Sämtliche Werke 3-4

Part 20

Chapter 203,504 wordsPublic domain

Nastassja Filippowna betrachtete während der ganzen Zeit seiner Erzählung unverwandt das Spitzenmuster an ihrem rechten Ärmel, indem sie mit den Fingern der linken Hand die Spitze glatt strich und kein einziges Mal zu dem Erzähler aufschaute.

»Was mir meine Aufgabe vor allem sehr erleichtert,« begann er langsam, »ist die strikte Vorschrift, unbedingt die häßlichste Tat meines ganzen Lebens wiederzugeben. In solchem Fall kann es, versteht sich, kein Schwanken geben: das Gewissen, das Gedächtnis und das Herz sagen einem von selbst das einzig Richtige. Ich muß zu meinen Kummer gestehen, daß es unter den vielleicht zahllosen leichtsinnigen und ... leichtfertigen Handlungen meines Lebens eine gibt, deren Eindruck sich vielleicht sogar etwas allzu tief meinem Gedächtnisse eingeprägt hat. Es wird nun wohl so an die zwanzig Jahre her sein, als ich einmal zu Platon Ordynzeff fuhr, um ihn auf seinem Gut zu besuchen. Er war kurz zuvor einstimmig zum Adelsmarschall erwählt worden, worauf er sich mit seiner jungen Frau für einige Zeit auf sein Gut zurückzog, um daselbst die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. In diese Zeit fiel nun auch das Geburtstagsfest Anfissa Alexejewnas -- so hieß seine Frau -- und es sollten zwei Bälle gegeben werden. Damals war gerade >_La dame aux camélias_<{[12]} in der höheren Gesellschaft sehr _en vogue_,{[13]} dieses wundervolle Werk des ausgezeichneten Dumas _fils_,{[14]} sein _chef-d'oeuvre_,{[15]} das meiner Ansicht nach nie unmodern werden wird. In der Provinz waren alle Damen ganz begeistert für die _Dame aux camélias_, oder wenn auch, versteht sich, nicht alle, so doch wenigstens diejenigen, die das Drama gelesen hatten. Der abgerundete Stil der Sprache, die originelle Darstellung der Hauptperson, dieses ganze interessante Milieu, das mit unsäglicher Feinheit wiedergegeben ist, alle diese berückenden Einzelheiten, die man auf jeder Seite findet -- wie zum Beispiel die Begründung, weshalb sie abwechselnd weiße und rosa Kamelien wählt -- kurz, alle diese glänzenden Details und der Zusammenhang des Ganzen hatten einen nahezu erschütternden Eindruck auf die Damenwelt gemacht, und Kamelien waren die beliebtesten und gesuchtesten Blumen. Es war modern, nur Kamelien zu tragen. Nun frage ich Sie: wieviel Kamelien lassen sich wohl in der Provinz auftreiben, wenn alle Damen zu Bällen nichts anderes wünschen, als Kamelien und Kamelien, selbst wenn es auch nur wenige Bälle gibt? Petjä Worchowskoj, der Arme, hatte sich gerade sterblich in Anfissa Alexejewna verliebt. Wirklich, ich weiß es nicht, ob zwischen ihnen irgend etwas ... das heißt, ich will nur sagen, daß ich nicht weiß, ob Petjä sich auch nur die geringsten ernsteren Hoffnungen machen durfte. Doch wie dem auch war, jedenfalls wollte sich der Arme schier zerreißen, um seiner Angebeteten zum Ball Kamelien zu verschaffen. Die Gräfin Ssozkaja, die aus Petersburg eingetroffen war und als Gast bei der Gouverneurin weilte, sowie Ssofja Bespalowa würden, wie verlautete, unfehlbar mit weißen Kamelien erscheinen. Deshalb wünschte nun Anfissa Alexejewna, um abzustechen, dunkelrote Kamelien. Der arme Platon wurde fast zu Tode gehetzt; versteht sich -- er war Gatte. Er schwört unter allen Eiden, er werde ihr den gewünschten Strauß bestimmt verschaffen, doch was geschieht? Katherina Alexandrowna Mytischtschewa, die größte Konkurrentin und Feindin Anfissa Alexejewnas, kauft kurz vorher alle Blumen auf! Die Folge waren Weinkrämpfe und Ohnmachtsanfälle im Hause meines Platon. Er ist an allem schuld, ist verhaßt und verfemt! Versteht sich: hätte mein Petjä irgendwo einen Strauß auftreiben können, so wären seine Aussichten bedeutend gestiegen. Die Dankbarkeit einer Frau ist ja in solchen Fällen grenzenlos. Er jagt wie gehetzt von einem zum anderen, aber es war nichts zu wollen: Kamelien gab es nicht mehr. Da begegne ich ihm zufällig noch um elf Uhr abends -- der Ball bei Maria Petrowna Subkowa, einer Gutsnachbarin Ordynzeffs, sollte am nächsten Tage stattfinden -- und was sehe ich: mein Petjä strahlt! -- >Was ist denn los?< frage ich. -- >Heureka! Ich habe Kamelien gefunden!< -- >Was du sagst! Wo?