Sämtliche Werke 3-4

Part 34

Chapter 343,508 wordsPublic domain

»Das ... das ist aber doch empörend!« rief Iwan Fedorowitsch Jepantschin in höchster Entrüstung aus.

»Hören Sie auf, Koljä!« rief ihm der Fürst beschwörend zu.

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

»Lesen! Um jeden Preis weiterlesen!« befahl Lisaweta Prokofjewna kurz und bündig. Man sah es ihr an, daß sie nur noch mit Mühe an sich hielt. »Fürst!« wandte sie sich an diesen, »wenn du ihn nicht weiterlesen läßt -- sind wir Feinde!«

Es war also nichts zu machen, und Koljä, der vor Scham errötet war, fuhr mit erregter Stimme in der Lektüre fort.

»Doch während unser junger Millionär sozusagen im Überflusse schwelgt, geschieht etwas ganz Nebensächliches. Eines schönen Morgens erscheint bei ihm ein Herr mit einem ruhigen, strengen Gesicht, tadellos, doch unauffällig gekleidet, mit höflicher, würdiger und rechtschaffener Rede und mit augenscheinlich liberalen Ansichten. In zwei Worten erklärt er ihm den Grund seines Erscheinens: er ist ein bekannter Advokat, der von einem jungen Mann, in dessen Namen er erschienen ist, einen gewissen Auftrag erhalten hat, und jener ist nichts mehr und nichts weniger als der natürliche Sohn des verstorbenen Herrn P., wenn er auch einen anderen Namen trägt. Der alte Lüstling P. hatte ein ehrsames, armes Mädchen von seinem Gutsgesinde, das jedoch europäische Erziehung genossen, mit Hilfe seiner Gutsherrnrechte verführt und dann, als sich die Folgen seines Leichtsinns bemerkbar machten, schnell mit einem anderen verheiratet, mit einem Kaufmann oder, wie man sagt, sogar Beamten, der dieses Mädchen seit langem liebte. Zu Anfang der Ehe half er hin und wieder den Neuvermählten; doch bald wurde seine Hilfe von dem edelgesinnten Gatten der jungen Frau zurückgewiesen, und mit der Zeit vergaß Herr P. nicht nur die beiden Eheleute, sondern auch den Sohn, den sein ehemaliges Gutsmädchen bald nach ihrer Verheiratung ihrem -- Gatten geboren hatte. Und dann kam, wie gesagt, ein Tag, an dem Herr P. unvorhergesehen starb, ohne ein Testament gemacht zu haben. Inzwischen war der Sohn, den der edeldenkende Gatte seiner Mutter wie seinen leiblichen Sohn erzogen hatte, nachdem er auch diesen seinen Pflegevater, dessen bürgerlichen Namen er trug, durch einen plötzlichen Tod verloren, ganz allein auf sich und seine Kraft angewiesen und mußte nicht nur für sich, sondern auch für seine alte, kranke, halbgelähmte Mutter sorgen. So zog er denn allein nach Petersburg, um durch Erteilung von Privatunterricht in Kaufmannsfamilien zuerst ein Gymnasium besuchen und nachher für ihn nützliche Lektionen nehmen zu können, da er als strebsamer, junger Mann höhere Ziele im Auge hatte. Doch wie weit kommt man mit Privatunterricht zu fünfzig Kopeken die Stunde, wenn man außer sich selbst auch noch eine kranke Mutter ernähren muß? Deshalb wäre auch der Tod seiner im Sterben liegenden Mutter keine besondere Erleichterung für ihn. Jetzt ist die Frage aufzuwerfen: Was hätte unser Adelssproß in diesem Falle tun sollen? Sie, meine verehrten Herren Leser, werden natürlich der Meinung sein, daß er folgendes bei sich gedacht habe: >Ich habe mein ganzes Leben lang von P. alles Gute erfahren; für meine Erziehung, meine Gouvernanten und meine Heilung von der Idiotie hat er Zehntausende ausgegeben. Jetzt besitze ich Millionen, der natürliche Sohn P.s jedoch muß bei seinem edlen Charakter durch Unterricht kümmerlich sein Leben fristen und unschuldig für die Sünden seines leichtsinnigen, vergeßlichen Vaters büßen. Alles, was er für mich ausgegeben hat, hätte er von Rechts wegen für ihn, seinen Sohn, ausgeben müssen. Diese riesigen, für mich ausgegebenen Summen hatte ich ja gar nicht verdient, das war ein blinder Irrtum der blinden Fortuna oder meines phantastischen Wohltäters. Wenn ich wirklich dankbar, zartfühlend und gerecht sein will, so muß ich jetzt seinem Sohne die Hälfte meiner gegenwärtigen Millionen geben. Da ich aber in allen Dingen ein berechnender Mensch bin und nur zu gut begreife, daß er gesetzlich nichts von mir verlangen kann, so werde ich ihm die Hälfte meiner Millionen nicht geben; da aber _nichts_ geben doch gar zu gemein wäre, so muß ich ihm jetzt zum mindesten doch jene Zehntausende zurückgeben, die sein Vater für meine Heilung von der Idiotie ausgegeben hat. Damit tue ich nach meinem Gewissen und der Gerechtigkeit nur meine Pflicht und Schuldigkeit. Denn was wäre schließlich aus mir geworden, wenn sich P. nicht meiner, sondern seines natürlichen Sohnes erbarmt hätte?<

