Sämtliche Werke 3-4

Part 25

Chapter 253,787 wordsPublic domain

»Na, weißt du, jetzt kannst aber auch aufhören, Alter! Werden Sie es glauben, Fürst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fünf Tagen hat er vor dem Friedensrichter plädiert, und was glauben Sie wohl, wessen Verteidigung er übernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat -- fünfhundert Rubel, ihr ganzes Vermögen, hat sich der Kerl eingesackt -- o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein Judenvieh, weil der Kerl ihm fünfzig Rubel zu geben versprochen hat ...«

»Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,« erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.

»Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. >Bedenken Sie,< hat er gesagt, >bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die Milde im Gericht!< -- Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war's schon das fünftemal; kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst. Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ... Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen, und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...«

»Stimmt! Stimmt! gibt 's auch nicht!« mußte Lebedeff sofort bestätigen ...

»Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch immerhin ein vernünftig denkender Mensch, -- seien Sie jetzt mal unser Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst soll unser Richter sein?« wandte er sich an den Onkel. »Ich bin sogar sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.«

»Abgemacht! Ich will's auch!« rief Lebedeff entschlossen aus und sah sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken begann.

»Was haben Sie denn hier zu schlichten?« fragte der Fürst stirnrunzelnd.

Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er die Aussprache hinausschieben konnte.

»Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu, daß er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben, Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie verspielte? ...«

»Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte bezahlen dürfen!« schrie Lebedeff.

»Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,« fuhr der junge Mann fort. »Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat, treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, -- nämlich ein Schurke und Spitzbube und Taschendieb -- und mich dennoch hinsetzte und mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel verspielte -- wir spielten ein Hasardspiel -- bei mir dachte: Verliere ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling -- er wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte Niedertracht!«

»Jawohl, das war schon ganz bewußte Niedertracht!« bestätigte Lebedeff.

»Na, triumphier' nur nicht, wart' noch ein bißchen damit!« rief der Neffe gekränkt dem Onkel zu. »Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm, Fürst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte mich vor ihm, wie ich nur konnte -- hier sind die Zeugen. Um nun die Stelle bei der Eisenbahn antreten zu können, muß ich mich vorher doch einigermaßen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht doch nicht -- finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhält die Stelle eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem Äquator und kann warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen nur um fünfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, daß ich fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde --, ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und Kwaß zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Für drei Monate Dienst erhalte ich fünfundsiebzig Rubel. Mit dem Früheren zusammen schulde ich ihm summa summarum nur fünfunddreißig Rubel, folglich kann ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol's der Deubel! Kennt er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie ihn doch, Fürst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir früher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen? Es ärgert ihn, daß ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist dieser Mensch, -- weder sich noch anderen!«

»Und er geht nicht fort!« rief Lebedeff aus, klagend und empört zugleich. »Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!«

»Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du gibst. Sie scheinen zu lächeln, Fürst? Sie finden wohl, daß ich im Unrecht bin?«

»Ich lächle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein wenig im Unrecht,« sagte der Fürst zögernd. Dieses ganze Gespräch behagte ihm sehr wenig.

»Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, daß ich ganz und gar im Unrecht bin, Winkelzüge sind hier nicht angebracht: was heißt das -- >ein wenig<!«

»Nun, ja, wenn Sie wollen: Sie sind ganz und gar im Unrecht.«

»Wenn ich will! Das ist mal nett! Aber glauben Sie denn wirklich, ich wüßte nicht, daß es kitzlig ist, so vorzugehen, das Geld gehört doch ihm, sein freier Wille gleichfalls; meinerseits aber läuft es schließlich auf einen Vergewaltigungsversuch hinaus. Aber Sie, Fürst ... kennen Sie das Leben nicht! Wenn man diese Leute nicht belehrt, kommt nichts Gescheites aus ihnen heraus. Man muß sie belehren, sie zwingen. Mein Gewissen ist doch rein; nach meinem Gewissen bringe ich ihm keinen Schaden, sondern gebe ihm noch die Prozente zu verdienen. Eine moralische Genugtuung hat er gleichfalls durch mich gehabt: er hat meine Erniedrigung gesehen. Was verlangt er also noch? Wozu wird er denn überhaupt taugen, wenn er nicht wenigstens in dieser Weise der Menschheit Nutzen bringt? Und erlauben Sie mal, wie treibt er's denn selbst? Fragen Sie mal, was er mit anderen Leuten tut, wie er denen das Fell über die Ohren zieht! Wie ist er denn zu diesem Hause hier gekommen? Und ich gebe meinen Kopf darauf, daß er auch Sie bereits betrogen und sich auch schon überlegt hat, wie er Sie noch mehr betrügen kann! Sie lächeln -- Sie glauben mir nicht?«

»Ich glaube, daß das nicht ganz zur Sache gehört,« bemerkte der Fürst.

