Part 31
»Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei mir häuslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er seinen Mitmenschen überaus zugetan, und das sogar in solchem Übermaße, daß er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns schon mehrmals klipp und klar bewiesen, daß wir unbedingt verwandt sein müssen, und wie er nun herausgetüftelt hat, sind wir auch über diese und jene und noch eine dritte hinweg verschwägert. Also bon, mir soll's recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Fürst, sind, wie er mir ausführlich erklärt hat, mütterlicherseits der Neffe seiner Nichte -- hat's mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen -- 'ne kleine Schwäche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir versichert, daß er während seines ganzen Lebens, angefangen von seiner Fähnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich niemals weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schließlich ging's sogar so weit, daß sie überhaupt nicht mehr von den Stühlen aufstanden, so daß sie zirka dreißig Jahre lang täglich mindestens fünfzehn Stunden zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die geringste Unterbrechung, kaum daß sie Zeit ließen, die Tischtücher zu wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich -- und an Fest- und Feiertagen gab es sogar _drei_hundert Menschen, und am Tage der Feier des tausendjährigen Bestehens des Russischen Reiches zählte er mir sogar _sieben_hundert vor! Das ist doch schauderhaft! So etwas, bei Licht betrachtet, ist doch 'n schlimmes Zeichen! Und solche Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so endlosen Maßstabe gemessen werden muß -- da--da--das ist doch mehr als riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei mir, ob er für Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein würde?«
»Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?«
»Wie Brüder! Aber ich faß's ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir sind also verschwägert -- bon, mir soll's recht sein. Gereicht mir ja nur zur Ehre. Und im übrigen erkenne ich auch trotz der zweihundert Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen außergewöhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja -- ich bin die Aufrichtigkeit selbst. Sie, Fürst, beliebten vorhin ein Wort über Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, daß ich mich Ihnen jedesmal so nähere, als hätte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen. Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin nämlich soeben tatsächlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse Dame hat mich soeben wissen lassen, daß sie mit Ihnen unbedingt ein heimliches Zusammentreffen wünscht.«
»Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht nötig. Ich werde selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.«
»Um--um--um Gottes willen!« winkte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Und sie fürchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! Übrigens: das Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen -- wußten Sie das schon?«
»Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr verdächtig vor.«
»Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein ... und im übrigen wollte ich ja nur erklären,« lenkte Lebedeff schnell ab, »daß die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen Menschen fürchtet, jawohl ...«
»Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen haben,« drängte der Fürst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei Lebedeffs aufrichtig ärgerte.
»... Das ist aber eben das Geheimnis.«
Und Lebedeff lächelte vielsagend.
»Wessen Geheimnis?«
»Ihres, natürlich doch! Durchlauchtigster Fürst, Sie werden sich doch wohl dessen entsinnen, daß Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit einem Wort davon zu sprechen,« sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte, schloß er plötzlich ganz unerwartet: »Sie fürchtet Aglaja Iwanowna.«
Der Fürst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.
»Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa,« stieß er mit einemmal hervor. »Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?«
»Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen. Ich werde alle Türen aufreißen, alle meine Töchter herrufen, alle, alle, sofort, sofort!« flüsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Händen beschwichtigend, und geschäftig stürzte er zur Tür, besann sich aber, lief zur anderen Tür, zögerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder zur ersten zurück.
In dem Augenblick erschien Koljä auf dem Parkwege, sprang eilig die Stufen zur Terrasse empor und meldete, daß ihm auf dem Fuße Gäste folgten -- Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.
»Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein? Und den General?« fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in höchste Aufregung versetzt hatte.
»Aber natürlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will. Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, daß Sie sich in Ihrer Auffassung meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg täuschen; Sie fassen alles immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen,« sagte der Fürst lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich äußerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.
Koljäs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar Schritte vorausgeeilt, so daß nun plötzlich von beiden Seiten Gäste erschienen: aus dem Park näherten sich der Terrasse Jepantschins, und durch die Zimmertür traten Ptizyns, Ganjä und General Iwolgin.
