Part 8
»Gewiß doch, _maman_, wenn man mit ihm nicht so zeremoniell zu sein braucht. Und nach der Reise wird er sicherlich Hunger haben, weshalb also soll man ihm nicht zu essen geben, wenn er hier sonst keine Menschenseele hat?« sagte Alexandra, die älteste Tochter.
»Und dann ist er ja wie ein Kind, mit ihm kann man noch Blindekuh spielen.«
»Blindekuh spielen? Wie das?«
»Ach, _maman_, hören Sie doch auf, sich so zu verstellen, bitte!« unterbrach Aglaja sie ärgerlich.
Die mittlere, Adelaida, konnte sich nicht bezwingen und brach in helles Lachen aus.
»Lassen Sie ihn nur herbitten, Papa, _maman_ erlaubt es schon,« entschied Aglaja.
Der General klingelte und ließ den Fürsten zur Generalin bitten.
»Aber nur unter der Bedingung, daß ihm eine Serviette um den Hals gebunden wird, sobald er sich an den Tisch setzt,« sagte die Generalin. »Ruft Fedor -- oder Mawra ... sie soll hinter seinem Stuhl stehen, wenn er ißt. Ist er wenigstens ruhig, wenn er seine Anfälle hat? Macht er nicht wilde Gesten?«
»Im Gegenteil, er ist sogar sehr nett erzogen, er hat vorzügliche Manieren. Mitunter ist er vielleicht etwas gar zu treuherzig ... Ah, da ist er ja selbst! Bitte, hier, stelle euch vor, meine Damen: Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, der Letzte dieses Namens. Ein Namensvetter von dir, liebe Lisaweta Prokofjewna, und vielleicht sogar ein Verwandter. Bitte, sich seiner gefälligst anzunehmen. Sogleich wird das Frühstück aufgetragen, Sie erweisen uns doch die Ehre, Fürst ... Nun, ich aber, Verzeihung, ich habe mich schon verspätet, ich muß eilen ...«
»Wir wissen schon, wohin Sie eilen,« sagte die Generalin bedeutsam.
»Ich eile, ich eile, mein Freund, habe mich nämlich schon verspätet! Gebt ihm übrigens eure Albums, _mesdames_, damit er euch irgend etwas einschreibt. Ihr ahnt gar nicht, was für ein Kalligraph er ist -- einfach ein Phänomen! Angeborenes Talent! Dort bei mir hat er mit mittelalterlichen Buchstaben eine Unterschrift geschrieben: >In Demut unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij< -- großartig! ... Nun, also auf Wiedersehen!«
»Pafnutij? Ein Abt? Warten Sie, aber so warten Sie doch, wohin gehen Sie denn, was ist das für ein Pafnutij?« rief die Generalin mit ärgerlicher Gereiztheit und fast aufgebracht ihrem eilig sich entfernenden Gatten nach.
»Ja, ja, mein Freund, früher hat es einmal einen solchen Abt gegeben ... ich muß zum Grafen, er erwartet mich, schon lange, und die Hauptsache: er hat mich selbst bestellt ... Auf Wiedersehen, Fürst!«
Und Se. Exzellenz verschwand mit schnellen Schritten.
»Ich weiß schon, zu welchem Grafen er geht!« bemerkte die Generalin scharf und wandte gereizt ihren Blick dem Fürsten zu. »Nun -- was war's doch?« begann sie gereizt, indem sie sich ärgerlich des vorhergehenden Gespräches zu erinnern suchte. »Wovon sprachen wir? Ach, richtig! -- nun, was war das für ein Abt?«
»_Maman_,« wollte Alexandra sich einmischen, und Aglaja klappte hörbar mit der Fußspitze auf den Boden.
»Unterbrechen Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna,« wandte sich die Generalin eisig an ihre Älteste. »Ich will es wissen, was es mit diesem Abt für eine Bewandtnis hat. Setzen Sie sich hierher, Fürst, hier auf diesen Sessel mir gegenüber, nein, nein, hierher, mehr ins Licht, rücken Sie der Sonne näher, damit ich Sie besser sehen kann. Nun, was ist das für ein Abt?«
»Der Abt Pafnutij,« antwortete der Fürst mit aufmerksamem und ernstem Gesicht.
»Pafnutij? Das ist interessant. Nun, und was ist's mit ihm?«
Die Generalin stellte ihre Fragen ungeduldig, schnell, schroff, ohne den Blick vom Fürsten abzuwenden, und als dieser antwortete, nickte sie nach jedem Satz mit dem Kopfe.
