Sämtliche Werke 3-4

Part 9

Chapter 93,577 wordsPublic domain

»Was das Leben im Gefängnis betrifft, so kann man auch anderer Meinung sein,« sagte der Fürst. »Ich habe einmal gehört, wie ein Mensch, der zwölf Jahre im Gefängnis verbracht hatte, von diesem Leben erzählte. Es war das einer von den Patienten meines Professors. Er hatte Anfälle, war bisweilen sehr unruhig, weinte und wollte sich einmal sogar das Leben nehmen. Sein Leben im Gefängnis war ein sehr trauriges gewesen, dessen kann ich Sie versichern, doch sicherlich nicht nur von Kopekenwert. Seine ganzen Erlebnisse beschränkten sich auf eine Spinne und einen kleinen Baum, der unter dem Fenster herangewachsen war ... Doch ich werde Ihnen lieber von einem anderen Menschen erzählen, den ich im vorigen Jahre kennen lernte. Hier ist ein Umstand von besonderer Merkwürdigkeit -- eben weil man einen solchen Menschen nur äußerst selten trifft: dieser Mensch war einmal zusammen mit anderen aufs Schafott geführt worden und hatte sein Todesurteil gehört: sie alle sollten wegen eines politischen Verbrechens erschossen werden. Nach etwa zwanzig Minuten wurde ihre Begnadigung verlesen, und sie wurden zu einer milderen Strafe verurteilt. Einstweilen aber, die Zeit zwischen den beiden Verlesungen, also etwa ganze zwanzig Minuten, hatte er natürlich in der festen Überzeugung verbracht, daß er nach wenigen Minuten jählings sterben würde. Ich wollte furchtbar gern einmal hören, wie er seine damaligen Eindrücke jetzt wohl wiedergeben mochte, und versuchte mehrmals, das Gespräch auf jenes Erlebnis zu bringen. Er entsann sich noch jeder Einzelheit ungewöhnlich deutlich und versicherte, daß er niemals auch nur das Geringste vergessen würde, was er in diesen Minuten gesehen oder gedacht. Zwanzig Schritte vom Schafott, das viel Volk und Soldaten umstanden, waren drei Pfähle eingerammt; denn der Verurteilten waren mehrere. Die ersten drei wurden zu den Pfählen geführt und angebunden; man zog ihnen das >Sterbekleid< an -- lange weiße Kittel -- und über die Augen wurden ihnen weiße Kapuzen gezogen, damit sie nicht sähen, wie auf sie gezielt wurde. Vor jedem Pfahl wurde ein Kommando Soldaten, bestehend aus einigen Mann, aufgestellt. Mein Bekannter war der Achte in der Reihe, folglich mußte er als einer der Letzten zu den Pfählen gehen. Der Geistliche trat an jeden heran und segnete ihn mit dem Kreuz. Es blieben ihm noch fünf Minuten auf Erden, nicht mehr. Doch diese fünf Minuten schienen ihm eine unendlich lange Frist, ein unschätzbarer Reichtum; es schien ihm, daß er in diesen fünf Minuten noch so viel Leben zu durchleben habe, daß er an den letzten Augenblick vorläufig noch gar nicht zu denken brauche, und er entwarf noch einen ganzen Plan für die Ausnutzung dieser kurzen Zeit: für den Abschied von den Kameraden bestimmte er zwei Minuten; weitere zwei Minuten bestimmte er dazu, um zum letztenmal noch einmal still für sich zu denken, und die letzte Minute, um noch einmal, zum letztenmal, rings um sich zu schauen. Er entsann sich dieser Zeiteinteilung noch bis auf jede Einzelheit, er wußte genau, welche Gedanken er gehabt, und daß er sich gerade diese Reihenfolge vorgenommen. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt, als er sterben sollte, gesund und kräftig. Als er von seinen Freunden Abschied nahm, stellte er, dessen entsann er sich noch deutlich, an einen von ihnen irgendeine nebensächliche Frage und vernahm sogar sehr interessiert dessen Antwort. Darauf, als er von ihnen Abschied genommen, begannen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, um _still für sich zu denken_. Er wußte, worüber er nachdenken würde: er wollte es sich immer einmal vorstellen, möglichst schnell und klar und grell, wie denn das eigentlich sei: soeben lebt er noch, er _ist_, nach drei Minuten aber _ist_ er _nicht_, nach drei Minuten wird er ein _Irgend-etwas_ sein -- aber was denn, wo denn? Und alles das glaubte er in diesen zwei Minuten entscheiden zu können. Nicht weit von jenem Platz, auf dem sie erschossen werden sollten, war eine Kirche, und das vergoldete Dach des Turmes glänzte im hellen Sonnenschein. Er wußte noch, daß er unverwandt, daß er fast starr auf diesen goldenen Turm und die Strahlen, die von ihm ausgingen, gesehen hatte; er vermochte sich nicht loszureißen von diesen Strahlen: es schien ihm, daß sie seine neue Natur seien, daß er nach drei Minuten irgendwie mit ihnen ineinanderfluten würde ... Die Ungewißheit und der Ekel vor diesem Neuen, das unfehlbar sogleich eintreten mußte und dann ewig sein würde, waren für ihn auch in der Erinnerung noch grauenvoll. Doch trotzdem sei ihm in diesen Augenblicken nichts schwerer gewesen, erzählte er, als der unausgesetzte Gedanke: >Wie aber, wenn du nicht zu sterben brauchtest? Wenn man dir das Leben wiedergeben würde -- welch eine Ewigkeit! Und all das gehörte dann mir! Oh, jede Minute würde ich in ein ganzes Jahrhundert verwandeln, nichts würde ich verlieren, jede Minute würde ich zählen, nichts, nichts würde ich verlieren, keinen Augenblick würde ich ungenützt vergeuden!< Er sagte, daß dieser Gedanke in ihm schließlich zu einem so brennenden Ingrimm geworden sei, daß er nur noch gewünscht habe, schneller erschossen zu werden.«