Doch nein, meine verehrten Leser! Unsere Adelssprößlinge denken anders! Wie beredt auch der Advokat, der einzig aus Freundschaft und fast gegen den Willen des Jünglings die Sache übernommen hatte, dem gegenwärtigen Millionär und ehemaligen Idioten diese Pflicht der Ehre und Gerechtigkeit und sogar der logischen Berechnung vorhält, der in der Schweiz geschulte Idiot bleibt unerbittlich -- und was tut er? Ja, was er tut, das läßt sich nicht mehr mit interessanten Krankheiten entschuldigen, das ist und bleibt unverzeihlich: dieser Millionär, der kaum aus den Stiefeletten seines Professors heraus ist, begreift nicht einmal, daß der edelgesinnte Sohn seines Wohltäters, der sich mit Privatunterricht abquält, nicht um eine gnädige Unterstützung bittet, sondern nur um das, was ihm von Rechts wegen zukommt, und nicht einmal selbst bittet, sondern daß nur von seinen Freunden für ihn gebeten wird. In aufgeblasenem Hochmut und berauscht von der Macht seiner Millionen, die es ihm jetzt erlauben, ungestraft die Machtlosen unter die Füße zu treten, zieht unser Adelssproß eine fünfzigrublige Banknote aus seinem Portemonnaie und schickt sie frech als Almosen dem edlen jungen Manne zu. Sie wollen es nicht glauben, meine verehrten Leser? Sie sind empört, beleidigt, Sie finden keine Worte -- und dennoch: er hat es getan! Selbstverständlich ist ihm das Geld sogleich zurückgesandt, sozusagen ins Gesicht geworfen worden. Doch welch eine Lösung ist wohl jetzt, wie die Verhältnisse liegen, zu erwarten? Juridisch ist ihm nicht beizukommen, nach dem geschriebenen Gesetz kann man ihm nichts anhaben; es bleibt also nichts anderes übrig, als die Sache der Öffentlichkeit zu übergeben. So unterbreiten wir sie denn dem Urteil des Publikums, das wir zum Schluß noch der Wahrheit jedes geschriebenen Wortes versichern. Es heißt, daß einer unserer bekanntesten Humoristen, dem dieser Fall gleichfalls zu Ohren gekommen ist, ein köstliches Epigramm darauf verfaßt hat, das durchaus wert ist, selbst in Residenzblättern veröffentlicht zu werden, weshalb wir es denn hier auch noch anführen wollen:

