Sämtliche Werke 3-4

Part 35

Chapter 353,318 wordsPublic domain

»Verzeihung, Verzeihung, meine Herren,« beeilte sich der Fürst einzuwenden, »verzeihen Sie mir, bitte. Ich sagte es ja nur, weil ich glaubte, wir täten besser, vollkommen offen miteinander zu reden. Doch wie Sie wollen. Ich sagte Herrn Tschebaroff, daß ich, da ich nicht selbst nach Petersburg fahren konnte, meinen Freund sogleich mit der Untersuchung der Angelegenheit betrauen und Sie, Herr Burdowskij, unverzüglich davon in Kenntnis setzen würde. Ich sage Ihnen ganz offen, meine Herren, daß mir dieses ganze Ansinnen als niederträchtige Spitzbüberei erschien, und zwar gerade deshalb, weil Tschebaroff ... Oh, um Gottes willen, seien Sie doch nicht wieder beleidigt! Ich bitte Sie, meine Herren!« unterbrach sich der Fürst schnell, als er in Burdowskijs Miene die Unruhe des Gekränkten und in denen der Freunde Protest und Empörung bemerkte. »Das kann Sie doch unmöglich kränken, wenn ich sage, daß ich die Sache für eine Spitzbüberei, für einen schändlichen Betrug gehalten habe! Ich kannte doch damals noch keinen einzigen von Ihnen, nicht einmal Ihre Namen waren mir bekannt! Ich konnte doch nur nach dem Eindruck urteilen, den Tschebaroff auf mich gemacht hatte ... und ich sage es ja nur so im allgemeinen; denn ... wenn Sie wüßten, wie ich betrogen worden bin, seitdem ich die Erbschaft gemacht habe!«

»Sie sind unglaublich naiv, Fürst,« meinte Lebedeffs Neffe spöttisch.

»Und dabei -- Fürst und Millionär! Doch ungeachtet Ihres vielleicht guten Herzens, können Sie sich immerhin nicht dem allgemeinen Gesetz entziehen,« erklärte Hippolyt.

»Möglich, sehr möglich, meine Herren,« beeilte sich wieder der Fürst zu erwidern, »das heißt wenn ich auch nicht verstehe, von welch einem allgemeinen Gesetz Sie reden ... doch ich fahre fort. Nur bitte ich Sie, sich nicht sogleich gekränkt zu fühlen; ich versichere Sie, mir liegt nichts so fern als die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahezutreten. Aber was ist das, wirklich, meine Herren: man kann kaum zwei Worte offen zu Ihnen reden, da fühlen Sie sich schon gekränkt! ... Vor allem überraschte es mich ungeheuer, daß ein natürlicher Sohn von Pawlischtscheff lebte und das noch dazu in solchen Verhältnissen, wie sie Tschebaroff mir schilderte. Pawlischtscheff war mein Wohltäter und der Freund meines Vaters. Ach, weshalb haben Sie so schändliche Unwahrheiten über meinen Vater geschrieben, Herr Keller? Daß er die Regimentskasse verspielt oder einen Soldaten geprügelt habe -- das ist doch nicht wahr, davon bin ich ja fest überzeugt! Wie hat Ihre Hand nur eine solche Verleumdung schreiben können? Doch das, was Sie über Pawlischtscheff geschrieben haben, ist einfach unerträglich! Sie nennen diesen durch und durch edelmütigen Menschen so dreist und überzeugt einen alten Lüstling, als würden Sie damit die unantastbarste Wahrheit sagen! Pawlischtscheff war sicherlich einer der sittenstrengsten Männer, die es je gegeben hat! Er war sogar ein großer Gelehrter und hat in seinem Leben viel Geld für die Wissenschaft ausgegeben. Was Sie aber über sein gutes Herz und seine Güte gegen mich geschrieben haben, ist vollkommen zutreffend. Ich war damals wirklich fast ein Idiot und konnte nur wenig begreifen -- aber Russisch sprach ich doch fehlerfrei -- und Sie können mir glauben, daß ich sehr wohl zu schätzen weiß, was und wieviel er für mich getan hat ...«