< -- >In Jekschaisk (es war dort solch ein Städtchen, kaum zwanzig Werst entfernt, doch gehörte es nicht zu unserem Kreise) lebt ein gewisser Kaufmann Trepaloff, ein alter bärtiger, schwerreicher Mann, lebt ganz einsam mit seiner alten Frau, und da sie keine Kinder haben, haben sie sich Kanarienvögel und Blumen angelegt: der hat rote Kamelien.< -- >Aber deshalb hast du sie doch noch nicht! Wenn er sie dir nun nicht geben will?< -- >Dann werde ich vor ihm niederknien,< sagt Petjä, >und so lange knien, bis er sie mir gibt. Fahre einfach nicht früher fort.< -- >Wann fährst du hin?< -- >Morgen in aller Frühe um fünf Uhr.< -- >Nun, dann glückliche Reise.< Und ich freute mich noch für ihn. Darauf kehre ich zu Ordynzeffs zurück; es ist mittlerweile schon zwei Uhr geworden, ich bin gerade im Begriff, zu Bett zu gehen, da plötzlich -- ein großartiger Gedanke! Ich begebe mich unverzüglich nach der Küche, von dort in die Kutscherstube, wecke den Ssawelj -- >Hier sind fünfzehn Rubel, in einer halben Stunde mußt du die Pferde angeschirrt haben!< Nach einer halben Stunde fährt also der Schlitten vor. Anfissa Alexejewna, höre ich, hat Migräne, Fieber, Schmerzen, deliriert! Ich fahre wie der Wind. Um fünf Uhr bin ich in Jekschaisk, warte im Gasthof, bis es tagt, aber auch nur so lange: um sieben bin ich bei Trepaloff. >So und so -- haben Sie Kamelien?< frage ich, >Väterchen, dann helfen Sie, retten Sie, werde Ihnen die Hände küssen!< Der Alte, sehe ich, ist groß, grau, strenges Gesicht -- unerbittlich! >Nein, auf keinen Fall,< sagt er, >ich tue es nicht.< Ich, plumps, falle vor ihm auf die Knie nieder. So wie ich stand, ohne weiteres. >Was tun Sie, was tun Sie?< rief er ganz erschrocken aus, >das geht doch nicht!< -- >Aber es handelt sich doch um ein Menschenleben!< rufe ich. -- >Aber so nehmen Sie sie, nehmen Sie sie in Gottes Namen!< Er war tatsächlich ganz erschrocken. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen und schnitt mir alle Blüten ab. Wundervoll waren sie, eine ganze kleine Orangerie besaß er. Der Alte seufzte nur so. Da zog ich mein Portefeuille hervor und überreichte ihm einen Hundertrubelschein. >Nein, mein Bester, das geht nicht, Sie wollen mich doch damit nicht kränken,< sagte er. >Nun, dann bitte ich Sie, diese hundert Rubel dem hiesigen Hospital zur Verbesserung der Kost zu übergeben.< -- >Ja das, Väterchen, ist eine andere Sache,< sagte er, >das ist eine gute und edle und Gott wohlgefällige Tat. Ich werde das Geld in Ihrem Namen übergeben.< Er gefiel mir sehr, dieser russische alte Mann, dieser autochthone Russe, _de la vraie souche_,{[16]} wie man zu sagen pflegt. In der Freude über den gelungenen Streich machte ich mich unverzüglich auf den Rückweg, doch fuhren wir diesmal auf Umwegen, um Petjä nicht zu begegnen. Kaum war ich angelangt, da übersandte ich das Bukett auch schon Anfissa Alexejewna, damit sie es beim Erwachen vorfände. Nun, Sie können sich diese Überraschung, diese Freude, diese Dankbarkeit vorstellen! Platon, der tags zuvor noch ganz zerschlagene, verzweifelte, vernichtete Platon schluchzt an meiner Brust: Tja! So sind nun einmal alle Männer seit der Schöpfung ... der Ehe. Ich wage nichts mehr hinzuzufügen ... Der arme Petjä aber verlor nach dieser Episode seine letzten Aussichten. Ich befürchtete anfangs, daß er sich mit einem Messer auf mich stürzen würde, und ich traf bereits einige Maßregeln für den Fall, daß ich ihm begegnen sollte. Doch nein, es kam ganz anders -- und diese Wendung der Dinge hatte ich nicht vorausgesehen und ich wollte es kaum glauben: er fiel in Ohnmacht! Am Abend phantasierte er bereits, am nächsten Morgen hatte er hohes Fieber, weinte wie ein kleines Kind, wand sich fast in Krämpfen. Nach einem Monat, kaum aus dem Bett, bat er um seine Versetzung nach dem Kaukasus -- und die Sache endete damit, daß er schließlich in der Krim fiel. Sein Bruder, Stepan Worchowskoj, zeichnete sich damals im Krimkriege als Oberst ganz besonders aus. Offen gestanden, mich haben nachher oft genug Gewissensbisse gemartert: weshalb hatte ich ihm das angetan? Ich will nicht sagen, wenn ich selbst in sie verliebt gewesen wäre, aber so! Es sollte nur ein Scherz sein, _pour faire la cour_,{[17]} und weiter nichts. Hätte ich dagegen nicht vor ihm die Kamelien dem Alten fortgenommen, so würde der Mensch noch heute leben, wäre glücklich, hätte es weit gebracht, und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich türkischen Kugeln auszusetzen.«

