Sämtliche Werke 3-4

Part 46

Chapter 463,839 wordsPublic domain

»Weshalb hegst du jetzt solchen Groll gegen mich?« fragte der Fürst traurig und doch mit verhaltener Leidenschaft. »Du weißt doch jetzt selbst, daß alles, was du früher dachtest, nicht richtig war. Übrigens habe ich es selbst nicht anders erwartet, als daß dein Haß auch jetzt noch nicht vergehen würde, und weißt du, weshalb? Nicht deshalb, weil nicht ich dir nach dem Leben getrachtet habe, sondern weil du mir nach dem Leben getrachtet hast, deshalb vergeht dein Haß noch nicht. Aber ich sage dir: ich kenne nur jenen Parfen Rogoshin, mit dem ich an jenem Tage die Kreuze getauscht habe und der mir zum Bruder geworden ist, das habe ich dir auch gestern in meinem Brief geschrieben, damit du diesen ganzen Fiebertraum vergißt und überhaupt nicht mehr an ihn denkst und auch nie mehr darauf zu sprechen kommst. Weshalb wendest du dich von mir ab? Weshalb verbirgst du deine Hand? Ich sage dir doch, daß ich alles, was damals war, für nichts anderes als einen Fiebertraum halte: ich kenne dich jetzt, weiß, wie du damals warst, weiß es so gut, als wäre ich es selbst gewesen. Das, was du damals glaubtest, das gab es gar nicht und konnte es auch gar nicht geben. Weshalb aber soll dann dieser Haß zwischen uns sein?«

»Du und Haß!« lachte wieder Rogoshin in seiner gehässigen Weise als Antwort auf die glühende Rede des Fürsten.

Er stand halb von ihm abgewandt, nachdem er noch zwei Schritte zur Seite getreten war, und verbarg allerdings seine Hand.

»Jetzt steht es mir nicht mehr zu, überhaupt noch zu dir zu kommen, Lew Nikolajewitsch,« fügte er langsam und bedeutungsvoll nach einer Weile hinzu.

»So groß ist also dein Haß, wie?«

»Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu dir kommen? Weiß Gott, Fürst, du bist ganz wie so 'n kleines Kind! Willst du ein Spielzeug haben -- da nimm's aus der Tasche und leg's hin. Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du's jetzt sagst, aber was -- glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes Wort und weiß, daß du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie betrügen wirst, aber -- ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du nun, daß du alles vergessen hast, daß du dich nur deines Bruders Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du denn meine Gefühle?« Rogoshin lachte wieder kurz auf. »Ich habe doch seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber hast mir schon deine brüderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber --«

»Hast du überhaupt nicht gedacht!« fiel ihm der Fürst ins Wort. »Aber was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, daß du damals mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Weiß ich doch, daß du, wenn du damals nicht in einem Zustande gewesen wärst, in dem du überhaupt nur an eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben hättest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches Vorgefühl, sobald ich dich nur ansah. Weißt du auch, wie du damals warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da muß sich in mir der Gedanke geregt haben. Weshalb führtest du mich zu deiner alten Mutter? Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann ja gar nicht sein, daß du damals daran gedacht hättest, du hast es vielleicht nur so gefühlt, ganz wie auch ich ... Wir fühlten es damals in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann später deine Hand -- die Gott abgelenkt hat -- nicht erhoben hättest: als was würde ich dann jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdächtigt, also ist es nur unsere gemeinsame Sünde! Wir dachten es doch beide zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb lachst du jetzt?) >Nicht bereut<! Ja, aber du hättest es doch vielleicht überhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt hättest, denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so unschuldig wie ein Engel vor dir dastände, du würdest mich doch hassen, so lange du glaubst, daß sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist doch nichts als Eifersucht! Nur höre jetzt, was ich in dieser Woche gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weißt du auch, daß sie dich jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr liebt, je mehr sie dich quält? Dir wird sie das nicht sagen, aber man muß es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schließlich trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen wollen gerade so geliebt werden und sie -- sie ist von dieser Art. Dein Charakter und deine Liebe müssen sie doch stutzig machen! Weißt du auch, daß eine Frau fähig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden, denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: >jetzt quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe die Qual wieder gut machen ...<«

Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos angehört hatte.

»Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger geraten? Ich hab so was gehört, wenn's wahr ist?«

»Was, wieso, was kannst du gehört haben?« fuhr der Fürst erschrocken auf und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.

Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.

»Nicht nur gehört, jetzt seh ich's ja selbst, daß es wahr ist,« sagte er. »Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen -- und noch dazu in den Park um Mitternacht.«

»Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.«

»Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten will, hat es sich geschworen, hehe! >Anders heirate ich dich nicht,< sagte sie zu mir, >erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum Altar.< Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab's auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur Sinnlosigkeit -- oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich dann mit einer anderen verheiraten? >Ich will ihn glücklich sehen<, sagt sie, also liebt sie dich doch.«

»Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,« brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten, stockend hervor.

»Weiß Gott! Du hast dich vielleicht auch getäuscht ... sie hat doch heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch früher, sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild, küßte es. Jetzt hängt also alles nur von dir ab, Fürst, hehe!«

»Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...«

»Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein?« fragte Rogoshin. »Weshalb ist sie denn für alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wäre, würde man es doch auch dort aus den Briefen herausmerken.«

»Was für Briefe?« fragte der Fürst erschrocken.