»Ich liege hier schon den dritten Tag, und was habe ich hier nicht schon alles gesehen!« rief der junge Mann lachend aus, ohne die Bemerkung des Fürsten weiter zu beachten. »Denken Sie sich nur, Fürst, er verdächtigt diesen Engel, dieses reizende junge Mädchen dort, meine leibliche Kusine und seine leibliche Tochter -- unerlaubter Beziehungen und vermutet in jeder Nacht liebe Freunde in ihrem Zimmer! Überall schnüffelt er nach Liebhabern herum, selbst hierher zu mir schleicht er sich des Nachts und sucht sogar unter dem Sofa nach einem Eindringling. Er ist verrückt geworden, vor lauter Mißtrauen, in jeder Ecke glaubt er Diebe zu sehen. In der Nacht springt er alle fünf Minuten aus dem Bett, um bald die Fenster, bald die Türen zu untersuchen, ob auch alles hübsch fest ist, sogar in den Ofen steckt er den Kopf hinein, und das wiederholt sich ungefähr siebenmal in einer Nacht. Vor Gericht verteidigt er Spitzbuben, um dann in der Nacht den Himmel um Hilfe vor ihnen anzuflehen; dann kniet er hier in diesem Zimmer nieder, schlägt mit der Stirn auf den Fußboden und betet und bittet. Herr des Himmels, wenn Sie wüßten, für wen alles er hier betet! Natürlich unter der Einwirkung des Alkohols. Sogar für die Seele der Gräfin Dubarry! -- ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, glauben Sie mir! Koljä hat es gleichfalls gehört. Er ist ja doch total übergeschnappt, glauben Sie mir!«

»Sehen Sie, hören Sie, wie er mich verleumdet, Fürst!« schrie Lebedeff, ganz rot im Gesicht und entschieden aus der Fassung gebracht. »Ob er aber auch das erzählt, wie ich Trunkenbold und Herumtreiber, ich Räuber und Missetäter dieses Lästermaul als Säugling in Windeln gewickelt, in der kleinen Kinderwanne gebadet, wie ich bei meiner verwitweten Schwester Anissja, die ebenso arm war wie ich, ganze Nächte aufgesessen habe, ohne auch nur ein Auge zuzudrücken, wie ich sie beide gepflegt habe -- denn beide waren sie krank --, wie ich beim Hausknecht Holz gestohlen, wie ich ihm Wiegenlieder gesungen und zu seiner Erheiterung mit den Fingern geschnippt habe, alles mit leerem Magen -- ob er das wohl auch erzählt? Da habe ich jetzt den Dank dafür, daß ich seine Amme gewesen bin, da sitzt jetzt das Produkt und lacht mich alten Mann noch aus! Was kümmert's dich, wenn ich wirklich einmal für die Gräfin Dubarry ein Kreuz schlage? Ich werde Ihnen sagen, Fürst, vor vier Tagen las ich zum erstenmal die Biographie der Dubarry im Lexikon. Weißt du auch überhaupt, wer sie war, diese Dubarry? Sprich, weißt du's oder weißt du's nicht?«

»Na, du hältst dich wohl für den einzigen, der's weiß?« brummte der junge Mann spöttisch und unwillig.

»Das war eine solche Gräfin, daß sie, als sie erst aus dem Straßenschmutz heraus war, an Stelle einer Königin regierte, und die eine große Kaiserin in einem eigenhändigen Schreiben mit >_ma cousine_{[19]}< anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der päpstliche Nuntius erbot sich beim _lever-du-roi_{[20]} (weißt du auch, was das ist >_lever-du-roi_<?) die seidenen Strümpfchen über ihre bloßen Füßchen zu ziehen, eigenhändig, er, der päpstliche Nuntius und Kardinal -- so ein großes Tier! -- und er rechnete sich das noch zur Ehre an! Wußtest du das? Ich sehe es ja schon an deinem Gesicht, daß du davon keinen Schimmer hattest! Nun, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du's weißt!«