»Erlauben Sie,« krächzte Hippolyt, »wird das nicht gar zu gefühlvoll werden? Wir sind keine Kinder. Sie wollten doch zur Sache kommen, die Uhr geht auf zehn, vergessen Sie das nicht.«

»Gewiß, gewiß, meine Herren,« willigte der Fürst sogleich ein. »Nach dem ersten Mißtrauen sagte ich mir denn auch, daß ich mich täuschen und daß Pawlischtscheff vielleicht wirklich einen natürlichen Sohn haben könne. Mich wunderte nur sehr, daß dieser Sohn so leichtfertig, das heißt, Verzeihung, ich will sagen: so öffentlich das Geheimnis seiner Herkunft aufdeckt und vor allem seine Mutter nicht schont. Denn Tschebaroff drohte mir schon damals mit der Veröffentlichung ...«

»Welch eine Dummheit!« rief Lebedeffs Neffe ärgerlich aus.

»Sie haben nicht das Recht ... haben nicht das Recht!« stotterte fast schreiend Burdowskij.

»Der Sohn ist für die Handlungen seines Vaters nicht verantwortlich und die Mutter ist in diesem Fall unschuldig,« erklärte Hippolyt.

»Um so mehr, denke ich, hätte er sie schonen sollen ...« bemerkte der Fürst fast schüchtern.

»Sie sind nicht nur furchtbar naiv, Fürst, sondern sind noch etwas mehr,« meinte Lebedeffs Neffe mit boshaftem Lachen.

»Und welches Recht hatten Sie? ...« krächzte wieder mit seiner unnatürlichen Stimme Hippolyt.

»Überhaupt keines, überhaupt keines!« kam ihm der Fürst eilig zuvor. »Darin haben Sie recht, das sehe ich vollkommen ein! Ich habe mir auch schon in demselben Augenblick, als ich es aussprach, gesagt, daß meine persönlichen Gefühle mit der Sache selbst nichts zu tun haben dürfen; denn wenn ich es einmal als meine Pflicht ansehe, Herrn Burdowskijs Forderung auf Grund meiner Pawlischtscheff schuldigen Dankbarkeit zu befriedigen, so muß ich es in jedem Fall tun, also gleichviel, ob ich Herrn Burdowskij achte oder nicht achte. Ich kam jetzt, meine Herren, nur deshalb darauf zu sprechen, weil es mir doch gar zu unnatürlich schien, daß der Sohn das Geheimnis seiner Mutter der Öffentlichkeit preisgibt ... Mit einem Wort, gerade daraus glaubte ich zu ersehen, daß Tschebaroff eine Kanaille sein müsse und er allein Herrn Burdowskij zu einer solchen Niedertracht bewogen haben könne.«

»Aber das ist ja nicht mehr zum Aushalten!« ertönte es von den jungen Leuten, von denen drei sogar von ihren Plätzen aufsprangen.

»Meine Herren! Nur deshalb kam ich zu der Überzeugung, daß der unglückliche Herr Burdowskij ein treuherziger, schutzloser, einfacher Mensch sein muß, der leicht das Opfer jedes geschickten Spitzbuben werden kann! Folglich aber war es meine Pflicht, ihm als >Sohn Pawlischtscheffs< zu helfen, und zwar, indem ich vor allem _gegen_ Herrn Tschebaroff auftrat und ihm als treuer Freund mit Rat und Tat behilflich sein wollte, und ihm ferner zehntausend Rubel auszuzahlen bestimmte, also dieselbe Summe, die Pawlischtscheff nach meiner Berechnung für mich ausgegeben hat ...«

»Was! Nur zehntausend!« kreischte Hippolyt.

»Nein, Fürst, Sie sind doch in der Arithmetik sehr schwach! ... oder vielleicht sehr stark, wenn Sie sich auch als noch so harmlosen Menschen hinstellen wollen!« rief der Neffe Lebedeffs höhnisch aus.

»Mit zehntausend bin ich nicht einverstanden!« erklärte Burdowskij, zum erstenmal nicht stotternd.