Jepantschins hatten von der Erkrankung des Fürsten und seiner Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Koljä erfahren. Der General hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung vorgefundenen Visitenkarte des Fürsten erzählt und damit in seiner Gemahlin die feste Überzeugung erweckt, daß der Fürst sogleich in eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen würde. Vergeblich wandten die Töchter ein, daß ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben, es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und außerdem könne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurückhalten. Die Generalin ärgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie hätte wetten mögen, daß der Fürst unfehlbar am nächsten Tage erscheinen würde, »obschon auch das noch unverzeihlich spät wäre«. Und so erwartete sie ihn am nächsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich; nachdem sie um eins ihr Frühstück ohne den Fürsten eingenommen hatten, begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln begann, ohne daß der Fürst erschienen wäre, da ärgerte sie sich dermaßen, daß sie in kürzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich aufs ärgste mit ihren Töchtern und ihrem Gatten verfeindete. Selbstverständlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Fürsten Erwähnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch plötzlich die Bemerkung fallen ließ, daß _maman_ sich ja nur deshalb so ärgere, weil der Fürst noch immer nicht käme (worauf der General sogleich vorbeugend feststellte, daß er, der General, doch nichts dafür könne, das sei doch nicht seine Schuld) -- da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am Abend, erschien Koljä und erzählte, daß der Fürst einen epileptischen Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, daß Lisaweta Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Koljä seinen Teil.
»Sonst sitzt er hier tagelang und ist nicht loszuwerden, diesmal aber ist er nicht einmal auf den Gedanken gekommen, uns wenigstens zu benachrichtigen, wenn er nicht selbst kommen konnte!«
Koljä wollte sich zwar sogleich wegen des »Nichtloszuwerden« gekränkt fühlen, schob es aber noch auf; wenn nicht das Wort an sich gar so beleidigend gewesen wäre, hätte er die Bemerkung sogar ganz verziehen, dermaßen freuten ihn die Aufregung und Unruhe Lisaweta Prokofjewnas nach der Mitteilung von der Krankheit des Fürsten. Sie bestand sofort mit allem Nachdruck auf der Notwendigkeit, einen Diener nach Petersburg zu senden, um eine der größten medizinischen Berühmtheiten zur Konsultation zu bitten; doch die Töchter rieten davon ab. Doch wollten sie ihrer Mutter nicht nachstehen, als diese sich sogleich aufmachte, um den Kranken zu besuchen.
»Er liegt im Sterben, und da sollen wir nun Zeremonien beobachten!« rief sie erregt. »Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?«
»Nur finde ich es nicht ratsam, sich anderen Menschen aufzudrängen,« wagte zwar Aglaja einzuwenden, doch die Mutter bemerkte hierauf nur scharf:
»Dann geh nicht mit. Und du tust sogar sehr gut daran: Jewgenij Pawlowitsch wird kommen, und da wäre sonst niemand hier, der ihn empfangen könnte.«
Nach diesen Worten folgte Aglaja natürlich sofort den anderen, was sie übrigens sowieso zu tun beabsichtigt hatte. Fürst Sch., der sich mit Adelaida unterhielt, war auf deren Bitte sogleich bereit, die Damen zu begleiten. Er interessierte sich sehr für den Fürsten, nachdem ihm so manches von diesem erzählt worden war. Übrigens war er mit ihm auch persönlich bekannt: sie hatten beide vor etwa drei Monaten in einem Provinzstädtchen fast ganze zwei Wochen in ein und demselben Gasthof gelebt. Er hatte auch seinerseits Jepantschins vom Fürsten erzählt, und zwar äußerte er sich sehr sympathisch über ihn, weshalb er denn jetzt gern seinen alten Bekannten besuchen wollte. Der General war nicht zu Hause, und auch Jewgenij Pawlowitsch war noch nicht aus Petersburg eingetroffen.
