Part 19
Der Einfall war allerdings sehr eigenartig. Doch gefiel er keinem der Gäste. Einige waren verstimmt, andere lächelten verschmitzt, und wieder andere versuchten dies und jenes einzuwenden, doch taten sie es nur mit Vorsicht, so z. B. der General, der Nastassja Filippowna nie recht zu widersprechen wagte. Er hatte sogleich bemerkt, daß ihr dieser Einfall sehr zusagte -- vielleicht nur weil er nichts weniger als alltäglich und eigentlich doch unerhört war. Nastassja Filippowna war aber in ihren Wünschen unberechenbar und rücksichtslos, wenn sie sie einmal offen zeigte, gleichviel, ob es auch die kindischsten und für sie selbst nutzlosesten Wünsche waren. Sie war jetzt wie im Fieber, konnte kaum ruhig sitzen. Das Lachen überkam sie wie ein Anfall, um dann ebenso plötzlich abzubrechen. Sie amüsierte sich köstlich über Tozkijs beleidigte und besorgte Miene. Ihre dunklen Augen glänzten. Auf ihren bleichen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Der Schatten unbehaglichen Mißvergnügens in den Gesichtern einiger ihrer Gäste reizte noch mehr ihren Spott und ihre Heiterkeit. Vielleicht gefiel ihr am meisten an dem ganzen Einfall gerade der Zynismus und die Grausamkeit. Einzelne waren überzeugt, daß sie damit etwas ganz Besonderes bezweckte. Jedenfalls war man neugierig, wie es werden würde, und diese Neugier zog sogar sehr. Ferdyschtschenko war ganz Feuer und Flamme.
»Aber wenn es irgend etwas ist, das man nicht erzählen kann ... in Gegenwart von Damen?« fragte schüchtern der schweigsame Jüngling.
»Dann erzählt man es eben nicht,« versetzte Ferdyschtschenko. »Als ob Sie nur eine einzige Schändlichkeit begangen hätten! Ach, Sie -- Jüngling!«
»Und ich weiß nicht einmal, welches gerade die schlechteste Tat ist, die ich begangen habe,« seufzte die lebhafte Dame.
»Die Damen sind nicht verpflichtet, zu erzählen,« wiederholte Ferdyschtschenko, »aber auch nur das: nicht verpflichtet! Inspiration aus eigener Initiative wird mit Anerkennung zugelassen. Die Herren dagegen werden nur dann der Pflicht enthoben, wenn sie nun mal ganz und _gar_ nicht wollen.«
»Aber, wie wird man denn wissen, ob ich nicht lüge?« fragte Ganjä. »Wenn ich aber lüge, ist doch der ganze Sinn des Spieles verdorben. Und wer wird nicht lügen? Das ist doch selbstverständlich, daß bei einer solchen Gelegenheit ein jeder lügt.«
»Aber so ist doch schon allein das interessant, _wie_ ein jeder lügt,« versetzte Ferdyschtschenko. »Du aber Ganetschka, brauchst dir darob, daß du lügen könntest, keine besonderen Sorgen zu machen, da doch deine schmählichste Tat ohnehin schon allen bekannt ist. Bedenken Sie doch nur, meine Herrschaften,« rief er plötzlich geradezu begeistert aus, »mit welchen Augen wir dann einander ansehen werden, morgen zum Beispiel, nach den Erzählungen, was?!«
»Wie, soll es denn wirklich? ... Ist es denn wirklich Ihr Ernst, Nastassja Filippowna?« fragte Tozkij würdevoll.
»Wer den Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehen!« war ihre spöttisch lächelnde Antwort.
»Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, ist denn das ein Gesellschaftsspiel?« fuhr Tozkij, immer erregter, fort. »Ich versichere Sie, solche Späße gelingen nie. Sie sagten ja auch selbst, daß es bereits einmal nicht gelungen sei.«
»Wieso, wieso nicht gelungen? Habe ich nicht das vorigemal erzählt, wie ich einmal drei Rubel gestohlen habe? Da tat ich's doch einfach und erzählte!«
»Nun ja. Aber es war doch von vornherein jede Möglichkeit ausgeschlossen, die Sache so zu erzählen, daß sie glaubhaft erschien. Und Gawrila Ardalionytsch hat ganz richtig bemerkt, daß das ganze Spiel sofort seine Pointe verliert, sobald man auch nur im geringsten von der Wahrheit abweicht. Die strikte Beobachtung der Wahrheit wäre in diesem Fall doch nur bei einer gewissen Prahlsucht schlechten Tones möglich, und dieser Ton ist hier doch ganz undenkbar, denke ich.«
»Herrgott, sind Sie mir mal ein delikater Mensch, Afanassij Iwanowitsch, Sie vernichten mich ja geradezu!« lachte Ferdyschtschenko. »Mit dieser Bemerkung, meine Damen und Herren, hat ja Afanassij Iwanowitsch in der delikatesten Weise angedeutet, daß ich ganz unmöglich hätte stehlen können -- was direkt zu sagen, wohl direkt unvornehm wäre -- wenn er auch bei sich, versteht sich, vollkommen überzeugt ist, daß Ferdyschtschenko sehr wohl stehlen könnte! Doch zur Sache, meine Herren, die Lose sind vollzählig -- und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben ja von sich einen Gegenstand in den Hut gelegt; folglich willigen Sie also ein, etwas zum besten zu geben. Bitte, Fürst, greifen Sie hinein.«
Der Fürst senkte schweigend die Hand in den Hut: der erste Gegenstand, den er hervorholte, war von Ferdyschtschenko hineingelegt worden, der zweite von Ptizyn, der dritte vom General, der vierte von Tozkij, der fünfte von ihm selbst, der sechste von Ganjä usw. Die Damen hatten es vorgezogen, sich nicht zu beteiligen.
»O Gott, welches Pech!« jammerte Ferdyschtschenko. »Und ich glaubte, als erster würde der Fürst daran glauben müssen und als zweiter Seine Exzellenz! Doch zum Glück folgt Iwan Petrowitsch Ptizyn sogleich hinter mir, und das soll meine Entschädigung sein! Nun, dann -- los, meine Herrschaften, ich muß mit gutem Beispiel vorangehen! Doch da tut es mir im Augenblick unsäglich leid, daß ich so gering bin und mich durch nichts auszeichne, nicht einmal durch einen Titel. Wie kann es da von Interesse sein, wie und wann und ob überhaupt ein Ferdyschtschenko mal was Gemeines begangen hat? Und schließlich: welches ist nun meine größte Schandtat? Hier gerät man ja förmlich in einen _embarras de richesse_!{[10]} Es sei denn, daß ich wieder den Diebstahl der drei Rubel erzähle, um unseren verehrten Afanassij Iwanowitsch zu überzeugen, daß man sehr wohl stehlen kann, ohne dabei ein Dieb zu sein.«
»Sie überzeugen mich sogar davon, daß gewisse Leute tatsächlich ein Vergnügen bis zum Hochgenuß daran finden können, von ihren schmutzigen Taten zu erzählen, selbst dann, wenn niemand sie darum bittet. ... Doch übrigens ... Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko.«
»Fangen Sie an, Ferdyschtschenko, Sie schwatzen viel zu viel Überflüssiges und können nie zu einem Schluß kommen,« sagte Nastassja Filippowna gereizt und ungeduldig in zurechtweisendem Tone.
Es fiel allen auf, daß sie nach ihren Lachanfällen plötzlich fast finster geworden war. Nichtsdestoweniger bestand sie eigensinnig und herrisch auf der Durchführung ihrer Laune. Tozkijs ästhetisches Empfinden litt unsäglich. Auch der General ärgerte ihn nicht wenig: der saß vor seinem Champagner, »als wäre nichts passiert«, und schien sogar die Absicht zu haben, gleichfalls etwas zum besten zu geben, wenn die Reihe an ihn kommen würde.
XIV.