Der Fürst verstummte plötzlich. Alle erwarteten, daß er noch fortfahren und etwas Besonderes daraus folgern würde.

»Haben Sie beendet, was Sie erzählen wollten?« fragte Aglaja.

»Was? Ach so -- ja,« sagte der Fürst, aus seiner Gedankenverlorenheit auffahrend.

»Wozu haben Sie uns denn das erzählt?«

»So ... es fiel mir gerade ein ... weil wir darauf zu sprechen kamen ...«

»Sie scheinen gern so plötzlich abzubrechen,« bemerkte Alexandra, »Sie wollten damit gewiß sagen, daß mitunter fünf Minuten wertvoller als ein Schatz sein können. Das ist ja alles recht schön und gut, aber, erlauben Sie mal, -- was tat denn dieser Ihr Bekannter, der Ihnen diese Marter geschildert hat: er wurde doch begnadigt, folglich erhielt er diese >Ewigkeit< geschenkt. Nun, und was tat er denn später mit diesem Reichtum? Lebte er wirklich so, daß er keinen Augenblick mehr >ungenützt vergeudete<?«

»O nein, er hat mir selbst gesagt -- auch ich stellte diese Frage an ihn --, daß er längst nicht so gelebt und viele, viele Augenblicke vergeudet und verloren habe ...«

»Nun, dann kann Ihnen ja dies sogleich als Beispiel dienen, und wie Sie daraus sehen, kann man doch nicht so leben, daß man keinen Augenblick ungenützt vergeudet. Aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich.«

»Ja, aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich,« sprach der Fürst gedankenverloren nach, »mir selbst hat es auch so geschienen ... Aber dennoch -- man will es gleichsam nicht glauben ...«

»Das heißt, Sie glauben klüger als alle anderen zu leben?« fragte Aglaja.

»Ja, auch das habe ich mitunter geglaubt.«

»Und glauben es auch jetzt noch?«

»Und ... glaube es auch jetzt noch,« antwortete der Fürst, der mit demselben stillen und nachdenklichen Lächeln Aglaja ansah. Alsbald jedoch lachte er wieder und sah sie heiter an.

»Sehr bescheiden!« Aglaja ärgerte sich fast.

»Aber wie mutig Sie sind, Sie lachen ganz harmlos, während mich das alles so heftig traf und erschütterte, daß es mir noch lange nachher im Traum erschien; gerade diese fünf Minuten habe ich oft im Traum durchlebt ...«

Ernst und prüfend betrachtete er nochmals seine Zuhörerinnen.

»Sie ärgern sich doch nicht aus irgendeinem Grunde über mich?« fragte er plötzlich, offenbar etwas verwirrt, doch blickte er dabei allen offen in die Augen.

»Weshalb?« Alle drei Mädchen wunderten sich über seine plötzliche Frage.