»Antip, sei kein Esel!« flüsterte ihm schnell und deutlich vernehmbar der Boxer zu, indem er sich über Hippolyts Stuhllehne zu Burdowskij beugte. »Greif zu, später kann man ja dann immer noch sehen!«

»Hören Sie, Herr Myschkin,« ereiferte sich Hippolyt und seine Stimme klang noch heiserer, »begreifen Sie doch endlich, daß Sie nicht dumme Jungen vor sich haben, wie hier alle Ihre Gäste von uns zu glauben scheinen, und namentlich diese Damen, die jetzt so empört über uns sind und so spöttisch lächeln, und auch jener hochwohlgeborene Herr dort (er wies auf Jewgenij Pawlowitsch), den zu kennen ich freilich nicht die Ehre habe, doch von dem mir, wenn ich mich nicht täusche, schon manches zu Ohren gekommen ist ...«

»Erlauben Sie, erlauben Sie, meine Herren, Sie haben mich ja wieder nicht verstanden!« wandte sich der Fürst erregt an seine Gäste. »Sie, Herr Keller, haben in Ihrem Artikel mein Vermögen sehr falsch taxiert: ich habe ja gar keine Millionen geerbt, ich besitze vielleicht den achten oder zehnten Teil von dem, was Sie glauben. Und dann: Zehntausende sind für mich bestimmt nicht verausgabt worden. Professor Schneider erhielt nicht mehr als sechshundert Rubel jährlich, und auch die hat er nur in den ersten drei Jahren erhalten. Hübsche Gouvernanten aber hat Pawlischtscheff niemals aus Paris mitgebracht, -- das ist wiederum eine Verleumdung. Ich bin überzeugt, daß Pawlischtscheff alles in allem bedeutend weniger als zehntausend Rubel für mich ausgegeben hat, doch ich habe nun einmal die Summe nach oben abgerundet, und dabei bleibt es. Mehr aber als das, was ich empfangen habe, kann ich doch Herrn Burdowskij nicht anbieten, selbst wenn ich ihn auch noch so liebgewonnen hätte, denn sonst würde ich doch sein Zartgefühl verletzen; was von mir verlangt wird, ist: eine Schuld zu bezahlen, nicht ein Almosen zu geben! Ich begreife nicht, meine Herren, wie Sie das nicht einsehen! Ich aber wollte ihm dafür noch meine Freundschaft schenken, ich wollte ihm in jeder Beziehung behilflich sein und ihm beistehen; denn er wird doch offenbar von allen und jedem betrogen! Anders ist es ja gar nicht möglich, denn wie hätte er sich sonst zu einer solchen ... solchen Gemeinheit verstehen können, wie zum Beispiel der Veröffentlichung jener Sätze in Herrn Kellers Artikel über seine Mutter ... Aber weshalb regen Sie sich denn wieder auf, meine Herren? Man kann ja mit Ihnen keine zwei Worte reden! So werden wir uns ja bald überhaupt nicht mehr verstehen! Und ich habe mich ja auch nicht getäuscht in meinen Voraussetzungen, davon habe ich mich jetzt mit eigenen Augen überzeugen können,« versicherte der Fürst, bemüht, die aufgeregten Geister zu beruhigen, ohne dabei zu bemerken, daß er sie nur noch mehr aufregte.

»Was? Wovon haben Sie sich überzeugt?« drangen sie geradezu zornig auf ihn ein.

