Sämtliche Werke 3-4

Part 52

Chapter 523,744 wordsPublic domain

Meine letzte Erklärung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich nicht imstande wäre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu hätte ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wäre mir allein schon die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin kein französischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann die Versuchung: Die Natur hat meine Betätigungsmöglichkeit mit ihren drei Wochen Frist dermaßen eingeengt, daß der Selbstmord die einzige Tat ist, die ich noch vollführen kann, das heißt anfangen und beenden nach meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte Möglichkeit einer _Tat_ ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine geringe Tat ...«

Die »Erklärung« war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...

Ein nervöser Mensch, der gereizt und außer sich den äußersten Grad zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewöhnlich zu allem bereit, selbst zum größten Skandal, und ist sogar froh über ihn: er stürzt sich auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine Minute nachher sich von einem Turm hinabzustürzen und damit alle Mißverständnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschöpfung der physischen Kräfte. Die ungewöhnliche, beinahe unnatürliche Anstrengung hatte Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser achtzehnjährige, von der Krankheit erschöpfte Jüngling so schwach, wie ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen über die Zuhörer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektüre, so drückte sich auch schon in ihnen, in seinem Lächeln, Hochmut, Verachtung und Widerwillen aus. Es drängte ihn zu einer Herausforderung. Doch auch die Zuhörer waren unwillig. Alle erhoben sich lärmend und geärgert vom Tisch. Die Müdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhöhten noch das Peinliche des Eindrucks.

Plötzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand vom Platze gerissen.

»Die Sonne geht auf!« schrie er, als er die glänzenden Spitzen der Bäume sah und zeigte sie dem Fürsten, wie man ein Wunder zeigt. »Sie ist aufgegangen!«

»Und Sie glaubten wohl, daß sie nicht aufgehen werde, wie?« bemerkte Ferdyschtschenko.

»Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag über,« brummte nachlässig, ärgerlich Ganjä, drehte seinen Hut in den Händen, gähnte und reckte sich. »Den ganzen Monat schon diese Dürre! ... Gehen wir oder gehen wir nicht, Ptizyn?«

Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an, erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Körper.

»Sie zeigen Ihre Gleichgültigkeit, mit der Sie mich kränken wollen, recht ungeschickt,« wandte er sich an Ganjä und sah ihm gerade ins Gesicht. »Sie sind ein Lump!«

»Das übersteigt denn doch schon alles!« brüllte Ferdyschtschenko.

»Das ist doch eine phänomenale ...!«

»Einfach ein Dummkopf,« sagte Ganjä.

Hippolyt nahm sich wieder zusammen.

»Ich verstehe, meine Herren,« begann er wie vorher, zitternd und jedes Wort wie abgerissen hervorstoßend, »daß ich mir vielleicht Ihren persönlichen Haß zugezogen habe, ich ... bedaure es, daß ich Sie mit diesen Phantasien gequält habe« -- er wies auf seine Schrift -- »oder ich bedaure vielmehr, Sie nicht ganz totgequält zu haben;« er lächelte dumm. »Ich habe Sie gelangweilt, Jewgenij Pawlowitsch?« wandte er sich plötzlich mit einer Frage an diesen. »Habe ich Sie gelangweilt oder nicht? Sagen Sie!«

»Etwas lang, doch im übrigen ...«

»Sagen Sie alles! Lügen Sie doch wenigstens einmal in Ihrem Leben nicht!« befahl ihm zitternd Hippolyt.

»Oh, mir ist das ganz gleichgültig! Lassen Sie mich bitte gefälligst in Ruh,« antwortete ihm Jewgenij Pawlowitsch, sich angewidert von ihm abwendend.

»Gute Nacht, Fürst,« verabschiedete sich Ptizyn vom Fürsten.

»Er wird sich sofort erschießen, was tun Sie! Sehen Sie ihn doch an!« rief Wjera, stürzte zu Hippolyt und packte ihn an beiden Händen. »Er sagte doch, daß er sich bei Sonnenaufgang erschießen würde, was machen Sie denn mit ihm!«

»Der wird sich nicht erschießen!« riefen höhnisch einige Stimmen, unter denen auch die Ganjäs war.

