Part 31
»Ich habe durchaus nicht erklärt, daß ich jedesmal in die Luft schießen werde!« rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. »Wie können Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schießen werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmöglich.«
»Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen,« wandte sich Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff.
»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Plätze ein!« kommandierte Kirilloff.
Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte Gaganoff und wieder schoß Stawrogin in die Luft. Übrigens waren diese Schüsse in die Luft doch zweifelhaft -- es ließ sich über sie streiten: Stawrogin hätte sehr wohl behaupten können, daß er, ganz wie es sich gehört, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das Gegenteil angekündigt hätte, denn er richtete die Pistole nicht etwa gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so, als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatsächlich einen halben Meter über dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch niedrigeres, noch täuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wäre jetzt wohl überhaupt nicht mehr zu überzeugen gewesen.
»Wieder!« knirschte er ingrimmig. »Einerlei! Ich bin gefordert und werde von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schießen ... unbedingt! ...«
»Dazu haben Sie das volle Recht,« schnitt ihm Kirilloff das Wort ab.
Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff bis zur Barriere, und von dort, auf zwölf Schritt Distanz, begann er zu zielen. Doch seine Hände zitterten zu sehr, um richtig zielen zu können. Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schuß des Gegners.
»Zu lange, zu lange gezielt!« rief Kirilloff schließlich ungestüm. »Schießen Sie! Schießen Sie!«
Der Schuß ertönte, und diesmal riß die Kugel Stawrogins weißen Hut vom Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wäre zu Ende gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin.
»Schießen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf!« rief Mawrikij Nicolajewitsch in ungewöhnlicher Erregung, als er sah, daß Stawrogin, der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schuß gleichsam vergessen hatte.
Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur Seite und schoß diesmal schon ohne jedes Zartgefühl einfach in den Wald hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin vergaß jetzt die Höflichkeit, die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schuß in den Wald, drückte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht drückte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die Pferde und ritten im Galopp davon.
III.
»Warum schweigen Sie?« rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz bevor sie das Haus erreichten.
»Was wollen Sie?« fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich bäumte.
Stawrogin bezwang sich.
»Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich es wieder getan,« sagte er langsam.
»Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,« sagte Kirilloff trocken, -- »und dabei ist er gar kein Dummkopf.«
»Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.«
»Nein.«
»Was hätte ich denn tun sollen?«
»Nicht fordern.«
»Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?«
»Ja, noch einen Schlag ertragen.«
»Ich fange an nichts mehr zu begreifen!« sagte Stawrogin geärgert. »Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum soll ich ertragen, was sonst niemand erträgt, und mir Bürden aufladen, die keiner tragen kann?«
»Ich glaube, Sie suchen eine Bürde.«
»Ich suche eine Bürde?«
»Ja.«
»Sie ... haben das bemerkt?«
»Ja.«
»Ist das so bemerkbar?«
»Ja.«
Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt.
»Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht töten wollte, und das war alles, ich versichere Sie,« sagte er schnell und erregt, als wollte er sich rechtfertigen.
»Es war nicht nötig, zu beleidigen.«
»Was hätte man denn tun sollen?«
»Man hätte töten sollen.«
»Es tut Ihnen leid, daß ich ihn nicht erschossen habe?«
»Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich erschießen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.«
»Ich suche eine Bürde,« lachte Stawrogin auf.
»Wenn Sie nicht Blut vergießen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst dazu her?«
»Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so wäre ich von ihm so erschlagen worden, ohne Duell.«
»Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er auch nicht erschlagen.«
»Sondern nur geschlagen?«
»Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Bürde. Sonst gibt es kein Verdienst.«
»Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!«
»Ich glaubte, Sie suchten,« schloß Kirilloff unglaublich kaltblütig.
Sie ritten auf den Hof.
»Kommen Sie zu mir?« lud ihn Stawrogin ein.
»Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.«
Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm.
»Aber wenigstens Sie ärgern sich doch nicht über mich?« fragte Stawrogin und hielt ihm die Hand hin.
»Nicht im geringsten!« Kirilloff kehrte sofort zurück, um ihm die Hand zu drücken. »Wenn meine Bürde mir leicht ist, so ist es, weil das von Natur so ist, und wenn Ihre Bürde Ihnen vielleicht schwerer ist, so kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schämen braucht man sich deshalb nicht, nur ein wenig.«
»Ich weiß, daß ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich dränge mich ja auch nicht unter die Starken.«
»Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder Tee trinken.«
Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein.
IV.
Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, daß Warwara Petrowna, die sich über den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei, »so wie früher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen, dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.«
»Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna?« unterbrach Stawrogin den alten Diener hastig und sein Gesicht verdüsterte sich sehr, als er hörte, daß Darja Pawlowna »krankheitshalber vorgezogen haben, nicht mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden«.