Lebedeffs Landhaus war von der Villa Jepantschin nicht mehr als dreihundert Schritte entfernt. Die erste unangenehme Überraschung war dort für Lisaweta Prokofjewna -- so viele Gäste anzutreffen (ganz abgesehen davon, daß zwei oder drei von diesen ihr entschieden verhaßt waren), und die zweite -- statt des auf dem Sterbebett geglaubten, einen anscheinend vollkommen gesunden, elegant gekleideten, lachenden jungen Mann zu erblicken, der sofort die Stufen der Terrasse hinunterstieg und sie sichtlich erfreut begrüßte. Sie blieb sogar stehen vor Verwunderung -- zum größten Gaudium Koljäs, der sie natürlich sehr gut über das augenblickliche Befinden des Fürsten hätte aufklären können, als sie noch nicht zum Besuch aufgebrochen war. Er hatte es jedoch absichtlich unterlassen, um sich an ihrem Zorn ergötzen zu können, wenn sie, die dem Fürsten von Herzen das Beste wünschte, diesen bei guter Gesundheit antraf. Ja, Koljä war sogar so taktlos, daß er seinen Gedanken laut aussprach, was er wiederum nur deshalb tat, um Lisaweta Prokofjewna zu necken. Solche Neckereien waren trotz der sie verbindenden Freundschaft gang und gäbe zwischen ihnen.
»Wart' noch ein wenig, mein Lieber, beeile dich nicht allzusehr, verdirb nicht deinen Triumph!« versetzte Lisaweta Prokofjewna, indem sie sich auf den vom Fürsten ihr hingeschobenen Sessel niederließ.
Lebedeff, Ptizyn und der alte General Iwolgin beeilten sich, sogleich den jungen Damen Stühle zu bringen. Der General brachte seinen Stuhl Aglaja. Lebedeff eilte auch zum Fürsten Sch. mit einem Stuhl und bot ihn mit einer so tiefen Verbeugung an, als hätte er durch die Krümmung seines Rückgrates die Tiefe seiner Ergebenheit ausdrücken wollen. Warjä begrüßte die jungen Mädchen wie gewöhnlich, mit ihnen flüsternd und ganz begeistert.
»Es ist wahr, Fürst, ich glaubte wirklich, dich womöglich im Bett vorzufinden; denn als ich von deiner Erkrankung hörte, mußte ich in der Angst natürlich gleich übertreiben. Aber lügen werde ich deshalb um keinen Preis, und so hör' du es nur ruhig, daß ich mich über dein glückliches Gesicht furchtbar ärgerte; aber, ich schwöre dir, das tat ich nur einen Augenblick, bis ich den richtigen Gedanken erfaßt hatte. Wenn ich eine Sache erst erfaßt habe, handle und rede ich immer viel klüger; ich glaube, du auch. Jetzt aber kann ich dir sagen, daß ich mich über die Genesung meines leiblichen Sohnes, wenn ich einen hätte, vielleicht weniger freuen würde, als über die deine; wenn du mir das nicht glaubst, so hast du dich zu schämen und nicht ich. Dieser boshafte Bengel aber erlaubt sich mir gegenüber doch etwas zu weitgehende Scherze. Du protegierst ihn, glaube ich? Nun, dann sage ich dir im voraus, daß ich eines schönen Tages auf das Vergnügen seiner weiteren Bekanntschaft verzichten werde.«
»Ja, aber was habe ich denn verbrochen?« fragte Koljä lachend. »Selbst wenn ich Ihnen auch noch so überzeugend versichert hätte, daß der Fürst fast schon gesund sei, Sie hätten es mir doch nicht glauben wollen; denn ihn sich als Sterbenden vorzustellen, war doch unvergleichlich interessanter.«
»Wirst du lange hierbleiben?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna brüsk an den Fürsten.
»Den ganzen Sommer und vielleicht noch länger.«
»Du bist doch allein? Nicht verheiratet?«
»Nein, nicht verheiratet,« antwortete der Fürst, lächelnd über die Naivität dieses Stiches.
