Part 30
Aber hatte er sich auch wirklich bestätigt? Hatte es wirklich seine Richtigkeit damit? Weshalb zitterte er denn jetzt wieder? Woher kam dieser kalte Schweiß auf der Stirn, diese Dunkelheit und Kälte in der Seele? Weil er soeben wieder jene _Augen_ gesehen? Aber er war ja doch nur deshalb aus dem Sommergarten hergekommen, um sie zu sehen! Das war ja doch sein ganzer »plötzlicher Gedanke« gewesen. Er hatte unbedingt, unbedingt »jene Augen« sehen wollen, um sich endgültig zu überzeugen, daß er sie unfehlbar »_dort_, bei jenem Hause« sehen würde. Dieser krampfhafte Wunsch hatte ihn hergeführt, -- weshalb ist er denn jetzt so zermalmt, nachdem er sie nun auch wirklich gesehen? Ganz als hätte er es nicht erwartet! Ja, es waren _dieselben_ Augen -- daß es tatsächlich _dieselben_ waren, darüber konnte kein Zweifel bestehen! -- _dieselben_, die in der drängenden Volksmenge plötzlich aufblitzend starr ihn angesehen hatten, als er aus dem Kupee gestiegen war; _dieselben_ (genau, genau dieselben!), deren Blick er vorhin auf sich ruhen gefühlt, die Augen dicht hinter seinen Schultern, als er bei Rogoshin im Begriff gewesen war, sich zu setzen. Rogoshin hatte geleugnet, hatte nur mit ironischem, eisigem Lächeln gefragt: »Wessen Augen waren's denn?« Und der Fürst hatte noch vor kurzem -- als er sich auf dem Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn ins Kupee gesetzt, um zu Aglaja zu fahren, und plötzlich wieder diese Augen sah, bereits zum drittenmal an diesem Tage -- auf Rogoshin zugehen und _ihm_ sagen wollen, »wessen Augen es waren«! Statt dessen war er aus dem Bahnhof hinausgeeilt und erst vor dem Schaufenster jener Messerhandlung halbwegs zur Besinnung gekommen, als er dort stehen geblieben war und halb unbewußt einen Gegenstand mit einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken geschätzt hatte. Der seltsame, grauenvolle Dämon heftete sich endgültig an ihn und wollte ihn nicht mehr verlassen. Dieser Dämon hatte ihm im Sommergarten, als er gedankenverloren unter der Linde gesessen, plötzlich zugeflüstert, daß Rogoshin, wenn er es für nötig fand, ihn seit dem Morgen zu verfolgen, sich gleichsam an seine Fersen zu heften, dann doch sicherlich nach der Feststellung, daß der Fürst nicht nach Pawlowsk fuhr (was für Rogoshin natürlich von verhängnisvoller Bedeutung war), ganz zweifellos _dorthin_ gehen würde, zu jenem Hause auf der Petersburger Seite, um dort den Fürsten zu erwarten, der ihm doch noch am Vormittage sein Ehrenwort gegeben, daß er sie »nicht sehen« werde und »nicht deshalb nach Petersburg gekommen sei«. Und dennoch -- wie im Krampf war er zu jenem Hause gestrebt. Und was ist denn dabei, daß er dort tatsächlich Rogoshin antraf? Er hatte doch nur einen unglücklichen Menschen gesehen, dessen Seelenzustand dunkel und düster, doch nichtsdestoweniger nur zu verständlich war. Dieser unglückliche Mensch hatte sich jetzt nicht einmal mehr versteckt. Ja, Rogoshin hatte, als er ihn nach jenen Augen gefragt, geschwiegen und nicht die Wahrheit gesagt, doch auf dem Bahnsteig der Zarskoje-Sselo-Bahn hatte er, fast ohne sich verbergen zu wollen, dagestanden; eher war sogar er es gewesen, der Fürst, der sich verborgen hatte, nicht aber Rogoshin. Jetzt aber, bei jenem Hause, hatte er auf der anderen Seite der Straße gestanden, vielleicht fünfzig Schritt entfernt, schräg gegenüber dem Hause; auf dem Trottoir hatte er gestanden, die Arme über der Brust verschränkt, und gewartet. Hier hatte er frei gestanden, allen sichtbar, und offenbar hatte er mit Absicht gewollt, daß der Fürst ihn sähe. Wie ein Ankläger und Richter hatte er dort gestanden und nicht wie ... Nicht wie wer?