»Igumen Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert,« begann der Fürst, »und stand einem Kloster an der Wolga in unserem jetzigen Gouvernement Kostroma vor. Er war bekannt wegen seines gottesfürchtigen Lebens und seiner Reise ins Reich der Goldenen Horde[6]. Ferner half er, Ordnung und Ruhe in unseren damaligen Fürstentümern wiederherzustellen. Das Faksimile seiner Unterschrift auf einer Urkunde kam mir zufällig in die Hände. Seine Schrift gefiel mir, und ich versuchte sie nachzuahmen. Als Ihr Herr Gemahl nun sehen wollte, wie ich schreibe, um mir vielleicht eine Anstellung zu verschaffen, schrieb ich einige Sätze auf ein Blatt Papier, unter anderem auch >In Demut unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij<, genau so, wie der Abt selbst geschrieben hat. Diese Schriftprobe gefiel Seiner Exzellenz, und deshalb hat er sie auch erwähnt.«
»Aglaja,« sagte die Generalin »merk dir: Pafnutij, oder notiere den Namen, denn sonst vergesse ich ihn. Ich glaubte, daß es interessanter wäre. Wo ist denn diese Schriftprobe?«
»Sie blieb, glaube ich, auf dem Tisch im Kabinett des Generals.«
»Schickt Fedor hin und laßt sie sofort herholen!« wandte sich die Generalin an ihre Töchter.
»Aber ich kann es Ihnen ja nochmals aufschreiben, wenn Sie wollen.« --
»Gewiß, _maman_,« sagte Alexandra, »jetzt aber täten wir besser, zu frühstücken; wir sind hungrig.«
»Ja, das können wir,« entschied die Generalin. »Gehen wir, Fürst! Bringen Sie auch einen großen Hunger mit?«
»Ja, im Augenblick ist er sogar recht groß. Ich danke Ihnen.«
»Das gefällt mir, daß Sie höflich sind, und ich merke, Sie sind durchaus nicht so ein ... Sonderling, als den man Sie uns zu schildern beliebt hat. Nun, gehen wir ... Setzen Sie sich dorthin, mir gegenüber,« sagte sie, geschäftig dem Fürsten einen Stuhl anweisend, als sie ins Frühstückszimmer traten, »ich will Sie sehen. Alexandra, Adelaida, sorgt dafür, daß der Fürst alles Nötige bekommt. Nicht wahr, er ist doch gar nicht so ... krank? Vielleicht ist's auch gar nicht nötig, ihm die Serviette ... Hat man Ihnen bei Tisch immer eine Serviette umgebunden, Fürst?«
»Früher, als ich etwa siebenjährig war, allerdings, wie ich mich zu erinnern glaube; jetzt jedoch lege ich die Serviette gewöhnlich auf die Knie, wenn ich esse.«
»So macht man's auch. Aber Ihre Anfälle?«
»Anfälle?« wunderte sich der Fürst ein wenig. »Im allgemeinen habe ich meine Anfälle jetzt ziemlich selten. Übrigens, ich weiß nicht: man sagt, das hiesige Klima würde mir schädlich sein.«
»Er spricht sehr gut,« bemerkte die Generalin, sich an ihre Töchter wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Fürsten genickt hatte. »Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur Erfindung, wie gewöhnlich. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren mich sehr.«
Der Fürst dankte und begann, während er mit großem Appetit aß, zwischendurch alles das zu erzählen, was er an diesem Morgen schon zweimal über seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mädchen hörten gleichfalls recht aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte sich, daß der Fürst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch mühten, es ließ sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen ihnen herstellen. Ihre Großväter und Großmütter hätten sich vielleicht noch als entfernte Verwandte betrachten können. Dieses verhältnismäßig trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr guter Laune, als sie sich von der Frühstückstafel erhob.
»So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen,« sagte sie, »der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, müssen Sie wissen, ein bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmäßig zu versammeln pflegen, wenn wir allein sind,« erzählte sie dem Fürsten, während sie sich mit ihm dorthin begab. »Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon, in dem sich dann eine jede damit beschäftigt, wozu sie gerade Lust hat. Alexandra, das ist diese hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier, oder sie liest oder näht. Adelaida malt Landschaften und Porträts -- kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir selbst fällt jede Arbeit aus den Händen: was ich auch beginne, es kommt doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Fürst, hier, an den Kamin, und erzählen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine Sache zu erzählen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst überzeugen ... Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Fürstin Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzählen. Ich will, daß Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.«
»Aber, _maman_, so auf Kommando zu erzählen, ist doch sehr schwer,« bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerückt hatte, jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der längst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.
Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und schienen mit müßig im Schoß ruhenden Händen nichts als zuhören zu wollen. Dem Fürsten fiel es auf, daß von allen Seiten mit ganz besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.
»Ich würde nichts erzählen, wenn man mir befehlen wollte,« sagte Aglaja.
»Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht erzählen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzählen versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzählen Sie, wie Ihnen die Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er wird sogleich beginnen und wird sogar vorzüglich beginnen.«
»Der Eindruck war groß ...,« begann der Fürst, wurde jedoch sofort von der Generalin unterbrochen.
»Seht! Was hab' ich gesagt?« wandte sie sich äußerst befriedigt an ihre Töchter, »da hat er doch begonnen!«
»Aber so lassen Sie ihn doch wenigstens weitererzählen, _maman_,« versuchte Alexandra sie aufzuhalten. »Dieser Fürst ist vielleicht sogar sehr gerieben und nichts weniger als ein Idiot,« raunte sie unbemerkt Aglaja zu.
»Zweifellos, das habe ich schon längst bemerkt,« flüsterte Aglaja ebenso zurück. »Wie dumm von ihm, sich zu verstellen und eine solche Rolle zu spielen. Glaubt er etwa, dadurch zu gewinnen?«
»Der erste Eindruck war ungeheuer groß,« wiederholte der Fürst. »Als man mich aus Rußland fortbrachte und wir durch verschiedene deutsche Städte fuhren, sah ich nur schweigend, was an uns vorüberzog, und ich weiß noch, ich stellte keine einzige Frage. Es war das nach einer ganzen Reihe von sehr starken und qualvollen Anfällen meiner Krankheit. Und nach einer solchen Zeit, wenn meine Krankheit so heftig aufgetreten war und die Anfälle sich mehreremal wiederholt hatten, verfiel ich regelmäßig in vollkommene geistige Stumpfheit, verlor ganz und gar mein Gedächtnis, und wenn der Verstand auch noch arbeitete, so wurde doch die logische Entwicklung meiner Gedanken gleichsam immer abgeschnitten. Mehr als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht nacheinander zu denken. So scheint es mir wenigstens jetzt. Ließen dagegen die Anfälle nach, so wurde ich wieder gesund und kräftig, ganz so wie ich jetzt bin. Ja, ich entsinne mich noch; es war eine unerträgliche Traurigkeit in mir; ich hätte weinen mögen. Ich wunderte mich nur und war sehr unruhig. Doch am entsetzlichsten wirkte auf mich, daß alles um mich herum mir so _fremd_ war; das begriff ich. Diese Fremdheit vernichtete mich förmlich. Aus diesem Zustande, aus dieser Dunkelheit, dessen entsinne ich mich noch deutlich, erwachte ich eines Abends -- es war in Basel, als wir in der Schweiz angelangt waren -- und was mich erweckte, war der Schrei eines Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel frappierte mich ungeheuer: er gefiel mir aus irgendeinem Grunde über alle Maßen. Und im selben Augenblick wurde es gleichsam hell in mir und die Dunkelheit verschwand.«
»Ein Esel? Das ist sonderbar,« meinte die Generalin. »Aber übrigens; was soll denn Sonderbares dabei sein -- manch eine verliebt sich in einen Esel,« bemerkte sie mit zornigem Blick auf die lachenden Töchter. »Auch in der Mythologie gibt es etwas Ähnliches. Fahren Sie fort, Fürst.«
»Seit der Zeit habe ich die Esel sehr lieb. Ich empfinde geradezu Sympathie für sie. Ich erkundigte mich sofort nach ihnen -- es waren meine ersten Worte seit langer Zeit. Ich wollte Näheres über sie hören, denn ich hatte ja noch nie welche gesehn; und so überzeugte ich mich bald selbst, daß sie überaus nutzbare Tiere sind: arbeitsam, stark, geduldig, billig, ausdauernd. Durch diesen Esel aber begann mir von Stund' an die ganze Schweiz zu gefallen, und so verging meine frühere Traurigkeit.«
»Das ist alles sehr eigentümlich, aber ich denke, vom Esel brauchen Sie uns jetzt nichts mehr zu erzählen. Gehen wir auf ein anderes Thema über. Worüber lachst du die ganze Zeit, Aglaja? Und du, Alexandra? Der Fürst hat ganz vorzüglich vom Esel erzählt. Er hat ihn selbst gesehn, was aber hast du gesehn? Du bist noch nie im Auslande gewesen.«
»Ich habe aber doch schon einen Esel gesehn,« sagte Adelaida.