Tozkij verstummte mit derselben soliden Würde, mit der er seine Erzählung begonnen hatte. Die Gäste bemerkten nur, daß Nastassja Filippownas Augen ganz besonders dunkel wurden und blitzten, und ihre Lippen sogar ein wenig zuckten, als Tozkij geendet hatte. Neugierig blickte man sie beide an.

»Nein, das ist wiederum Betrug! Sie haben gleichfalls Ferdyschtschenko betrogen! Ganz mordsmäßig haben Sie mich betrogen!« beteuerte Ferdyschtschenko und spielte den Gekränkten; denn er fühlte, daß man doch etwas sagen mußte.

»Wer hat Sie geplagt, sich dem auszusetzen? Behalten Sie jetzt die Lehre, die Ihnen Klügere erteilt haben, und seien Sie ein anderes Mal selbst klüger,« schnitt ihm fast triumphierend Darja Alexejewna das Wort ab. Sie hielt von jeher treu zu Tozkij, dem sie sehr zugetan war.

»Sie hatten recht, Afanassij Iwanowitsch, das Spiel ist sehr langweilig, wir wollen es abbrechen,« sagte Nastassja Filippowna in wegwerfendem Tone. »Ich werde nur noch erzählen, was ich versprochen habe, und dann können wir gehen und Karten spielen ...«

»Aber zuerst unbedingt das Versprochene!« sagte der General galant.

