Sämtliche Werke 5-6

Part 47

Chapter 473,478 wordsPublic domain

»Die Mützen ab!« sagte er kaum hörbar und atemlos. »Auf die Kniee!« rief er dann plötzlich laut -- am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr »Schlitten« sich auf irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust.

Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.

»Flibustier!« rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch nicht, _was_ er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, _daß_ er sofort irgend etwas tun werde.

»Herrgott!« hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie alle auf einmal zu sprechen an: »Exzellenz ... General ...« riefen sie durcheinander, »wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... kannst du nicht ein Wort einlegen ...« usw., usw. Man konnte nichts verstehen.

Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den »Aufruhr« glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen der Menge der »Aufständigen«, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute »aufwiegeln« sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr Stepanowitsch.

»Ruten!« schrie von Lembke plötzlich noch überraschender.

Totenstille trat ein.

Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch einige Tatsachen.

Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei, doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da geschah, »solch eine Schmach!« ausgerufen und dazu ausgespieen. Und dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls »beschlagnahmt«. Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe, so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz, hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch bei ihm »der Schlitten« sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch, ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit unermeßlicher Überlegenheit an.

»_Cher_,« sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene Saite klang, »wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von _diesem_ erwarten ... wenn er selbständig handeln dürfte?«

Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heißen Verlangen, jemanden herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns anstarrenden Flibustjeroff.

»_Diesem?_« rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm offenbar dunkel vor den Augen. »Was für einen >diesen<? Wen meinst du damit hier? wer bist du überhaupt?« schrie er uns an, mit geballter Faust auf uns zutretend. »Wer bist du?« brüllte er wild, bis zur Tollheit erregt vor Diensteifer und Dünkel (dabei kannte er Stepan Trophimowitsch von Ansehen sehr gut).

Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff hätte ihn schon am Kragen gepackt; doch zum Glück wandte auf das Gebrüll hin von Lembke den Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es war, als ob er nachdachte -- plötzlich aber winkte er ungeduldig mit der Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon.

»Gehen wir nach Hause, sofort,« sagte ich in sehr bestimmtem Tone. »Wenn man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von Lembke.«

»Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen. Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber -- _mon heure a sonné_.«{[166]}

Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebäudes. Der Portier kannte mich: ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna wollten. Man führte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber, oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt für überflüssig. Er sah aus, wie ein Mensch, der sich dem Tode fürs Vaterland geweiht hat. Wir setzten uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich in der gegenüberliegenden, die näher zur Eingangstür lag. Sein Blick war nachdenklich gesenkt, die Hände stützte er leicht auf den Silberknopf seines Stockes und den breitkrämpigen Hut hielt er müde in der linken Hand. So saßen wir an die zehn Minuten.

II.

Plötzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja, die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb stehen.

»Wer ist das?« murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an.

»Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,« antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer würdevoll gemessenen Neigung des Kopfes.

Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch übrigens mit einem ziemlich stumpfen Blick.

»Sie wünschen?« fragte er mit dem bekannten Lakonismus der höheren Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch wendend, den er wohl für einen gewöhnlichen Bittsteller nahm.

»Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir vorgenommen: ich wünschte ...«

»Der Name, der Name?« fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm plötzlich etwas einfiel.

Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch würdevoller seinen Namen.

»A--a--ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?«

»Ich hatte früher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen, an der ...schen Universität.«

»Der Ju--gend?« von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch -- darauf könnte ich wetten -- kaum begriff, worum es sich hier handelte, noch mit wem er eigentlich sprach.

»Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu!« rief er plötzlich furchtbar erregt und aufgebracht. »Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein Angriff zur See! Ist Seeräuberei! Flibustjerismus! -- Was wünschen Sie?«

»Im übrigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten. Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...«

»Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest! Kollegs? Kollegs?« rief Lembke wie toll.

»Ich würde Sie sehr bitten, ein wenig höflicher mit mir zu sprechen, Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.«

»Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen?« fragte plötzlich von Lembke errötend.

»Vollkommen, Exzellenz.«

»Ich beschütze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie zerstören! ... Sie ... Übrigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?«

»Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.«

»Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Früchte ... Ich glaube, ich habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hüten Sie sich, mein Herr, hüten Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie überzeugt, daß ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten, mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an mich.«

Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten.

»Ich wiederhole, daß Sie sich täuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau Gemahlin, die mich gebeten hat -- nicht ein Kolleg zu lesen, sondern morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde ich mich selbst davon zurückziehen. Meine untertänigste Bitte ist nur, mir, falls möglich, zu erklären: warum man heute bei mir eine Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bücher und Papiere genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die Stadt ...«

»Wer hat das getan?« fuhr Lembke, plötzlich ganz zur Besinnung kommend, auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und die lange, plumpe Gestalt Blümers erschien. »Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz,« sagte Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt hatte.

Blümer trat mit zwar schuldbewußtem, doch durchaus nicht nachgiebigem Ausdruck näher.

»_Vous ne faites que des bêtises!_«{[167]} warf ihm von Lembke ärgerlich zu, und plötzlich verwandelte er sich vollständig, als käme er erst jetzt völlig zu sich.