Aber weshalb war er, der Fürst, denn nicht auf ihn zugegangen? Weshalb hatte er sich von ihm abgewandt, als hätte er ihn nicht bemerkt, obschon ihre Blicke sich begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren sich begegnet, und sie hatten einander in die Augen gesehen.) Hatte er doch noch vor kurzem selbst den Wunsch gehabt, Rogoshin bei der Hand zu nehmen und mit ihm zusammen _dorthin_ zu gehen? Hatte er doch selbst morgen zu ihm gehen und ihm sagen wollen, daß er bei ihr gewesen war? Hatte er sich doch selbst von seinem Dämon losgesagt, noch auf dem halben Wege dorthin, als plötzlich Freude seine ganze Seele erfüllt hatte. Oder war in Rogoshin tatsächlich irgend etwas gewesen, in der ganzen _heutigen_ Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen, Handlungen, Blicke, das die entsetzlichen Vorahnungen des Fürsten und die furchtbaren Einflüsterungen seines Dämons rechtfertigen konnte? Irgend etwas, das man vielleicht ganz unbewußt, ganz von selbst sieht, das sich aber schwer analysieren oder in Worten ausdrücken läßt, und das, wenn man es auch tausendmal nicht begründen kann, dennoch einen vollkommen in sich abgeschlossenen und unwiderstehlichen Eindruck macht, der ganz unwillkürlich zur vollen Überzeugung auswächst? ...
Überzeugung? -- Zu was für einer Überzeugung? (Oh, wie die Ungeheuerlichkeit dieser »erniedrigenden« Überzeugung, »dieser niedrigen Vorahnung« den Fürsten quälte, und wie bittere Vorwürfe er sich ihretwegen machte!) »So sag' es doch, wenn du es wagst, was das für eine Überzeugung ist?« sagte er immer wieder herausfordernd zu sich selbst, »formuliere, wage es doch, deinen ganzen Gedanken klar, treffend, ohne zu zögern, auszusprechen! Oh, ein Ehrloser bin ich!« rief er verzweifelt aus, und die Röte der Scham stieg ihm ins Gesicht. »Mit welchen Augen werde ich jetzt mein Leben lang auf diesen Menschen sehen! Was ist das heute für ein Tag! Gott, welch ein Alpdruck!«
Während der Fürst den langen Weg von der Petersburger Seite bis zu seinem Gasthof zurücklegte, überkam ihn in einem Augenblick plötzlich der unbezwingbare Wunsch, sogleich zu Rogoshin zu gehen, ihn zu erwarten, beschämt und unter Tränen zu umarmen und ihm alles zu sagen, alles, alles. Doch da war er bereits bei seinem Gasthof angelangt. Das ganze Haus, die Korridore, seine Nummer hatten ihm schon auf den ersten Blick unsäglich mißfallen, und im Laufe des Tages hatte er mehr als einmal mit ganz besonderem Widerwillen daran gedacht, daß er ja doch noch hierher würde zurückkehren müssen ... »Aber was ist heute mit mir, ich fange ja wahrhaftig an, wie eine kranke Frau an jedes Vorgefühl zu glauben!« dachte er mit gereiztem Spott und blieb vor dem Haustor stehen: ihm fiel plötzlich ein heute gesehener Gegenstand ein, doch dachte er »kalt«, mit vollem Bewußtsein an ihn, nicht wie unter einem Alpdruck: er entsann sich plötzlich des Messers auf Rogoshins Tisch. »Nein, aber weshalb darf denn Rogoshin nicht so viele Messer auf dem Tisch haben, wie er will?« dachte er verwundert über sich selbst, und im selben Augenblick fühlte er, wie er erstarrte: ihm war sein Stehenbleiben vor dem Schaufenster der Messerhandlung eingefallen. »Aber was hat denn das damit zu tun ...« rief er aus, doch plötzlich brach er ab. Wie eine jeden Widerstand verschlingende Welle überkam ihn von neuem das Schamgefühl, das diesmal fast an Verzweiflung grenzte, und bannte ihn an den Fleck, wo er stand -- als er gerade im Begriff war, durch das Haustor einzutreten. Er stand eine Weile wie erstarrt. So pflegt es bisweilen Leuten zu ergehen: plötzliche, überwältigende Erinnerungen, namentlich wenn diese noch ein heißes Schamgefühl in ihnen erwecken, machen sie für einen Augenblick gleichsam erstarren. »Ja, ich bin ein herzloser Mensch und ein Feigling!« sagte der Fürst düster zu sich selbst und machte eine hastige Bewegung, wie um weiterzugehen, doch ... Da blieb er plötzlich wieder wie gebannt stehen.