»Da ist nichts zu lächeln; das kommt vor. Ich rede von der Datsche, -- weshalb bist du nicht zu uns gekommen? Bei uns steht ein ganzer Seitenflügel leer. Übrigens, wie du willst. Wohnst du bei diesem? Bei dem da?« fragte sie halblaut, mit einem Kopfnicken auf Lebedeff weisend. »Was fehlt ihm, weshalb kann er nicht ruhig stehen?«
In dem Augenblick trat Wjera aus dem Zimmer auf die Terrasse; wie gewöhnlich trug sie das Kindchen auf den Armen. Lebedeff, der sich zwischen den Stühlen der Gäste hin und her wand und entschieden nicht wußte, wo er sich lassen sollte -- jedenfalls aber um alles in der Welt nicht die Terrasse verlassen wollte -- stürzte sich plötzlich, wie besessen mit den Armen fuchtelnd, seiner Tochter entgegen, um sie nur ja fortzutreiben, und in der Hitze vergaß er sich sogar so weit, daß er mit den Füßen trampelte.
»Was fehlt ihm, ist er wahnsinnig?« fragte die Generalin erschrocken.
»Nein, er ist ...«
»Betrunken vielleicht? Nein, dein Umgangskreis ist nicht nach meinem Geschmack, offen gesagt, mein Lieber,« meinte sie schroff, während ihr Blick auch die anderen Gäste streifte. »Aber wer war dieses reizende Mädchen?«
»Das war Wjera Lukjanowna, die Tochter dieses Lebedeff.«
»Ah! ... Wirklich reizend. Ich möchte sie kennen lernen.«
Kaum hatte Lebedeff die lobenden Worte der Generalin aufgefangen, als er seine Tochter auch schon mit Gewalt herbeizog, um sie untertänigst vorzustellen.
»Waisen, Waisenkinder!« erläuterte er zerschmelzend. »Und dieses Kindchen im Steckkissen -- ist gleichfalls eine Waise, ihr Schwesterchen und meine Tochter, Ljubow mit Namen, und geboren in gesetzmäßigst geschlossener Ehe, von meiner jüngst verstorbenen Gattin Helena, die vor sechs Wochen im Kindbett, wie gesagt, gestorben ist, nach Gottes Ratschluß ... jawohl. Und sie vertritt jetzt Mutterstelle an der Kleinen, obwohl sie nur ihre Schwester ist, nicht mehr und nicht weniger, als ihre Schwester, glauben Sie mir ...«
»Und du, Väterchen, bist nicht mehr und nicht weniger als ein Dummkopf, verzeih mir, aber das kannst du mir gleichfalls glauben. Nun, genug, du wirst mich schon richtig verstehen, denke ich,« schnitt ihm Lisaweta Prokofjewna ungehalten das Wort ab.
»Stimmt! Mir aus der Seele gesprochen!« sagte Lebedeff, sich ehrfurchtsvoll und tief vor ihr verneigend.
»Hören Sie, Herr Lebedeff, ist es wahr, daß Sie die Apokalypse auslegen?« fragte Aglaja.
»Jawohl! Die reinste Wahrheit ... seit fünfzehn Jahren.«
»Ich habe davon gehört. Es ist von Ihnen auch in den Zeitungen geschrieben worden, glaube ich, nicht?«
»Nein, nicht von mir, aber von einem anderen, jawohl, einem anderen, aber der ist jetzt tot, und nun bin ich an seiner Stelle,« berichtete Lebedeff ganz außer sich vor Freude.
»Oh, dann seien Sie so gut und erklären Sie sie mir einmal gelegentlich, als unser nunmehriger Nachbar! Ich verstehe so gut wie nichts von der ganzen Apokalypse.«
»Ich kann leider nicht umhin, Aglaja Iwanowna, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß diese ganze Auslegung seinerseits nichts als Scharlatanerie ist, ich versichere Sie,« mischte sich plötzlich General Iwolgin ein, der neben Aglaja wie auf Nadeln saß und in größter Ungeduld eine Gelegenheit erwartete, gleichfalls etwas sagen zu können. »Ich verstehe ja, Nachbarschaft zieht gewisse Privilegien nach sich,« fuhr er in demselben Tone fort, »verknüpft mit Pflichten und Vorrechten, und der Empfang eines solchen Scharlatans um der Auslegung der Apokalypse willen ist zwar ein Einfall wie jeder andere oder vielmehr ein Einfall, der durch das Niveau seiner geistigen Höhe sogar bemerkenswert ist, doch ich ... Sie sehen mich, wie ich bemerke, etwas erstaunt an? General Iwolgin -- habe die Ehre, mich vorzustellen. Ich habe Sie auf den Armen getragen, Aglaja Iwanowna.«
»Freut mich sehr. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna bekannt,« murmelte Aglaja, sich auf die Lippen beißend, um nicht aufzulachen. Doch Lisaweta Prokofjewna wurde rot vor Unwillen. Es hatte sich in ihrem Herzen so manches angesammelt, das nun mit Gewalt zum Ausbruch drängte. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie einmal vor langen, langen Jahren bekannt gewesen war, nicht ausstehen.
