Part 24
Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch. eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen Tatmenschen der »neuen Zeit«, die ehrlich und bescheiden sind, die sich niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen, faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten Gesellschaft und besaß ein »gutes, sicheres Vermögen«, wie der General verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen »Tatmenschen«. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland vorläufig aufgeschoben werden.
Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des Frühlings führte Fürst Sch. -- die Hochzeit war auf die Mitte des Sommers verschoben worden -- seinen entfernten Verwandten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung, vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, »modern in jeder Beziehung und unerhört gebildet«, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war zufriedenstellend: »Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein, doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern«, äußerte sich der General. Dieser junge Offizier, dem eine »glänzende Zukunft« bevorstand, war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders dachte.
Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes -- es muß doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung abschließen.
Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er »trinke dort irgendwo«, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr, wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt. Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis. Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige »Seelenfreundin«, die Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General vollkommen unerwartet, er war »entschieden das Opfer seines unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im allgemeinen gesprochen«, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern vielmehr überzeugt war, daß das alles »_nur so_« sei. »Traue jetzt noch den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!« rief er pathetisch im Kreise seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich -- was ihre Angehörigen eigentlich recht wunderte --, und obschon sie kränkelte, machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins Schuldgefängnis.
Seit dieser »Generalüberraschung«, wie Ganjä sie nannte, und der Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen -- trotz seiner Hypochondrie --, was gegen sein früheres Verhältnis zum Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung gewürdigt, ihn »einfach grob« behandelt, von allen anderen wie auch von sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, »einmal noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,« was dann Koljä »aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld« brachte. Man konnte sogar glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit, ihm vieles zu verzeihen.
Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch Warjä bekannt geworden, sondern »von sich aus«, wie er sagte. Allmählich gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, »weil er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,« wie sie behauptete. Daß Koljä nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin Zeitungen oder Bücher vorlas -- er war eben gern gefällig. Zweimal hatte er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag, so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber sollte er einmal in Erstaunen setzen.
Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu übergeben. Aglaja maß den »eingebildeten Bengel« mit zornigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:
»Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf, an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben, nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist alles, was ich Sie fragen wollte.
Ihr Bruder Fürst Lew Myschkin.«
Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende gelesen hatte, wurde sie plötzlich dunkelrot, biß sich dann auf die Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, würde nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als schämte sie sich. Schließlich warf sie den Brief mit einem spöttischen und seltsamen Lächeln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nächsten Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um sie »schneller zu finden«, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche sah sie zufällig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in dicken Lettern: »_Don Quijote de la Mancha_«. Aglaja lachte hellauf -- der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklärt. Auch wäre es schwer, festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat. Während sie ihn aber noch las, kam ihr plötzlich ein Gedanke: sollte dieser eingebildete Bengel vom Fürsten zum Vertrauensmann erkoren sein, und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie beschloß, Koljä auf den Zahn zu fühlen. Sie setzte eine möglichst geringschätzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefähr, wie er denn zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche »Bengel« übersah diesmal ihre Geringschätzung und erklärte, allerdings ziemlich kurz und trocken, daß er dem Fürsten vor dessen Abreise zwar seine ständige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei dies der erste Auftrag, der ihm vom Fürsten zuteil geworden, worauf er als Beweis den Brief hervorzog, den der Fürst an ihn persönlich gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn dann aber doch und las folgendes:
»Lieber Koljä, seien Sie so freundlich und übergeben Sie das beigefügte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wünsche Ihnen das Beste.
Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.«
»Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel anzuvertrauen,« sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.
Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt! Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.
II.
Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine prächtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schönen Tages bekam die Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.
Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer, glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah unruhig und besorgt aus.
Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren, wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.
Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet, und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten ... Doch worüber lächeln diese Leute schließlich nicht?
Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen, in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach Herrn Lebedeff.
»Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!« sagte die Küchenmagd, die mit aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen -- und ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.
Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke, zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste -- der Rock war im Zimmer nicht zu sehen -- und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.
»Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hört, wenn man ihn ruft! So seht doch her! ...«
Und die Küchenmagd entfernte sich wütend, indem sie nur -- zum Ausdruck, daß Reden doch vergeblich sei -- mit der Hand abwinkte und vor Ärger ganz rot wurde.