»Nun, weil es doch so den Anschein hat, als wolle ich belehren ...«

Da brachen sie von neuem in Lachen aus.

»Wenn Sie mir böse sind, so ... tragen Sie es mir nicht nach,« bat er. »Ich weiß es ja selbst, daß ich weniger als alle anderen gelebt habe und weniger als alle vom Leben verstehe. Ich spreche mitunter vielleicht sehr sonderbar ...«

Und der Fürst verstummte, nun wirklich verwirrt.

»Wenn Sie sagen, daß Sie glücklich gewesen sind, so haben Sie nicht weniger, sondern mehr gelebt -- weshalb verstellen Sie sich dann und entschuldigen sich?« fragte Aglaja streng, fast händelsüchtig. »Und beunruhigen Sie sich nicht darüber, daß Sie uns belehren, hier kann von einem Triumph Ihrerseits gar nicht die Rede sein. Mit Ihrem Quietismus kann man auch ein Leben von hundert Jahren mit Glück ausfüllen. Ihnen kann man eine Hinrichtung zeigen oder einen kleinen Finger, Sie werden aus dem einen wie aus dem anderen einen gleich lobenswerten Schluß ziehen und überdies noch sehr zufrieden sein. So kann man schon leben.«

»Weshalb ärgerst du dich wieder -- das versteh' ich nicht!« unterbrach sie die Generalin, die schon längere Zeit verwundert die Gesichter der Sprechenden betrachtet hatte, »und wovon ihr redet, kann ich überhaupt nicht begreifen. Was soll dieser kleine Finger? -- Und dieser ganze Unsinn? Der Fürst spricht vorzüglich, nur ein wenig traurig. Weshalb entmutigst du ihn? Als er zu erzählen begann, lachte er noch, jetzt aber hast du ihn ganz verwirrt gemacht.«

»Tut nichts, _maman_. Schade, daß Sie keine Hinrichtung gesehen haben, Fürst, ich würde Sie sonst etwas gefragt haben.«

»Ich habe eine Hinrichtung gesehen,« antwortete der Fürst.

»Ja??« fragte Aglaja ganz überrascht. »Eigentlich hätte ich es mir denken können! Das ist nun das Letzte, das fehlte noch! Aber wenn Sie eine Hinrichtung gesehen haben, wie können Sie dann sagen, daß Sie die ganze Zeit glücklich gewesen sind? Nun, hab' ich nicht recht?«

»Wurde denn auch in Ihrem Dorf hingerichtet?« fragte Adelaida.

»Nein, ich habe in Lyon eine Hinrichtung gesehen. Ich war mit Professor Schneider hingefahren, er nahm mich mit. Als wir ankamen, gerieten wir gerade auf den Platz ...«

»Nun, und es gefiel Ihnen sehr? Es enthielt wohl viel Erbauliches, Nützliches?« fragte Aglaja.

»Es gefiel mir durchaus nicht und ich war nachher krank, aber ich muß gestehen, daß ich wie gebannt hinsah, ich konnte meinen Blick nicht losreißen.«

»Auch ich hätte meinen Blick nicht losreißen können,« sagte Aglaja.

»Dort sieht man es sehr ungern, wenn Frauen einer Hinrichtung beiwohnen, sogar in den Zeitungen wird dann dagegen geschrieben.«

»Das heißt also, daß man es nicht für eine Frauensache hält, sondern nur für eine Männersache, und damit will man's rechtfertigen. Ich gratuliere zu dieser Logik. Und Sie sind natürlich derselben Ansicht.«

»Erzählen Sie uns von jener Hinrichtung,« unterbrach Adelaida die Schwester.

»Ich würde jetzt nichts weniger als gern davon erzählen ...,« sagte der Fürst sehr ernst, und er runzelte ein wenig die Stirn, während es wie ein Schatten über sein Gesicht zog.

»Das sieht ja ganz aus, als sei es hier nicht der Mühe wert,« stichelte Aglaja.

»Nein, ich sagte es nur, weil ich von dieser Hinrichtung vorhin schon erzählt habe.«

»Wem haben Sie davon erzählt?«

»Ihrem Diener, als ich dort wartete ...«

»Welchem Diener?« ertönte es von allen Seiten.

»Nun, dem, der dort im Vorzimmer sitzt, mit dem graumelierten Haar und roten Gesicht. Ich wartete im Vorzimmer, bis Iwan Fedorowitsch mich empfing.«

»Das ist sonderbar,« meinte die Generalin.