»Ach, hör' auf!«

»Gestorben aber ist sie so, daß sie, diese Herrscherin, nach aller Macht und allem Glanz und allen Ehren, daß sie, die schließlich doch nichts verbrochen hatte, zur Freude der Pariser Marktweiber von dem Henker auf die Guillotine geschleppt wurde und selbst vor Angst überhaupt nicht begriff, was mit ihr geschah. Sie sieht nur, daß er ihren Kopf unter das Messer drückt und ihr noch Püffe und Stöße versetzt, jene aber lachen. Und da schreit sie in ihrer Todesangst: >_Encore un moment, monsieur le bourreau, encore un moment!_< das heißt soviel, wenn du's wissen willst, wie: >Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!< Und für diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch alles vergeben, denn eine größere _misère_{[21]} der Menschenseele kann man sich kaum vorstellen. Weißt du überhaupt, was dieses Wort >_misère_< bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erläutert, was es bedeutet? Ich sage dir, als ich von diesem einen _moment_{[22]} las, war mir's, als hätte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was kümmert das dich, du Wurm, daß ich auch sie, die große Sünderin, in mein Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan, weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund für sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, für sie zu beten. Wird es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hören, daß sich ein ebenso großer Sünder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden für sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur für die Gräfin Dubarry gebetet, sondern wortwörtlich so, wie folgt: >Erbarme dich, Vater, der Seele der Gräfin Dubarry, der großen Sünderin, wie der Seelen aller ihresgleichen!< -- das aber ist etwas ganz anderes! Denn solcher Sünderinnen und Beispiele der Veränderungssucht Fortunas, solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten unzählige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Höllenpein und stöhnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch für dich und deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, für ganz genau solche unverschämte Lästermäuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit verirrt hast, daß du mich belauschen willst, wenn ich bete ...«

»Na, aber jetzt hör' auf, Schluß! Bet' für wen du willst, hol' dich der Deubel!« unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. »Er ist ja doch ein belesener Mann, wußten Sie das schon, Fürst?« sagte er dann plötzlich mit einem gewissermaßen betretenen Lächeln. »Er ist ja jetzt ohne irgend so ein Memoirenbüchelchen gar nicht mehr denkbar.«

»Ihr Onkel ist jedenfalls ... kein herzloser Mensch,« bemerkte halb wider Willen der Fürst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht gefiel.

»Oh, ihn zu loben ist gefährlich! Mit solchen Bemerkungen können Sie ihn ja noch ganz verrückt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand aufs Herz gepreßt und den Mund zum >O< geformt. Ist in Geschmack gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafür aber gerieben, das ist der Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so ein paar Schrauben verloren, wie es schließlich jedem passiert, der jahrelang keinen nüchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das muß man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet ... Sogar mich hat er gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!«

»N--nichts hinterlasse ich dir!« schrie Lebedeff in ingrimmiger Erbitterung.

»Hören Sie, Lebedeff,« wandte sich der Fürst fest und entschlossen an ihn, indem er dem jungen Mann den Rücken zukehrte, »ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Sie ein guter Geschäftsmann sind, wenn Sie es sein wollen ... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt ... Verzeihung, wie ist Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick ...«

»Ti--ti--Timofej.«

»Und?«

»Lukjanowitsch.«

Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus.

»Er lügt ja!« schrie der Neffe. »Auch das muß er lügen! Er heißt ja gar nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na, sag' doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heißt, und was macht sich schließlich der Fürst daraus? Glauben Sie mir, Fürst, ihm ist das Lügen so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt kein wahres Wort mehr reden kann, ich versichere Sie!«

»Ist es wahr?« fragte der Fürst ungeduldig.

»Lukjan Timofejewitsch, allerdings,« bestätigte der verlegen gewordene Lebedeff, indem er schuldbewußt die Augen niederschlug und die Hand auf das Herz preßte.

»Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!«

»Aus ... zur Selbsterniedrigung,« flüsterte Lebedeff, der immer schuldbewußter den Kopf hängen ließ.

»Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt Koljä finden könnte!« sagte der Fürst stirnrunzelnd und wandte sich zur Tür, um fortzugehen.

»Ich werde es Ihnen sagen, wo Koljä ist,« rief der junge Mann.

»Ni--ni--nicht doch!« fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.