»Und ich habe sogar einen gehört! Einen vierbeinigen!« übertrumpfte sie Aglaja.
Da brachen sie alle drei in Lachen aus und der Fürst lachte mit.
»Das ist aber sehr häßlich von euch,« bemerkte die Generalin, »Sie müssen sie schon entschuldigen, Fürst, sie sind im Grunde gute Mädchen. Ich muß sie ewig schelten, aber ich liebe sie doch. Sie sind flatterhaft, leichtsinnig und im Augenblick einfach unzurechnungsfähig.«
»Weshalb denn das?« fragte der Fürst lachend. »Nur weil sie jetzt lachen? Oh, auch ich würde die Gelegenheit nicht versäumen. Doch trotzdem: ich habe den Esel in jeder Gestalt gern. Ein Esel ist immer ein guter und nützlicher Mensch.«
»Aber Sie selbst, Fürst, sind Sie gut? Ich frage aus Neugier,« sagte die Generalin ganz harmlos.
Wieder brachen alle in Lachen aus.
»Ach, das war doch nicht so gemeint! Ihr habt wirklich nichts anderes als den Esel im Sinn!« rief die Generalin unwillig aus. »Glauben Sie mir, Fürst, ich habe es nur so gesagt, ganz gedankenlos, ohne jede ...«
»Anspielung? Oh, ich glaube es Ihnen, zweifellos!«
Und der Fürst konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.
»Es ist nur gut, daß Sie lachen. Das gefällt mir sehr. Ich sehe, Sie sind ein guter Mensch,« sagte die Generalin.
»Mitunter auch kein guter,« antwortete der Fürst.
»Nun, ich bin immer gut,« bemerkte die Generalin ganz unerwartet, »ich bin tatsächlich immer gut, und das ist mein einziger Fehler; denn man soll nicht immer gut sein. Ich ärgere mich sehr oft über diese drei hier, zum Beispiel, und über Iwan Fedorowitsch besonders, doch dumm ist nur, daß ich noch besonders gut bin, wenn ich mich ärgere. Vorhin, kurz bevor Sie kamen, ärgerte ich mich wieder und tat, als begriffe ich nichts, und als könnte ich auch nichts begreifen. Das kommt bei mir so vor, ganz als wäre ich ein Kind. Aglaja hat mir eine Lektion erteilt, hab' Dank dafür, Aglaja. Übrigens, das ist ja doch alles Unsinn. Ich bin noch nicht so dumm, wie ich scheine und wie mich meine kleinen Töchter machen wollen. Ich habe Charakter und bin nicht zimperlich. Ich sage das jetzt nur so, nicht etwa, weil ich ihnen böse bin. Komm her, Aglaja, gib mir einen Kuß ... Nun, genug der Zärtlichkeit,« sagte sie, als Aglaja ihr nach einem Kuß auf den Mund auch noch zärtlich die Hand küßte. »Fahren Sie fort, Fürst. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas Interessanteres ein als das vom Esel.«
»Ich begreife nicht, wie man so auf Kommando erzählen kann,« wunderte sich Adelaida, »ich würde es wirklich nicht können.«
»Der Fürst aber kann es, wie du siehst. Das kommt natürlich daher, weil er intelligent ist und mindestens zehnmal klüger als du, vielleicht sogar zwölfmal. Ich hoffe, daß du es bald selbst einsiehst. Beweisen Sie es ihnen, Fürst. Fahren Sie fort. Den Esel kann man, denke ich, auch in dieser Geschichte beiseite lassen. Nun was haben Sie denn außer dem Esel im Auslande gesehn?«
»Aber auch das, was der Fürst vom Esel sagte, war interessant,« bemerkte Alexandra. »Der Fürst hat wirklich fesselnd seinen krankhaften Zustand geschildert und wie ihm dann alles, durch einen äußeren Stoß gleichsam, mit völlig unerwarteter Plötzlichkeit in einem ganz anderen Lichte erschien. Es hat mich immer zu wissen interessiert, wie es wohl sein mag, wenn man den Verstand verliert und dann später wieder gesund wird. Besonders wenn es ganz plötzlich geschieht.«
»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte die Generalin lebhaft. »Ich sehe, auch du kannst mitunter klug sein. Nun, genug jetzt gescherzt. Sie blieben, glaube ich, bei der Schweizer Landschaft stehen, Fürst, -- nun?«
»Wir kamen nach Luzern und man brachte mich über den See. Ich fühlte seine Schönheit, aber es war mir dabei unsäglich schwer zumute,« erzählte der Fürst.