»Ich habe ja doch gesagt, Nastassja Filippowna: da mir jeder Geist fehlt, schwatze ich dummes Zeug!« begann Ferdyschtschenko, der als erster erzählen mußte. »Hätte ich dagegen _tant d'esprit_{[11]} wie zum Beispiel Afanassij Iwanowitsch oder so viel Scharfsinn wie Iwan Petrowitsch Ptizyn, so würde ich heute ganz wie Afanassij Iwanowitsch und Iwan Petrowitsch dasitzen und den Mund halten. Fürst, erlauben Sie, daß ich Sie eines frage: Was meinen Sie -- es will mir immer scheinen, daß es in der Welt mehr Diebe gibt als Nichtdiebe, und daß es selbst unter den ehrlichsten Menschen keinen gibt, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben gestohlen hat. Das ist so eine Privatanschauung von mir, aus der ich jedoch noch längst nicht schließe, daß alle ohne Ausnahme Diebe seien, obschon man, weiß Gott, mitunter verteufelt gern auch dieses daraus folgern möchte. Nun, was meinen Sie dazu, Fürst?«
»Pfui, wie dumm Sie erzählen,« ärgerte sich die lebhafte Dame. »Und welch ein Unsinn: jeder Mensch soll etwas gestohlen haben! Ich habe noch nie etwas gestohlen.«
»Ich glaub's Ihnen gern, Darja Alexejewna, daß Sie noch nie etwas gestohlen haben, aber hören wir doch zu, was der Fürst, der plötzlich sogar errötet ist, wie ich sehe, dazu sagen wird.«
»Ich glaube, daß Sie recht haben, nur übertreiben Sie sehr,« sagte der Fürst, der tatsächlich errötet war.
»Und Sie selbst, Fürst, haben Sie nie etwas gestohlen?«
»Pfui, Sie machen sich ja lächerlich, kommen Sie doch zur Besinnung, Herr Ferdyschtschenko,« unterbrach ihn der General.
»Ach, jetzt, wo es erzählen heißt, schämen Sie sich der Geschichte,« warf Darja Alexejewna ein, »und deshalb wollen Sie die Aufmerksamkeit auf den Fürsten ablenken.«
»Ferdyschtschenko: entweder Sie erzählen oder Sie schweigen! Sie bringen einen ja um den letzten Rest Geduld!« sagte Nastassja Filippowna ärgerlich.
»Im Augenblick, Nastassja Filippowna! Aber wenn schon der Fürst es gestanden hat -- denn ich behaupte, daß er es so gut wie tatsächlich gestanden hat --: was würde dann noch irgendein anderer gestehen müssen -- ich rede ganz objektiv, ohne dabei an einen der Anwesenden speziell zu denken --, wenn er es sich einmal einfallen ließe, die Wahrheit zu sagen? Was nun mich betrifft, meine Damen und Herren, so lohnt es sich weiter gar nicht, zu erzählen: 's ist sehr einfach, sehr dumm und sehr häßlich. Aber ich versichere Ihnen, ich bin kein Dieb. Gestohlen habe ich, ohne selbst zu wissen, wie. Es war das vor etwa drei Jahren, auf der Datsche[11] Ssemjon Iwanowitsch Ischtschenkos, an einem Sonntage. Es waren mehrere Gäste zu Tisch. Nach dem Essen blieben die Herren noch beim Wein sitzen. Da fiel es mir ein, Marja Ssemjonowna, die Tochter des Hausherrn, um einen musikalischen Genuß zu bitten, d. h. ich wollte sie bitten, uns etwas auf dem Flügel vorzuspielen. Wie ich nun gehe, um sie zu suchen, komme ich auch ins Eckzimmer, und da sehe ich: -- auf dem Nähtischchen Marja Iwanownas liegt ein grünes Papier: ein Dreirubelschein. Sie hatte ihn kurz vorher herausgenommen, da sie das Geld in der Wirtschaft brauchte. Kein Mensch im Zimmer. Ich nahm den Schein und schob ihn in die Westentasche. Weshalb? -- Das weiß ich selbst nicht. Ich begreife wirklich nicht, was mir in dem Augenblick einfiel. Nur drückte ich mich schleunigst und setzte