In dem Torweg, wo es sonst ohnehin schon dunkel war, wurde es in diesem Augenblick ganz finster: die mittlerweile heraufgezogene Gewitterwolke hatte den letzten Abendschein verdunkelt, und, als der Fürst in den Torweg trat, fielen die ersten großen Tropfen, denen sofort ein strömender Gewitterregen folgte. Doch in derselben Sekunde, in der er nach seinem momentanen Stehenbleiben hastig einen Schritt vortrat -- er befand sich noch am Eingang auf der Straße und trat erst durchs Tor --, sah er plötzlich im dunklen Hintergrunde des Torwegs, dort wo die Treppe begann, einen Menschen. Dieser Mensch schien auf irgend etwas gewartet zu haben, doch als der Fürst im Tor erschien, bewegte er sich schnell zur Seite und verschwand. Der Fürst hatte ihn kaum gesehen und hätte natürlich nicht sagen können, wer es gewesen war -- zudem war das hier ein Gasthof, und es gingen doch fortwährend Menschen ein und aus --, aber nichtsdestoweniger war er plötzlich fest überzeugt, daß er diesen Menschen erkannt habe, und daß dieser Mensch kein anderer als Rogoshin war. In demselben Augenblick stürzte der Fürst ihm nach auf die Treppe. Das Herz stand ihm still. »Sogleich wird sich alles entscheiden!« dachte er bei sich in seltsamer Überzeugung.
Die Treppe, die der Fürst hinaufeilte, und die zu den Korridoren des ersten und zweiten Stockwerkes führte, war wie in fast allen alten Petersburger Häusern eine schmale, dunkle, steinerne Wendeltreppe, die sich um einen dicken, steinernen Pfeiler wand. Auf dem ersten Treppenabsatz befand sich in diesem breiten, steinernen Pfeiler eine Art Nische; sie war etwa einen Schritt breit und einen halben Schritt tief -- jedenfalls hätte ein Mensch sich hier verbergen können. Wie dunkel es auch war, so konnte der Fürst doch sofort, als er den Treppenabsatz erreicht hatte, erkennen, daß der Mensch sich hier in der Nische aus irgendeinem Grunde verbarg. Der Fürst wollte zuerst vorübergehen, ohne nach rechts zu sehen, er machte bereits einen Schritt weiter -- doch da hielt er es plötzlich nicht aus und wandte sich zurück zur Nische.
Zwei Augen, _dieselben_ Augen, die ihn den ganzen Tag verfolgt hatten, begegneten seinem Blick. Der Mensch, der sich in der Nische verborgen hatte, war gleichfalls schon einen Schritt vorgetreten. Eine Sekunde lang standen sie sich dicht gegenüber. Plötzlich packte der Fürst ihn an den Schultern und kehrte ihn zurück zur Treppe, zum Licht: er wollte das Gesicht sehen.
Rogoshins Augen funkelten ihn an, und ein irrsinniges Lächeln verzerrte seine Lippen. Seine rechte Hand erhob sich, und es blitzte etwas in ihr; der Fürst dachte nicht daran, die Hand aufzuhalten. In der Erinnerung schien es ihm später, daß er ausgerufen habe:
»Parfen, ich glaub's nicht! ...«
Dann war es ihm plötzlich, als täte sich etwas vor ihm auf: unbeschreibliches, nie dagewesenes Licht erstrahlte in seinem Innern und erhellte seine Seele. Das dauerte im ganzen vielleicht nur eine halbe Sekunde, doch entsann er sich später noch deutlich und bewußt des Anfangs, des ersten Tones jenes entsetzlichen Schreis, der sich plötzlich ganz von selbst seiner Brust entrungen hatte, und den er mit keiner Gewalt hätte aufzuhalten, zu unterdrücken oder abzubrechen vermocht. Dann schwand ihm momentan das Bewußtsein und tiefe Finsternis trat ein.