Seit fünf Jahren schon trug Ljowa[19] -- Also hieß der Adelssproß -- Ein paar enge Stiefeletten Seines Schweizer Professors. Als er dann im fünften Jahre Noch Millionen erben tat, Wollt' er nimmer das berappen, Was man ihm gepumpt einst hat.«

Als Koljä zu Ende gelesen hatte, warf er das Blatt angeekelt auf den Tisch und eilte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, in den nächsten Winkel, wo er die Stirn fest an die Wand preßte. Er schämte sich bis in sein Innerstes hinein, und seine kindlich reine Seele, die sich an solchen Schmutz noch nicht gewöhnt hatte, litt unsäglich. Es schien ihm, daß etwas Entsetzliches geschehen war, etwas, das alles Schöne und Gute zerstört hatte, und daß er selbst womöglich die Ursache dessen gewesen war, allein schon dadurch, daß er dieses Schändliche laut vorgelesen hatte.

Doch auch die anderen schienen fast alle Ähnliches zu empfinden.

Den jungen Mädchen war die Situation mehr als peinlich. Die Generalin bezwang mit aller Gewalt ihren Zorn und bereute vielleicht bitter, daß sie sich in diese Angelegenheit überhaupt hineingemischt hatte; jetzt schwieg sie. Der Fürst aber schämte sich, wie das mit zartfühlenden Menschen oft geschieht, dermaßen für die Verfasser dieses Artikels, daß er seine Gäste gar nicht anzusehen wagte. Ptizyn, Warjä, Ganjä und sogar Lebedeff schauten alle etwas verwirrt und betreten drein. Doch am sonderbarsten war wohl, daß auch Hippolyt und Burdowskij, der »Sohn Pawlischtscheffs«, erstaunt und gleichsam etwas erschrocken aussahen; und selbst der Neffe Lebedeffs schien offenbar mit irgend etwas unzufrieden zu sein. Nur der »Boxer« saß wichtig und ruhig auf seinem Stuhl und drehte seinen Schnurrbart, den Blick ein wenig gesenkt -- jedoch nicht etwa aus Verlegenheit gesenkt, sondern gleichsam aus Bescheidenheit infolge gar zu offenkundigen Triumphes. Jedenfalls war aus allem zu ersehen, daß der Artikel ihm sehr gefallen hatte.

»Der Teufel mag wissen, was das sein soll!« brummte Iwan Fedorowitsch halblaut, »das ist ja, wie wenn fünfzig Lakaien sich zusammengetan und dann auch glücklich die größte Gemeinheit zustande gebracht hätten!«

»Erla--auben Sie, mein Herr, wie dürfen Sie uns mit solchen Vermutungen beleidigen?« empörte sich, am ganzen Körper zitternd, Hippolyt.

»Das, das, das ist für einen Mann von Ehre ... das werden Sie doch selbst zugeben, Exzellenz, daß für einen, einen Mann von Ehre so etwas beleidigend sein muß!« brummte diesmal etwas lauter der Boxer, der sich gleichfalls aus irgendeinem Grunde verletzt zu fühlen schien, und mit gekränkter Miene fuhr er fort, seine Schnurrbartspitzen zu zwirbeln, während er dazu bald mit dieser, bald mit jener Schulter zuckte.

»Ich bin für Sie nicht >mein Herr<, und im übrigen habe ich nicht die Absicht, Ihnen irgendwelche Erklärungen zu geben!« antwortete mit verhaltener Wut Iwan Fedorowitsch. Er erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort zu den Stufen der Terrasse, wo er auf der obersten Stufe, den Rücken der Gesellschaft zugekehrt, stehen blieb. Er ärgerte sich unbeschreiblich über Lisaweta Prokofjewna, die sich auch jetzt noch nicht von ihrem Platz rührte.