»Fürst,« wandte sich plötzlich und ganz unerwartet Nastassja Filippowna schroff an Myschkin, »meine beiden alten Freunde da, der General und Afanassij Iwanowitsch, wollen mich durchaus verheiraten. Sagen Sie mir nun, was Sie für richtiger halten: soll ich heiraten oder soll ich nicht heiraten? Was Sie sagen, das werde ich tun.«

Tozkij erbleichte und die Miene des Generals erstarrte. Alle rissen die Augen auf und hoben die Köpfe. Ganjä wurde es eiskalt.

»Wen ... wen heiraten?« fragte der Fürst mit stockender Stimme.

»Gawrila Ardalionytsch Iwolgin,« antwortete Nastassja Filippowna schroff und fest -- jede Silbe war deutlich zu vernehmen.

Alles schwieg. Der Fürst schien wie unter einer erdrückenden Last nach Worten zu ringen.

»N--nein! ... heiraten Sie nicht!« stieß er endlich mit Mühe leise hervor, und er atmete tief.

»Schön, dabei bleibt es jetzt! Gawrila Ardalionytsch!« wandte sie sich herrisch und gleichsam erhaben an Ganjä. »Sie haben die Entscheidung des Fürsten gehört? Nun, damit haben Sie auch meine Antwort. Und, bitte, jetzt die Angelegenheit ein für allemal als abgetan zu betrachten!«

»Nastassja Filippowna!« stieß Tozkij mit zitternder Stimme hervor.

»Nastassja Filippowna!« sagte in beschwörendem, doch erregtem Tone der General.

Alles geriet in Aufregung und eine unruhige Bewegung ging durch die ganze Gesellschaft.

»Aber was wollen Sie denn, meine Herrschaften?« wunderte sie sich gleichsam, mit fragendem Blick die Anwesenden messend. »Weshalb regen Sie sich denn so auf? Und was für Gesichter Sie machen!«

»Aber ... bedenken Sie doch, Nastassja Filippowna,« stotterte Tozkij, »Sie vergessen, daß Sie uns versprochen haben ... und zwar ganz freiwillig, und ... Sie müssen doch auch etwas Rücksicht nehmen ... Ich ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... ich bin ganz verwirrt, aber ... Kurzum, heute abend, in einem solchen Augenblick und ... und in Gegenwart fremder Menschen ... und mit einem solchen _Petit-jeu_ eine so ernste Sache zu erledigen, eine Ehren- und Herzenssache ... von der so viel abhängt ...«

»Ich verstehe Sie nicht, Afanassij Iwanowitsch, Sie scheinen allerdings ganz verwirrt zu sein. Was wollen Sie damit sagen >in Gegenwart fremder Menschen<? Befinden wir uns denn nicht in bester, intimer Gesellschaft? Und was haben Sie an dem >_Petit-jeu_< auszusetzen? Ich wollte doch gleichfalls etwas zum besten geben -- ist es mir denn nicht erlaubt? Und warum sagen Sie, daß es nicht ernst sei? Ist denn das kein Ernst? Sie haben doch gehört, wie ich zum Fürsten sagte: >Was Sie sagen, das werde ich tun<. Hätte er ja gesagt, so würde ich sofort dieselbe Antwort auch Gawrila Ardalionytsch gegeben haben; er aber sagte nein, und folglich sagte ich ab. Ist denn das kein Ernst? Hier hing doch mein ganzes Leben an einem Haar, was kann es denn noch Ernsteres geben?«

»Aber der Fürst! -- was hat denn der Fürst damit zu tun? Und was ist denn schließlich dieser Fürst?« fiel der General ärgerlich ein, fast schon außerstande, seinen Unwillen über diese ihn kränkende plötzliche Autorität des Fürsten zu verbergen.