Es war ein epileptischer Anfall, wie er ihn lange nicht mehr gehabt. Bekanntlich kommen solche Anfälle ganz plötzlich, das Gesicht verzerrt sich, namentlich der Blick ist entstellt, Krämpfe und Zuckungen erfassen den ganzen Körper und alle Gesichtszüge zucken. Ein entsetzlicher, mit nichts vergleichbarer Schrei, der vielleicht entfernt an das Brüllen eines Tieres gemahnt, entringt sich der Brust; in diesem Schrei verschwindet gleichsam alles Menschliche, und einem Beobachter ist es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß es wirklich ein Mensch ist, der da schreit. Es scheint vielmehr, daß jemand anderes es tut, einer, der sich im Innern dieses Menschen befindet. Wenigstens haben viele mit diesen Worten ihren Eindruck geschildert; in vielen ruft der Anblick eines Menschen im epileptischen Anfall entschieden unerträgliches Entsetzen hervor, ein Entsetzen, dem sogar etwas Mystisches anhaftet. Es ist anzunehmen, daß der unheimliche Schrei des Fürsten und das durch ihn hervorgerufene plötzliche Entsetzen Rogoshin im Augenblick erstarren machte, und das war's, was den Fürsten vor dem Messer bewahrte, das der andere bereits über ihm erhoben hatte. Dann aber, als Rogoshin sah, daß der Fürst plötzlich zurücktaumelte, rücklings die Treppe hinunterfiel und sein Kopf krachend auf die steinernen Stufen schlug, da zuckte er zusammen und stürzte, ohne zu erraten, daß es ein Anfall war, fast besinnungslos die Treppe hinab, am Gefallenen vorüber, hinaus auf die Straße.
Von den krampfartigen Zuckungen und dem Umsichschlagen rutschte der Körper des Kranken immer weiter die Treppe hinab, von Stufe zu Stufe, von denen es bis zum Flur noch ganze fünfzehn waren. Sehr bald, schon nach wenigen Minuten, bemerkte man den Liegenden, und in kürzester Zeit umstand ihn eine Menge Menschen. Die Blutlache, in der der Kopf lag, flößte Schrecken ein: »Hat sich der Mensch selbst beschädigt, oder ist ein Verbrechen geschehen?« fragte man sich. Alsbald jedoch erkannten einige an gewissen Anzeichen den epileptischen Anfall. Einer von den Hotelgästen erinnerte sich, den Liegenden am Morgen im Korridor gesehen zu haben. Der Unbekannte mußte also hier abgestiegen sein. Durch einen Zufall klärte sich die Ungewißheit sehr schnell auf.
Koljä Iwolgin, der versprochen hatte, bis halb vier Uhr in der »Wage« zu sein, statt dessen aber nach Pawlowsk gefahren war, hatte aus irgendeinem Grunde dort abgelehnt, zu Tisch zu bleiben, und war nach Petersburg zurückgekehrt, wo er um sieben Uhr in der »Wage« eintraf. Der Fürst hatte an ihn einen Zettel mit seiner Adresse hinterlassen, und so war Koljä sogleich in jenen Gasthof geeilt, wo ihm gesagt worden war, daß der Fürst noch nicht zurückgekehrt sei. Darauf hatte sich Koljä in das Büfettzimmer begeben, um dort bei einer Tasse Tee und den Klängen eines Polyphons auf den Fürsten zu warten. Als er dann zufällig von einem »epileptischen Anfall« reden hörte, den soeben jemand von den im Gasthof Abgestiegenen gehabt habe, eilte er, von einer gewissen Vorahnung getrieben, schnell hinaus und erkannte in dem Liegenden den Fürsten. Nun wurden sogleich Vorkehrungen getroffen, und vorsichtig trug man den Fürsten hinauf in sein Zimmer. Er erwachte schon recht bald; doch dauerte es noch ziemlich lange, bis er das volle Bewußtsein wiedererlangte. Der Arzt, der den verletzten Kopf untersuchte, hatte bereits Wundwatte mitgebracht und empfahl kalte Kompressen, erklärte aber die Verletzung für durchaus ungefährlich. Als der Fürst ungefähr nach einer Stunde seine Umgebung langsam zu erkennen begann, brachte ihn Koljä in einem Wagen zu Lebedeff. Dieser empfing den Kranken mit seinem ganzen Diensteifer, gerührt und freudig zugleich. Seinetwegen beschleunigte er auch die Übersiedelung nach Pawlowsk: schon am dritten Tage waren sie alle auf der Datsche.
VI.