mich wieder an den Tisch zu den Gästen. Ich saß und wartete die ganze Zeit in nicht geringer Erregung, schwatzte aber ohne Unterlaß, erzählte Anekdoten, lachte, ging dann zu den Damen hinüber, setzte mich zu ihnen. Nach einer halben Stunde ungefähr -- bemerkte man den Diebstahl und begann die Dienstboten auszufragen. Der Verdacht fiel auf das Stubenmädchen Darja. Ich zeigte eine ungeheure Neugier und Teilnahme, und als Darja ganz konfus wurde, redete ich ihr zu, ihre Schuld doch einzugestehen, und bürgte mit meinem Kopf dafür, daß die gnädige Frau ihr verzeihen würde, und zwar redete ich laut, so daß alle es hörten! Alle sahen sie an, ich aber empfand ein ganz besonderes Vergnügen bei dem Gedanken, daß ich großartig Moral predigte, während der Schein in meiner Tasche steckte. Ich vertrank diese drei Rubel noch am selben Tag im Restaurant. Ich ging hinein und verlangte eine Flasche Lafitte. Niemals hatte ich so ohne Imbiß Wein verlangt und eine Flasche solo ausgetrunken, und noch dazu Lafitte. Ich wollte nur schnell das Geld loswerden. Besondere Gewissensbisse habe ich weder damals noch später empfunden. Ein zweites Mal würde ich's bestimmt nicht tun. Das können Sie mir nun glauben oder nicht glauben, ganz wie es Ihnen beliebt, das interessiert mich nicht. Nun, das wäre also meine Geschichte.«
»Nur ist das selbstverständlich nicht Ihre schlechteste Tat,« sagte Darja Alexejewna angewidert.
»Das ist ein psychologischer Fall, aber keine Tat,« bemerkte Tozkij.
»Und das Mädchen?« fragte Nastassja Filippowna, ohne ihren Ekel zu verbergen.
»Das Mädchen wurde am nächsten Tage fortgejagt. Es war ein strenges Haus.«
»Und Sie ließen das zu?«
»Na, hören Sie mal! Das wäre doch schön, wenn ich dann noch hingegangen wäre, um mich als Dieb vorzustellen?« Und Ferdyschtschenko lachte, jedoch nicht allzu laut; denn er war doch etwas verdutzt über den so auffallend unangenehmen Eindruck, den seine Erzählung auf alle Anwesenden gemacht hatte.
»Wie schmutzig das ist!« rief Nastassja Filippowna aus.
»Bah! Sie wollen von einem Menschen seine gemeinste Handlung hören und verlangen dabei eine glänzende Heldentat! Gemeine Handlungen sind immer schmutzig, Nastassja Filippowna, das werden wir ja auch sogleich von Iwan Petrowitsch Ptizyn hören. Und was erscheint nicht alles von außen glänzend und tugendhaft, bloß weil es in eigener Equipage fährt! Als ob wenige in eigenen Equipagen fahren! Wie aber diese ...«
Kurzum, Ferdyschtschenko hielt es doch nicht aus und wurde plötzlich so wütend, daß er sich gänzlich vergaß. Selbst sein Gesicht verzerrte sich. Wie sonderbar es auch klingen mag, aber es war doch sehr möglich, daß er eine ganz andere Wirkung erwartet hatte. Solche »Fauxpas besonderer Art« und diese »Prahlsucht schlechten Tones«, wie Tozkij es nannte, lagen ganz in seinem Charakter.
Nastassja Filippowna war bei seinem geschmacklosen Ausfall zusammengezuckt und sah ihn zornig mit durchbohrendem Blick an. Ferdyschtschenko erschrak und verstummte sofort. Es überlief ihn kalt. Er sah ein, daß er doch zu weit gegangen war.
»Sollte man das Spiel nicht lieber aufgeben?« fragte Tozkij scheinbar harmlos.
»Die Reihe ist jetzt an mir, doch ich habe ja das Recht, nicht zu erzählen, wenn ich nicht will, und so werde ich von diesem Recht Gebrauch machen,« sagte Ptizyn entschlossen.