»Der Fürst? Er ist der erste mir wirklich zugetane Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Er hat auf den ersten Blick an mich geglaubt, und so glaube ich auch an ihn.«

»Ich habe dann nur noch Nastassja Filippowna meinen Dank auszusprechen, für das außerordentliche Zartgefühl, mit dem sie ... mich behandelt hat,« sagte endlich mit unsicherer Stimme und verzerrt lächelnden Lippen Ganjä, der wächsern bleich war. »Das hat selbstverständlich alles so kommen müssen, es ist ja nicht mehr wie recht und billig ... Doch ... der Fürst ... ist in dieser Angelegenheit ...«

»Nicht ganz unparteiisch und hat es wohl auf die Fünfundsiebzigtausend abgesehen, wie?« unterbrach ihn Nastassja Filippowna. »Das war's doch wohl, was Sie sagen wollten? Leugnen Sie es nicht, ich weiß, daß Sie gerade das anzudeuten beabsichtigen, Afanassij Iwanowitsch! Ich habe ganz vergessen, Ihnen noch eines zu sagen: diese fünfundsiebzigtausend Rubel behalten Sie in aller Ruhe und vernehmen Sie, daß ich Sie unentgeltlich freigebe. So, und jetzt Schluß damit! Auch Sie muß man doch einmal aufatmen lassen! Neun Jahre und drei Monate! Morgen -- beginnt mein neues Leben, heute aber bin ich noch das Geburtstagskind und gehöre mir selbst -- zum erstenmal in meinem Leben! Iwan Fedorowitsch!« wandte sie sich an den General, »auch Sie, nehmen Sie Ihre Perlen zurück, schenken Sie sie Ihrer Frau Gemahlin. Und morgen ziehe ich aus, ich verlasse diese Wohnung. Abendversammlungen wird es nicht mehr bei mir geben, meine Herren!«

Und sie erhob sich plötzlich, als wollte sie fortgehen.

»Nastassja Filippowna! Nastassja Filippowna!« ertönte es von allen Seiten.

Alle erhoben sich von ihren Plätzen und umdrängten sie erschrocken durch ihre erregten, nervösen, wie im Fieber wirr phantasierten Worte. Ein jeder empfand, daß etwas nicht ganz in Ordnung war, und doch vermochte niemand zu verstehen, was diese ihre Stimmung zu bedeuten hatte.

Da ertönte plötzlich schrill und laut die Glocke im Vorzimmer. Es mußte mit aller Kraft am Klingelzuge gezogen worden sein.

»A--a--ah! Da ist die Lösung! Endlich! Halb zwölf!« rief Nastassja Filippowna. »Ich bitte Sie, Platz zu nehmen, meine Herren, jetzt kommt die Lösung!«

Sie kehrte zu ihrem Platz zurück und setzte sich selbst als erste. Ein eigentümliches Lächeln zitterte auf ihren Lippen. In fieberhafter Erregung saß sie regungslos und sah auf den zugezogenen Vorhang der Tür.

»Rogoshin mit den Hunderttausend, zweifellos,« brummte Ptizyn.

XV.

Ganz erschrocken trat die Zofe ins Zimmer.

»Dort sind weiß Gott wer, Nastassja Filippowna, eine ganze Bande ist eingedrungen, und alle sind betrunken, und sie wollen hierher kommen! Sie sagen, es sei Rogoshin, und Sie wüßten schon selbst ...«

»Ich weiß, Katjä, laß sie sogleich alle herein.«

»Aber ... wie, alle, Nastassja Filippowna? Sie sind doch so unanständig! Ganz schrecklich!«

»Ja, laß alle herein, Katjä, du brauchst dich nicht zu fürchten, alle ohne Ausnahme, sonst werden sie auch ohne dich eintreten. Da, wie sie schon lärmen, ganz wie vorhin! Meine Herren, wird es Sie nicht kränken, daß ich diese ganze Schar in Ihrer Gegenwart empfange? Das täte mir sehr leid. Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber es muß sein, und ich würde es sehr gern sehen, wenn Sie einwilligten, Zeugen dieses entscheidenden Augenblicks zu sein ... Doch übrigens, ganz wie Sie wollen ...«