Lebedeffs Landhaus war nicht groß, dafür aber hübsch, und sogar sehr bequem gebaut. Namentlich jener Teil des Hauses, der zum Vermieten bestimmt war, zeichnete sich durch besonderen Schmuck aus. Auf der recht geräumigen Terrasse, über die man von den nicht weit vorüberführenden Parkwegen in die Wohnräume gelangte, standen in großen grünen Kübeln mehrere Pomeranzen-, Zitronen- und Jasminbäume, die nach Lebedeffs Meinung den Gesamteindruck der Villa zu einem geradezu verführerischen machten. Diese Bäume hatte er zum Teil mit dem Landhaus zusammen erstanden, und da sie ihm so ungemein gefielen, hatte er sich entschlossen, auf einer Auktion noch etliche solcher Bäumchen zur Erhöhung des wundervollen Effektes in gleichfalls grünen Kübeln zu billigem Preise hinzuzukaufen. Als dann endlich alle Bäumchen auf der Datsche angelangt und symmetrisch auf der Terrasse aufgestellt waren, lief Lebedeff an jenem Tage alle fünf Minuten die paar Stufen der Terrasse hinunter, um sich von der Straße aus am Anblick seines Besitzes zu erfreuen, wobei er jedesmal in Gedanken die Summe erhöhte, die er von seinem künftigen Datschenmieter verlangen würde. Dem Fürsten, der sich nach dem Anfall müde, geschwächt, bedrückt und körperlich wie zerschlagen fühlte, gefiel die Villa sehr. Übrigens hatte der Fürst am Tage der Übersiedelung nach Pawlowsk äußerlich bereits das Aussehen eines fast völlig Gesunden, wenn er sich auch innerlich immer noch sehr angegriffen fühlte. Es war ihm in diesen drei Tagen besonders angenehm gewesen, Menschen um sich zu haben: er freute sich über Koljäs Anwesenheit, der fast ununterbrochen bei ihm saß, freute sich über die ganze Familie Lebedeff -- ohne den Neffen, der irgendwohin verschwunden war -- und empfing sogar mit Vergnügen den alten General Iwolgin, der ihm schon am zweiten Tage seine Aufwartung machte. Am Tage der Übersiedelung versammelte sich um ihn auf der Terrasse eine ganze Schar von Bekannten, die sich alle nach seinem Befinden erkundigen wollten! Zuerst kam Ganjä, der sich so verändert hatte und so abgemagert war, daß der Fürst ihn kaum wiedererkannte. Darauf erschienen Warjä und Ptizyn, die gleichfalls in Pawlowsk ihr eigenes Landhaus besaßen. General Iwolgin dagegen schien sich bei Lebedeff ganz und gar einquartiert zu haben, ja, er hatte sogar allem Anschein nach nur zu dem Zweck Petersburg verlassen. Lebedeff bemühte sich freilich aus allen Kräften, ihn vom Fürsten fernzuhalten, ging aber sonst ganz freundschaftlich mit ihm um, offenbar waren sie schon lange mit einander bekannt. In den letzten drei Tagen hatte der Fürst bemerkt, daß sie mitunter lange Gespräche führten, nicht selten im Eifer des Disputs sogar schrien und zeterten, und zwar schien es sich dann gewöhnlich um wissenschaftliche Probleme zu handeln, die Lebedeff offenbar mit besonderem Vergnügen erörterte. Ja, man konnte sogar glauben, daß ihm der General zu dieser dialektischen Gymnastik einfach unentbehrlich war.
Leider erstreckte Lebedeff seine Vorsichtsmaßregeln auf Grund der Schonungsbedürftigkeit des Fürsten auch auf alle anderen Hausbewohner, auf seine Kinder sowohl, wie auf jeden Gast. Sobald sich erstere in der Nähe der Terrasse zeigten, stürzte Lebedeff sofort wutschnaubend auf sie los -- selbst mit Wjera, die stets das kleine Schwesterchen trug, machte er keine Ausnahme -- und schrie sie trampelnd an, daß sie auf der Terrasse, wo sich der Fürst gewöhnlich aufhielt, nichts zu suchen hätten, obschon ihn dieser immer wieder bat, keinen Menschen von ihm fernhalten zu wollen.
»Erstens tu' ich es deshalb, weil sonst jede Ehrerbietung aufhörte, wenn man sie so 'rumlaufen ließe; und zweitens schickt es sich für sie auch gar nicht ...« erklärte er schließlich auf die direkte Frage des Fürsten, weshalb er sie nicht zu ihm ließ.
