Sämtliche Werke 21

Part 3

Chapter 33,627 wordsPublic domain

Gestern wurde viel von einem Telegramm gesprochen, das schon vor vier Tagen nach Petersburg abgegangen und auf welches seltsamerweise noch keine Antwort eingetroffen war. Dies regte den General nicht wenig auf, weshalb er denn recht wortkarg und nachdenklich wurde. Natürlich handelt es sich um die Babuschka. Auch der Franzose ist aufgeregt. Gestern zum Beispiel hatte er gleich nach Tisch eine sehr lange und ernste Unterredung mit dem General. Das Benehmen des Franzosen gegen uns alle läßt viel zu wünschen übrig, da er mit jedem Tage hochmütiger wird und immer geringschätziger auf uns herabblickt. Auf ihn paßt vorzüglich das Sprichwort: „Setzt du ihn an den Tisch, so setzt er auch schon die Füße auf den Tisch.“ Sogar gegen Polina benimmt er sich bis zur Unhöflichkeit nachlässig, doch hindert ihn das nicht, mit Vergnügen an den gemeinsamen Spaziergängen im Kursaal oder an den Ausfahrten in die Umgegend und den Spazierritten teilzunehmen. Einzelne Motive der ^soi-disant^-Freundschaft, die den General mit dem Franzosen verknüpft, sind mir bekannt. In Rußland wollten sie zusammen eine Fabrik gründen, nur weiß ich nicht, ob das Projekt bereits endgültig vergessen ist oder ob von ihm mitunter noch gesprochen wird. Außerdem habe ich zufällig noch ein gewisses Familiengeheimnis erfahren: der Franzose hat nämlich im vorigen Jahr dem General wirklich einmal aus der Verlegenheit geholfen, und zwar, indem er ihm mit dreißigtausend unter die Arme griff, als dieser bei Übergabe seines Amtes auch die ihm anvertrauten Staatsgelder übergeben mußte, von denen rund dreißigtausend abhanden gekommen waren. Selbstverständlich hat er den General jetzt am Gängelbande. Doch jetzt, gerade jetzt spielt die Hauptrolle in der ganzen Geschichte nur Mademoiselle Blanche – darin täusche ich mich gewiß nicht.

Wer Mademoiselle Blanche ist? Nun, hier bei uns heißt es, sie sei eine vornehme Französin, die in Begleitung ihrer Mutter reist und ein kolossales Vermögen besitzt. Bekannt ist ferner, daß sie mit unserem Marquis verwandt ist, oder sein soll, jedoch nur ziemlich entfernt: Kusine oder noch um einen Grad weiter, oder so ungefähr. Man sagt aber, daß der Franzose und Mademoiselle Blanche vor meiner Fahrt nach Paris im Verkehr miteinander bedeutend zeremonieller gewesen seien, sich wenigstens weit rücksichtsvoller und diskreter vor der Gesellschaft gegeben hätten, während sich ihre Bekanntschaft, Freundschaft und Verwandtschaft jetzt viel plumper und gewissermaßen intimer äußerte. Vielleicht erscheint ihnen unsere finanzielle Lage bereits so schlecht, daß sie sich die Mühe größerer Zeremonien sparen.

Schon vorgestern fiel es mir auf, wie kritisch Mister Astley Mademoiselle Blanche und deren Mutter betrachtete. Es ist fast anzunehmen, daß er sie früher gekannt hat. Und plötzlich schien es mir, daß er sogar unserem Franzosen bereits früher irgendwo begegnet sein müsse. Übrigens ist Mister Astley so schüchtern, menschenscheu und schweigsam, daß man sich wohl unter allen Umständen auf ihn verlassen kann, – der wird nichts auf die Straße tragen! Wenigstens grüßt ihn der Franzose kaum und sieht ihn auch kaum an, folglich fürchtet er ihn nicht. Das Benehmen des Franzosen ist noch begreiflich, aber warum beachtet auch Mademoiselle Blanche den Engländer kaum? Das ist noch um so verwunderlicher, als der Franzose gestern im allgemeinen Gespräch – ich entsinne mich nicht mehr, wovon gerade die Rede war – die Bemerkung machte, daß Astley kolossal reich sei, er, der Marquis, wisse es ganz genau. Da hätte doch Mademoiselle Blanche den Mister ansehen müssen!

Kurz, der General fühlt sich sehr beunruhigt. Na, es ist ja begreiflich, wenn man bedenkt, was für ihn ein Telegramm mit der Nachricht vom Tode der Tante im Augenblick bedeuten würde!