»Meine Herren, ich bitte Sie, meine Herren, lassen Sie uns doch so sprechen, daß wir einander verstehen!« kam der Fürst, in dessen Gesicht sich seine ganze Qual und Erregung widerspiegelte, endlich zu Wort. »Der Artikel -- nun, was ... vergessen wir ihn. Ich meine ja nur -- es ist doch alles unwahr, was dort geschrieben steht, und das sage ich Ihnen jetzt, weil Sie das doch selbst wissen. Es würde mich doch wirklich nur wundern, wenn das jemand von Ihnen verfaßt haben sollte.«

»Ich habe von diesem ganzen Artikel bis jetzt nichts gewußt,« erklärte Hippolyt. »Ich billige ihn nicht.«

»Ich habe zwar gewußt, daß er geschrieben war, aber ... von einer Veröffentlichung hätte ich entschieden abgeraten; denn dazu ist es noch zu früh,« sagte Wladimir Doktorenko, Lebedeffs Neffe.

»Ich habe gewußt, aber ich habe das Recht ... ich ...« stotterte der »Sohn Pawlischtscheffs«.

»Was! Sie haben das selbst geschrieben?« fragte der Fürst fast erschrocken, und erstaunt blickte er Burdowskij an. »Das kann doch nicht sein!«

»Man könnte Ihnen übrigens das Recht zu solchen Fragen auch absprechen,« trat Doktorenko für seinen Freund ein.

»Ich wunderte mich ja nur, daß es Herrn Burdowskij gelungen ist ... doch ... wenn Sie die Sache bereits an die Öffentlichkeit gebracht haben, weshalb waren Sie dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner Freunde davon zu sprechen begann?«

»Endlich!« stieß Lisaweta Prokofjewna halblaut hervor, indem sie gleichzeitig mit der Fußspitze aufschlug.

»Und dabei geruhen Sie noch, Fürst, mit Stillschweigen darüber hinwegzugehen,« warf Lebedeff, der sich wie im Fieber hinter den Stühlen der anderen herumwand, diensteifrig ein, »jawohl, darüber hinwegzugehen, daß es einzig und allein Ihr guter und freier Wille und die unvergleichliche Güte Ihres Herzens war, diese Herren zu empfangen und anzuhören, und sie infolgedessen überhaupt kein Recht haben, von Ihnen eine Unterredung zu verlangen, um so weniger, als Sie, durchlauchtigster Fürst, bereits Gawrila Ardalionytsch mit der Führung dieser Sache betraut haben. Deshalb, durchlauchtigster Fürst, wird es Ihro Gnaden niemand verargen dürfen, wenn Ihro Gnaden jetzt den Wunsch aussprechen, diese Herren die Stufen hinunterbefördert zu sehen, was ich in meiner Eigenschaft als Hausbesitzer sogar mit ganz besonderem Vergnügen ...«

»Gewiß, das einzig Richtige!« dröhnte plötzlich aus dem Hintergrunde die Stimme des alten Iwolgin.

»Genug, Lebedeff, hören Sie auf ...« wollte der Fürst beginnen, doch ein ganzer Sturm von Ausrufen verschlang seine Worte.