»Sie schreibt doch dorthin, an _jene_, und jene liest die Briefe. Oder weißt du das noch nicht? Nun, dann wirst du's noch erfahren. Sie wird bestimmt sie dir schon selbst zeigen.«

»Das ... das kann ich nicht glauben!« rief der Fürst.

»E--e! Dann mußt du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen gegangen sein, soviel ich sehe, dann fängst du ja erst an. Aber wart noch ein bißchen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten, selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort wissen, wenn du nur ...«

»Hör auf! und sprich nie wieder davon!« unterbrach ihn der Fürst. »Höre, Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und plötzlich mußte ich lachen, worüber -- das weiß ich selbst nicht, nur war mir gerade eingefallen, daß morgen -- mein Geburtstag ist. Es wird bald zwölf sein. Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du wünsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wünschen weiß, und gerade _du_ sollst es mir wünschen, und ich werde dir dafür dein volles Glück wünschen. Oder sonst gib das Kreuz zurück! Hast es mir doch nicht am anderen Tage zurückgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du trägst es doch?«

»Ich trage es,« sagte Rogoshin.

»Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben beginnen, denn jetzt -- jetzt beginnt mein neues Leben! Weißt du's noch nicht, Parfen, daß heute mein neues Leben begonnen hat?«

»Jetzt sehe und weiß ich's selbst, daß es begonnen hat; so werd ich's auch _ihr_ sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!«

IV.

Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park. Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden, obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.

»Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,« brummte Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.

»Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...« fügte er fast haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste Vergangenheit.

Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll, andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn erblickte.

Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was man »fertig« nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen, sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten -- ihr Erscheinen fiel zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus --; bald darauf war auch Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.

»Aber es ist mein eigener, mein eigener!« flüsterte er in lächelnder Seligkeit dem Fürsten zu, »auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben, meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich -- im >Hamlet<: >Sein oder Nichtsein?< Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema. Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur 'n Schlückchen geschlürft, das schad't nichts ... Treten Sie näher, Fürst, und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren scharfsinnigen Verstand gewartet ...«

Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm »_von diesem Tage_ an ein glückliches Leben«. Darauf lief sie eilig in die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören. So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.

»Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so glücklich sind,« sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach Wjera ihm die Hand reichte.

»Woher wissen Sie, daß ich >so glücklich< bin?«

»Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf Sie gewartet,« fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere -- er, der noch vor drei Tagen zu sterben glaubte -- wie wohl er sich an diesem Abend fühle.

Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er »nur so« gekommen ... daß er Hippolyt »begleitet« und daß auch er sehr froh sei ... Im Briefe habe er nur »Unsinn« geschrieben, jetzt aber sei er »einfach froh ...« Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.

Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn einfach unter den Arm.

»Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,« sagte er halblaut -- »und in einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.«

»Ein paar Worte,« flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.

Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes, lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte. Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.

»Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?« fragte ihn dieser.

»Woher sind Sie denn gekommen?« rief der Fürst aus.

»Er hatte sich versteckt!« sagte hinzutretend Keller. »Er hatte sich versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.«

»Ja, worin denn, worin?«

»Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, -- doch bereut er sehr ...«

»Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.« Der Fürst machte sich von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.

»Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,« bemerkte dieser, »ich habe mit vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung nach selbst schuld daran war ...«

»Was für ein Kurmyschoff?«

»Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich, daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.«

»Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!«

»Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch ...«

»Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen, Jewgenij Pawlowitsch?«

»Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,« lachte dieser. »Ich, lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, _dahin_ zu gehen, zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos, einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen: ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu den Unglücklichen ... jawohl!«

Er lachte.

»Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,« meinte nachdenklich der Fürst, »weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich warten. Ich werde mich entschuldigen.«

»Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken -- verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.«

»Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie --«

»Ich sehe, ich sehe es,« lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch. Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.

»Was sehen Sie?« beeilte sich der Fürst zu fragen.

»Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,« versetzte immer noch lachend Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu antworten, »Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?«

»Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein Zweifel,« scherzte jetzt auch der Fürst, »und vielleicht haben Sie sich sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut's, ich fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr anständiger Mensch!«

»Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben, was es auch sei,« schloß Jewgenij Pawlowitsch. »Kommen Sie, ich werde auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ah!« brach er plötzlich ab. »Dieser Herr Hippolyt wird jetzt bei Ihnen leben?«

»Ja.«

»Er wird nicht so bald sterben, denke ich?«

»Und, was weiter?«

»Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...«

Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war. Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst selbst unaufmerksam und zerstreut.

»Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag ist!« rief Hippolyt aus.

»Warum?«

»Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum, weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung! Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?«

»Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,« bemerkte Ptizyn und sah nach der Uhr.

»Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen kann?« äußerte jemand.

»Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?«

Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie, aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.

»Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.«

»Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn nur die Sonne erscheint und es >erklingt< am Himmel (wer hat es doch in einem Gedicht gesagt: >am Himmel erklang die Sonne?< Sinnlos, aber schön) -- so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?«

»Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem >Stern< das Eisenbahnnetz versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.«