»Höre, Alter,« sagte er, wie nach einem plötzlichen Entschluß, »paß auf sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, daß sie zu mir kommen will, so halte sie zurück und sag ihr, daß ich sie nicht empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... daß ich sie selbst darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst rufen -- hörst du?«
»Zu Befehl,« sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und senkte die Augen.
»Aber nicht früher, als bis du sicher bist und genau siehst, daß sie zu mir kommen will.«
»Der gnädige Herr können unbesorgt sein, es wird alles so gemacht werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermöglicht worden, sie haben sich immer an mich gewandt.«
»Ich weiß. Also nicht früher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring mir Tee, wenn es geht, möglichst schnell.«
Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tür sich wieder öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war ruhig, doch das Gesicht bleich.
»Woher kommen Sie?« rief Stawrogin.
»Ich stand hier an der Tür und wartete, bis er hinausging, um dann bei Ihnen einzutreten. Ich habe gehört, was Sie ihm angaben. Als er fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so hat er mich nicht bemerkt.«
»Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich verstehe nicht zu schreiben,« fügte er mit Ärger und sogar wie angeekelt hinzu.
»Auch ich habe bereits daran gedacht, daß wir brechen müssen. Warwara Petrowna argwöhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.«
»Nun, mag sie doch.«
»Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum Ende?«
»Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?«
»Ja, ich bin überzeugt, daß es kommen wird.«
»Auf der Welt hat nichts ein Ende.«
»Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde kommen. Und jetzt leben Sie wohl.«
»Und was für ein Ende wird denn das sein?« fragte Stawrogin halb lachend.
»Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?« fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.
»Es war dumm; ich habe niemanden getötet, beunruhigen Sie sich nicht. Übrigens werden Sie heute noch alles von allen hören. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«
»Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?« fragte sie noch wie unschlüssig.
»Heute nicht; morgen nicht ... übermorgen -- sind wir vielleicht alle tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!«
»Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?«
»Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die andere, aber ich glaube, die Vernünftige richte ich zugrunde: ich bin so gemein, so niedrig, Dascha, daß ich Sie vielleicht wirklich rufen werde -- >ganz zum Schluß<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?«
»Ich weiß, daß zum Schluß nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich warte darauf.«
»Wenn ich Sie aber zum Schluß nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?«
»Das ist unmöglich, Sie werden mich rufen.«
»Darin liegt viel Verachtung für mich.«
»Sie wissen, daß nicht nur Verachtung ...«
»Also ist Verachtung immerhin dabei?«
»Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich von Herzen wünschte, Sie hätten mich niemals nötig.«
»Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wünschte, Sie nicht zugrunde zu richten.«
»Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten können -- und das wissen Sie ja selbst am besten,« sagte Darja Pawlowna schnell und überzeugt. »Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige Schwester, Krankenwärterin. Oder werde als Büchertrödlerin Bibeln verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Häusern leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen alles ... --«
»Nein, ich habe es nie erfahren können, was Sie wollen; ich glaube, Sie interessieren sich für mich, wie zuweilen alte Krankenwärterinnen aus irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch besser, wie auf unseren Kirchhöfen die betenden Greisinnen von den vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann besonders in ihr Herz schließen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar an?«
»Sind Sie sehr krank?« fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz eigentümlich nachdenklich und forschend an. »Gott! Und dieser Mensch will ohne mich auskommen!«
»Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot sich mir ein kleiner Teufel auf der Brücke an, -- erbot sich, Lebädkin und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende zu machen, und so, daß nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, daß die ganze Operation nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das war mir mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha!«
»Und Sie sind fest überzeugt, daß es ein Gespenst war?«
»O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene Zuchthäusler Fedjka, ein sibirischer Sträfling und Raubmörder. Doch das ist Nebensache. Aber was glauben Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt vollkommen überzeugt, daß ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!«
»Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, daß Sie von dem Netz jener Leute schon vollständig umstrickt sind?«
»Nun, mögen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was für eine Frage sich jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen,« fügte er gereizt mit bösem Lächeln hinzu.
Dascha erschrak:
»Gar keine Frage und es gibt da überhaupt keinen Zweifel, schweigen Sie!« rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend.
»Sie sind also überzeugt, daß ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen werde?«
»O Gott!« Sie erhob die Hände. »Warum quälen Sie mich so?«
»Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange, aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelächter ... Hu! Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem Portal anhält.«
Dascha ergriff seine Hand.
»Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren und ... rufen Sie mich, rufen Sie mich dann schnell!«
»Oh, mein Dämon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulöses Teufelchen, das sich erkältet und den Schnupfen hat, eines von den mißlungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas auszusprechen?«
Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tür.
»Hören Sie,« rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lächeln nach. »Wenn ... nun, da, mit einem Wort, _wenn_ ... Sie verstehen schon, wenn ich selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, -- würden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die Kneipe?«
Sie ging hinaus, ohne zurückzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit den Händen bedeckt.
»Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe!« murmelte er nach kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drückte sich angewiderte Verachtung aus: -- »Krankenwärterin! Hm ... Doch übrigens, vielleicht brauche ich gerade das.«
Neuntes Kapitel. Alle in Erwartung
I.
Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am nächsten Tage rückhaltlos für Nicolai Stawrogin erklärten. Selbst viele von seinen ehemaligen Feinden zählten sich plötzlich entschieden zu seinen Freunden.
Den Anstoß zu diesem überraschenden Umschwung der öffentlichen Meinung hatte zunächst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber war von einer Persönlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie öffentlich geäußert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung für den größten Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles folgendermaßen:
Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze höhere Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gästen befand sich auch, oder richtiger, präsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs, Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schönheit und sah ganz besonders froh und glücklich aus -- was freilich viele Damen sogleich äußerst verdächtig fanden. Hier muß ich erwähnen, daß an ihrer tatsächlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals, von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, daß sie Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie eigensinnig fort, von einem verhängnisvollen Familiengeheimnis, von einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte, und zwar -- ich weiß nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese Gerüchte sich so lange und hartnäckig behaupten konnten, und warum immer wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten hineingeflochten wurde und warum man glaubte, daß sie auch in die Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei.
So kam es denn, daß man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wußte, wie sich die Behörden zu dem Vorfall stellen würden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden Duellanten bis jetzt noch völlig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war, wie man wußte, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo zurückgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belästigungen ausgesetzt gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, daß endlich jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld und Neugier, die sich so nicht äußern konnten, gewissermaßen die Tür öffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwähnten alten General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht.
Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen, die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf großen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit der ganzen Würde seines Ranges und Alters plötzlich laut gerade davon zu sprechen, wovon alle nur ängstlich und heimlich zu flüstern wagten. Es war das gewissermaßen eine Spezialität von ihm. Und so tat er es denn auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er prozessierte sogar mit ihm. Außerdem hatte er in seiner Jugend selbst zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner nach dem Kaukasus verbannt gewesen.
Nun ließ jemand ein paar Worte über Warwara Petrowna fallen, die »nach der Krankheit« jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht gerade über sie, sondern mehr über den herrlichen grauen Viererzug eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben hatte. Da bemerkte plötzlich der alte General, daß er heute den »jungen Stawrogin« zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte schließlich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend:
»Tut mir faktisch un--gemein leid, daß ich vor einigen Jahren nicht hier war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja seinerzeit die tollsten Gerüchte über ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es fak--tisch wahr sein, daß er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fähig ist? Hab so etwas gehört ... Jetzt aber hörte ich, ein Student habe ihn in Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch gekrochen sein. Und nun sagt mir plötzlich Stepan Wyssotzki, daß dieser Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines ... Toll--gewordenen zu bieten, bloß um ihn ... äh ... loszuwerden. Hm ... Das ist so ungefähr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt er übrigens hier mit jemandem?«
Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu.
»Das ist doch ganz erklärlich!« sagte diese gereizt, da alle gleichsam überzeugt schienen, gerade _sie_ müsse jetzt etwas sagen. »Wie kann man sich darüber wundern, daß Stawrogin sich mit Gaganoff schlägt und mit dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen früheren Leibeigenen fordern!«
Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklärung, auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von entscheidender Wirkung. Alles Skandalöse, Anekdotenhafte und Kleinliche war mit einem Schlage zurückgedrängt und etwas anderes tauchte vor einem auf. Man sah plötzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis jetzt alle getäuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht mehr leibeigenen Menschen, tödlich beleidigt, übersieht er die Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die Gesellschaft zerreißt sich den Mund darüber und blickt mit Verachtung auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser aber mißachtet, übersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon sie sich selber stets dazu berufen fühlt.
»Und währenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und philosophieren darüber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind!« bemerkt in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum anderen.
»Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch,« pflichtet ihm dieser reuig bei. »Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!«
»Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen überhaupt nicht die Rede sein,« sagt ein Dritter. »Die Jugend von heute hat damit nichts gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.«
»Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm geworden an Persönlichkeiten.«
Doch das Wichtigste war hierbei, daß diese »Persönlichkeit« oder dieser »neue Mensch« sich nicht nur als »unzweifelhafter Edelmann« erwiesen hatte, sondern außerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu betrachten war. Ich habe übrigens schon früher andeutungsweise die Stimmung unserer Grundbesitzer erwähnt.[42]
Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze:
»Und nicht nur, daß er den Studenten nicht gefordert hat,« hob ein anderer hervor, »er hat sogar die Hände ostentativ zurückgezogen! -- Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!«
»Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...« meinte wieder ein anderer.
»Ungeachtet dessen, daß dieses unser hochlöbliches neues Gericht ihn dafür, daß _er_ beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fünfzehn Silberrubeln verurteilt hätte, ha--ha--ha!«
»Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer neuen Gerichte sagen!« regte sich ein Dritter auf. »Hat jemand einen anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer Tat ertappt und überführt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! Ehrenwort, so ist es!«
»Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!«