Part 45
»Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darüber gesprochen habe, gesagt, sie hätten beim Militär ausdrücklich Befehl, wenn sie Übungen machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die >untere Hälfte des Menschen<, wie sie sich ausdrücken. Also in die Brust und nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen befohlen zu schießen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er bestätigte es mir.«
»Das ist wahr, doch nur der großen Entfernung wegen.«
»Und Sie, können Sie schießen?«
»Ich habe noch niemals geschossen.«
»Können Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?«
»Nein, ich kann es nicht. Das heißt, ich weiß, wie man es macht, doch habe ich es noch niemals versucht.«
»Das heißt soviel, daß Sie es nicht können, denn dazu gehört Übung! Hören Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist nötig -- ganz feines Pulver, sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen lädt. Die Kugel, sagt man, gießt man sich selbst. Haben Sie denn Pistolen?«
»Nein, ich brauche keine,« lachte der Fürst laut auf.
»Ach, was für ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute französische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schütten es hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man sagt, daß durchaus Filz nötig sei, den können Sie ja irgendwoher, aus einer Matratze oder aus einer Türpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hören Sie: das Pulver zuerst und die Kugel darauf, sonst geht's nicht los. Warum lachen Sie? Ich möchte, daß Sie jetzt jeden Tag Schießübungen machten, und sogar mehrmals am Tage, damit Sie gut ins Ziel schießen können. Werden Sie es tun?«
Der Fürst schüttelte sich vor Lachen; Aglaja war wütend und stampfte mit dem Fuße zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand erörterte, verwunderte den Fürsten zuletzt. Zum Teil fühlte er, daß er hier über irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er hätte fragen müssen -- und daß es sicher was Ernsteres war, als ein bloßes Gespräch. All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafür Gefühl, daß sie neben ihm saß, daß er sie ansah, während das, was sie sprach, ihm in diesem Augenblick völlig gleichgültig war.
Auf die Terrasse trat plötzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste Entschlossenheit.
»Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du?« fragte er ihn, obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich von seinem Platze zu erheben. »Komm her, ich habe dir ein Wörtchen zu sagen.«
»Auf Wiedersehen,« sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.
Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Fürst konnte ihr Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute, als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errötete er plötzlich über und über und preßte seine rechte Hand fest zusammen und an sich.
Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der späten Stunde wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend jemand über den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhängende Worte zum Fürsten, erregt, schnell, und erwähnte des öfteren Lisaweta Prokofjewna. Wenn der Fürst in diesem Augenblick etwas aufmerksam gewesen wäre, so hätte er vielleicht bemerkt und erraten, daß Iwan Fedorowitsch ihn unter anderem gern über etwas ausgefragt hätte, oder besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt hätte, aber nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rühren, der dabei die Hauptsache war. Der Fürst war aber so zerstreut, daß er anfangs überhaupt nicht zugehört und gar nicht verstanden hatte, was der General zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schließlich eine Frage stellte, mußte er zu seiner Schande gestehen, daß er diese Frage nicht beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.
Der General zuckte die Achseln.
»Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, daß ich die Ideen und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas überhaupt nicht verstehen kann. Sie ist außer sich, weint und behauptet, daß man uns beleidigt und beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, daß ich an vielem schuld bin ... doch die Ausfälle ... dieses teuflischen Weibes, das sich dazu noch unschicklich beträgt, gehen wirklich etwas zu weit und müssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer maßgebenden Persönlichkeit darüber Rücksprache zu nehmen. Man könnte alles im Guten, ruhig und liebenswürdig ohne jeglichen Skandal abmachen. Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, daß die Zukunft noch viele Ereignisse in ihrem Schoße birgt, und daß noch vieles unaufgeklärt ist. Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier _nichts_ davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand weiß etwas, niemand hat was gehört; du hast nichts gehört, der hat nichts gehört, der fünfte hat auch noch nichts gehört, ja, so bitte ich dich, wer hat denn eigentlich was gehört? Wie soll man da nicht den Verstand verlieren, zur Hälfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was überhaupt nicht vorhanden ist ...«
»Sie ist wahnsinnig,« murmelte der Fürst schmerzlich, sich der Vorgänge erinnernd.
»Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte mich dabei. Doch jetzt sehe ich, daß die anderen recht haben und glaube nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau, so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig. Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.«
»Was für ein Hauptmann Alexejewitsch?«
»Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehört! Davon habe ich dir doch gleich zu Anfang erzählt, von Hauptmann Alexejewitsch. Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch jetzt an Händen und Füßen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...«
»Nun, was ist mit ihm?« rief der Fürst.
»Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann von fünfundsiebzig Jahren, Epikuräer, -- und ganz so, wie sie es gesagt hat -- Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!«
»Woher hat sie denn ...«
»Gewußt? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum daß sie sich hier gezeigt hat. Du weißt, was für Leute sie besuchen und >die Ehre ihrer Bekanntschaft< anstreben. So konnte sie doch sofort von dem Unglück gehört haben, denn ganz Petersburg weiß es schon und hier halb oder ganz Pawlowsk. Und was für eine feine Anspielung sie Jewgenij Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir erzählte! Was für eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natürlich durchaus, daß Jewgenij Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewußt hat, das heißt, daß er Zeit und Stunde genau gewußt hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen, vorausgefühlt. Wir aber, ich und auch Fürst Sch., rechneten darauf, daß er ihn beerben würde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht, natürlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären, doch immerhin ist es verdächtig ... Fürst Sch. ist ganz außerordentlich betroffen. Alles das hat ihn so erschüttert.«
»Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdächtiges?«
»Nichts, nein! Er hat sich sehr anständig verhalten. Ich habe auch auf nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermögen ist, glaube ich, unangerührt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hören ... Aber die Hauptsache -- alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt -- Reibereien oder wie man's nennen soll ... dir kann man's ja sagen, du bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor, erst jetzt erweist es sich, -- wenn ich mir auch darüber noch gar nicht klar bin --, daß Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben soll.«
»Das kann nicht sein!« rief der Fürst, ganz Feuer und Flamme.
»Ja, weißt du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer,« -- der General blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen -- »ich habe es dir doch nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher Mensch bist. Vielleicht weißt du was Näheres darüber?«
»Ich weiß nichts ... ich weiß durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,« murmelte der Fürst.
»Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, daß es für mich unerträglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine Szene, die schrecklich war! Ich erzähle sie dir nur, weil du wie mein leiblicher Sohn bist. Hauptsächlich macht sich Aglaja über die Mutter lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern erzählt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches Geschöpf, daß man schon gar nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll! Sie hat großzügige und glänzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand -- das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein unbändiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins Gesicht; den Schwestern desgleichen; Fürst Sch. lacht sie aus; über mich macht sie sich beständig lustig, davon lohnt es sich überhaupt gar nicht zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich auslacht -- und mir scheint es, daß sie mich darum auch besonders lieb hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich möchte wetten, daß sie auch schon über dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im Gespräch an, sie saß da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts geschehen wäre.«
Der Fürst errötete und preßte wieder seine rechte Hand an sich, doch schwieg er.
»Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta Prokofjewna -- die dich übrigens wieder achtet, und mit dir zusammen auch mich, ich weiß nicht warum -- wir lieben dich wirklich, lieben dich aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorfälle. Ach, lieber Freund, gib es doch zu, daß solche Rätsel unerträglich sind, die dieser kleine kaltblütige Satan uns da aufgibt -- sie stand da vor der Mutter mit dem Ausdruck größter Verachtung für alle unsere Fragen, und zwar besonders für mich, weil ich, der Teufel hol's, so dumm war und ihr mit Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o dumm, dumm war ich -- als dieser kaltblütige kleine Teufel uns plötzlich erklärt, daß diese >Wahnsinnige< (so drückte sie sich aus, mit denselben Worten wie du), >daß diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe, sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch deshalb in unserem Hause unmöglich zu machen ...< Das war alles, auf weitere Erklärungen ließ sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die Mäuler auf, und sie geht einfach hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu. Darauf erzählte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine -- deinem ... und ... und -- höre, lieber Fürst, du bist doch ein vernünftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich würde dir gerne etwas sagen ... doch ärgere dich nicht: bei Gott, sie hält auch dich zum Narren. Wie ein Kind lacht sie über dich, sei du ihr deshalb nicht böse, aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet über dich und über uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefühle für dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir unveränderlich treu, doch ... jetzt muß ich fort, auf Wiedersehen! Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach, diese Sommerfrischen!«
Er ließ den Fürsten allein an einer Straßenkreuzung. Der Fürst blickte um sich und schritt dann rasch über die Straße, an das erleuchtete Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze Zeit während des Gespräches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:
»Morgen, sieben Uhr früh, werde ich auf der grünen Bank im Park auf Sie warten. Ich habe mich entschlossen, über eine sehr wichtige Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.«
»P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl ich mich schäme, Ihnen das ausdrücklich zu sagen, so halte ich es doch für nötig -- und ich erröte beim Gedanken an Ihren lächerlichen Charakter.«
»P. S. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen.«
Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an Schrecken grenzende Erregung ergriff den Fürsten. Er preßte seinen Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom Fenster hinweg. Dabei stieß er mit einem Menschen zusammen, der nicht weit von ihm gestanden haben mußte.
