Sämtliche Werke 3-4

Part 60

Chapter 603,704 wordsPublic domain

Lebedeff erschien unverzüglich, »es sich zur Ehre anrechnend«, wie er schon in der Tür zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet, daß er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Fürsten versteckt oder doch wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich auf den Rand des Stuhles, auf den der Fürst gewiesen hatte, lächelte und blinzelte und schnitt unbewußt Grimassen, während seine lachenden Augen flink beobachteten, und er sich händereibend in der naivsten Weise irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht, deren Sinn wohl schon längst von allen erraten war. Der Fürst stutzte wieder: er begriff plötzlich, daß alle jetzt etwas von ihm erwarteten; sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lächelnd an, und schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu beglückwünschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen gaben. Keller war bereits dreimal »nur auf einen Moment« erschienen, mit dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert, doch nichtsdestoweniger unverständlich zu sprechen begonnen, jedoch keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt -- und dann war er wieder schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tüchtig in Alkohol und lärmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Koljä hatte trotz seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.

Der Fürst wurde etwas nervös und fragte Lebedeff gereizt nach seiner Meinung über den gegenwärtigen Zustand des Generals: ob er den Grund wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzählte ihm zum Schluß in kurzen Worten das letzte Gespräch, das er mit dem General gehabt hatte.

»Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Fürst, und ... das ist nun mal so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja!« antwortete Lebedeff auffallend trocken und verstummte gekränkt, mit der Miene eines Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttäuscht worden ist.

»Sie sind ja Philosoph!« meinte der Fürst mit einem Lächeln.

»Ohne das geht's nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not -- ich rede vornehmlich von der praktisch angewandten --, nur wird sie nicht genügend beachtet; das ist's. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter Fürst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze, und darüber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und fühle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.«

»Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich über irgend etwas zu ärgern?«

»Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Fürst, nicht im allermindesten!« versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und preßte die Hand wieder ans Herz. »Ich habe vielmehr sogleich begriffen, daß ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtümern, noch durch meine frühere Aufführung, zumal auch meine Kenntnisse an die Ihrigen nicht hinanreichen --, daß ich dieserhalb durch nichts Ihr ehrendes, hoch erhaben über all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben, Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich ärgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrübt.«

»Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!«

»Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall! Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken überallhin folgte, sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des Hauses, in dem er wohnt, könnte ich vielleicht zur rechten Zeit sozusagen Verhaltungsvorschriften für die zu ergreifenden Maßregeln empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende Veränderungen ... wie gesagt ...«

Lebedeffs listige Äuglein blickten unverwandt den Fürsten an, der ihn verständnislos und vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Offenbar wollte Lebedeff die Hoffnung, daß seine Neugier endlich befriedigt werden würde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.

»Ich verstehe kein Wort,« sagte schließlich der Fürst ungehalten. »Sie ... Sie sind ein grauenvoller Intrigant!« schloß er plötzlich herzlich auflachend.

Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, während sein aufleuchtender Blick sofort verriet, daß seine Hoffnung sich verdoppelt hatte.

»Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie mir nur nicht böse ... Ich kann mich wirklich bloß wundern über Ihre Naivität, und nicht nur über die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so erstaunlichen Naivität etwas von mir -- gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick --, daß ich mich vor Ihnen geradezu schäme und mich fast sogar irgendwie schuldig fühle, weil ich nichts habe, womit ich Sie befriedigen könnte, wirklich, ich schwöre es Ihnen,« beteuerte der Fürst lachend.

Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzüglich, sich glatt wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fällen aber war er, der sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Fürst ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder zurückwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete, sondern weil der Gegenstand seiner Neugier für den Fürsten ein gar zu peinliches Thema war. Betrachtete der Fürst doch noch vor ein paar Tagen gewisse »Traumgedanken«, in denen er sich mitunter unbewußt verlor, direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch faßte diese Abweisungen des Fürsten als Ausdruck persönlicher Antipathie und großen Mißtrauens auf und war in diesem Punkte nicht nur auf Koljä und Keller, sondern auch auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eifersüchtig. In diesem Augenblick zum Beispiel hätte er dem Fürsten etwas mitteilen können, das diesen sehr interessiert haben würde, doch er verstummte gekränkt und teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan hätte.

»Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Fürst, da Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben?« fragte er schließlich nach längerem Schweigen.

»Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen,« sagte der Fürst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, »und ... wie steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten ...«

»Von dem ich -- was?«

»Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Weiß Gott, Lukjan Timofejewitsch, Sie müssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzählten, am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren -- haben Sie endlich begriffen?«

»Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert!« sagte Lebedeff enttäuscht und als entsänne er sich jetzt erst. »Ich danke Ihnen, Fürst, für Ihre aufrichtige Teilnahme, ich fühle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.«

»Gefunden? Ach, Gott sei Dank!«

»Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Fürst, denn vierhundert Rubel zu verlieren -- das ist kein Kinderspiel für einen armen Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernähren muß ...«

»Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ... Natürlich freut es mich, daß Sie sie gefunden haben,« verbesserte sich der Fürst, »aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?«

»Äußerst einfach: unter dem Stuhl, über dessen Lehne ich meinen Hausrock geworfen hatte, so daß die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche herausgefallen sein muß.«

»Wie -- unter dem Stuhl? Das ist doch nicht möglich ... Sie sagten mir doch selbst, daß Sie überall gesucht hätten -- wie konnten Sie dann die wichtigste Stelle übersehen?«

»Das ist es ja eben, daß ich überall gesucht habe! Das weiß ich selbst nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen, habe jedes Brett des Fußbodens mit der Hand befühlt, da ich meinen eigenen Augen nicht genügend traute. Und obschon ich sah, daß da nichts war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befühlen. Dieser Kleinmut ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstände handelt ... oder um ähnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas ist sehr betrübend: er sieht doch, daß dort nichts ist, und dennoch wird er mindestens fünfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, daß dort nichts auf dem Fußboden liegt, die Stelle ist glatt wie hier meine Handfläche, und dennoch fahre ich fort, sie zu betasten.«

»Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer nicht,« sagte der Fürst, dessen Gedanken im Augenblick halb betäubt waren. »Sie sagten doch früher, daß Sie trotz allen Suchens nichts gefunden hätten, und nun plötzlich ...«

»Und nun plötzlich habe ich gefunden.«

Der Fürst blickte Lebedeff eigentümlich an.

»Und der General?« fragte er nach einer Weile.

»Der General? Was ist mit dem?« begriff Lebedeff wieder nicht.

»Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen gesucht.«

»Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher nichts davon zu sagen, daß ich die Brieftasche selbst und allein gefunden hatte.«

»Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzählig?«

»Ich öffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel, nichts hat er angerührt.«

»Hätten Sie mir das doch gleich gesagt!« sagte der Fürst mit leisem Vorwurf und versank in Gedanken.

»Ich fürchtete, Sie zu beunruhigen, Fürst, bei Ihren persönlich in dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrücken. Und außerdem gab ich mir auch selbst den Anschein, als hätte ich nichts gefunden. Die Brieftasche öffnete ich, sah hinein, zählte nach, schloß sie wieder und legte sie zurück auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.«

»Aber weshalb denn das?«

»S--so--o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen würde. Hehe,« meinte Lebedeff, mit seligem Lächeln sich die Hände reibend.

»Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?«

»Oh, nein; bloß vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie mal, ich wollte zum Teil, daß der General sie selbst fände. Denn wenn ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schließlich nicht auch der General sie finden können, da sie doch dort, auf dem Boden liegend, einem jeden sozusagen in die Augen springt -- denn der Stuhl verdeckt sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so, wissen Sie, ganz harmlos im Vorübergehen, so daß die Brieftasche wie auf dem Präsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges Mal! Und das dauerte so ganze zwölf Stunden. Er muß doch, wie man sieht, recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er spricht, spricht, erzählt, lacht -- und plötzlich ärgert er sich über mich ohne jede Veranlassung, ich begreif' ihn wahrhaftig nicht! Schließlich verließen wir das Zimmer, ich aber ließ die Tür absichtlich offen stehen; er -- ich sah es wohl -- er zögerte ein wenig und wollte schon etwas sagen, fürchtete wahrscheinlich für die Brieftasche, die mit so viel Geld dort liegen blieb, doch plötzlich ärgerte er sich entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der Straße zusammen, da verließ er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns wieder im Restaurant.«

»Aber schließlich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?«

»N--nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.«

»Aber, wo ist sie denn jetzt?«

»Hi--ier,« sagte plötzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoßes und blickte den Fürsten mit unschuldig gutmütigen Augen an. »Plötzlich befand sie sich hier in meinem eigenen Rockschoß. Hier, bitte, sich zu überzeugen, fühlen Sie mal.«

In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoßecke, gerade auf der sichtbarsten Stelle eine kleine Erhöhung, die, wie man auf den ersten Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem größeren Portemonnaie oder einer Brieftasche, herrühren konnte.

»Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.«

»Und tun, als bemerkten Sie nichts?«

»Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch bloß mal vor, hochverehrter Fürst -- wenn auch der Gegenstand an sich keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist --, noch nie hat eine meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun plötzlich ist in einer einzigen Nacht ein so riesengroßes entstanden! Das bewog mich denn auch, etwas schärfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten -- fast nicht zu glauben, nicht wahr?«

»Und ... der General?«

»Ärgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist äußerst unzufrieden mit sich und der ganzen Welt, wie's scheint: bald ist er freudig erregt bis zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Tränen gerührt, um dann wiederum ganz plötzlich in wahre Berserkerwut zu geraten, so daß, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin kein Soldat, wie er! Gestern saßen wir beide im Restaurant, mein Rockschoßzipfel steht aber zufällig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt aber kein Wort, ärgert sich bloß. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt er längst nicht mehr, höchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz gerührt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, daß es mir einfach kalt über den Rücken lief. Übrigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm verbringen.«

»Weshalb quälen Sie ihn so?!« rief der Fürst vorwurfsvoll.

»Ich quäl' ihn nicht, Fürst, ich quäl' ihn nicht im geringsten, bewahre!« versetzte Lebedeff mit Eifer. »Ich liebe ihn aufrichtig und ... achte ihn sogar; aber jetzt -- glauben Sie es mir oder glauben Sie es mir nicht -- jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schätze ich ihn noch viel mehr!«

Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, daß es den Fürsten einfach empörte.

»Wenn Sie ihn lieben, wie können Sie ihn dann so quälen! Ich bitte Sie, er hat doch allein schon damit, daß er das Vermißte so offen hingelegt, zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er Ihnen bewiesen, daß er sich nicht vor Ihnen versteckt, daß er keine Kniffe anwenden will, daß er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hören Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefühl, er glaubt an Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen können Sie so weit erniedrigen!«

»Stimmt! -- er ist der ehrlichste Mensch, Fürst, der ehrlichste von allen!« griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. »Nur Sie allein, edelster Fürst, sind fähig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen! Dafür aber bin ich Ihnen bis zur Vergötterung zugetan, wenn ich auch selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ... hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier -- nehmen Sie es, Fürst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder übermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Fürst, jetzt ist's doch klar, daß sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? -- was meinen Sie?«

»Hören Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, daß Sie die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, daß sie nicht mehr im Rockschoß ist, dann wird er schon begreifen.«

»Ja--a? Wäre es nicht doch besser, zu sagen, daß ich sie gefunden habe und sich dabei so zu stellen, als hätte ich nichts erraten?«

»N--nein,« sagte der Fürst nachdenklich, »n--nein, jetzt ist es schon zu spät dazu, es wäre zu gefährlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts merken, und ... und ... wissen Sie ...«

»Ich weiß, Fürst, ich weiß! -- das heißt, ich weiß, daß ich es wahrscheinlich nicht erfüllen werde, denn dazu müßte man ein Herz haben, wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer Mensch. -- Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung -- nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den Rockschoßzipfel so, daß die dicke Stelle einem jeden auffallen mußte! hehehe! Auf Wiedersehen, Fürst, denn ich störe wohl, wie ich sehe, und hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefühle zu vertiefen ...«

»Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hüten Sie das Geheimnis, hören Sie!«

»Jawohl, gewiß, gewiß, gehe mit sachten Schritten und als wäre nichts geschehen!«

Der Fürst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in Sorgen um den General zurück, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt noch vergrößert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem General entgegen.

IV.

Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte, daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten -- gerade so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.

»Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,« machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. »Besten Dank.«

»Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch sehr interessant?« fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein nebensächliches Gespräch anfangen zu können.

»In--ter--essant? -- ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein wahres Wort daran.«

Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit -- dem Fürsten wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu -- und zog dabei mit einer gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.

»Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht wahr?«

»Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so--o ... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben, als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen -- das Haus Herrn Lebedeffs.«

Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.

»Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei Ihrer Frau Tochter ...« sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.

Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer »schicksalsschweren Entscheidung« seinen Rat einzuholen.

»Bei meiner Frau,« korrigierte der General, »mit anderen Worten, bei mir, und im Hause meiner Tochter.«

»Verzeihen Sie, ich ...«

»Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan, bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.«

»Es ist viel Unordnung in ihm,« bemerkte der Fürst zurückhaltend, »und gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.«

Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.

»Daß er auch gute Eigenschaften hat,« fiel der General ein, »das dürfte ich wohl als erster bemerkt haben -- da ich doch diesem Individuum fast meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich seiner Gastfreundschaft bedarf -- ich habe mein eigenes Heim. Ich will meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen -- verzeihen Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort --, doch nicht nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich, alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind, sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit sondergleichen! ...«

»Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...«

»Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken, und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.«