»Sie wollen nicht erzählen?«
»Ich kann nicht, Nastassja Filippowna. Und überdies halte ich ein solches Gesellschaftsspiel für ganz unmöglich.«
»Exzellenz, dann ist jetzt die Reihe an Ihnen, glaube ich,« wandte sich Nastassja Filippowna an diesen. »Wenn auch Sie nicht wollen, so wird nichts daraus, dann werden auch die anderen nicht wollen. Das würde mir aber leid tun; denn ich beabsichtigte, auch etwas aus meinem eigenen Leben zu erzählen. Doch nur nach Ihnen und Afanassij Iwanowitsch. Sie müssen mich erst noch dazu ermutigen,« schloß sie lächelnd.
»Oh, wenn auch Sie etwas zu erzählen versprechen, so bin ich bereit, Ihnen mein ganzes Leben zu erzählen,« beteuerte der General mit galantem Eifer. »Ich will aber gleich gestehen, daß ich mir meine Geschichte bereits zurechtgelegt habe ...«
»Und schon aus der Miene Seiner Exzellenz kann man erraten, mit welch hohem literarischem Verständnis diese Geschichte bearbeitet sein wird,« wagte Ferdyschtschenko ironisch lächelnd zu bemerken.
Nastassja Filippowna blickte flüchtig auf den General, und auch sie konnte nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. Trotzdem sah man es ihr an, daß ihre Stimmung sich bedeutend verschlechtert hatte. Tozkij wurde bleich vor Schreck, als er von ihrer Absicht, gleichfalls etwas zu erzählen, hörte.
»Es ist mir, meine Damen und Herren, im Laufe meines Lebens, wie jedem Menschen, bisweilen passiert, daß ich etwas getan habe, was man nicht gerade schön nennen kann,« hub der General seine Rede an. »Doch am seltsamsten ist bei alledem, daß ich eine ganz gewöhnliche und ganz kurze kleine Geschichte, die ich Ihnen sogleich erzählen werde, für die häßlichste, für die schändlichste je von mir verübte Tat halte. Es sind jetzt inzwischen fünfunddreißig Jahre darüber vergangen; doch dessenungeachtet empfinde ich noch jedesmal, wenn ich daran denke, so etwas wie ein nagendes Gefühl im Herzen. Die ganze Episode ist übrigens nichtssagend. Ich war damals erst Fähnrich und hatte schweren Dienst. Nun, man weiß ja, wie das ist: Fähnrich, heißes Blut, und der Beutel namentlich für den Haushalt klein. Mein Bursche, Nikifor mit Namen, war der treueste und ehrlichste Mensch: er sparte für mich, nähte, wusch, säuberte, ja, er stibitzte sogar, wo er etwas erwischen konnte, nur um unseren Besitz zu vermehren. Ich war natürlich streng, doch gerecht. Einmal lagen wir in einer kleinen Stadt in Quartier. Mir wurde in der Vorstadt bei einer alten Unteroffizierswitwe eine kleine Wohnung angewiesen. Sie war ein altes Mütterchen von achtzig Jahren oder so um die Achtzig herum. Ihr kleines Haus, natürlich nur ein Holzgebäude, war alt und nichts mehr wert, und dort lebte sie in ihrer Armut ganz allein, ohne Magd oder Aufwärterin. Sie hatte einst eine überaus zahlreiche Familie gehabt und eine ganze Schar von Verwandten; doch mit der Zeit waren die einen gestorben, die anderen in die Welt hinausgezogen, und die übrigen hatten sie vergessen. Ihren Mann hatte sie aber schon vor fünfundvierzig Jahren beerdigt. Ein paar Jahre lang hatte eine Nichte bei ihr gelebt, eine verwachsene alte Jungfer; die soll aber, wie man dort erzählte, eine richtige Hexe gewesen sein, ja einmal soll sie im Streit die Alte sogar in den Finger gebissen haben. Aber auch die war gestorben, und nun lebte die Alte schon seit drei Jahren wieder mutterseelenallein in ihrem Häuschen. Gott, ich hatte es langweilig bei ihr, und sie war auch solch ein leeres Frauenzimmer, nichts konnte man aus ihr herausbringen. Schließlich stahl sie mir einen Hahn. Die Sache hat sich bis heute noch