»Das lügst du natürlich wieder, wie gewöhnlich, niemals hast du sie auf den Armen getragen!« fuhr sie ihn zornig an.
»Doch, _maman_, er hat mich tatsächlich auf den Armen getragen, in Twerj war's,« bestätigte plötzlich Aglaja.
»Wir lebten damals in Twerj. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, oh, ich entsinne mich dessen noch ganz genau! Er machte mir auch einen Bogen und Pfeile und lehrte mich, damit zu schießen, und ich traf auch eine Taube. Erinnern Sie sich dessen, wie wir beide auf die Taube schossen?«
»Und mir schenkten Sie einen Helm aus Goldpappe und einen hölzernen Säbel!« rief lustig Adelaida dazwischen.
»Ja, auch ich entsinne mich dessen,« bestätigte nun auch Alexandra. »Du und Adelaida, ihr gerietet beide wegen der verwundeten Taube in Streit und wurdet jede in einen Winkel gestellt; und Adelaida stand noch mit ihrem Helm und Säbel im Winkel -- ein guter Soldat das!«
Der General hatte Aglaja wie gewöhnlich »_nur so_« erzählt, daß er sie auf den Händen getragen habe, -- zum Teil, um ein Gespräch anzuknüpfen, und zum Teil, weil er mit jedem jüngeren Menschen auf diese Weise das Gespräch begann, wenn er einmal die Bekanntschaft eines solchen machte. Diesmal aber hatte er ganz zufällig die Wahrheit gesagt, und gerade die Wahrheit hatte er natürlich vergessen. Als ihn nun aber Aglaja so unerwartet daran erinnerte, wie sie beide die Taube geschossen hatten, entsann er sich plötzlich des ganzen Vorfalls, entsann sich seiner mit allen Einzelheiten! So pflegt es nicht selten alten Leuten mit alten Erinnerungen zu ergehen. Freilich ist es schwer, festzustellen, was gerade an dieser Erinnerung so erschütternd auf den armen alten, auch jetzt längst nicht nüchternen General wirken konnte: er war aber tatsächlich ganz ergriffen.
»O ja, jetzt fällt es mir ein, ja! ich entsinne mich!« rief er vor Freude ganz begeistert aus. »Ich war damals noch Hauptmann! Und Sie waren so ein kleines, reizendes Ding! Nina Alexandrowna ... Ganjä ... Ich wurde bei Ihnen empfangen ... Iwan Fedorowitsch ...«
»Und nun sieh, wie weit du es jetzt gebracht hast!« fiel ihm plötzlich die Generalin ins Wort. »Aber es scheint, daß du deine edleren Gefühle doch noch nicht gänzlich vertrunken hast, wenn alte Erinnerungen noch einen so starken Eindruck auf dich machen können! Deine Frau aber hast du doch zu Tode gequält. Anstatt deine Kinder zu erziehen, sitzt du im Schuldgefängnis. Geh mal, Väterchen, geh mal fort von hier, geh in einen Winkel und wein' ein bißchen, denk' an das Vergangene, und wie schön es war, vielleicht wird dir Gott dann verzeihen. Geh mal, geh, ich rate dir gut. Wenn man sich bessern will, ist das Beste, was man tun kann -- reuig an Vergangenes zu denken. Ich sage es dir im Ernst.«
Doch die Versicherung, daß sie es im Ernst sagte, war eigentlich überflüssig: der General war, wie alle Trinker, im Grunde genommen ungeheuer zartfühlend und verwand es nur schwer, wenn man ihn an seine bessere Vergangenheit erinnerte. Er erhob sich und schritt gehorsam zur Tür, so daß er Lisaweta Prokofjewna sofort leid tat.