Obschon ich mit Sicherheit zu bemerken glaubte, daß Polina absichtlich ein Gespräch mit mir zu vermeiden suchte, als verfolge sie damit einen bestimmten Zweck, so trug doch vielleicht auch ich einen Teil der Schuld, indem ich möglichst kühl und gleichgültig tat. Im geheimen aber hoffte ich die ganze Zeit, daß sie sich im nächsten Augenblick an mich wenden werde. Dafür habe ich gestern und heute meine Aufmerksamkeit hauptsächlich Mademoiselle Blanche zugewandt. Der arme General! Jetzt ist er doch so gut wie verloren. Im fünfundfünfzigsten Lebensjahr sich mit solch einer brennenden Leidenschaft zu verlieben – das ist natürlich mehr als ein Unglück. Und jetzt füge man noch hinzu, daß er als Witwer Kinder hat, daß sein Gut über und über verschuldet ist, und denke dann an das Frauenzimmer, in das er sich – ausgerechnet – verlieben mußte!

Mademoiselle Blanche ist hübsch. Nur ... ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke, wenn ich sage, daß sie eines jener Gesichter hat, die einem unheimlich werden können. Ich wenigstens habe solche Frauenzimmer von jeher etwas gefürchtet. Sie wird mindestens ihre fünfundzwanzig Jahre alt sein, ist hoch gewachsen, mit breiten, vollen Schultern; ihr Hals und ihre Büste sind wundervoll. Ihre Gesichtsfarbe hat den gelblich-bräunlichen Schimmer der Südländerin, ihr Haar ist schwarz wie Tusche und in solcher Überfülle vorhanden, daß es für zwei Frisuren ausreichen würde. Ihre Augen sind braunschwarz und das Weiße im Auge ist etwas gelblich. Ihr Blick ist frech. Die Zähne sind blendend weiß und die Lippen stets geschminkt. Ihr Lieblingsparfüm ist ^musc^, das ihre Gestalt immer als leise Duftwolke umgibt. Sie kleidet sich sehr effektvoll, chic, doch zugleich mit viel Geschmack. Ihre Hände und Füße sind wundervoll. Sie hat eine Altstimme, die mitunter etwas belegt klingt. Wenn sie lacht, sieht man fast ihr ganzes Gebiß, doch lacht sie eigentlich selten. Gewöhnlich sitzt sie schweigend da und blickt frech die Anwesenden an, – wenigstens pflegt sie in Polinas und Marja Filippownas Gegenwart nur äußerst wenig zu sprechen. Übrigens, eine seltsame Neuigkeit: es heißt, Marja Filippowna werde nach Rußland zurückreisen. Mir scheint, daß Mademoiselle Blanche ganz ungebildet ist, wenigstens was ihr Wissen betrifft, und vielleicht ist sie auch nicht mal von Natur klug, wenn man so sagen darf, doch dafür ist sie argwöhnisch und folglich vorsichtig, und außerdem scheint sie über viel instinktive Schlauheit zu verfügen. Ich glaube, ihr bisheriges Leben wird nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen sein. Ja, wenn ich aufrichtig sein soll, so glaube ich sogar, daß der Marquis überhaupt nicht ihr Cousin oder sonstwie ein Verwandter von ihr ist, und ihre Mutter auch nicht ihre leibliche Mutter. Doch wie man hört, sollen beide Damen in Berlin, wo wir sie kennen lernten, ziemlich vornehme Bekannte besitzen. Und was den Marquis betrifft, so scheint es doch wahr zu sein, obschon ich es immer noch stark bezweifle, daß er wirklich ein Marquis ist. Jedenfalls soll seine Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft, wenigstens bei uns in Moskau und in einzelnen Städten Deutschlands, keinem Zweifel unterworfen sein. Nur weiß ich nicht, wie es sich damit in Frankreich verhält. Es heißt, er habe dort ein ^château^.

Ich dachte, während dieser zwei Wochen werde viel Wasser den Fluß hinabfließen, wollte sagen, es werde vieles geschehen, doch erscheint es mir heute noch immer sehr fraglich, ob es zwischen Mademoiselle Blanche und dem General endlich zu einer entscheidenden Aussprache gekommen ist. Wie gesagt, es hängt jetzt alles von unserem Vermögensstande ab, d. h. wieviel Geld der General ihnen zeigen kann. Wenn jetzt z. B. die Nachricht käme, die alte Dame sei nicht gestorben und werde voraussichtlich nicht so bald sterben, so wird Mademoiselle Blanche – davon bin ich überzeugt – binnen kürzester Zeit verschwinden.