»Koljä hat hier übernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche nach seinem General, den Sie, Fürst, aus dem Schuldgefängnis ausgekauft haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht erschienen. Es ist anzunehmen, daß er im Gasthaus >Zur Wage< die Nacht verbracht hat. Koljä wird also entweder dort sein -- das ist hier in nächster Nähe -- oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der >Wage< oder in Pawlowsk.«

»In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich! ... Wir aber, wir aber wollen ins Gärtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und ... ein Täßchen Kaffee zu uns nehmen ...«

Lebedeff hatte den Fürsten schon am Ärmel gefaßt und zog ihn fort. Sie traten aus dem Hause, gingen über den kleinen Hof und gelangten zu einem Gartenpförtchen, das Lebedeff aufschloß. Vor ihnen lag ein sehr netter, wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bäume dank dem warmen Wetter schon hellgrüne Blätter hatten. Lebedeff führte den Fürsten zu einer grünen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grün angestrichener Tisch stand. Er bat den Fürsten, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst ihm gegenüber. Eine Minute später wurde auch schon der Kaffee gebracht. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.

»Ich wußte es gar nicht, daß Sie ein hübsches Grundstück besitzen,« sagte der Fürst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes denkt, nicht aber an das, was er spricht.

»W--waisen ...« stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.

Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natürlich schon längst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff beobachtete ihn und wartete.

»Nun, was?« sagte der Fürst, gleichsam erwachend. »Ach so! Ja, Sie wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.«

Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schloß aber wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Fürst wartete und ein trauriges Lächeln glitt über sein Gesicht.

»Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, daß ich mich auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einöde verlassen würde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da bin ich nun plötzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hören Sie jetzt auf mit dem Betrügen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals? Sagen Sie die Wahrheit.«

»Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!«

»Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt ...«

»Verprügelt hat er mich, verprügelt hat er mich!« fiel Lebedeff aufgeregt dazwischen. »Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den Hals gehetzt, mitten auf der Straße, einen tollen Hund, eine wütende Bestie!«

»Sie scheinen mich für ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?«

»Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zählte schon die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. >Rette mich, beschütze mich, Lukjan, und auch dem Fürsten sag' kein Wort< ... Sie fürchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Fürst, und darin liegt -- hohe Weisheit!«

Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.

»Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengeführt?«

»Durchlauchtigster Fürst, wie hätte ich ... wie hätte ich das nicht zulassen können!«

»Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur -- wo ist sie jetzt? Bei ihm?«

»O nein! Denkt nicht dran! Gehört sich noch ganz allein, sich selbst! >Ich bin vollkommen frei<, sagt sie, und wissen Sie, Fürst, darauf besteht sie! >Ich bin<, sagt sie, >noch vollkommen frei!< Sie wohnt jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwägerin, wie ich Ihnen schrieb.«

»Und ist sie auch jetzt dort?«

»Auch jetzt, wenn sie bei dem schönen Wetter nicht nach Pawlowsk gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! >Ich bin noch vollkommen frei, noch vollkommen frei<, sagt sie. Noch gestern hat sie Nikolai Ardalionytsch, dem Koljä, viel von ihrer Freiheit erzählt. Brüstet sich sogar. 'n schlechtes Zeichen!«

Und Lebedeff lächelte.

»Ist Koljä oft bei ihr?«

»Oh, der ist leichtsinnig und unvernünftig und obendrein noch nicht einmal verschwiegen!« lenkte Lebedeff ab.

»Sind Sie oft bei ihr gewesen?«

»Jeden Tag, jeden Tag.«

»Also auch gestern.«

»N--nein, vor vier Tagen zum letztenmal.«

»Wie schade, daß Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich hätte Sie sonst etwas gefragt ...«

»Ni--ni--nicht die Spur, nicht die Spur!«

Lebedeff war ganz Ohr.

»Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?«

»S--su--suchend ...«

»Suchend?«

»Ja, so als würde sie immer etwas suchen, als hätte sie etwas verloren. Von der Heirat darf man überhaupt nicht reden, sie faßt es als Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An _ihn_ denkt sie nicht mehr -- und nicht _mehr_ jedenfalls als etwa an ein Apfelsinenschalenstückchen, das heißt selbstverständlich -- bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens, von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es durchaus nötig ist ... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! -- was geschehen soll, wird geschehen! ... Unruhig ist sie, spöttisch, doppelzüngig, zänkisch ...«

»Doppelzüngig, zänkisch??«

»Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wäre mir das letztemal, als ich dort war, in die Haare gefahren, wegen eines Gespräches. Das zog ich mir durch die Apokalypse zu.«

»Was? Wie?« fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.