nicht aufgeklärt, doch außer ihr hätte ihn niemand stehlen können. Wegen dieses Hahnes gerieten wir in Streit, und sogar in sehr heftigen. Und da wurde mir auch gerade -- ich hatte schon früher darum gebeten -- ein anderes Quartier angewiesen, am entgegengesetzten Ende des Städtchens, im Hause eines Kaufmanns. Dieser hatte eine zahlreiche Familie und einen riesengroßen Bart -- ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir. Ich zog also ohne weiteres mit meinem Nikifor hinüber -- beide waren wir guter Laune --, meine Alte aber ließen wir höchst geärgert zurück. Es vergingen drei Tage, am dritten kehre ich mittags aus dem Dienst zurück, da sagt mir mein Nikifor, er wisse nicht, wie er mir eigentlich die Suppe auf den Tisch bringen solle, und es wäre doch gar nicht nötig gewesen, unsere Terrine bei der Alten zu lassen. Ich war natürlich ganz betroffen. >Wieso, weshalb ist denn unsere Terrine bei der Alten geblieben?< Nikifor wundert sich über mich und meldet gehorsamst, daß die Alte, als er meine Siebensachen einpackte, die Terrine nicht herausgegeben habe, und zwar aus dem Grunde nicht, weil ich ihren irdenen Topf zerschlagen und zum Ersatz für diesen meine Suppenterrine angeboten hätte. Eine solche Niedertracht ihrerseits brachte mich ganz aus dem Häuschen. Mein Fähnrichsblut brauste auf, ich nahm meine Mütze und fort ging's. Bis ich bei ihr anlangte, hatte ich mich glücklich in die größte Wut hineingeredet. Wie ich eintrete, sehe ich, sie sitzt im Flur, in einer Ecke, wie vor der Sonne verkrochen und stützt den Kopf in die Hand. Ich, wissen Sie, fange ohne weiteres mit meinem Donnerwetter an und sage ihr so auf echt russisch die Wahrheit, aber gründlich! Nur fällt mir plötzlich etwas auf: sonderbar, sie sitzt, hat das Gesicht mir zugewandt, die Augen quellen hervor, sie spricht aber kein Wort, sie sieht mich nur eigentümlich an, so, wissen Sie, ich weiß selbst nicht wie, und der Oberkörper scheint zu schwanken. Ich -- was sollt' ich tun? -- ich verstumme schließlich, rufe sie beim Namen -- keine Antwort! Ich stand, stand: ich konnte mich zu nichts entschließen. Die Fliegen summten, die Sonne ging unter, es war so still. Ganz verwirrt ging ich schließlich fort. Noch bevor ich zu Hause ankam, holte mich eine Ordonnanz ein, die mich zum Major rief, von dort mußte ich mich noch zur Kompagnie begeben, so daß ich erst am Abend wieder zurückkehrte. Das erste, was ich von Nikifor höre, ist: >Wissen Euer Gnaden schon, daß unsere Alte gestorben ist?< -- >Wann das?< -- >Heute, vor etwa anderthalb Stunden.< Das hieß aber, daß sie dann gestorben war, als ich auf sie loswetterte. Glauben Sie mir, ich war so betroffen, daß ich anfangs gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte. Und wissen Sie, der Gedanke an den Tod der Alten verfolgte mich geradezu, selbst in der Nacht hat mir von ihr geträumt. Ich bin natürlich ganz vorurteilsfrei, aber am dritten Tage ging ich doch in die Kirche zum Totenamt. Mit einem Wort: je mehr Zeit drüber verging, um so öfter mußte ich daran zurückdenken. Ich will nicht sagen, daß ... aber wenn man es sich mitunter so vergegenwärtigt, kann einem wirklich unbehaglich zumute werden. Die Hauptsache ist natürlich, wie ich mir die Sache nachher selbst zurechtgelegt habe. Erstens, nun ja, es war eine alte Frau, sozusagen eben ein menschliches Wesen. Sie hatte gelebt, lange gelebt, bis sie dann endlich -- starb. Sie hatte einst einen Mann, Kinder, eine Familie, Verwandte gehabt, um sie herum war, wie man sagt, volles Leben gewesen, hier ein Kind, dort ein Kind, lachende