»Aber ich bitte Sie, meine Herren, erstens habe ich Herrn Burdowskij sehr gut verstanden, ich sehe doch, was er ist ... Er ist ein unschuldiger Mensch ... und deshalb muß ich ihn in Schutz nehmen. Und zweitens hat Gawrila Ardalionytsch, -- von dem ich lange keine Nachrichten über den Stand der Dinge erhalten, da ich fast die ganze Zeit gereist und dann hier in Petersburg drei Tage krank gewesen bin -- hat mir Gawrila Ardalionytsch erst heute vor etwa einer Stunde mitgeteilt, als wir uns zum erstenmal wiedersahen, daß er die Absichten Tschebaroffs sehr wohl durchschaue, und daß Tschebaroff genau das sei, für was ich ihn gehalten habe. Ich weiß es, meine Herren, daß mich viele für einen Idioten halten, und auch Tschebaroff nur deshalb, weil ich diesen Ruf habe, und in dem Glauben, daß man mit Leichtigkeit von mir Geld erhalten könne, mich eben betrügen wollte, indem er schlau meine Gefühle für Pawlischtscheff auszunutzen gedachte. Aber die Hauptsache, -- so hören Sie doch, meine Herren, lassen Sie mich doch zu Ende sprechen! --: wie sich jetzt herausstellt, ist ja Herr Burdowskij gar nicht Pawlischtscheffs Sohn! Vor einer Stunde hat mir Gawrila Ardalionytsch mitgeteilt, daß er unantastbare Beweise dafür habe! Nun, in welch einem Licht erscheint Ihnen jetzt die Sache? Es ist ja doch überhaupt nicht zu glauben, nach allem, was Sie bereits angestiftet haben! Und Sie hören: unantastbare Beweise! Ich glaube es noch nicht, ich glaube es selbst noch nicht, ich versichere Sie! Ich zweifle auch jetzt noch, denn Gawrila Ardalionytsch hatte heute keine Zeit, mir alles ausführlich zu erklären. Daß aber Tschebaroff eine Kanaille ist, daran zweifle ich keinen Augenblick mehr! Er allein ist es, der den armen Herrn Burdowskij und auch Sie alle, meine Herren, die Sie Ihrem Freunde beistehen -- da er des Beistandes offenbar bedarf, das begreife ich doch! -- ja, der Sie alle betrogen hat; denn diese ganzen Ansprüche sind doch im Grunde nichts als Betrug und gemeine Spitzbüberei!«

»Wie! Was! Spitzbüberei! ... Nicht Pawlischtscheffs Sohn!? ... Wie ist das möglich!?« ertönten empörte und erschrockene Ausrufe durcheinander.

Die ganze Kompagnie Burdowskijs war außer sich vor Entrüstung.

»Gewiß Spitzbüberei! Wie wollen Sie denn die Ansprüche Herrn Burdowskijs anders nennen, wenn er mit Pawlischtscheff überhaupt nicht verwandt ist? Das heißt: selbstverständlich hat er das nicht gewußt! Aber das ist es ja, weshalb ich immer wieder sage, daß er das Opfer eines Betruges ist -- ich will ihn doch rechtfertigen! Deshalb sage ich auch, daß man ihn bemitleiden muß, daß er in seiner Treuherzigkeit unbedingt des Beistandes bedarf, denn andernfalls würde er doch jetzt als Spitzbube dastehen. Ich bin überzeugt, daß er nichts davon ahnt! Ich bin ja doch selbst in einem solchen Zustande gewesen wie er, bevor ich in die Schweiz fuhr, ich stammelte gleichfalls zusammenhanglose Worte, -- man will alles, alles sagen und kann kein einziges Wort finden ... Ich weiß, ich weiß, wie das ist, ich kann es ihm nachfühlen; denn ich selbst bin ja fast ebenso, deshalb kann er es mir nicht übelnehmen, wenn ich es sage. Aber ich werde dennoch -- ganz abgesehen davon, daß es einen >Sohn Pawlischtscheffs< nicht mehr gibt, und das Ganze sich als Mystifikation erweist -- ich werde dennoch meinen Entschluß nicht ändern, und ich bin trotzdem bereit, Herrn Burdowskij zehntausend Rubel anzuweisen. Ich hatte früher die Absicht, sie zu einer Schule zu verwenden, im Namen Pawlischtscheffs, aber ich kann sie ja ebensogut Herrn Burdowskij zusprechen; denn wenn er auch nicht tatsächlich Pawlischtscheffs Sohn ist, so ... ist er doch so gut wie sein Sohn: er ist doch selbst so schändlich betrogen worden. Er selbst ist doch überzeugt, daß er der Sohn Pawlischtscheffs sei! Ich bitte Sie, meine Herren, Gawrila Ardalionytsch anzuhören, damit dann die Sache endlich einmal abgetan ist. Regen Sie sich nicht auf und seien Sie mir nicht böse. Bitte, setzen Sie sich wieder. Gawrila Ardalionytsch wird Ihnen sogleich alles erklären, und, offen gestanden, auch ich bin sehr gespannt darauf, alle Einzelheiten zu erfahren. Er reiste sogar nach Pskow und hat mit Ihrer Frau Mutter gesprochen, Herr Burdowskij. Nur hat er sie durchaus nicht sterbend vorgefunden, wie es in jenem Artikel heißt ... Setzen Sie sich, meine Herren, bitte, nehmen Sie Platz!«