»Nein, verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, jetzt ist's mit einem >hören Sie auf< nicht abgetan!« überschrie Lebedeffs Neffe alle anderen. »Vor allem tut jetzt not, daß man die Sache klar und deutlich hinstellt; denn offenbar versteht sie hier keiner richtig. Wie ich sehe, will man uns mit juristischen Winkelzügen einschüchtern, und man droht uns sogar, uns hinauszuwerfen! Aber halten Sie uns denn, Fürst, wirklich für zu dumm, um zu begreifen, daß wir, wenn wir juridisch gegen Sie vorgehen wollten, keinen Rubel von Ihnen zu verlangen das Recht hätten! Doch andererseits verstehen wir nur zu gut, daß es hier, wenn von juridischem Recht keine Rede sein kann, ein um so größeres menschliches, natürliches Recht gibt, das Recht der gesunden Vernunft und der Stimme unseres Gewissens, und wenn dieses Recht auch nicht in alten vermoderten Kodexen steht, so ist doch ein edler und ehrlicher Mensch, das heißt soviel wie ein Mensch mit gesunder Vernunft, dennoch verpflichtet, auch in solchen Punkten, die in keinem Kodex stehen, eben ein ehrlicher und edler Mensch zu sein und dementsprechend zu handeln. Deshalb sind wir auch hergekommen, ohne zu fürchten, daß man uns hinauswerfen wird -- wie Sie soeben gedroht haben --, weil wir _nicht bitten_, sondern _fordern_ ... und weil unser Besuch etwas spät ausgefallen ist -- was jedoch mehr Ihre als unsere Schuld ist, denn Sie haben uns zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen. Deshalb, wie gesagt, sind wir ohne Furcht zu Ihnen gekommen, weil wir Sie für einen Menschen mit gesunder Vernunft hielten, das heißt soviel wie für einen Mann von Ehre und Gewissen. Es ist wahr, wir sind nicht de- und wehmütig, nicht wie Bettler hier eingetreten, sondern erhobenen Hauptes, als freie Menschen, die wir sind, und durchaus nicht mit untertänigen Bitten, sondern mit einer freien und stolzen Forderung, ja, Forderung und _nicht_ Bitte -- merken Sie sich das! Und jetzt stellen wir ohne alle Winkelzüge frei und offen die Frage an Sie: Glauben Sie in dieser Angelegenheit im Recht oder im Unrecht zu sein? Geben Sie es zu oder geben Sie es _nicht_ zu, daß Pawlischtscheff Ihr Wohltäter gewesen ist und Sie vielleicht vom Tode errettet hat? Wenn Sie das zugeben -- und das tun Sie doch offenbar -- so fragen wir Sie, ob Sie die Absicht haben, oder ob Sie es vor Ihrem Gewissen für gerecht oder _un_gerecht halten, wenn wir von Ihnen, nachdem Sie Millionen geerbt haben, einfach fordern, daß Sie dem natürlichen, doch darbenden Sohne Ihres Wohltäters das zurückzahlen, was Sie von seinem Vater ungerechterweise geschenkt erhalten haben? _Ja_ oder _nein_? Wenn _ja_, das heißt mit anderen Worten: wenn Sie auch nur einen Funken von dem in sich haben, was Sie in Ihrer Sprache Ehre und Gewissen nennen, und was wir noch treffender mit gesunder Vernunft bezeichnen, so befriedigen Sie uns -- und die Sache ist erledigt. Befriedigen Sie uns, ohne dabei auf Bitten und Dankbarkeit unsererseits zu rechnen, erwarten Sie sie nicht; denn Sie tun es ja doch nicht für uns, sondern für sich, weil die Gerechtigkeit es von Ihnen verlangt. Wollen Sie uns jedoch _nicht_ befriedigen, das heißt: wenn Sie auf unsere Frage mit einem _Nein_ antworten, so werden wir uns sofort zurückziehen und die Sache ist gleichfalls abgetan; doch werden Sie uns dann wohl gestatten, daß wir in Gegenwart all Ihrer Freunde und Zeugen Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie ein Mensch mit rohem Verstande sind und jedenfalls auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen, und daß Sie hinfort nicht mehr das Recht haben, sich einen Mann von Ehre und Gewissen zu nennen, da Sie sich dieses Recht denn doch gar zu billig kaufen wollen. So, ich habe geendet. Die Frage ist gestellt! Lassen Sie uns doch jetzt hinauswerfen, wenn Sie es wagen. Sie haben ja die Macht dazu. Aber vergessen Sie nicht, daß wir dennoch fordern und nicht bitten!«

»Ja, fordern, fordern, fordern, und nicht bitten! ...« stotterte Burdowskij, der vor Aufregung so rot geworden war wie ein Krebs.

