlich einer der unbedeutenderen jungen Herren.
Lämschin quiekte nur so vor Vergnügen. Julija Michailowna zog, peinlich berührt, die Brauen zusammen.
In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein.
»Und mir hat man gesagt, Sie wären aufs Polizeibureau gebracht worden?« sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend.
»Nein, es war im ganzen nur ein ... _bureaukratischer_ Zwischenfall,« antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd.
»Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,« griff Julija Michailowna in das Gespräch ein. »Ich denke, daß Sie diese Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der literarischen Matinee etwas vorzutragen?«
»Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...«
»Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.«
»Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, »aber ich glaube nun einmal nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten sei. Übrigens, ich ...«
»Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!« rief plötzlich Pjotr Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. »Kaum habe ich ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal träumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten anzuschwärzen.«
»Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,« verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.
»Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer, _mais brisons là, mon cher_,«{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.
Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes.
Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn wirklich furchtbar verletzt.
»Genug!« rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen drückte. »Genug, über die Flibustiers ist das Urteil schon gefällt. Kein Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...«
Er sprach es laut und schloß mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den seine Worte machten, war ein äußerst unangenehmer. Alle fühlten etwas Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte. Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um und schritt schnell zur Tür, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte er über einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkörper nach vorn und wäre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: »Das ist umzustellen,« und verließ das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte schon alles durcheinander, so daß es schwer war, aus dem Gewirr klug zu werden. Die einen sagten, er sei »nervös« und »überarbeitet«; andere wollten gehört haben, daß er gewissen Anfällen ausgesetzt sei; die dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke, im Kreise der Jugend, hielt Lämschin sogar zwei Finger wie Hörnchen an die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen -- doch sprach man davon selbstverständlich nicht laut, sondern nur flüsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und vorläufig wartete man. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen hatte ausrichten können, doch schon nach einigen fünf Minuten kam sie zurück, und man merkte ihr nur an, daß sie sich sehr zusammennahm, um ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles »ganz genau«, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern. Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf, jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorfälle dieses verhängnisvollen Tages waren noch nicht zu Ende ...
Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich bemerkt, daß Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, daß es bereits auffiel. Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand, sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch plötzlich seine Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit schuldbewußtem Blick die Anwesenden überflog. Auch Nicolai Stawrogin erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein Blick ungewöhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, vergaß er ihn gleich wieder -- ja, ich glaube, vergaß sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die Mitglieder des Komitees folgte, hörten wir plötzlich Lisas klare und absichtlich laute Stimme:
»Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich für Ihren Verwandten ausgibt, für den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann namens Lebädkin, fortwährend unanständige Briefe, in denen er sich über Sie beklagt und sich bereit erklärt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir mitzuteilen. Wenn Sie tatsächlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen Belästigungen.«
Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch für sie selbst vielleicht ganz überraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen schließt, die Zähne zusammenbeißt und sich vom Dach hinabstürzt.
Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war schon das seltsam, daß er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu sein schien und Lisa bis zum Schluß mit der ruhigsten Aufmerksamkeit anhörte. Weder Verwirrung noch Zorn drückte sich auf seinem Gesicht aus. Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf die verhängnisvolle Frage:
»Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebädkina, jetzt schon seit fast fünf Jahren. Seien Sie versichert, daß ich ihm Ihre Forderungen in kürzester Zeit ausrichten werde, und ich verbürge mich dafür, daß er Sie hinfort nicht mehr belästigen wird.«
Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas Gesicht ausdrückte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und plötzlich lächelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen, verließ er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum daß Stawrogin sich zur Tür wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm nachzueilen, doch schon im nächsten Augenblick kam sie zur Besinnung und lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natürlich in Begleitung Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ...
Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten wußte, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren. Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu »_cette chère amie_«{[173]} zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen dürfe. Ich wurde aber nicht empfangen. Er war maßlos erschüttert und weinte sogar. »Solch eine Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie!« wiederholte er einmal über das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch Karmasinoffs und schimpfte furchtbar über ihn. Zu dem Vortrag, den er auf der literarischen Matinee am nächsten Tage halten wollte, bereitete er sich eifrig vor, und -- o künstlerische Natur! -- tat es vor dem Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag über die Sixtinische Madonna hineinzuflechten. »Mein Freund, ich tue das ja nur für die große Idee,« sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. »_Cher ami_, ich habe mich nach fünfundzwanzigjährigem Stillsitzen plötzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das weiß ich nicht, aber ich bin losgefahren ...«
Sechzehntes Kapitel. Die Matinee
I.
Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen »Spigulinschen« Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so große und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorübergehen werde, oder ohne »Entscheidung«, wie einige, sich im voraus die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal über alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, daß sie »umschwärmt« und alle Welt ihr »fanatisch ergeben« sei.
Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten »Anführern«, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdümmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens der »Anführer« zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen Übergang bei uns gab -- das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, -- all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwähnte, die Wirkung der _Internationale_. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem einen, daß er es »mit allen Sinnen so empfunden« habe. Und überzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen nicht weiter in ihn drang.
Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein »_Merci_« in dem Kostüm einer Gouvernante vorzulesen, und daß die »Quadrille der Literatur« gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostüm der »ehrliche russische Gedanke« -- an sich schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein.
II.