Der Fürst setzte sich, und seinem Beispiel folgten auch die jungen Leute. In den letzten zehn oder zwanzig Minuten hatte der Fürst laut, ungeduldig und schnell gesprochen und in dem Bestreben, sich überhaupt Gehör zu verschaffen und womöglich alle zu überzeugen, sich in immer größeren Eifer hineingeredet, so daß er jetzt, kaum zur Ruhe gekommen, manches Ausgesprochene bitter zu bereuen begann. Hätte er sich nicht so ereifert, so würde er seine Mutmaßungen nicht ausgesprochen und alles Überflüssige vermieden haben. Doch kaum hatte er sich wieder hingesetzt, als ihn auch schon brennende Reue erfaßte und bis zur Pein quälte. Nicht nur, daß er Burdowskij »beleidigt« hatte mit der Annahme, daß er mit derselben Krankheit behaftet sei, von der er, der Fürst, in der Schweiz geheilt worden war, er hatte ihn auch noch tief gekränkt; denn das Angebot, die zehntausend Rubel ihm statt einer Schule zu geben, war seiner Meinung nach in einer verletzenden Weise geschehen, da er es in Gegenwart anderer, also gewissermaßen öffentlich getan hatte.

»Ich hätte damit warten sollen, ich hätte es ihm morgen unter vier Augen anbieten sollen,« dachte der Fürst gequält, »und das läßt sich jetzt nicht mehr gutmachen! Ja, ich bin ein Idiot, ich bin wirklich ein Idiot!« sagte er sich in einem Anfall unerträglicher Scham und Selbstbeschuldigung.

Gawrila Ardalionytsch, der bis dahin abseits gestanden und vorsätzlich geschwiegen hatte, trat auf die Aufforderung des Fürsten hin neben seinen Stuhl und schickte sich ruhig an, den Sachverhalt der Angelegenheit, die zu untersuchen er vom Fürsten beauftragt worden war, auseinanderzusetzen. Alles verstummte sogleich, und neugierig und in erwartungsvollem Interesse richteten sich aller Augen auf ihn.

IX.

»Sie werden es gewiß nicht in Abrede stellen wollen, Herr Burdowskij,« begann Gawrila Ardalionytsch, sich direkt an den >Sohn Pawlischtscheffs< wendend, der ihm mit auffallend glotzendem Blick und ebenso großer Verwunderung wie Verwirrung zuhörte, »daß Sie genau zwei Jahre nach der Verheiratung Ihrer achtbaren Mutter mit dem Herrn Kollegiensekretär Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Der Tag Ihrer Geburt ist an der Hand von Dokumenten gar zu leicht und genau nachzuweisen, und deshalb wollen wir, um Sie und Ihre Mutter nicht zu verletzen, die Entstellung der Tatsache in jenem Artikel mit einer Verwirrung der zweifellos blühenden Phantasie Herrn Kellers erklären, der mit diesen ... Hyperbeln Ihnen und Ihren Interessen offenbar zu dienen gemeint hat. Herr Keller sagte, daß er Ihnen seinen Artikel nur zum Teil vorgelesen habe; daher können wir annehmen, daß er es nur bis zu dieser Stelle getan ...«

»Allerdings nur bis dahin,« unterbrach ihn der Boxer, »aber die Fakta waren mir von einer durchaus glaubwürdigen Person mitgeteilt, und ich ...«

