Sämtliche Werke 3-4

Part 51

Chapter 513,750 wordsPublic domain

Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen, die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen Kette von Schlüssen meine >letzte Überzeugung< entsprungen ist. Ich schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner >letzten Überzeugung< noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort, und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir -- denn ich glaube auch er -- eine sehr interessante Stunde zusammen. Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er -- voll Leben, voll unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die >letzten< Schlüsse oder Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte, was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag. Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner >letzten Überzeugung<, doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller Gegensätze -- _les extrêmes se touchent_{[29]} -- er von meiner letzten Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine. Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.

Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus diesem Golde einen Sarg für sein >erfrorenes Kind< machen zu lassen und darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken. Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.

Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze. Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen, angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen, die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben -- und es muß doch ein Leichnam gewesen sein -- wie konnten sie da, nachdem sie diesen Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde? Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie sie besiegen, wenn selbst _Er_ sie nicht überwand, _Er_, der die Natur zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, _Er_, der ausrufen konnte: >stehe auf< -- und das Mädchen stand auf! -- und der Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich es sonderbar klingt, -- wie eine ungeheure Maschine neuester Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte --, dieses Wesen, das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf das Bild sah.

Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien, zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube, dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte. Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.

In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine Lampe -- ein trübes flackerndes Lichtlein --, doch kann man alles im Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.

Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott, gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen Augen -- das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an diese Möglichkeit.

Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch. Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so. Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist, sondern nur -- eine Erscheinung?

Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin, sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm, auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte, ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah -- wie vorher, als er eintrat -- doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.

Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben habe, war der Grund zu meinem endgültigen >Entschluß<. Zu diesem Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt, Formen, die mich beleidigen.

Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur Genüge erklärt.«

VII.

»Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem plötzlich Räubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist natürlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf fünfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schläfe setzt, wird sie schon noch einen Schädel zerschmettern können.

Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar beschloß ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche gestört werde. Meine >Erklärung< wird die Polizei genügend über alles unterrichten. Liebhaber der Psychologie mögen daraus schließen was sie wollen. Ich wünsche indessen nicht, daß meine Schrift veröffentlicht wird. Ich bitte den Fürsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultät zu wissenschaftlichen Zwecken.

Ich erkenne keinen Richter über mich an und weiß, daß ich außerhalb jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung: wie, wenn ich jetzt plötzlich auf den Einfall käme, irgendeinen Menschen einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt für das schrecklichste hält -- in welch einer dummen Lage würde sich dann das Gericht bei meiner zwei- bis dreiwöchentlichen Lebensfrist befinden? Ich würde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu Hause, sterben. Ich verstehe nicht, daß Leuten in meiner Lage niemals ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spaß?! Vielleicht verfällt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns in Rußland lustige Leute.

Aber -- wenn ich auch keinen Richter über mich anerkenne, so weiß ich doch, daß man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und stumm sein werde. Ich möchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein Wort zur Antwort hinterlassen habe -- ein freies, unerzwungenes Wort. Nicht zur Verteidigung etwa -- o nein! Ich habe niemanden und wegen nichts um Verzeihung zu bitten.

Da ist zunächst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen Rechtes? Wem nützt es, daß ich als Verurteilter noch artig die Frist bis zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem nützt es denn? Oder soll ich's um der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blühender Gesundheit und großen Kräften mein Leben selbst vernichten wollte, dieses Leben, das >meinem Nächsten noch Nutzen bringen könnte<: da könnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch vorwerfen, daß ich ohne zu fragen über mein eigenes Leben verfüge -- oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo über mich bereits das Urteil gefällt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das letzte Röcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben aushaucht? Was hilft mir der Trost des Fürsten, der in seiner christlichen Auslegung den glücklichen Gedanken gehabt hat, daß es im Grunde genommen für mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen wie er kommen immer zu diesem Schluß: das ist ihr geliebtes Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lächerlichen >Pawlowsker Bäumen<? Die letzten Stunden meines Lebens versüßen? Begreifen sie denn nicht, daß ich mich, je mehr ich mich diesen letzten Illusionen von Leben und Liebe hingebe, mit denen sie mich von der Meierschen Lehmwand und allem, was ich ihr so aufrichtig bekannt habe, trennen wollen, desto unglücklicher fühlen muß? Was soll ich mit ihrer schönen Natur, mit ihrem Pawlowsker Park, mit ihrem Sonnenaufgang und -untergang, mit ihrem blauen Himmel und ihren selbstzufriedenen Gesichtern, wenn das ganze Fest, das kein Ende nimmt, für mich damit beginnt, daß es mich allein für einen überflüssigen Gast erklärt. Was soll ich mit all dieser Schönheit, wenn ich jede Minute, jede Sekunde gezwungen bin, daran zu denken, daß die kleinste Fliege, die neben mir in der Sonne summt, an diesem Fest, an diesem Chor teilnehmen kann, ihren Platz in ihm kennt, ihn liebt und glücklich ist. Nur ich allein bin ein Ausgestoßener und wollte es nur, aus kleinmütiger Feigheit vor mir selbst, bis jetzt nicht eingestehen! Oh, ich weiß, wie sehr der Fürst und all die anderen mich dazu bringen wollen, daß ich statt all der >boshaften und verbitterten< Reden eine Hymne auf den Sieg der sittlichen Selbstüberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berühmten und klassischen Strophen:

