Sämtliche Werke 5-6

Part 30

Chapter 303,676 wordsPublic domain

»Ähnlich bist du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist du auch verwandt mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist _meiner_ ein lichter Falke und ein Fürst, du aber bist eine Eule und ein Krämer! Wenn _meiner_ will, so beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein Täubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebädkin erzählte. Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht _er_, denke ich, nicht _er_! Würde sich doch mein Falke meiner nie vor einem vornehmen Fräulein geschämt haben! O Gott! Machte mich doch schon der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag, Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl für großes Geld eingewilligt? Ich hätte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha! Ha--ha--ha! ...«

»Idiotin!« knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt.

»Fort, Usurpator!« rief sie plötzlich befehlend. »Ich bin meines Fürsten Frau und fürchte mich nicht vor deinem Messer!«

»Messer!«

»Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du ein Messer hervor!«

»Was hast du gesagt, Unglückliche, was träumst du für Träume!« schrie er sie an und stieß sie aus aller Kraft von sich fort, so daß sie sogar schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug.

Er stürzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem erschreckten Lebädkin mit aller Gewalt zurückgehalten wurde, gelang es ihr noch, ihm kreischend und mit Gelächter durch die Finsternis nachzurufen:

»Der falsche Demet--rius ward ver--flucht!«

IV.

»Ein Messer, ein Messer!« wiederholte Stawrogin immer wieder in unstillbarem Haß, während er mit großen Schritten in den Straßenschlamm und die Regenpfützen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und plötzlich, auf Augenblicke, erfaßte ihn eine unbändige Lust zu lachen, laut und toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrückte das Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brücke war, gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte, die Mütze, grinste heiter, und schloß sich ihm, keck und lustig losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunächst unverändert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darüber -- daß ihm dieser Zuchthäusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort »Ein Messer, ein Messer!« gemurmelt hatte.

Und plötzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und riß ihn aus aller Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, daß er nur so auf die Brücke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu wehren, sagte sich aber sofort, daß er gegen einen solchen Gegner, der ihm zudem noch so überraschend zuvorgekommen war, ungefähr wie ein Strohhälmchen unmöglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb kniend zu Boden gedrückt, die Ellenbogen auf den Rücken gerissen, wie ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er überhaupt nicht an eine ernste Gefahr für sich.

Und er täuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden, doch plötzlich, Gott weiß weshalb, gab er es auf und stieß ihn nur von sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Füßen, wandte sich um, und ein kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand.

»Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort!« _befahl_ Stawrogin mit ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es aufgetaucht war.

Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich umzusehen weiter: aber der hartnäckige Verbrecher folgte ihm doch -- diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie über die ganze Brücke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in eine lange, öde Gasse, denn das war ein näherer Weg zur inneren Stadt, als der über die Bogojawlenskstraße.

»Ist es wahr, man sagt, du hättest hier in der Umgegend in diesen Tagen eine Kirche geplündert?« fragte Stawrogin plötzlich.

»Gnädiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,« antwortete Fedjka gesetzt und höflich, und als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu würdevoll sagte er es, und von der früheren »freundschaftlichen« Familiarität war auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekränkt hat, der aber auch Kränkungen zu vergessen versteht.

»Doch wie mich da unser Herrgott hingeführt hatte,« fuhr er fort, »ach, du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich ohne Unterstützung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gnädiger Herr, zu seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingeführt: hab' für die Sachen im ganzen nur zwölf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte man.«

»Du hast vorher den Wächter erstochen?«

»Nee, das heißt, wir haben's ja beide gemacht, der Wächter und ich, und dann erst, am Morgen, am Flüßchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen sollte. Da sündigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.«

»Erstich noch, stiehl noch!«

»Ganz dasselbe rät mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt geizig und hartherzig in Fragen wie Unterstützung. Außerdem, daß er an den himmlischen Schöpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdkloß gemacht hat, nich für eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur gemacht, sogar jedes letzte Tier, und überdies begreift er schon ganz und gar nich, daß uns in unserem Leben ohne milde Unterstützung überhaupt nichts möglich ist. Fängst du ihm was zu erklären an, glotzt er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich über ihn. Aber werden Sie es wohl glauben, gnädiger Herr, beim Hauptmann Lebädkin beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor Ihnen bei Filippoff wohnte, daß die Tür die ganze Nacht unverschlossen steht, schläft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, daß man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, daß man ohne milde Unterstützung was könnte, daran ist schon gar nich zu denken ...«

»Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?«

»Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur weiß das niemand nich.«

»Warum hast du ihn denn nicht erstochen?«

»Hab erst nachgezählt und mich dann bedacht. So wußte ich denn, daß ich immer hundertfünfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn das, wenn ich ganze tausendfünfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebädkin hat immer sehr auf Sie gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, wenn er voll war, und es gibt hier überhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehört, und so begann ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gnädigen Herrn zu setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gnädiger Herr, wie zu meinem Vater oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darüber niemals was von mir zu hören bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also deshalb meine ich, der gnädige Herr könnte mir doch wirklich jetzt mit drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gnädige Herr mir nur somit klar zu verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit weiß, denn für unsereins ist's nun einmal ohne milde Unterstützung ganz und gar unmöglich.«

Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in dem an fünfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten, fünften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er nach ihnen, und immer erregter stieß er dabei ein kurzes »Äch, Äch« hervor. Schließlich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein -- diesmal allein. Der Strolch blieb zurück, rutschte fast auf den Knien im Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die in den Pfützen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man hören, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes »Äch, Äch!« hervorstieß.

Achtes Kapitel. Das Duell

I.

Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Daß dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich um jeden Preis und so schnell wie nur möglich zu schlagen. Er begriff die Haltung seines Gegners nicht und war außer sich vor Empörung. Schon einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schämte er sich im Grunde der eigenen innersten Gründe des krankhaften Hasses, mit dem er Stawrogin seit der »Nasführung« seines Vaters verfolgte. Auch konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den geringsten Anlaß dazu bot -- ganz abgesehen davon, daß er ihm wegen jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhöflichsten Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen können. Und da er ihn denn alles in allem schließlich für einen ausgemachten Feigling halten mußte, so hatte er sich endlich entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhörten Brief zu schreiben, der denn auch richtig den Verhaßten zu einer Forderung bewog. In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal für eine Forderung bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, daß auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden könnte. Für alle Fälle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklärungen und alle die unerhörten Zugeständnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer unglaublichen Heftigkeit zurückgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon geglaubt, es ließe sich eine Versöhnung zustande bringen. Doch als er bemerkte, daß Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte er schnell wieder geschwiegen. Er wäre wohl überhaupt aufgestanden und fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben hätte; so aber blieb er denn, in der Hoffnung, später vielleicht noch irgendwie vermitteln zu können. Im übrigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen scharfen Abmachungen.

Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrüder Spigulin. Der gestrige Regen hatte völlig aufgehört, aber es war feucht und windig. Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel vorüber; die Bäume rauschten volltönend und mit den Wipfeln wogend und knarrten in den Stämmen; es war ein sehr trauriger Tag.

Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten _char à bancs_{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel, unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er für keinen Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, während er mit der linken Hand aus Unwissenheit beständig die Zügel anzog, weswegen denn das gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schüttelte und bereits deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen -- was übrigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der mißtrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anlaß leicht tief gekränkt fühlte, faßte diese Ankunft hoch zu Roß als neue Beleidigung auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem für sie günstigen Ausgang des Duells überzeugt, so daß sie es gar nicht erst für nötig gehalten hatten, auf alle Fälle einen Wagen zum Transport eines Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor Ärger stieg Gaganoff aus seinem _char à bancs_, wobei er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Auf Stawrogins Gruß dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab.

Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurückgeschickt. Dann maßen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren Platz an und händigten ihnen die geladenen Pistolen ein.

Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen vollkommen ruhig und unbekümmert, sehr genau in der Ausübung seines Amtes, doch ohne allzu geschäftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck, als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewöhnlich, ziemlich leicht gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weißen Kastorhut. Er schien sehr müde zu sein, dann und wann flog ein düsterer Schatten über sein Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mühe wert, seine schlechte Laune zu verbergen. Am eigentümlichsten verhielt sich jedoch Artemij Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde gezwungen, über ihn ein paar Worte hinzuzufügen.

II.

Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein großer Mensch, weiß und wohlgenährt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa dreiunddreißig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man will, sogar hübschen Gesichtszügen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht hätte, so wäre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere Erscheinung gewesen, und es wäre sehr leicht möglich, daß er im Felde einen guten Heerführer abgegeben hätte.

Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, daß der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und qualvoll verfolgende Gedanke an seine »Familienschande« war: die Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub -- durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen für unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich überzeugt, daß er das Regiment und die Kameraden schände, obschon keiner von ihnen etwas von jenem Vorfall wußte. Allerdings hatte er schon früher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch noch geschwankt und sich nicht entschließen können. Den Anstoß zu dieser ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anlaß zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest noch nicht einmal so viel, und außerdem sah er die Berechtigung der humanitären Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die ökonomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fühlte er sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persönlich beleidigt. Es war das zwar nur ein Gefühl bei ihm, beinahe unbewußt, doch vielleicht empfand er es gerade deshalb um so stärker. Bis zum Tode seines Vaters hatte er sich nicht entschließen können, etwas Entscheidendes zu tun; doch durch seinen »aristokratischen« Standpunkt wurde er in Petersburg selbst mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten bekannt, worauf er den Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im übrigen war er ein zurückhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch in Rußland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehörte, die auf das Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und sich damit schon gar zu ernsthaft beschäftigen. Dabei war ihm aber die Geschichte Rußlands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische Art teilweise für eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als er noch in einer besonderen militärischen Schule für ausschließlich vornehme und reiche Zöglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlösser und Burgen, das mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum. Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, daß der Zar des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren körperlich hatte strafen dürfen, und er errötete, wenn er diese Bräuche mit denen des ausländischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, äußerst strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede Pflicht gewissenhaft erfüllte, war im Grunde seiner Seele verträumt. Man behauptete von ihm, er könne Reden, sogar gute Reden halten -- einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreißig Jahre lang fast nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er sich ungewöhnlich hochmütig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurückgekehrt war, und brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer fürchtete er, daß das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen könnte, und selbst die kleinste Verzögerung machte ihn erzittern. Ein geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff, anstatt das Zeichen zum ersten Schuß zu geben, plötzlich zu sprechen begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort vorausschickte.

»Nur _pro forma_ noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in den Händen der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht wünschen, sich zu versöhnen? -- Die Pflicht des Sekundanten,« fügte er fast gleichgültig hinzu.

Und wie um seinen Freund zu ärgern -- so schien es wenigstens Gaganoff --, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend über seine Zusage quälende Vorwürfe gemacht hatte. So griff er denn Kirilloffs Vorschlag schnell auf.

»Ich schließe mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Daß man sich an der Barriere nicht mehr versöhnen könne -- ist ein Vorurteil, das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch überhaupt keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?«

Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher Aufregung gesprochen.

»Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir möglichen Entschuldigungen zu machen,« sagte Stawrogin ungewöhnlich entgegenkommend.

»Wie ist das nur möglich?!« schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, außer sich, und stampfte mit dem Fuß. »Erklären Sie doch diesem Menschen,« -- er stieß dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand -- »wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij Nicolajewitsch, daß solche Zugeständnisse die Beleidigung nur verstärken! Er hält es nicht für möglich, von mir beleidigt zu werden! ... Er hält es für keine Schande, vor mir von der Barriere zurückzutreten! Für wen hält er mich denn nach alledem! Was glauben Sie ... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich nicht treffe!«

Wieder stampfte er mit dem Fuß und Speichel spritzte von seinen Lippen.

»Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hören!« rief Kirilloff laut. »Eins, zwei, drei!«

Bei »drei« gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die Pistole und beim fünften oder sechsten Schritt -- schoß er. Eine Sekunde lang blieb er stehen und, nachdem er sich überzeugt, daß er nicht getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und schoß fast ohne zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, daß Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berühren. Kirilloff erklärte sofort, daß das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht versöhnen wollten, seinen Fortgang nehmen könne.

»Ich behaupte, daß dieser Mensch,« schrie Gaganoff heiser (seine Kehle war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, »daß dieser Mensch absichtlich in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue Beleidigung! Er will das Duell unmöglich machen!«

»Ich habe das Recht, so zu schießen, wie ich will, wenn es nur nach den Regeln geschieht,« bemerkte Stawrogin fest.

»Nein, das hat er nicht! Erklären Sie ihm das, erklären Sie es ihm doch!« schrie Gaganoff.

»Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs,« sagte Kirilloff.

»Warum schont er mich!?« raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hören. »Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ...«

»Ich gebe mein Wort, daß ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte,« sagte Stawrogin ungeduldig. »Ich habe in die Luft geschossen, weil ich niemanden mehr töten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie persönlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht für beleidigt, und es tut mir leid, daß Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem, sich in mein Recht einzumischen.«

»Wenn er sich so vor Blut fürchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er mich überhaupt gefordert hat?« brüllte Gaganoff, immer noch ausschließlich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt.

»Wie sollte man Sie denn nicht fordern?« mischte sich Kirilloff ein. »Sie wollten doch nichts hören, wie sollte man Sie denn los werden?«

»Ich möchte nur bemerken,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der angestrengt und qualvoll über die Sache nachdachte, »wenn der Gegner im voraus erklärt, er werde in die Luft schießen, so kann das Duell, meiner Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich glaube ... auch klaren Gründen.«