»Aber warum denn nicht?« wunderte sich der Fürst. »Ich versichere Sie, daß Sie mich mit diesem Aufpassen und Bewachen nur quälen. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich mich oft langweile, wenn ich hier allein im Freien sitze, Sie selbst aber fallen mir mit Ihren ewigen lebhaften Gesten und dem Umherschleichen auf den Fußspitzen weit mehr auf die Nerven.«
Der Fürst wollte ihm zu verstehen geben, daß er ihn nur quäle: er, der alle anderen unter dem Vorwande der Ruhebedürftigkeit des Kranken davonjagte, selbst dagegen fast alle Viertelstunden einmal zum Fürsten kam, wobei er jedesmal dasselbe Manöver wiederholte, das er von Ferdyschtschenko gelernt haben mußte: hatte er die Tür aufgemacht, so steckte er zuerst nur den Kopf durch die Spalte, betrachtete das Zimmer und den Fürsten -- ganz als hätte er Angst gehabt, der Kranke könne am Ende gar fortgelaufen sein, und als wolle er sich daher nur von seiner Anwesenheit überzeugen -- und dann erst trat er vorsichtig auf den Fußspitzen herein, um sich geradezu schleichend dem Fürsten zu nähern, so daß er diesen oftmals wirklich erschreckte. Ewig erkundigte er sich nach seinen Wünschen, und als der Fürst ihn endlich bat, ihn doch nicht immer zu belästigen, da machte er sofort gehorsam kehrt, schlich wieder auf den Fußspitzen zur Tür, wobei er die ganze Zeit ängstlich abwehrend die Hände bewegte (was etwas an das Flügelschlagen einer Krähe erinnerte), als hätte er damit sagen wollen, daß er ja kein Wort mehr rede, er gehe ja schon und werde nicht mehr stören, um Gottes willen nie mehr stören. Nach zehn Minuten aber -- oder spätestens einer Viertelstunde -- öffnete sich wieder die Tür und Lebedeff steckte von neuem den Kopf ins Zimmer. Daß Koljä zu jeder Zeit beim Fürsten eintreten durfte, rief in Lebedeff tiefen Kummer und sogar gekränkten Unwillen hervor. Alsbald jedoch bemerkte Koljä, daß Lebedeff bisweilen eine halbe Stunde lang hinter der Tür stand und horchte, was im Zimmer gesprochen wurde. Natürlich teilte er seine Entdeckung sofort dem Fürsten mit.
»Sie scheinen mich ja förmlich als Ihren Privatbesitz zu betrachten und hinter Schloß und Riegel halten zu wollen,« protestierte der Fürst. »Ich bitte Sie, doch wenigstens hier in der Sommerfrische Ihr Verhalten zu ändern, und im übrigen versichere ich Sie, daß ich hier jeden Menschen, wenn es mir paßt, empfangen und zu jeder Zeit ganz nach meinem Gutdünken ausgehen werde.«
»Aber ohne den allermindesten, den allerleisesten Zweifel!« pflichtete Lebedeff sogleich mit beschwichtigendem Handwinken bei.
Der Fürst musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.
»Sagen Sie mal, Lukjan Timofejewitsch, haben Sie Ihr Schränkchen, das Sie in Ihrer Petersburger Wohnung über dem Bett hatten, bereits hergeschafft?«
»Nein, das ist dort geblieben.«
»Was Sie sagen? Ist's möglich?«
»'s geht nicht: man müßte es aus der Wand herausbrechen ... zu fest, zu fest.«
»Aber vielleicht haben Sie hier auch so ein Schränkchen?«
»Sogar noch ein besseres, ein noch viel besseres, hab's mitsamt der Datsche gekauft.«
»A--h! ... Wer war's, den Sie vorhin nicht zu mir hereinlassen wollten? Vor etwa einer Stunde.«
»Das ... das war sozusagen der General. Allerdings: ich ließ ihn nicht zu Ihnen, das stimmt, und es ist auch besser so -- es schickt sich nicht. Wissen Sie, Fürst, ich achte diesen Menschen sehr hoch, jawohl, er ist ... ist sozusagen ein durch und durch großartiger Mensch. Sie glauben mir nicht? Nun, Sie werden selbst sehen, aber wie gesagt, trotzdem -- besser ist besser, und ich sage Ihnen: es ist besser, durchlauchtigster Fürst, Sie empfangen ihn nicht bei sich.«
»So, und weshalb denn das, wenn man fragen darf? Und weshalb stehen Sie jetzt wieder die ganze Zeit auf den Fußspitzen, Lebedeff, und weshalb nähern Sie sich mir jedesmal, als wollten Sie mir ein ungeheures Geheimnis mitteilen?«
»Gemein, gemein bin ich, ich fühl's ja selbst,« war Lebedeffs unerwartete Antwort, und reuig schlug er sich vor die Brust. »Wird aber der General nicht allzu gastfreundlich für Sie sein?«
»Allzu gastfreundlich?«