»Der Fürst ist ein Demokrat,« warf Aglaja kurz hin. »Freilich, wenn Sie es unserem Alexei erzählt haben, können Sie es uns nicht mehr erzählen.«

»Ich will es aber unbedingt hören!« bestand Adelaida auf ihrem Wunsch.

»Vorhin,« wandte sich der Fürst wieder etwas ermutigter an Adelaida (wie es schien, faßte er sehr schnell Mut und war dann überhaupt sehr zutraulich), »vorhin hatte ich allerdings einen Gedanken, als Sie um ein Sujet für ein Bild baten: zeichnen Sie das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, wenn er auf dem Schafott steht, kurz bevor er den Kopf auf den Block gelegt hat, eine Minute vor dem Niederfallen des Beiles.«

»Wie, das Gesicht? Nur das Gesicht?« fragte Adelaida. »Das ist doch ein etwas eigentümliches Sujet, und was wäre denn das für ein Bild?«

»Ich weiß nicht ... aber warum nicht?« fragte der Fürst, der mit Eifer bei der Sache war. »Ich habe in Basel vor nicht langer Zeit ein ähnliches Bild gesehen. Ich würde es Ihnen gern beschreiben ... nun, ein anderes Mal ... Es hat sich mir unvergeßlich eingeprägt.«

»Oh, das Baseler Bild müssen Sie mir unbedingt einmal beschreiben; jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie sich das Bild dieser Hinrichtung denken. Können Sie es so wiedergeben, wie Sie es sich selbst vorstellen? Wie soll ich denn das Gesicht malen? Nichts als ein Gesicht? Was muß denn das für ein Gesicht sein?«