»Ich suchte Sie, Fürst!« sagte der Herr.
»Was? Sie sind es, Keller?« rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.
»Ich suchte Sie, Fürst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe zu Ihren Diensten, Fürst, verfügen Sie über Keller. Ich bin bereit, mich für Sie zu opfern, und wenn es sein muß, zu sterben.«
»Aber ... weshalb denn?«
»Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne diesen stolzen Leutnant -- nicht persönlich etwa ... --, er erträgt eine Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hält er für nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein für ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen müssen, Fürst. Er hat sich nach Ihnen erkundigt, ich hörte es, und sicher schickt er Ihnen schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre für würdig halten, so wählen Sie mich, bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Fürst.«
»Also auch Sie reden von einem Duell!« lachte plötzlich der Fürst laut auf, zu Kellers größter Verwunderung, und hörte gar nicht auf zu lachen, so daß Keller, der die ganze Zeit über wie auf Nadeln gestanden, sich fast beleidigt fühlte, als er dieses herzliche Lachen des Fürsten hörte.
»Sie haben ihn doch, Fürst, vorhin an den Armen gepackt, öffentlich vor allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.«
»Und er hat mich vor die Brust gestoßen!« rief der Fürst lachend. »Warum sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten, das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schießen sollen, meinetwegen! Möge er schießen, ich werde auch schießen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine Pistole lädt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst muß man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob -- nicht etwa Pulver, womit man Kanonen lädt. Man muß zuerst das Pulver hineinschütten, dann stopft man Filz von einer Türpolsterung in die Mündung und dann steckt man die Kugel hinein -- nicht etwa die Kugel vor dem Pulver, sonst geht's nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prächtige Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, daß ich Sie sofort umarmen und abküssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin so plötzlich aufgetaucht? Kommen Sie nächstens zu mir: Champagner trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, daß ich zwölf Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte sie mir >zufällig< vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?«
»Natürlich, wie immer, Fürst.«
»Nun, dann, träumen Sie süß! Ha, ha!«
Der Fürst ging über die Straße in den Park hinein. Keller blieb ganz verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Fürsten noch nie in einer so sonderbaren Stimmung angetroffen und hätte sie niemals bei ihm für möglich gehalten.
»Er hat wohl Fieber, auf einen nervösen Menschen muß das alles auch sehr stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an, solche haben also keine Angst, bei Gott!« dachte Keller bei sich. »Hm! Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwölf Flaschen, ein ganzes Dutzend; eine anständige Batterie. Doch, ich möchte wetten, daß Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm! ... er ist eigentlich sehr nett, dieser Fürst; wirklich, ich liebe solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon Champagner, dann ...«
Daß der Fürst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.