Die Gäste wußten vor Überraschung nicht, was sie tun sollten: sie sahen sich gegenseitig fragend an, wunderten sich, hier und da wurden wohl auch schnell und besorgt ein paar Worte geflüstert, -- doch klar war nur eines: daß Nastassja Filippowna diesen Besuch vorausgesehen hatte, und daß, von Sinnen wie sie war, niemand sie mehr von der Ausführung ihres Vorhabens ablenken konnte. Hinzu kam, daß alle von unsäglicher Neugier erfaßt wurden. Und schließlich war ja nicht viel zu befürchten. Von Damen befanden sich nur zwei unter den Gästen: die lebhafte Darja Alexejewna, die als Schauspielerin schon so manches erlebt hatte und deshalb auch schwer einzuschüchtern war; und dann die schöne, doch schweigsame Unbekannte -- diese begriff jedoch kaum etwas von dem, was um sie herum vorging: sie war eine zugereiste Deutsche und verstand kein Wort Russisch. Außerdem war sie allem Anscheine nach ebenso dumm wie hübsch. Es war nun einmal zur Gewohnheit geworden, sie als Dekorationsstück einzuladen. Was aber die Herren betraf, so war Ptizyn z. B. ein guter Bekannter von Rogoshin, und Ferdyschtschenko gar, der fühlte sich in dieser Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Ganetschka war immer noch wie betäubt, empfand aber, wenn auch halb unbewußt, so doch um so unbezwingbarer das heiße Verlangen, bis zum Ende an seinem Pranger stehen zu bleiben. Der alte Lehrer, der ebenfalls begriff, um was es sich handelte, war dem Weinen nahe und zitterte buchstäblich vor Angst, da ihn die allgemeine Erregung und der ungewohnte Zustand Nastassja Filippownas, die er wie seine Enkeltochter vergötterte, aufrichtig erschreckte. Nein, der wäre eher gestorben, als daß er sie in einem solchen Augenblick verlassen hätte. Tozkij dagegen hätte sich sonst nie und nimmer so kompromittiert, daß er mit dieser »Kohorte« unter einem Dach verweilte, nur war er leider gar zu sehr bei der Sache interessiert: Nastassja Filippowna hatte da einige Worte fallen lassen, nach denen er unmöglich so einfach wegfahren konnte, ohne sich vorher in der ganzen Sache Klarheit verschafft zu haben. Er beschloß also, gleichfalls bis zum Ende auszuharren, wenn auch, wie er sich vornahm, nur als völlig stummer Beobachter, was er der Wahrung seiner Würde durchaus schuldig zu sein glaubte. Nur Jepantschin, den Nastassja Filippowna noch vor einem Augenblick durch die so unzeremonielle und lächerliche Rückgabe seines Geschenks beleidigt hatte, fühlte sich durch diese neue Exzentrizität, den Empfang Rogoshins, gar zu sehr gekränkt. Überdies hatte er sich für sein Empfinden ja ohnehin schon dadurch unglaublich erniedrigt, daß er neben einem Ptizyn und einem Ferdyschtschenko gesessen. Doch was die Macht der Leidenschaft verschuldet hatte, das mußte jetzt schleunigst das Pflichtgefühl, wollte er sich seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung nicht unwürdig zeigen, gutmachen; denn sonst hätte er seine ganze Selbstachtung eingebüßt. Nein, Rogoshin und dessen Kohorte waren mit der Anwesenheit Seiner Exzellenz unvereinbar!