»Das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, eine Minute vor der Hinrichtung,« begann der Fürst mit ersichtlicher Bereitwilligkeit. Es hatte den Anschein, als ließe er sich von der Erinnerung ganz gefangennehmen, und als hätte er alles übrige schon vollständig vergessen. »Das Gesicht in dem Augenblick, wenn er gerade die kleine Treppe emporgestiegen ist und sich nun plötzlich auf dem Schafott sieht ... Er blickte zufällig in die Richtung, in der ich stand: ich sah sein Gesicht und begriff alles ... Aber wie soll man das in Worten wiedergeben! Ich würde -- ich weiß nicht was darum geben, wenn Sie oder sonst jemand dieses Gesicht zeichneten! Wenn Sie das könnten! Ich dachte schon damals, daß ein solches Bild von großem Nutzen sein würde. Wissen Sie, man müßte in diesem Gesicht alles wiedergeben, was vorhergegangen ist, alles, alles! Er hatte im Gefängnis gesessen und, wie ich später las, erst nach einer Woche die Hinrichtung erwartet. Er hatte auf Verzögerung gerechnet, darauf, daß die Papiere noch irgendwo eingereicht werden müßten und nicht vor einer Woche zurückkommen könnten. Und nun plötzlich hatten alle Formalitäten viel weniger Zeit in Anspruch genommen. Um fünf Uhr morgens schlief er noch. Es war Ende Oktober: da ist es um fünf Uhr kalt und dunkel. Der Gefängnisaufseher trat mit der Wache leise ein und berührte vorsichtig seine Schulter; jener erwachte, richtete sich auf, sah das Licht und die Wachen. >Was ist?< -- >Um zehn Uhr findet die Hinrichtung statt.< Zuerst soll er es gar nicht geglaubt haben, es hieß, er habe sogar gestritten und behauptet, die Papiere könnten nicht vor einer Woche zurückkommen. Doch als er nach dem jähen Erwachen vollends zu sich kam, da hörte er auf zu widersprechen und verstummte -- so wurde später erzählt. Darauf soll er noch gesagt haben: >Es ist doch schwer, so plötzlich ...< worauf er wieder verstummte. Die ersten drei oder vier Stunden vergehen über den Vorbereitungen: da kommt der Geistliche, dann das Frühstück, zu dem er Wein, Kaffee und Rindfleisch erhält -- ist das nicht ein wahrer Spott und Hohn? Wenn man nur bedenkt, wie grausam das alles ist! Und doch, bei Gott, diese unschuldigen Leute sind in ihrer Herzenseinfalt vollkommen überzeugt, daß es ein Werk der Nächstenliebe sei! Darauf folgt das Ankleiden des Verurteilten -- Sie wissen doch, worin das besteht? -- nun, und dann wird er durch die Stadt zum Schafott geführt ... Ich glaube, auch hier muß es dem Betreffenden scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt, während er hingeführt wird. Sicherlich denkt er unterwegs: >Oh, es ist ja noch weit, noch drei ganze Straßen weit habe ich zu leben; jetzt habe ich noch die erste vor mir, dann kommt erst die zweite und dann erst die dritte, wo rechts der Bäckerladen ist ... oh, bis wir erst zum Bäckerladen kommen!< Ringsum drängt sich das Volk, ringsum Geschrei und Lärm, zehntausend Gesichter, zehntausend Augenpaare -- alles das muß er ertragen, doch das Schrecklichste ist der Gedanke: >Da sind ihrer zehntausend, und von ihnen wird keiner hingerichtet, nur ich allein werde hingerichtet!< Und das ist alles erst der Anfang! Eine kleine Treppe führt zum Schafott hinauf; vor dieser Treppe brach er plötzlich in Tränen aus und war doch dabei ein starker Mensch mit männlichem Charakter und ein großer Missetäter, wie man erzählte. Der Geistliche wich keinen Augenblick von seiner Seite, er fuhr auch im Verbrecherkarren mit ihm zum Richtplatz und sprach die ganze Zeit auf ihn ein, doch wird dieser ihm wohl kaum zugehört haben, -- und wenn er auch hingehört haben sollte, so wird er ihn nach dem dritten Wort doch nicht mehr verstanden haben. So hat es unbedingt sein müssen. Endlich begann er die Treppe emporzusteigen. Die Füße waren ihm ja gefesselt, und so bewegte er sich nur mit kleinen Schritten vorwärts. Der Geistliche muß ein verständiger Mann gewesen sein: er hörte auf zu reden und hielt ihm immer nur das Kreuz zum Küssen hin. Vor der Treppe war er sehr bleich, als er aber oben anlangte und auf dem Schafott stand, da wurde er plötzlich weiß, buchstäblich so weiß wie Papier, vollkommen wie ein Blatt weißes Schreibpapier. Zweifellos wurden seine Füße schwach und steif, und es quälte ihn eine gewisse Übelkeit -- als wenn ihn etwas auf die Kehle drücke und dort gewissermaßen ein Kitzeln erzeuge --, haben Sie noch nie diese Empfindung gehabt, nach einem großen Schreck vielleicht oder im Augenblick entsetzlicher Angst, wenn die Vernunft zwar noch in Ordnung bleibt, jedoch gar keine Macht mehr besitzt? Ich glaube, daß, wenn man zum Beispiel unabwendbarem Untergang preisgegeben ist, wenn etwa ein Haus auf einen niederstürzt oder etwas Ähnliches geschieht, daß man dann am liebsten sich hinsetzen und die Augen schließen möchte: laß kommen, was da kommen mag! ... Hier nun, als diese Schwäche bei ihm eintrat, hielt ihm der Geistliche mit einer schnellen Geste und ohne ein Wort zu sagen, das Kreuz zum Kuß hin, fast so nah, daß es die Lippen berührte -- es war ein kleines silbernes Kreuz -- und immer wieder hielt er es ihm hin, in jeder Minute. Und sobald nur das Kreuz seine Lippen berührte, öffnete der Verurteilte die Augen und belebte sich wieder für ein paar Sekunden ... und die Füße gingen wieder. Gierig küßte er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu küssen, ganz wie man sich beeilt, irgend etwas als Vorrat für alle Fälle mitzunehmen; doch ist es nicht anzunehmen, daß er dabei irgendeinen religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewußt war. Und so ging er bis zum Block ... Ist es nicht merkwürdig, daß in diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im Gegenteil, das Gehirn scheint ungemein tätig zu sein, es arbeitet rastlos, unermüdlich, ohne Unterlaß, wie eine Maschine in vollem Gang. Ich denke mir, daß es sehr verschiedene Gedanken sind, die einem dann durch den Sinn jagen, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht sind es sogar sehr lächerliche und ganz nebensächliche Gedanken, wie zum Beispiel: >Dieser lange Mensch dort hat eine Warze auf der Stirn -- hier der untere Knopf am Kittel des Scharfrichters ist verrostet ...< Gleichzeitig aber kann er doch nichts vergessen, kann er nicht einmal in Ohnmacht fallen. Und um dieses eine Unvergeßliche dreht sich alles in seinem Hirn. Und das dauert bis zur letzten Viertelsekunde, wenn der Kopf bereits auf dem Block liegt und wartet und -- _weiß_ und dann plötzlich hört, wie das Eisen über ihm rutscht! Das muß man ja doch unbedingt noch hören! Ich würde, wenn mein Kopf auf dem Block läge, absichtlich hinhorchen und unfehlbar das Geräusch des Niederfallens hören. Es dauert das vielleicht nur ein Zehntel eines Augenblicks, aber man muß es doch unbedingt hören! Und denken Sie, bis jetzt noch streitet man darüber, ob nicht der Kopf, wenn er schon abgeschlagen ist, noch eine Sekunde lang weiß, daß er jetzt abgeschlagen ist und herunterfliegt -- können Sie sich das vorstellen? Und wenn er es nun nicht nur eine Sekunde, sondern ganze fünf Sekunden lang weiß? ... Zeichnen Sie das Schafott so, daß man nur die oberste Stufe ganz deutlich und möglichst nah sieht. In der Mitte steht der Verurteilte, sein Gesicht ist weiß, vollkommen weiß, der Priester hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig mit seinen blauen Lippen küssen will -- er streckt schon die Lippen vor und sieht und sieht und -- _weiß alles_. Das Kreuz und der Kopf -- das ist die Hauptsache, das Gesicht des Priesters, der Henker, dessen zwei Gehilfen, und dann noch unten ein paar Köpfe und Augen, -- das kommt alles erst in dritter Linie, als Beiwerk ... Das wäre das ganze Gemälde.«