Lange, traumverloren, irrte der Fürst im dunklen Park umher, bis er plötzlich wahrnahm, daß er sich in einer Allee befand. Er konnte sich nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt hätte, was er diese ganze Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem Gedanken, über den er plötzlich laut auflachen mußte, obgleich eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn, daß der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war, sondern auch in ihrem Kopfe, und daß sie die ganze Pistolengeschichte durchaus nicht zufällig erzählt hatte. »Bah!« Plötzlich kam ihm eine andere Idee. »Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der Ecke saß, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ... lachte -- und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das Zettelchen in der Hand gehabt: also wußte sie doch, daß ich auf der Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darüber? Ha, ha, ha!«
Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und preßte es an seine Lippen, doch verstummte er plötzlich und wurde nachdenklich.
»Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar!« sagte er voll tiefer Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung überkam ihn immer eine tiefe Traurigkeit, er wußte selbst nicht warum. Er schaute sich aufmerksam um und wunderte sich, daß er sich hier befand. Er fühlte sich plötzlich sehr müde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin. Rings um ihn herrschte ungewöhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja auch schon halb zwölf geworden. Die Nacht war still, warm und hell -- eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen Park und in der Allee war es vollständig dunkel.
Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt hätte, daß er verliebt, leidenschaftlich verliebt sei, so würde er diese Bemerkung mit Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der Betreffende noch hinzugefügt hätte, daß Aglajas Brief ein Liebesbrief, eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wäre er vor Scham rot geworden und hätte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell gefordert. Es wäre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen, denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, nie hätte er an die Möglichkeit einer Liebe dieses Mädchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar einer Liebe seinerseits zu diesem Mädchen. Bei einem solchen Gedanken hätte er sich geschämt: an die Möglichkeit einer Liebe zu ihm, zu »einem solchen Menschen wie er« hätte er nie geglaubt oder er hätte sie für ein Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich gegenüber verhielt er sich vollständig gleichgültig und fand ihn durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem beschäftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten General entschlüpft war -- daß sie sich über alle nur lustig mache, über ihn aber, den Fürsten, am meisten und noch ganz besonders --, glaubte er bedingungslos. Und dabei fühlte er sich nicht im geringsten gekränkt, seiner Meinung nach mußte es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte sich jetzt für ihn in dem einen Gedanken: daß er sie morgen wiedersehen, morgen in aller Frühe neben ihr auf der grünen Bank sitzen, die Erklärung des Pistolenladens anhören und sie ansehen würde! Das genügte ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl für eine so wichtige Angelegenheit sein könne -- dazu noch eine, die unmittelbar ihn angehen sollte! --, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen, nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben könnte; daß sie jedoch tatsächlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit, daran zweifelte er keinen Augenblick.
Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee ließ ihn aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu erkennen war, näherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der Fürst rückte schnell näher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte das bleiche Gesicht Rogoshins.
»Konnt mir ja denken, daß du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch nicht lange zu suchen gebraucht,« brummte Rogoshin zwischen den Zähnen.
Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Fürst nach dem ersten Schreck über das plötzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte. Und schon fühlte er, daß ein bekanntes, quälendes Gefühl in seinem Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine Empfindung er im Fürsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Fürst bald ein, daß in Rogoshins Wesen nichts bewußt Gewolltes und auch keinerlei besondere Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gespräch vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war das höchstens etwas Äußerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch nie verändern.
»Wie ... wie hast du mich hier gefunden?« fragte der Fürst, um etwas zu sagen.
»Keller sagte es mir -- ich war zu dir gegangen -- >ist in den Park gegangen<, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!«
»Wieso, was ist >richtig<?« griff der Fürst erregt das Wort auf.
Rogoshin lachte kurz, gab aber keine Antwort.
»Ich habe deinen Brief erhalten, Lew Nikolajewitsch; du hast das ganz unnütz geschrieben ... was du nur davon hast! ... Jetzt aber bin ich von _ihr_ zu dir gekommen: sie befahl, dich unbedingt zu rufen ... muß dir dringend etwas sagen ... Heute noch, bat sie zu kommen.«
»Ich werde morgen kommen. Jetzt gehe ich nach Haus; du ... kommst du zu mir?«
»Wozu? Ich hab dir alles gesagt; leb wohl.«
»So kommst du nicht?« fragte der Fürst leise.
»Ein seltsamer Mensch bist du, Lew Nikolajewitsch, man kann sich wirklich nur über dich wundern.«
Rogoshin lachte wieder kurz und gehässig auf.