»Verzeihen Sie ...« sagte er ungewöhnlich verwirrt zu Stepan Trophimowitsch und errötete dabei stark, »das war alles wahrscheinlich nur eine Ungewandtheit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.«

»Exzellenz,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, »in meiner Jugend war ich einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, daß der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur ähnlich sah, und geärgert sagte er -- dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu verlieren hat, -- genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu sagen beliebten: >Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.< Und als der Beleidigte darauf immer noch gekränkt war und seiner Empörung Ausdruck gab, da sagte er schließlich ärgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, daß das ein Mißverständnis war, was schreien Sie hier denn noch<!«

»Das ... das ist natürlich komisch ...« sagte von Lembke und verzog seinen Mund zu einem Lächeln.

»Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich selbst bin?«

Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht mit den Händen bedecken.

Dieser unerwartete gequälte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten einen unerträglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem vergangenen Tage geschehen war -- und gleich darauf vollständige, erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß, vielleicht hätte er schon im nächsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er plötzlich den Kopf und sagte mit einer tief mitfühlenden Stimme:

»Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen Klage, und befehlen Sie nur, daß man mir meine Bücher und Briefe zurückschickt ...«

Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki zurück.

III.

Das erste war, daß sämtliche Insassen der drei Equipagen fast alle zugleich in den Salon drängten. Eigentlich ging man in Julija Michailownas Gemächer unmittelbar vom Vestibül aus nach links; doch diesmal drängten alle nach rechts in den großen Empfangssalon -- wohl bloß deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und von allem Vorgefallenen wie auch von dem »Aufstand« der Spigulinschen Arbeiter waren sie schon durch Lämschin unterrichtet worden. Dieser war zur Strafe für irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden -- und so hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit angesehen, schnell in hämischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten.

Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaßen bestürzt gewesen sein, trotz ihrer »höheren Entschlossenheit«, als sie solche Neuigkeiten vernehmen mußte; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, daß man die Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprügeln müsse: Pjotr Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autorität für sie. »Er wird es mir schon bezahlen müssen,« dachte sie bei sich, wobei das »Er« sich natürlich auf ihren Mann bezog. Ich muß noch bemerken, daß Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht teilgenommen hatte und seit dem frühesten Morgen von niemandem gesehen worden war. Erwähnen muß ich auch noch, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Gäste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurückgekehrt war, um an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natürlich mußten die von Lämschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen, sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf.

Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den Empfangssalon trat: das fühlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick auf seine schöne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lächeln ging sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant behandschuhte Händchen entgegen und überschüttete ihn mit den schmeichelhaftesten Worten -- ganz als ob an diesem Vormittage all ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wäre, Stepan Trophimowitsch ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß sie ihn endlich bei sich begrüßen durfte. Über die Haussuchung verlor sie kein einziges Wort, nicht eine Silbe, als hätte sie überhaupt nichts davon gewußt. Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn -- als wenn er gar nicht anwesend gewesen wäre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach für sich in Beschlag und führte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so viel heißen sollte wie: daß sie es gar nicht für wert hielt, daß sein Gespräch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu Ende geführt wurde. Ich glaube, daß Julija Michailowna damit trotz ihres so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna gewissermaßen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worüber diese in ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzückt war). Karmasinoff trat als letzter in den Empfangssalon und rief, kaum daß er Stepan Trophimowitsch erblickte, noch in der Tür stehend, sogleich aufs Lebhafteste:

»Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... _Excellent ami!_«{[168]}

Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten, daß er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange zum Kuß hin.

»_Cher_,« sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er über die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, »in jenem Augenblick dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte und doch küsse, obgleich ich mich einfach abwenden könnte ... O pfui!«

»Nun, erzählen Sie, erzählen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt haben,« lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, -- als ob man das ganze Leben von fünfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen und erzählen könnte. Aber diese törichte Oberflächlichkeit war nun einmal »höherer« Ton.

»Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...« begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernünftig (also sehr wenig im »höheren« Tone).

»_Ce cher homme_,«{[169]} unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit an der Schulter. »Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles erzählen.«

»Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund gewesen!« fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut fort, sich bei mir zu beklagen. »Damals waren wir noch Jünglinge und schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich ...«

Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick auf Stepan Trophimowitsch -- böse schon im voraus, böse aus Eifersucht, aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten lassen, -- ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich geschlagen.

Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten: irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen deutschen Doktor -- ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine eigenen Witze lachte -- und irgendeinen sehr jungen Petersburger Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar hohem Kragen -- ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte, wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...

»_Cher monsieur Karmazinoff_,« begann Stepan Trophimowitsch, der sich malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie Karmasinoff manieriert skandierte, »_cher monsieur Karmazinoff_, das Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren eintönig erscheinen ...«

Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede Neugier auf ihn.

»... eintönig erscheinen,« wiederholte Stepan Trophimowitsch absichtlich. »So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen Vierteljahrhundert, _et comme on trouve partout plus de moines que de raison_,{[170]} -- und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es, daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...«

»_C'est charmant, les moines_,«{[171]} flüsterte Julija Michailowna der neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.

Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.

Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins Wort:

»Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen Jahr der Stadtrat dortselbst beschloß, ein neues Wasserleitungsrohr zu legen, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen meines lieben Vaterlandes ... wenigstens für die Zeit der sogenannten russischen Reformen.«

»Sehe mich gezwungen, zu gestehen, daß ich Ihnen das nachfühlen kann, wenn auch gegen mein Herz,« sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend und senkte vielsagend den Kopf.

Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch wurde sowohl tief wie tendenziös.

»Eine Röhre für den ... Schmutz?« erkundigte sich laut der Doktor.

»Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.«

Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht, was dieser aber gar nicht gewahrte -- im Gegenteil, er schien sogar sehr vergnügt darüber zu sein, daß endlich alle mitlachten.