»Meine Herren, nehmen Sie sich in acht!« rief Koljä und packte auch Hippolyt am Arm. »Sehen Sie ihn doch nur an! Fürst! Fürst, was haben Sie denn!«

Um Hippolyt bemühten sich Wjera, Koljä, Keller und Burdowskij.

»Er hat das Recht ... das Recht ...« brummte Burdowskij, übrigens ganz gedankenverloren.

»Erlauben Sie, Fürst -- welche Anordnungen ... wollen Sie jetzt tr...effen?« wandte sich Lebedeff, der halb betrunken war, an den Fürsten.

»Was für Anordnungen?«

»Nein--n; erlauben--n Sie; ich bin hier der Wirt und will in meiner Hochachtung ... N--nehmen wir an, daß Sie der Wirt sind, so will ich d--doch nicht, daß in meinem Hause ... J--a--a.«

»Wird sich nicht erschießen; der Junge renommiert ja nur!« rief voll Unwillen und ganz unerwartet General Iwolgin.

»Ah, der General!« griff Ferdyschtschenko auf.

»Ich w--eiß, daß er sich nicht erschießen wird, mein General, mein sehr verehrter General ... doch immerhin ... i--ich bin der Wirt.«

»Hören Sie, Herr Terentjeff,« sagte plötzlich Ptizyn und reichte, nachdem er sich vom Fürsten verabschiedet hatte, Hippolyt die Hand, »Sie äußerten sich, glaube ich, vorhin darüber, daß Sie Ihren Leichnam der Akademie vermachen wollten? Haben Sie da wirklich Ihren Leichnam gemeint, oder vermachen Sie ihr nur Ihre Knochen?«

»Ja, meine Knochen ...«

»So, so. Man könnte sich da leicht irren: man sagt, es sei schon einmal vorgekommen.«

»Warum reizen Sie ihn?« schrie plötzlich der Fürst.

»Sie haben ihn schon bis zu Tränen gebracht,« fügte Ferdyschtschenko hinzu.

Doch Hippolyt weinte durchaus nicht. Er wollte sich von der Stelle bewegen, aber alle, die um ihn herumstanden, ergriffen ihn sofort am Arm. Allgemeines Gelächter.

»So weit hat er's gebracht, daß ihn alle jetzt festhalten werden; darum hat er also aus dem Papier da vorgelesen,« bemerkte Rogoshin. »Lebe wohl, Fürst! Eh, mir schmerzen die Knochen vom Sitzen.«

»Wenn Sie wirklich die Absicht hatten, sich zu erschießen, Terentjeff,« sagte lachend Jewgenij Pawlowitsch, »so würde ich jetzt an Ihrer Stelle, nach solchen Komplimenten, mich absichtlich nicht erschießen, um sie alle zu ärgern.«

»Sie möchten es wohl furchtbar gerne sehen, wie ich mich erschieße!« stieß Hippolyt hastig hervor.

»Sie ärgern sich alle, daß sie es nicht sehen werden.«

»So denken auch Sie, Jewgenij Pawlowitsch, daß sie es nicht sehen werden?«

»Ich will Sie nicht aufhetzen; im Gegenteil, ich glaube, daß es sogar sehr möglich ist. Hauptsächlich, ärgern Sie sich nicht ...« sagte gönnerhaft Jewgenij Pawlowitsch.

»Ich sehe jetzt, was für einen Fehler ich damit begangen habe, daß ich Ihnen dieses Schriftstück vorlas!« wandte sich Hippolyt so vertrauensvoll an Jewgenij Pawlowitsch, als hätte er einen Freund um seinen freundschaftlichen Rat gefragt.

»Die Lage ist ziemlich lächerlich, doch ... wirklich, ich weiß nicht, was ich Ihnen raten soll,« antwortete ihm lächelnd Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an, ohne seinen Blick von ihm abzuwenden, und schwieg. Man hätte denken können, daß er geistesabwesend wäre.