>_O, puissent voir votre beauté sacrée_ _Tant d'amis, sourds à mes adieux!_ _Qu'ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleurée._ _Qu'un ami leur ferme les yeux!_<{[30]}

Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmütigen Seelen, daß in dieser wohlanständigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unversöhnliche und mit Rhythmen überzuckerte Wut ist, daß der Poet vielleicht sich selbst damit belogen und seine Wut als tränenreichen Trost empfunden hat und in dem Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, daß es in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine Grenze gibt, über die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser Stelle beginnt er dann eine große Wollust in seiner Demütigung zu empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine große Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die Religion sie auffaßt.

Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht immer anerkannt. Mag der Wille einer höheren Gewalt das Feuer meines Bewußtseins entzündet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich gesagt: >Ich bin<! Und mag ihm eine höhere Gewalt befohlen haben, dann zu vergehen, sogar ohne Erklärung weshalb und wozu. Doch meine Demut -- das ist die ewige Frage -- wozu soll denn die nötig sein? Kann man mich denn nicht einfach auffressen, ohne von mir noch Lob und Preis dafür zu verlangen, daß ich aufgefressen werde? Wird sich denn wirklich dort irgend jemand beleidigt fühlen, wenn ich nicht mehr zwei Wochen darauf warten will? Das glaube ich nicht; und es ist schon viel richtiger, anzunehmen, daß mein erbärmliches Leben, das Leben eines einzelnen Atomes, zugunsten einer allgemeinen Harmonie im Weltganzen, zu irgendeinem Plus oder Minus, zu einem Kontrast usw. usw. nötig ist, genau so, wie das Leben täglich das Opfer von Millionen von Lebewesen verlangt, ohne deren Tod die übrige Welt nicht existieren könnte. (Ich bemerke hier, daß dieser Gedanke an sich durchaus nicht großmütig ist.) Doch möge es so sein! Ich gebe es zu, daß die Welt ohne diese gegenseitige Vernichtung nicht hätte aufgebaut werden können, und ich gebe sogar zu, daß ich nichts von ihrer Einrichtung begreife, doch weiß ich dafür ganz genau eines: wenn man mir auch das Bewußtsein gegeben hat, daß >Ich bin<, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also, und wofür wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen -- ich finde jedenfalls, daß es unmöglich und zugleich ungerecht wäre.

Trotzdem habe ich niemals, trotz meines größten Verlangens, mir vorstellen können, daß es _kein_ zukünftiges Leben und _keine_ Vorsehung gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir das zukünftige Leben und seine Gesetze nicht verstehen können. Doch wenn das so schwer und überhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafür verantwortlich sein, daß ich nicht imstande bin, das Unfaßbare zu fassen? Natürlich sagen da die Leute und natürlich auch der Fürst, daß Gehorsam nötig sei, daß man gehorchen _muß_, auch ohne zu verstehen, und zwar aus moralischen, sittlichen Gründen, und daß ich in der anderen Welt dafür belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen können, unsere Begriffe unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann -- wie kann denn der Mensch dafür verantwortlich sein, was er nicht verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen wir die Religion lieber!

Aber damit wäre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und >am Himmel erklingen< und ihre große Feuerkraft wird die Erde überfluten. Mag ich sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich die Macht gehabt hätte, nicht geboren zu werden, so hätte ich ein Leben unter so spottenden Bedingungen gewiß nicht angenommen. Aber noch habe ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die schon gezählt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...