»Ardalion Alexandrowitsch! Väterchen!« rief sie ihm schnell nach. »Wart' noch einen Augenblick -- wir sind ja allesamt Sünder! Wenn du fühlst, daß das Gewissen dich weniger drückt, dann komm zu mir auf ein Stündchen, laß uns von den alten Zeiten plaudern. Ich habe ja vielleicht noch fünfzigmal mehr gesündigt als du -- aber jetzt geh nur, adieu, adieu, geh nur jetzt, was sollst du hier ...« drängte sie ihn erschrocken fort, als er Miene machte, zurückzukehren.
»Gehen Sie ihm vorläufig noch nicht nach!« hielt der Fürst Koljä auf, der dem Vater folgen wollte. »Er würde sich nach einer Minute ärgern, und damit wäre die ganze Stimmung verdorben.«
»Das ist wahr, laß ihn jetzt in Ruh'; nach einer halben Stunde kannst du gehen,« entschied Lisaweta Prokofjewna.
»Da sieht man, was das heißt, einmal im Leben die Wahrheit zu hören -- hat doch bis zu Tränen auf ihn gewirkt!« wagte Lebedeff zu bemerken.
»Nun, Väterchen, auch du mußt gut sein, wenn es wahr ist, was ich von dir gehört habe!« setzte ihm die Generalin sofort einen Dämpfer auf.
Die Stellungnahme der Gäste zueinander sprach sich allmählich deutlicher aus. Der Fürst, der die ganze Größe der Anteilnahme Lisaweta Prokofjewnas und ihrer Töchter durchaus zu schätzen wußte, fühlte sich verpflichtet, der Generalin zu sagen, daß es seine feste Absicht gewesen, sie spätestens morgen, wenn nicht noch an diesem Abend trotz der späten Stunde und seiner angegriffenen Gesundheit zu besuchen.
Lisaweta Prokofjewna meinte hierauf -- nach einem Blick auf seine Gäste --, daß er es ja doch sogleich tun könne, worauf Ptizyn, als höflicher und stets verträglicher Mensch, sich sogleich erhob und sich zu Lebedeffs zurückzog. Beim Hinausgehen machte er noch den Versuch, auch Lebedeff mitzuziehen; doch dieser machte sich mit einem »Sofort, sofort, werde mich sofort hier losmachen« von -- Ptizyn los und blieb natürlich. Warjä hatte inzwischen mit den jungen Mädchen ein Gespräch angeknüpft. Sie und Ganjä atmeten erleichtert auf, als ihr Vater hinausgegangen war. Ganjä folgte jedoch bald Ptizyns Beispiel. In der kurzen Zeit, die er auf der Terrasse verbracht, hatte er sich bescheiden und doch würdig gehalten und sich durch die strengen Blicke Lisaweta Prokofjewnas nicht im geringsten einschüchtern lassen. Er hatte sich im Vergleich zu früher allerdings sehr verändert, was Aglaja überaus gefiel.
»Das war doch Gawrila Ardalionytsch, der soeben hinausging?« fragte sie plötzlich, wie sie es gewöhnlich zu tun pflegte, laut, schroff, ohne sich an jemand persönlich zu wenden oder sich darum zu kümmern, daß sie mit ihrer Frage das Gespräch der anderen unterbrach.
»Allerdings,« antwortete der Fürst.
»Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er hat sich auffallend verändert, und zwar ... bedeutend zu seinem Vorteil.«
»Das freut mich sehr für ihn,« sagte der Fürst.
»Er war sehr krank,« bemerkte Warjä mit erfreutem Mitleid.
»Inwiefern zu seinem Vorteil verändert?« fragte fast zornig und erschrocken die Generalin. »Wie kommst du darauf? Ich finde nichts Besseres. Was scheint dir denn jetzt an ihm besser?«
»Etwas Besseres als den >armen Ritter< gibt es überhaupt nicht!« rief plötzlich Koljä, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl Lisaweta Prokofjewnas gestanden hatte, pathetisch aus.
»Der Meinung bin auch ich,« sagte Fürst Sch. lachend.