»N--nein, erlauben Sie, das ist doch eine sonderbare Manier,« mischte sich wieder Lebedeff ins Gespräch, »>werde mich erschießen, im Park, um niemanden zu beunruhigen!< Er glaubt also, damit niemanden zu beunruhigen, wenn er drei Schritt von der Treppe entfernt in den Park geht.«

»Meine Herren ...« begann der Fürst.

»N--nein, erlauben Sie, sehr verehrter Fürst,« griff Lebedeff wieder mit Eifer auf, »wie Sie es selbst gesehen haben, ist es kein Spaß, wenigstens ist die Hälfte Ihrer Gäste auch der Meinung und überzeugt, daß er sich jetzt, nach diesen hier ausgesprochenen Worten, und um seine Ehre zu retten, erschießen muß, und da fordere ich Sie auf, als Wirt, hier einzugreifen!«

»Was soll ich denn tun, Lebedeff? Ich bin sofort bereit, hier ...«

»Was Sie tun sollen: erstens, soll er sofort die Pistole herausgeben, die er uns ja so ausführlich beschrieben hat. Wenn er sie herausgegeben hat, so bin ich damit einverstanden, daß er diese Nacht hier im Hause schläft, in Anbetracht seines Zustandes, doch unter meiner Aufsicht. Aber morgen möge er sich fortbegeben, einerlei wohin; entschuldigen Sie, Fürst! Wenn er die Pistole nicht sofort herausgibt, so nehme ich ihn an der einen Hand, der General an der anderen, und bringe ihn dann sofort auf die Polizei. Denn es ist dann schon Sache der Polizei und nicht mehr meine Sache. Herr Ferdyschtschenko kann auch noch als guter Bekannter mitkommen.«

Es erhob sich ein Lärm. Lebedeff geriet immer mehr außer sich. Ferdyschtschenko machte sich schon bereit, mit auf die Polizeiwache zu gehen. Ganjä bestand hartnäckig darauf, daß sich niemand erschießen werde. Jewgenij Pawlowitsch schwieg.

»Fürst, sind Sie schon einmal vom Turm gestürzt?« fragte ihn flüsternd plötzlich Hippolyt.

»Nein ...« antwortete naiv der Fürst.

»Glauben Sie wirklich, daß ich diesen ganzen Haß nicht vorausgesehen habe!« flüsterte wieder Hippolyt mit glänzenden Augen und sah den Fürsten an, als hätte er wirklich von ihm eine Antwort erwartet. »Gut!« wandte er sich plötzlich an alle, »ich bin schuldig ... vor allen! Lebedeff, hier ist der Schlüssel« -- er zog ein Portemonnaie aus der Tasche und entnahm ihm einen Schlüsselring mit vier kleinen Schlüsseln. »Dieser vorletzte ist es ... Koljä wird Ihnen zeigen ... Koljä! Wo ist Koljä?« rief er und bemerkte Koljä nicht, obgleich er ihn starr ansah. »Da ... er wird Ihnen zeigen, er hat mit mir zusammen den Koffer gepackt. Führen Sie ihn ... Koljä ... dahin, beim Fürsten im Kabinett, unter dem Tisch ... mein Koffer ... mit diesem Schlüssel ... unten ... meine Pistole ... und das Horn mit dem Pulver. Herr Lebedeff, er wird sie Ihnen zeigen; doch unter der Bedingung, daß Sie sie mir morgen früh, wenn ich nach Petersburg fahre, zurückgeben. Hören Sie? Ich tue es nur für den Fürsten, nicht Ihretwegen.«

»So ist's besser!« Lebedeff griff nach dem Schlüssel, und höhnisch lächelnd lief er ins Nebenzimmer.

Koljä zögerte, wollte etwas sagen, wurde aber von Lebedeff mitgerissen.

Hippolyt blickte auf die lachenden Gäste, der Fürst bemerkte, wie seine Zähne vor Wut klapperten.

»Was für Schufte das doch sind!« flüsterte er wieder wie in Verzweiflung dem Fürsten zu.

Wenn er mit dem Fürsten sprach, so redete er jetzt immer nur im Flüsterton.