»Erlauben Sie, Herr Keller, daß ich jetzt rede,« unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch. »Sobald ich auf Ihren Artikel zu sprechen komme, können Sie Ihre Erklärungen vorbringen; jetzt aber wollen wir zuerst sachgemäß fortfahren. Zufällig gelangte ich durch die Freundin meiner Schwester, einer gewissen Wjera Alexejewna Subkowa, einer Witwe und Gutsbesitzerin, in den Besitz eines Briefes, den der verstorbene Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff vor vierundzwanzig Jahren aus dem Auslande an sie geschrieben hat. Auf meine Bitte um nähere Auskunft erteilte mir Wjera Alexejewna den Rat, mich an den Obersten a. D. Timofej Fedorowitsch Wjäsowkin zu wenden, an einen entfernten Verwandten und einstmaligen großen Freund des Herrn Pawlischtscheff. Von diesem erhielt ich dann noch weitere zwei Briefe Pawlischtscheffs an ihn, die gleichfalls aus dem Auslande geschrieben sind. Der Inhalt dieser drei Briefe schließt jeden Zweifel daran, ob Herr Pawlischtscheff auch wirklich damals, anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, ins Ausland gefahren ist, wo er dann drei Jahre verblieb, von vornherein völlig aus. Ihre Mutter aber hat, wie Sie wissen, Rußland nie verlassen. Ich will mir augenblicklich nicht die Zeit nehmen, die drei Briefe vorzulesen; es ist heute etwas spät geworden, deshalb begnüge ich mich mit der bloßen Mitteilung der Tatsachen. Doch wenn Sie wünschen, Herr Burdowskij, können Sie morgen vormittag, sagen wir, um zehn oder um elf -- wann es Ihnen genehm ist, -- mit Ihren Zeugen und Experten zu mir kommen, um die Authentizität der Briefe festzustellen; denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie sich von der Wahrheit überzeugen lassen werden, und wenn Sie sich überzeugt haben, so dürfte die Sache damit abgetan sein, denke ich.«

Wieder folgte diesen Worten eine allgemeine Bewegung und Aufregung. Doch plötzlich erhob sich Burdowskij.

»Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen ... jedoch nicht von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten ... ich will nichts feststellen, ich glaube es ... ich ... ich verzichte ... Die Zehntausend will ich nicht ... adieu ...«

Er nahm seine Mütze, schob den Stuhl zurück und wollte fortgehen.

»Verzeihung, Herr Burdowskij,« hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit leiser, süßlich klingender Stimme zurück, »könnten Sie nicht noch fünf Minuten verzögern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige äußerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich für Sie wichtige, für uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach dürften Sie es sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird Ihnen gewiß eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein für allemal aufgeklärt und damit abgetan ist ...«

Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er übrigens einen so starken Hustenanfall, daß auf dem Taschentuch, das er vor den Mund preßte, Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.

»Ach, Antip!« rief er plötzlich kummervoll aus, »hab' ich's dir damals nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, daß du vielleicht wirklich gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!«

Verhaltenes Lachen ertönte, zwei oder drei lachten lauter.

»Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller,« griff Gawrila Ardalionytsch schnell auf, »ist als Faktum von unschätzbarer Bedeutung. Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten, daß Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war, von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch völlig ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den größten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf kurze Zeit nach Rußland zurückgekehrt. Außerdem ist seine Abreise anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig aufsehenerregend gewesen, daß es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht mehr erinnern. Deshalb wären auch alle meine Nachforschungen ergebnislos gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die Hände gespielt hätte. Und deshalb wären auch für Herrn Burdowskij und sogar für Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmöglich gewesen, selbst wenn sie welche hätten vornehmen wollen ...«

»Erlauben Sie, Herr Iwolgin,« unterbrach ihn plötzlich Hippolyt gereizt, »wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache ist doch erklärt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine Verteidigungsrede für Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus Unwissenheit getan hat? Das wäre denn doch zu verletzend, mein Herr! Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es kränkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das hätten Sie erraten, begreifen sollen ...«