Lebedeff sah sich aber doch um und -- erstarrte. Der Anblick des Fürsten überraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er sich an den Kopf und stürzte dem Fürsten entgegen, doch auf halbem Wege blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit faßte, daß er mit untertänigem Lächeln stottern konnte:
»Du--Du--Du--Durchlauchtigster Fürst!«
Doch plötzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines anderen, wandte sich zurück und stürzte sich auf das junge Mädchen in Trauer mit dem Säugling auf den Armen, so daß diese ob der Plötzlichkeit zurückschreckte. Aber Lebedeff ließ sie bereits im Stich und stürzte sich auf das dreizehnjährige Mädchen, das in der Tür zum nächsten Zimmer sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt, und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und stürzte davon, in die Küche, während Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er zufällig dem Blick des Fürsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:
»Um--um--um Ehrerbietung beizubringen, he--he--he ...«
»Aber wozu ...« wollte der Fürst beginnen, doch schon unterbrach ihn Lebedeff.
»Sofort, sofort, sofort ... wie 'n Wirbelwind bin ich wieder da!«
Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Fürst blickte verwundert das junge Mädchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem Sofa an: alle lachten. Da mußte auch der Fürst lächeln.
»Er will sich nur den Rock anziehen,« sagte der Knabe.
»Wie fatal, daß er ...« sagte der Fürst, »ich wollte mich ihm ... Sagen Sie, ist er ...«
»Betrunken, meinen Sie?« rief der junge Mann vom Sofa. »Keine Spur! Nur so seine drei, vier Gläschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fünf, höchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der Übung zu bleiben.«
Der Fürst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann das junge Mädchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen, sympathischen Gesicht zu sprechen.
»Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschäftliches zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu. Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas ... aber dann weint er gewöhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel vor. Unsere Mutter ist vor fünf Wochen gestorben.«
»Hören Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau weiß, was er Ihnen antworten soll!« lachte der junge Mann auf dem Sofa. »Ich könnte wetten, daß er Ihnen ein X für ein U vormachen will und sich gerade jetzt den Verfahrungsmodus überlegt.«
»Fünf Wochen! Vor genau fünf Wochen!« griff Lebedeff, der schon wieder zurückkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrübt mit den Augen, während er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog, um seine Tränen abzuwischen. »Waisen sind wir! Ganz verwaist!«
»Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat ja Löcher!« sagte das junge Mädchen, »hier hinter der Tür hängt doch Ihr neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?«
»Schweig, Heuschrecke!« schrie Lebedeff sie an. »Uh, du!« und wieder stampfte er mit den Beinen.
Doch diesmal lachten alle schallend auf.
»Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanjä, daß ich fortlaufe! So können Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krämpfe bekommen ... was schreien Sie denn!«
»Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge!« flüsterte Lebedeff ganz entsetzt, schlich auf den Fußspitzen zum jungen Mädchen, das das Kind hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ängstlicher Miene. »Gott behüte uns davor! Gott behüte! Das ist ja doch mein eigener Säugling, müssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow,« wandte er sich an den Fürsten, »geboren in der gesetzmäßigsten Ehe von meiner jüngst verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben ließ. Und diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen ... dieser aber, dieser dort, oh, dieser ...«
»Na was, kommst mit Worten zu kurz?« rief der junge Mann lachend dazwischen. »Fahr nur fort, genier' dich nicht.«
»Euer Durchlaucht!« rief Lebedeff plötzlich wie aus der Pistole geschossen aus und mit einer Stimme, die fast überklappte. »Haben Sie von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen geruht?«
»J...ja,« sagte der Fürst etwas verwundert.
»Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mörder der Familie Shemarin, er selbst, er selbst!«
»Was! Was reden Sie!« Der Fürst war ganz verdutzt.
»Das heißt, allegorisch gesprochen, ein zukünftiger zweiter Mörder einer zukünftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor ...«
Alle lachten. Dem Fürsten kam es in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht tatsächlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu überlegen.
»Er revoltiert! Ein Empörer! -- ein Verschwörer ist er!« schrie Lebedeff, als befände er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung ausschloß. »Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn überhaupt das Recht, ein solches Lästermaul, einen solchen, man kann schon sagen -- Wüstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche _Kreatur_ als meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester Anissja, der Seligen, anzuerkennen?«