»Lassen Sie sie doch: Sie sind sehr erschöpft ...«

»Sofort, sofort ... ich gehe sofort.«

Plötzlich umarmte er den Fürsten.

»Sie glauben vielleicht, daß ich nicht mehr bei Sinnen bin?« fragte er ihn, und sah ihn sonderbar lächelnd an.

»Nein, aber Sie ...«

»Sofort, sofort, schweigen Sie; sprechen Sie nicht; stehen Sie still ... ich möchte in Ihre Augen sehen. Still ... ich möchte Sie ansehen. Ich werde mich vom >Menschen< verabschieden.«

Er stand und sah den Fürsten ungefähr zehn Sekunden schweigend an; er war sehr blaß, an den Schläfen trat Schweiß hervor; er griff so sonderbar nach der Hand des Fürsten, und es schien, als fürchte er, sie loszulassen.

»Hippolyt, Hippolyt, was fehlt Ihnen?« schrie der Fürst auf.

»Sofort ... sofort ... genug, ich gehe. Ich trinke nur noch einen Schluck auf das Wohl der Sonne ... Ich will, ich will, lassen Sie!«

Er griff schnell nach dem Champagnerglas auf dem Tisch und schritt mit demselben zum Ausgang der Terrasse. Der Fürst wollte ihm nachlaufen, doch trat in diesem Augenblick gerade Jewgenij Pawlowitsch auf ihn zu, um sich von ihm zu verabschieden. Es verging eine Sekunde, und plötzlich erhob sich ein allgemeines Geschrei auf der Terrasse, dem eine allgemeine Bestürzung und Verwirrung folgte.

Es geschah folgendes:

Hippolyt ging bis zur obersten Stufe der Terrasse, mit der linken Hand hielt er das Glas, mit der rechten griff er in seine rechte Seitentasche. Keller behauptete nachher, daß Hippolyt schon vorher immer seine Hand in dieser rechten Seitentasche gehalten habe, und daß es ihm schon damals verdächtig vorgekommen sei. Wenigstens hatte ihn eine innere Unruhe getrieben, Hippolyt zu folgen. Doch wäre auch er zu spät gekommen. Er sah nur plötzlich, wie in der rechten Hand Hippolyts etwas aufblitzte und wie in demselben Augenblick der Lauf einer kleinen Pistole Hippolyts Schläfe berührte. Keller griff mit der Hand danach, doch hatte Hippolyt bereits den Hahn abgedrückt. Man hörte das kurze Knacken des Hahnes -- doch kein Schuß erfolgte. Hippolyt fiel rücklings in Kellers Arme und schien wie leblos: vielleicht hielt er sich selbst für erschossen. Keller bemächtigte sich der Pistole. Hippolyt schob man einen Stuhl unter, und alles drängte sich zu ihm, alle schrien, sprachen durcheinander. Alle hatten sie das Knacken des Hahnes gehört und sahen den Menschen unverletzt und lebendig vor sich. Hippolyt schien immer noch nicht zu begreifen, was mit ihm vorgegangen war, er sah alle geistesabwesend an. In diesem Augenblicke stürzten Lebedeff und Koljä auf die Terrasse.

»Hat sie versagt?« fragten die einen.

»Vielleicht war sie gar nicht geladen?« die anderen.

»Geladen ist sie!« bemerkte Keller, der die Pistole untersuchte »Aber ...«

»Also hat sie versagt?«

»Das Zündhütchen fehlt.«

Die Szene, die daraus folgte, ist schwer wiederzugeben. Der Schrecken aller verwandelte sich schnell in ein schallendes Gelächter. Einige darunter lachten aus vollem Halse voll boshafter Schadenfreude. Hippolyt überfiel ein hysterischer Weinkrampf, er rang die Hände, stürzte sich auf alle und jeden, sogar auf Ferdyschtschenko, packte ihn an beiden Schultern und schwor ihm, daß er es vergessen, rein zufällig vergessen habe, das Zündhütchen hineinzulegen, daß sie sich alle in seiner Westentasche befänden, zehn an der Zahl. Er zeigte sie allen -- er habe sie nämlich nicht früher hineinlegen wollen, damit seine Pistole in der Tasche nicht von selbst losgehe: und nun habe er es ganz vergessen. Er stürzte zum Fürsten, zu Jewgenij Pawlowitsch, flehte Keller an, ihm die Pistole zurückzugeben, damit er »seine Ehre, seine Ehre, die er jetzt auf ewig verloren«, wieder erhalten könne ...