Gesichter. Und plötzlich -- ist alles weg, wie vom Winde fortgeblasen, sie ist allein wie ... irgendeine Fliege, die den Fluch der Zeit trägt. Und schließlich, eines schönen Tages ruft Gott der Herr sie zu sich. Bei Sonnenuntergang, an einem schönen stillen Sommerabend schwebt meine Alte zu ihm empor. Doch hier beginnt nun das erzieherische Prinzip: in dem Augenblick, in dem sie ihren Geist aufgibt, steht anstatt eines mitleidigen Menschen, der ihr eine Träne nachweint, ein junger grüner Fähnrich mit in die Seite gestemmten Armen vor ihr und begleitet ihr Hinscheiden mit den charakteristischsten russischen Schimpfwörtern, weil -- weil sie seine Suppenterrine behalten hat! Natürlich bin ich als der Schuldige zu verurteilen! Aber wenn ich auch jetzt nach so langen Jahren und infolge der Veränderung, die seitdem mit mir vorgegangen ist, diese ganze Tat gewissermaßen als von einem fremden Menschen begangen betrachte, so reut sie mich doch nichtsdestoweniger tief ... So tief, daß es mir sogar, ich wiederhole es, selbst seltsam erscheint, um so mehr als die Schuld doch schließlich nicht mich allein trifft: weshalb mußte sie denn ausgerechnet diesen Augenblick zum Sterben wählen? Selbstverständlich ist hier eine Rechtfertigung möglich: die Tat ist doch in ihrer Art psychologisch zu verstehen! Doch trotzdem konnte ich mich nicht eher darüber beruhigen, als bis ich -- vor etwa fünfzehn Jahren -- auf den Gedanken kam, in einem Armenhause zeit meines Lebens für zwei alte kranke Frauen den Unterhalt zu zahlen, um ihnen auf diese Weise ihre letzten Tage hier auf Erden etwas zu erleichtern. Jetzt beabsichtige ich, diesem Armenhause ein Kapital zu vermachen, dessen jährliche Zinsen auch weiterhin zum Unterhalt zweier Frauen ausreichen. Nun, und das wäre alles. Wie gesagt, vielleicht habe ich in meinem Leben noch sehr viel Schlechtes getan, doch halte ich -- auf Ehrenwort! -- diese Handlung für die schlechteste von allen, die ich auf dem Gewissen habe.«
»Und doch haben Euer Exzellenz statt der schlechtesten wahrscheinlich die beste erzählt und somit Ferdyschtschenko betrogen!« sagte Ferdyschtschenko scheinbar ärgerlich.
»In der Tat, ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein so gutes Herz haben; wirklich schade,« sagte Nastassja Filippowna.
»Schade? Weshalb denn das?« fragte der General mit liebenswürdigem Lachen im Gesicht und trank darauf nicht ohne Selbstzufriedenheit einen Schluck Champagner. Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon von ihm abgewandt.
Jetzt kam die Reihe an Tozkij, der sich inzwischen gleichfalls seine Erzählung zurechtgelegt hatte. Alle fühlten bereits, daß er nicht wie Ptizyn Schweigen vorziehen würde, und aus gewissen Gründen sah man seiner Erzählung nicht ohne Spannung entgegen, während man gleichzeitig auch zu Nastassja Filippowna hinüberblickte. Und so begann denn Tozkij mit der gewohnten Selbstachtung, die seinem gepflegten Äußern vollkommen entsprach, und mit seiner nicht lauten, liebenswürdigen Stimme eine seiner beliebten Geschichten. Bei der Gelegenheit sei hier noch etwas über seine äußere Erscheinung gesagt: er war groß von Wuchs, ganz stattlich, kann man sagen, war ein wenig kahlköpfig, auch ein wenig grau schon -- aber nur ein wenig --, ziemlich wohlgenährt, mit frischer Gesichtsfarbe, weichen, etwas hängenden Wangen und mit falschen Zähnen. Gekleidet war er stets sehr elegant, und namentlich seine Wäsche war von wunderbarer Feinheit. Seine Hände waren weiß und wohlgepflegt. Auf dem Zeigefinger der rechten Hand trug er einen kostbaren Brillantring.