Nach dieser Rede, die Lebedeffs Neffe mit viel Temperament gehalten hatte, ging eine allgemeine Bewegung durch die Gesellschaft: Ausrufe wurden laut, hier und da wurde getuschelt, geflüstert, obschon es alle außer Lebedeff sichtlich vermieden, sich in die Sache laut einzumischen. Lebedeff dagegen war wie im Fieber, und seltsam: obschon er bedingungslos zum Fürsten hielt, empfand er jetzt doch so etwas wie Familienstolz nach der Rede Doktorenkos und blickte sich im Kreise um, als wolle er sagen: »Und seht, das ist mein Neffe!«

»Meiner Ansicht nach,« begann der Fürst, ziemlich leise, »meiner Ansicht nach haben Sie, Herr Doktorenko, in dem, was Sie soeben gesagt, zum Teil recht, sogar zum weit größeren Teil, und ich wäre mit Ihnen vollkommen einverstanden, wenn Sie in Ihrer Rede nicht etwas ganz aus dem Auge gelassen hätten. Was es freilich ist, was Sie übersehen haben, vermag ich nicht genau auszudrücken ... Doch kommen wir lieber zur Sache, meine Herren. Weshalb haben Sie diesen Artikel veröffentlicht? Jedes Wort in diesem Artikel ist doch eine Verleumdung. Ich finde, daß diese Veröffentlichung Ihrerseits eine Schändlichkeit ist.«

»Erlauben Sie! ...«

»Mein Herr! ...«

»Das ... das ... das ...« hörte man gleichzeitig von den aufgeregten Gästen.

»Was diesen Artikel betrifft,« griff Hippolyt mit seiner heiseren Stimme auf, »was diesen Artikel betrifft, so habe ich Ihnen bereits gesagt, daß sowohl ich wie auch die anderen ihn nicht billigen. Geschrieben aber hat ihn dieser hier.« (Er wies auf den neben ihm sitzenden Boxer.) »Ich gebe zu, daß er ihn unanständig und in einem Stil geschrieben hat, der allen Verabschiedeten seines Schlages eigen ist. Er ist dumm und obendrein noch käuflich, das gebe ich zu -- ich sage es ihm ja jeden Tag ins Gesicht --, aber halbwegs ist er doch in seinem Recht: da ein jeder das Recht zur Veröffentlichung hat, kann auch er davon Gebrauch machen. Seinen Stil jedoch und seine Dummheit mag er selbst verantworten. Und was das betrifft, daß ich vorhin im Namen aller gegen die Anwesenheit Ihrer Freunde protestierte, so erkläre ich jetzt einfach, daß ich einzig deshalb protestiert habe, um unser Recht zu behaupten, im Grunde aber sind uns Zeugen sogar erwünscht, und darin sind wir bereits früher, noch bevor wir hier eintraten, übereinkommen. Also gleichviel, wer die Zeugen sind, und wenn wir Ihre Freunde vor uns haben -- um so besser; denn daß sie einsehen werden, daß Burdowskij vollkommen in seinem Recht ist -- das liegt ja doch auf der Hand! das ist ja mathematisch klar! -- Nun, und so wird eben der Sieg der Wahrheit ein um so größerer sein.«

»Das ist wahr, wir waren übereingekommen, daß ...« wollte Lebedeffs Neffe Hippolyts Mitteilung bestätigen.

»Aber weshalb erhoben Sie denn vorhin ein solches Geschrei, wenn Ihnen Zeugen sogar erwünscht waren?« wunderte sich der Fürst.