Er fiel zuletzt bewußtlos hin. Man trug ihn in das Kabinett des Fürsten, und Lebedeff schickte sofort zum Arzt, während er mit seiner Tochter, dem General und Antip Burdowskij am Bett des Kranken blieb. Als man den bewußtlosen Hippolyt hinausgetragen hatte, stellte sich Keller mitten auf der Terrasse hin und verkündete allen Anwesenden mit lauter Stimme und jedes Wort betonend, wie in höherer Begeisterung:

»Meine Herren, wenn es noch jemand von Ihnen wagen sollte, laut in meiner Gegenwart zu behaupten, daß das Zündhütchen mit Absicht vergessen worden war, und daß dieser unglückliche junge Mann nur eine Komödie gespielt habe -- so wird derjenige es mit mir zu tun haben.«

Doch keiner antwortete ihm. Die Gäste beeilten sich, fortzukommen. Ptizyn, Ganjä und Rogoshin verließen zusammen die Datsche.

Der Fürst war sehr erstaunt, daß Jewgenij Pawlowitsch seine Absicht, sich mit ihm auszusprechen, aufgegeben hatte.

»Sie hatten mir doch noch etwas sagen wollen?« fragte er ihn.

»Allerdings,« sagte Jewgenij Pawlowitsch und setzte sich auf einen Stuhl neben den Fürsten, »doch jetzt habe ich mein Vorhaben aufgeschoben. Ich gestehe, daß ich vom Geschehenen noch zu aufgeregt bin, und Sie sind es auch. Meine Gedanken sind ganz verwirrt, und da mein Vorhaben für Sie wie für mich von zu großer Bedeutung ist, so möchte ich die Aussprache noch aufschieben. Sehen Sie, Fürst, ich möchte einmal im Leben eine wirklich aufrichtige Tat vollführen, eine Tat ohne alle Hintergedanken. In diesem Augenblick, denke ich, bin ich zu dieser ehrlichen Tat nicht fähig, und Sie ... sind es vielleicht ... auch ... nicht, wir wollen nächstens davon sprechen. Die Sache wird vielleicht auch noch an Klarheit gewinnen, für Sie wie für mich, wenn wir sie auf die drei Tage aufschieben, die ich noch in Petersburg verbringen muß.«

Er erhob sich vom Stuhl. Dem Fürsten schien es, daß Jewgenij Pawlowitsch sich gereizt und unzufrieden fühlte und ihn feindlich ansah: in seinem Blick lag etwas, was er zuvor nicht bemerkt hatte.

»Sie müssen übrigens jetzt zum Kranken.«

»Ja ... ich fürchte.«

»Fürchten Sie nichts; er wird noch sechs Wochen leben und vielleicht noch länger; hier wird es ihm sehr gefallen. Doch jagen Sie ihn besser morgen hinaus.«

»Vielleicht hat es ihn gereizt, daß ich schwieg, vielleicht dachte er, ich zweifelte an seinem Entschluß, sich zu erschießen? Was glauben Sie, Jewgenij Pawlowitsch?«

»Nein, nein. -- Es ist viel zu viel Güte von Ihnen, daß Sie sich darüber Sorgen machen. Ich habe davon gehört, doch hätte ich es in Wirklichkeit nie für möglich gehalten, daß Menschen sich erschießen, damit man sie lobt, oder aus Wut, weil man sie nicht lobt. Nein, das hätte ich nie für möglich gehalten! Sie jagen ihn morgen hinaus, nicht?«