Der Fürst verstummte und sah seine Zuhörerinnen an.

»Das sieht jedenfalls nicht nach Quietismus aus,« sagte Alexandra halblaut vor sich hin.

»Nun, und jetzt erzählen Sie mal, wie Sie verliebt waren,« bat Adelaida.

Der Fürst blickte sie verwundert an.

»Hören Sie,« fuhr Adelaida schnell fort, als wolle sie sich mit der Begründung ihrer Bitte beeilen, »Sie sind mir noch die Beschreibung des Baseler Bildes schuldig, ich weiß, aber zuerst will ich hören, wie und wo und wann Sie verliebt gewesen sind. Leugnen Sie es nicht, Sie sind verliebt gewesen. Zudem hören Sie sogleich auf Philosoph zu sein, sobald Sie zu erzählen beginnen.«

»Wenn Sie etwas erzählt haben, scheinen Sie sich sogleich dessen zu schämen, was Sie erzählt haben. Weshalb das?« fragte Aglaja.

»Pfui, das ist mir denn doch zu dumm!« schnitt ihr die Generalin ungehalten das Wort ab.

»Ja, es ist nicht gerade klug,« pflichtete ihr Alexandra bei.

»Achten Sie nicht auf sie, Fürst,« wandte sich die Generalin an ihren Gast, »sie sagt es nur, um sich über Sie lustig zu machen. Sie ist gar nicht so schlecht erzogen. Denken Sie, bitte, nichts Schlechtes von ihnen, weil sie Ihnen so zusetzen; sie haben sich wohl wieder etwas in den Kopf gesetzt, aber ich sehe schon, daß sie Sie trotzdem liebhaben. Ich kenne ihre Gesichter.«

»Auch ich kenne ihre Gesichter,« sagte der Fürst mit besonderem Nachdruck.

»Wie das?« fragte Adelaida neugierig.

»Was wissen Sie von unseren Gesichtern?« fragten wißbegierig auch die anderen.

Doch der Fürst schwieg und blieb ernst; alle warteten, was er wohl antworten würde.

»Ich werde es Ihnen später sagen,« sagte er schließlich halblaut und mit ernstem Gesicht.

»Sie wollen ja durchaus unser Interesse erwecken,« neckte Aglaja, »und dazu welche Feierlichkeit!«

»Nun gut,« fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein, »aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind Sie gewiß auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten. Erzählen Sie also!«

»Ich bin nicht verliebt gewesen,« antwortete der Fürst ebenso leise und ernst, »ich bin anders glücklich gewesen.«

»Wie das? Auf welche Weise?«

»... Gut, ich werde es Ihnen erzählen,« sagte der Fürst nach einer Weile, wie in Gedanken verloren.

VI.

»Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an,« begann der Fürst, »daß Sie mir womöglich böse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz zufriedenstelle. Doch -- das sagte ich ja nur zum Scherz,« fügte er schnell mit einem Lächeln hinzu.