Sämtliche Werke 3-4

Part 61

Chapter 613,687 wordsPublic domain

Der General wurde rot vor Empörung.

»Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel zu jung dazu.«

»Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen. Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage: >Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff<, und auf der anderen: >Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen Wiedersehen<, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine Seelenmesse lesen lasse -- was doch einfach Blasphemie wäre -- und daß er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun dort aufgestellt sei -- die elfte vom Tore soll es sein --, ein Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.«

»Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund, wenigstens soviel man sehen kann!« meinte der Fürst lachend. »Ich versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen, seien Sie ihm deshalb nicht böse.«

»Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein Tschernosswitoffsches falsches Bein ...«

»Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt man.«

»Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte, ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. >Wenn du,< sagte er zu mir, als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, >wenn du achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof begraben zu haben<.«

»Ja, aber sind Sie denn ...« begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.

Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.

»Sprechen Sie es nur aus, Fürst,« sagte er mit geradezu erhabener Ruhe, »sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles, was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen ist. Hat _er_ Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?«

»Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt -- wenn Sie Lebedeff meinen ...«

»Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit, und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich fragend an?«

»N--ein, ich ...«

»Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,« fuhr der General langsam fort, »doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt -- genau entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.«

»Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich, daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben. Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit, wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war, französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.«

»Nun sehen Sie,« begutachtete der General herablassend diesen Fall. »Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert, denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis -- bis es eben zu spät war. Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als Napoleon gerade vom Pferde stieg ...«

»Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind so furchtlos sein konnten ...« versetzte der Fürst, gepeinigt von dem Gedanken, daß er sogleich erröten würde.

»Nicht wahr? -- und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben nur in der Wirklichkeit geschehen kann -- wollte ein Schriftsteller so etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug zusammenschreiben.«

»Ganz recht!« rief der Fürst. »Diesen Gedanken habe auch ich gehabt, noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr -- jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz vorzüglich bemerkt, General,« schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem Erröten hatte entgehen können.

»Nicht wahr? Nicht wahr?« rief der General ungeheuer geschmeichelt, und seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel ihm plötzlich mein Blick auf -- ich war außerdem vornehm gekleidet, meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in dieser Volksmenge, nicht wahr ...«

»Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.«

»Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet haben. >_Voilà un garçon bien éveillé!_< bemerkte er plötzlich zu seiner Suite. >_Qui est ton père?_<{[32]} Ich antwortete ihm sofort, allerdings fast atemlos vor Aufregung: >Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs Vaterland gefallen ist.< -- >_Ah_,< sagte er, >_le fils d'un boyard et d'un brave par-dessus le marché! J'aime les boyards. M'aimes-tu, petit?_<{[33]} Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell: >Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes den großen Mann anzuerkennen!< Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner Suite. >Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!< sagte er, >doch wenn alle Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...< Er sprach den Satz nicht zu Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und schließlich sagte: >Das war eine große Frau!< und dann weiterging. Nach zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man nannte mich nur noch >_le petit boyard_<.{[34]} Zu Hause, wo alles auf dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft, am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte. Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr ... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen, goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen, offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.«

»Ja, natürlich ...« murmelte der Fürst geradezu hilflos, »Ihre Memoiren würden sehr ... interessant sein.«

Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und -- prüfend sah er ihn an.

»Meine Memoiren,« sagte er mit Stolz, »Sie meinen, ich soll meine Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat, erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden, nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug: als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß die Ursache seines Leidens -- das Schweigen Kaiser Alexanders war.«

»Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit Friedensvorschlägen ...« bemerkte der Fürst schüchtern.

»Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht -- wir waren beide ganz allein -- stürzte ich weinend zu ihm -- oh, ich liebte ihn! -- und ich flehte ihn an: >Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um Verzeihung!< Das heißt, ich hätte sagen sollen: >Schließen Sie mit ihm Frieden<, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. >Mein Kind!< sagte er -- er promenierte auf und ab im Zimmer --, >oh, mein Kind!< -- er schien es damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. >Oh, mein Kind,< sagte er, >ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!< Es war, als hätte er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen niederschreiben -- und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren Ereignissen --, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ... nein, ich danke dafür!«

»Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,« sagte der Fürst nach kurzem Schweigen. »Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von Charras, >_Campagne de 1815_<,{[35]} gelesen. Es ist augenscheinlich ein ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?«

Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten zerstreute sein letztes Mißtrauen.

»Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles. Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus, und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken Rustan ...«

»Constant,« entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.

»N--ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun, und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen Augen auf. >Kind!< wandte er sich an mich, >was meinst du: wenn ich zur rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite, würden mir die Russen dann folgen?< -- >Niemals!< rief ich mit Unwillen. Napoleon war ganz betroffen. >In den Augen dieses Kindes, aus denen der Patriotismus glüht,< sagte er, >habe ich die Gesinnung des ganzen russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.<«

»Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,« sagte der Fürst, sichtlich interessiert. »Und Sie schreiben es Davoust zu?«

»Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere Projekt war ... Das war jener >_conseil du lion_<,{[36]} wie Napoleon selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte, wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden sollten -- ein Blick, ein Wort und -- die Sache war gemacht. Schließlich war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. >Ich gehe<, sagte Davoust. >Wohin?< fragte Napoleon. >Pferde einsalzen zu lassen<, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der Augenblick der Entscheidung. >Kind,< wandte er sich plötzlich an mich, >was meinst du zu unserem Vorhaben?< Natürlich fragte er mich nur, wie bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los entscheiden läßt, als daß er's selbst tut ... wie man eine Münze hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: >Sehen Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!< Damit war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte beim Hinausgehen: >_Bah! Il devient superstitieux!_<{[37]} Am nächsten Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.«

»Das ist natürlich alles sehr interessant,« murmelte der Fürst kaum hörbar, »wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen ...« beeilte er sich, sich zu verbessern.

»Oh, Fürst!« rief der General, der selbst von seiner Erzählung so begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. »Sie sagen: >wenn es nur auch wirklich so war!< Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend -- der Mameluk Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte dieser Mensch. >Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben<, sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. >Du bemitleidest mich!< rief er aus, >nur du, Kind, tust es, und vielleicht wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, _le roi de Rome_!{[38]} Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten sein, die mich im Unglück verlassen!< Ich schluchzte laut auf und eilte zu ihm -- da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm aus den Augen. >Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin Josephine!< bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte nach und sagte dann zu mir: >Du hast mich an ein drittes Herz erinnert, das mich liebt. Ich danke dir, Freund!< Und er setzte sich sogleich an den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.«

»Das war sehr gut von Ihnen,« sagte der Fürst, »mitten in seinen düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.«

»Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht auch Ihrem eigenen Herzen!« stimmte der General begeistert bei, und seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. »Ja, Fürst, ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich aber -- kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! >Ich will dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,< sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, >ich würde aber gern etwas für dich tun.< Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen. >Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,< bat ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. >Wie alt ist deine Schwester?< fragte er, die Feder bereits in der Hand. >Drei Jahre<, antwortete ich. >_Petite fille alors._<{[39]} Und er schrieb ins Album:

>_Ne mentez jamais._< >_Napoléon, votre ami sincère._<{[40]}

Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben, Fürst, was!«

»Ja, das ist sehr bezeichnend.«

»Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle der Wand -- sie starb im Wochenbett --, wo es jetzt ist, weiß ich nicht ... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!«

Der General erhob sich.

»Oh, im Gegenteil!« murmelte der Fürst. »Sie haben mich so gut unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür!«

»Fürst!« sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte -- er schien plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick. »Fürst!« rief er aus, »Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann. Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie!«