»Sie denken, er wird doch noch Selbstmord verüben?«

»Nein, das wird er nicht mehr tun. Doch hüten Sie sich vor dieser Sorte. Ich wiederhole es: Das Verbrechen ist die einzige Zuflucht der talentlosen, ungeduldigen und gierigen Unbedeutendheit. Sie werden sehen, ob dieser Mensch nicht fähig sein wird, zehn Seelen umzubringen, nur um eine >Tat< zu vollbringen, wie er das doch vorhin in seiner Niederschrift bekannte. Diese Bemerkung von ihm wird mich jetzt nicht mehr schlafen lassen.«

»Sie regen sich, glaube ich, darüber unnütz und viel zu sehr auf.«

»Sie sind sonderbar, Fürst; Sie glauben also nicht, daß er jetzt fähig ist, zehn Seelen zu morden?«

»Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, das ist alles so sonderbar; doch ...«

»Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen!« brach Jewgenij Pawlowitsch erregt das Gespräch ab. »Außerdem sind Sie ein tapferer Mensch, geraten Sie nur selbst nicht unter die zehn Seelen.«

»Es ist viel eher anzunehmen, daß er niemanden tötet,« sagte der Fürst und sah nachdenklich Jewgenij Pawlowitsch an.

Der lachte boshaft.

»Es ist Zeit, leben Sie wohl! Haben Sie bemerkt, daß er die Kopie seiner Beichte Aglaja Iwanowna zugedacht hat?«

»Ja, ich habe es bemerkt und ... denke soeben daran.«

»Ja, ja, die zehn Seelen,« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch wieder lachend und ging von dannen.

Eine Stunde nachher, ungefähr um vier Uhr morgens, ging der Fürst in den Park hinaus. Er hatte versucht zu schlafen, doch war es ihm seines starken Herzklopfens wegen nicht möglich gewesen. Im Hause hatte sich wieder alles beruhigt; der Kranke schlief, und der Arzt hatte festgestellt, daß ihm keine besondere Gefahr drohe. Lebedeff, Koljä, Burdowskij hatten sich im Zimmer des Kranken niedergelassen, um abwechselnd zu wachen. Zu befürchten war für den Augenblick nichts.

Die Unruhe des Fürsten wuchs von Minute zu Minute. Er schweifte im Park umher und blickte zerstreut um sich. Erstaunt nahm er wahr, daß er sich plötzlich beim Kurhaus befand und auf der Estrade die leeren Bänke und Notenpulte des Orchesters erblickte. Der Ort widerte ihn an; er kehrte sofort um und kam auf dem Wege, den er auch gestern abend mit Jepantschins gegangen, zur grünen Bank, die Aglaja zum Rendezvous bestimmt hatte. Er ließ sich auf ihr nieder und brach plötzlich in ein lautes Gelächter aus, gleich darauf aber wurde er von neuem düster. Wieder lastete auf ihm etwas Schweres und bedrückte ihn so, daß er am liebsten fortgelaufen wäre, ... doch wußte er nicht, wohin? Im Baume über ihm sang ein Vögelchen, seine Augen suchten es in den grünen Zweigen, und sofort fiel ihm »die Fliege« ein, von der Hippolyt gesagt hatte, daß sie ihren Platz an der Sonne kenne und an dem allgemeinen Chore teilnehme, von dem nur er, Hippolyt, allein ausgeschlossen sei. Diese Phrase hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er auch jetzt wieder an sie denken mußte. Eine längst vergessene Erinnerung stieg in ihm auf.