»In betreff des Artikels, Fürst,« bemerkte eilig der Boxer, der furchtbar gern auch zu Wort kommen wollte und sich nun, als es ihm endlich gelang, in angenehmer Selbstzufriedenheit immer mehr belebte (es war unschwer zu erraten, daß die Anwesenheit von Damen einen starken Einfluß auf ihn ausübte), »in betreff des Artikels muß ich allerdings gestehen, daß ich der Verfasser bin, obschon mein kranker Freund, dem ich um seiner Krankheit willen zu verzeihen geneigt bin, sich soeben sehr absprechend über diesen meinen Artikel geäußert hat. Ich habe ihn aber in dem Blatt meines anderen Freundes gewissermaßen nur als eingesandten Brief veröffentlicht. Nur das Gedicht zum Schluß stammt allerdings nicht von mir, sondern von einem Bekannten, und man kann sogar sagen, berühmten Humoristen. Vorgelesen habe ich ihn nur meinem Freunde Burdowskij, doch auch ihm nicht alles; ich erhielt aber von ihm sogleich die Erlaubnis, meinen Artikel zu veröffentlichen, was ich schließlich auch ohne seine Erlaubnis hätte tun können, das werden Sie doch zugeben. Das Recht der Veröffentlichung ist ein allgemeines, ein edles und nützliches. Ich hoffe, auch Sie, Fürst, sind so weit fortgeschritten, daß Sie das nicht in Abrede stellen werden ...«

»Das nicht, aber Sie sehen doch wohl selbst ein, daß Ihr Artikel ...«

»Etwas scharf ist, wollen Sie vielleicht sagen? Aber hier handelt es sich doch, das müssen Sie nicht vergessen, um den allgemeinen Nutzen, und dann -- wie hätte man eine solche Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen können? Der Nutzen der Allgemeinheit geht stets voran. Und was die einzelnen Ungenauigkeiten betrifft -- man kann sie eigentlich nur Hyperbeln nennen -- so sind doch diese nicht von Belang, die Hauptsache bleibt doch die Initiative, der Zweck und die Absicht sozusagen. Von Wichtigkeit ist das Beispiel, die Privatfragen kommen erst später in Betracht. Und dann ist's doch eine vortreffliche Gelegenheit, den Stil zu entwickeln, es ist ja förmlich eine humoristische Aufgabe, und -- alle schreiben doch so! Ha--ha!«

»Aber das ist doch ein ganz falscher Weg! Ich versichere Sie, meine Herren,« rief der Fürst, »Sie haben den Artikel in dem Glauben geschrieben, daß ich unter keiner Bedingung einwilligen würde, Herrn Burdowskijs Ansprüche zu befriedigen, und so haben Sie mich in dieser Weise schrecken und sich an mir rächen wollen. Woher aber wissen Sie, was ich zu tun beschlossen habe? Ich sage Ihnen jetzt offen in Gegenwart aller, daß ich seine Ansprüche bedingungslos befriedigen werde ...«

»Ah, das ist doch endlich ein kluges und edles Wort eines klug- und edeldenkenden Menschen!« rief der Boxer begeistert aus.

»Großer Gott!« stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.

»Das ist ja unerträglich!« brummte der General empört.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Sache auseinandersetze,« bat der Fürst. »Vor etwa fünf Wochen erschien bei mir in S. Ihr Bevollmächtigter, Herr Burdowskij, ein gewisser Herr Tschebaroff. Sie haben ihn aber doch etwas gar zu schmeichelhaft geschildert, Herr Keller, das muß ich sagen!« wandte sich der Fürst plötzlich an den Boxer. »Mir dagegen gefiel dieser Herr durchaus nicht. Ich begriff sogleich, daß die ganze Geschichte nur von diesem Tschebaroff ausging und er vielleicht sogar Sie, Herr Burdowskij, dazu bewogen hat, diesen Anspruch zu erheben, indem er geschickt Ihre Unwissenheit und Vertrauensseligkeit auszunutzen verstanden hat, wenn ich offen sein soll.«

»Sie haben kein Recht dazu ... ich ... ich bin nicht unwissend ... das ...« stotterte Burdowskij sehr erregt.

»Sie haben durchaus kein Recht dazu, solche Vermutungen zu äußern,« belehrte ihn Lebedeffs Neffe.

»Das ist im höchsten Grade beleidigend!« krähte Hippolyt mit seiner heiseren Stimme. »Beleidigend, unwahr und gehört nicht zur Sache.«