»Ach, Exzellenz,« besann sich auch sogleich Nastassja Filippowna, kaum daß er einen Schritt auf sie zugetreten war, »verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit! Sie können mir glauben, daß ich es nicht anders erwartet habe. Wenn es Ihnen so entwürdigend erscheint, so werde ich Sie nicht zurückhalten, obschon ich gerade Sie jetzt sehr gern bei mir sehen würde. Nun, jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre freundlichen Besuche und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit ... doch wenn Sie fürchten ...«

»Erlauben Sie, Nastassja Filippowna,« unterbrach sie der General mit galanten Eifer in einem Anfall ritterlicher Großmut, »zu wem sagen Sie das? Ich werde jetzt unbedingt bei Ihnen bleiben, schon allein zum Beweis meiner Ergebenheit, und zudem, falls Ihnen eine Gefahr drohen sollte ... Ich bin sogar außerordentlich gespannt ... Im Gegenteil, ich meinte nur, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß diese Leute doch nur die Teppiche ruinieren und dies oder jenes zerschlagen könnten ... Wirklich, Nastassja Filippowna, tun Sie es lieber nicht, empfangen Sie sie lieber nicht -- ich rate Ihnen gut! Wozu auch?«

»Da! Rogoshin selbst!« rief Ferdyschtschenko.

»Was meinen Sie, Afanassij Iwanowitsch,« flüsterte der General noch schnell seinem Freunde Tozkij zu, »sollte sie nicht irrsinnig geworden sein? ich meine es ohne jede Symbolik -- ganz realiter irrsinnig? was meinen Sie?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie von jeher dazu disponiert gewesen ist,« flüsterte Tozkij ironisch zurück.

»Und jetzt noch die Influenza ...«

Rogoshins Rotte bestand fast aus denselben zweifelhaften Individuen, mit denen er schon bei Ganjä eingedrungen war. Hinzugekommen waren nur noch zwei: ein heruntergekommener Alter, der seinerzeit Redakteur gewesen war -- Herausgeber irgendeines kleinen skandalösen Lokalblattes, das ausschließlich polemische Artikel brachte -- und von dem man sich erzählte, daß er seine ganze Habe und sogar sein falsches Gebiß vertrunken habe; und dann noch irgendein verabschiedeter Unterleutnant, der in jeder Beziehung, sowohl dem Gewerbe, wie der Bestimmung nach, ein Gegner und Konkurrent des Riesen mit den Fäusten zu sein schien, und den kein einziger der Rogoshinschen Rotte kannte. Er hatte sich ihnen auf dem Newskij angeschlossen, wo er täglich auf der Sonnenseite die Vorübergehenden in hochtrabenden Reden um eine »Unterstützung« anging, und zwar gewöhnlich mit der Begründung, daß er einst selbst Bettlern »an die fünfzehn Rubel« gegeben habe. Beide Konkurrenten verhielten sich sofort feindlich zueinander, ja, der Herr mit den Fäusten fühlte sich durch die Aufnahme des »Bettlers« in die »Kompagnie« direkt beleidigt, und da er von Geburt schweigsam war, brummte er nur wie ein Bär und blickte mit tiefster Verachtung auf die Einschmeichelungsversuche des andern herab, der ziemlich weltgewandt und diplomatisch veranlagt zu sein schien. Dem Äußern nach zu urteilen, hätte der Unterleutnant, wenn es zu einem Kampf zwischen ihnen gekommen wäre, es mehr mit Gewandtheit und Geschick als mit Kraft versuchen müssen, so viel kleiner als der Faustmensch war er von Wuchs. Vorsichtig, ohne sich in offenen Streit einzulassen, und dabei doch unendlich selbstbewußt, hatte er schon ein paarmal die Vorzüge des englischen Faustkampfes angedeutet, und daß er selbst ein Meister in der »Boxkunst« sei. Kurzum, er schien sich als waschechten Westeuropäer aufspielen zu wollen. Der Faustmensch dagegen hatte bei dem Worte »Boxkunst« nur ein verächtliches Lächeln für den Gegner übrig gehabt und seinerseits, gleichfalls offenen Widerspruch vermeidend, schweigend und halb wie aus Versehen ein äußerst nationales Attribut -- eine riesige, sehnige, förmlich verknotete und mit rötlichem Flaum bedeckte Faust -- hin und wieder vorgeschoben. Allen ward es denn auch ohne weiteres klar, daß, wenn diese ultranationale Keule gutgezielt auf einen Gegenstand herabsauste, nur noch ein nasser Fleck von diesem übrigbleiben würde.