Er sah sich in der Schweiz, in den ersten Monaten seines Aufenthalts in den Bergen. Damals war er noch vollständig Idiot, er konnte noch nicht recht sprechen und verstand nicht gut alles, was man von ihm verlangte. An einem hellen, sonnigen Tag ging er in die Berge und ging lange, gequält von einem Gedanken, über den er sich nicht Rechenschaft geben konnte. Über ihm wölbte sich ein endloser Himmel, unter ihm lag ein blauer See, rings ein leuchtender Horizont, der kein Ende kannte. Lange schaute er aus, er erhob seine Hände zu diesem flimmernden unendlichen All und hätte weinen mögen. Es quälte ihn, daß er alledem fremd gegenüberstand. Was war das für ein Fest, was für ein großer Feiertag, der ihn schon seit seiner Kindheit lockte und den er nicht erfassen konnte. Jeden Morgen ging diese glänzende Sonne auf, jeden Morgen stand über dem Wasserfall der Regenbogen, und jeden Abend brannte der schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, am Rande des Himmels in purpurner Flammenlohe. Jede kleinste Fliege, die im heißen Sonnenstrahl ihn umsummt, nimmt teil an diesem Chor, kennt ihren Platz, liebt ihn und ist glücklich; jeder Grashalm, der da wächst, ist glücklich. Jeder hat seinen Weg, jeder kennt seinen Weg, mit einem Lied geht er, mit einem Liede kommt er; nur er allein weiß nichts, versteht nichts, nicht die Menschen, nicht die Töne, allem ist er fremd und für alle ein Ausgestoßener. O, freilich, damals konnte er sich noch nicht in Worten ausdrücken; er quälte sich nur, war taub und stumm. Aber jetzt schien es ihm, daß er alles das damals in derselben Weise empfunden, in der Hippolyt von der »kleinen Fliege« gesprochen, ganz als hätte Hippolyt mit seinen eigenen Worten, mit seinen eigenen Tränen es gesagt. Er war fest davon überzeugt, und bei dem Gedanken schlug ihm das Herz zum Zerspringen ...

Er war auf der Bank eingeschlafen und seine ganze Erregung ging in Traum über. Kurz vorher fiel ihm noch ein, daß Hippolyt zehn Menschen umbringen wollte und er lächelte über diese Annahme. Rings um ihn herrschte lichte, wonnige Stille, die sich durch das Geflüster der Blätter noch erhöhte, noch lautloser wurde. Er sah viele wundervolle Traumbilder, und vieles erregte ihn so, daß er hin und wieder zusammenzuckte. Zuletzt kam eine Frau auf ihn zu; er erkannte sie und er hätte ihren Namen genannt, hätte sie angerufen -- doch sonderbar -- sie hatte nicht dasselbe Gesicht, das er sonst an ihr kannte, sondern das Gesicht einer anderen, die er nicht nennen wollte. In diesem Gesicht lag soviel Qual und Schrecken, wie auf dem Gesicht einer Verbrecherin, die soeben eine große Greueltat vollführt hat. Eine Träne zitterte auf ihrer bleichen Wange. Sie winkte mit der Hand und legte den Finger auf seine Lippen, als wollte sie ihm befehlen, ihr nur leise zu folgen. Das Herz erstarb ihm, er wollte sie doch für nichts, für nichts in der Welt, als eine Verbrecherin ansehen, und er fühlte, daß sogleich etwas Schreckliches, für sein ganzes Leben Schreckliches sich ereignen würde. Sie wollte ihm scheinbar etwas zeigen, etwas nicht weit Entferntes, hier im Park. Er erhob sich, um ihr zu folgen und plötzlich ertönte neben ihm helles, frisches Lachen. Er fühlte eine Hand in der seinigen, preßte sie fest zusammen und -- erwachte. Vor ihm stand Aglaja.

VIII.

Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig über ihn.

»Er schläft! Sie haben geschlafen!« rief sie mit fast verächtlichem Erstaunen.

»Sie sind es!« murmelte der Fürst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und er blickte sie verwundert an. »Ach richtig! Unsere Verabredung ...« der Fürst erhob sich schnell. »Ich habe hier geschlafen.«

»Das habe ich gesehen.«

»Hat mich niemand außer Ihnen geweckt? War niemand hier außer Ihnen? Ich glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.«

»Hier war eine andere ...?!«

Endlich besann sich der Fürst vollkommen.

»Das war nur ein Traum,« sagte er gedankenverloren. »Seltsam, in einem solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.«

Er erfaßte ihre Hand und nötigte sie zum Platznehmen, worauf er sich neben sie hinsetzte. Aglaja zögerte, etwas zu sagen, und musterte zunächst nur mißtrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls hin und wieder an, schien sie aber bisweilen überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie errötete.