»Warum?« fragte Alexandra.
»Das weiß ich nicht. Beim ersten Anblick einer solchen Natur ist mir immer schwer zumute und eine gewisse Unruhe erfaßt mich; schön ist es und doch -- beunruhigend. Aber das war ja alles noch während der Krankheit.«
»Oh, ich möchte gern einmal die Schweiz sehen!« sagte Adelaida. »Wann werden wir endlich einmal ins Ausland reisen? Da sitze ich nun hier und kann seit zwei ganzen Jahren keinen Vorwurf zu einem Gemälde finden.
>Was in Westen und Süden wir lieben, Ist schon längst und vielfach beschrieben<«
zitierte sie. »Suchen Sie mir ein Sujet, Fürst.«
»Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.«
»Ich verstehe aber nicht zu schauen ...«
»Von was für Rätseln redet ihr? -- das soll ein Mensch verstehen! Kein Wort begreife ich!« unterbrach sie die Generalin. »Weshalb verstehst du denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach' sie auf und sieh. Verstehst du es hier nicht, so wirst du's auch dort im Auslande nicht lernen. Erzählen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben, Fürst.«
»Ja, das wird besser sein,« meinte auch Adelaida. »Sie haben ja doch im Auslande das Schauen gelernt.«
»Ich weiß nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das weiß ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glücklich.«
»Glücklich! Sie verstehen es, glücklich zu sein?« rief Aglaja aus. »Wie können Sie dann sagen, daß Sie nicht zu schauen gelernt hätten! Sie werden auch uns noch das Schauen lehren.«
»Ach, bitte, lehren Sie's uns!« bat Adelaida lachend.
»Ich kann nichts lehren,« gab auch der Fürst lachend zurück. »Fast die ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, daß ich mich nicht langweilte, dann aber -- meine Gesundheit besserte sich schnell -- dann wurde mir jeder Tag teuer, und je länger ich da war, desto teurer, so daß es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glücklich. Weshalb aber das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklären.«
»So daß Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr fortgerufen fühlten?« fragte Alexandra.
»Anfangs, ja, ganz zu Anfang -- da rief es mich fort und mich überkam dann eine große Unruhe. Ich dachte immerwährend daran, wie ich einst leben würde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen Augenblicken wurde die Unruhe fast unerträglich. Wissen Sie, es gibt solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen Wasserfall, keinen sehr großen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein schmales, dünnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, -- weiß, rauschend, mit spritzendem, zerstäubendem Gischt. Er stürzte von hoch oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur fünfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen irgendwohin in die Berge ging -- da blieb man plötzlich stehen: ringsum nichts als Fichten, alte, große, harzige Stämme; über einem auf dem Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau, unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, daß man irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und Erde vereinen -- daß dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und geräuschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine große Stadt, wie etwa Neapel, in der nur Paläste sind und Geräusch, und Lärm, und Leben ... Doch wer kann das alles erzählen, was man so zusammengedacht hat! Und dann schien mir wiederum, daß man auch im Gefängnis ein unermeßlich großes Leben finden kann.«
»Diesen löblichen Gedanken habe ich schon in meiner Chrestomathie gelesen, als ich noch zwölf Jahre alt war,« sagte Aglaja.
»Das ist alles Philosophie,« meinte Adelaida, »Sie sind ein Philosoph, Fürst, und sind hergekommen, um uns zu belehren.«
»Sie haben vielleicht recht,« sagte der Fürst lächelnd, »ich bin ... ja, ich bin tatsächlich ein Philosoph und habe vielleicht auch wirklich die Absicht, zu lehren ... Das ist schon möglich ... sogar sehr möglich.«
»Und Ihre Philosophie ist von genau derselben Art, wie die Jewlampia Nikolajewnas,« griff wieder Aglaja auf. »Das ist eine Beamtenfrau -- übrigens ist sie Witwe -- sie besucht uns oft und sitzt dann stundenlang. Bei ihr liegt das ganze Lebensrätsel in der -- Billigkeit. Nur wie man billiger leben könnte, nur von Kopeken spricht sie, und dabei nicht zu vergessen -- sie _hat_ Geld. Genau so ist auch Ihr großes Leben im Gefängnis, und vielleicht auch Ihr vierjähriges Glück im Dorf, für das Sie Ihre große Stadt Neapel verkauften und, wie mir scheint, noch mit Profit, wenn auch nur von Kopeken.«