Wirklich, ich muß mich selbst darüber wundern, was für eine Klatschbase ich doch geworden bin. Wie lächerlich! Und wie mich das doch alles anekelt! Mit welchem Vergnügen würde ich hier allen und allem den Rücken kehren, oh! mit welch einem erlösenden Wonnegefühl ich es täte! Aber – kann ich mich denn von Polina trennen, kann ich es denn lassen, um sie herumzuspionieren? Zur Spionage gehört natürlich immer eine gewisse Gemeinheit, doch – was kümmert das mich?

Sehr interessiert hat mich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich bin positiv überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Es ist ganz merkwürdig und sogar zum Lachen, wieviel mitunter der Blick eines verschämten und fast schon krankhaft keuschen Menschen, den plötzlich die Liebe gepackt hat, zu verraten vermag, und zwar gerade dann, wenn dieser Mensch lieber in die Erde versinken als durch einen Blick oder ein Wort etwas von seinen Gefühlen verraten möchte. Mister Astley begegnet uns sehr oft auf unseren Spaziergängen. Er grüßt und geht vorüber, äußerlich wie ein gleichgültiger Fremder, doch innerlich, versteht sich, vergeht er fast vor Verlangen, sich uns anzuschließen. Fordert man ihn aber dazu auf, so lehnt er es mit einer Entschuldigung sofort ab. An allen Ruhepunkten, im Kursaal, beim Springbrunnen oder vor dem Musikpavillon, kurz, wo wir uns gerade befinden, wird er unfehlbar irgendwo in unserer Nähe stehen bleiben; und wo wir auch sonst sein mögen, im Walde, auf der Promenade, im Park oder auf dem Schlangenberge – man braucht nur einmal aufzuschauen oder sich umzuschauen und mit tödlicher Sicherheit wird man in nächster Nähe oder hinter einem Gebüsch oder auf einem Nebenwege einen Zipfel von Mister Astley erblicken. Mir scheint, er sucht eine Gelegenheit, unter vier Augen mit mir zu sprechen. Heute morgen begegneten wir uns zufällig nicht in Gegenwart der anderen und wechselten ein paar Worte. Mitunter spricht er förmlich in abgerissenen Brocken. Noch hatte er mir nicht guten Tag gesagt, als er schon ohne Einleitung von Mademoiselle Blanche zu sprechen begann – wohl im Anschluß an die Gedanken, die ihn gerade beschäftigt haben mochten.

„Ja, Mademoiselle Blanche! ... Ich habe viele solche Damen gesehen! ... und ähnliche! ...“

Ein bedeutsamer Seitenblick sollte wohl als Erläuterung dienen, doch bin ich wahrscheinlich dieser Redeweise gegenüber etwas schwer von Begriff, denn was er damit sagen wollte, habe ich mir noch immer nicht ganz zu erklären vermocht. Auf meine Frage, was er damit meine, erwiderte er nur mit listigem Lächeln und mit dem Kopfe nickend:

„Das ist schon so.“

Und nach kurzer Pause fragte er plötzlich ganz unvermittelt:

„Liebt Miß Polina Blumen?“

„Das weiß ich nicht. Keine Ahnung,“ erwiderte ich.

„Wie? Auch das wissen Sie nicht?“ rief er höchst verwundert aus.

„Nein, in der Tat, ich weiß es nicht. Es ist mir nicht aufgefallen,“ sagte ich lachend.

„Hm! Das bringt mich auf einen besonderen Gedanken.“

Und damit nickte er mir zu und ging weiter. Er sah übrigens sehr zufrieden aus. Wir sprachen Französisch miteinander, obwohl er diese Sprache sehr schlecht spricht.

IV.

Heute war es wirklich ein lächerlicher, ein unsinniger, ein geradezu blödsinniger Tag! Jetzt ist es elf Uhr nachts. Ich sitze in meinem Zimmer – von dem ich eigentlich nur im Diminutiv sprechen sollte – sitze am Tisch und durchlebe in Gedanken nochmals den ganzen Tag.

Er begann damit, daß mich Polina Alexandrowna am Morgen doch zu zwingen wußte, nochmals für sie Roulette zu spielen. Ich nahm alle ihre hundertsechzig Friedrichsdor wieder mit, doch hatte ich zwei Bedingungen gestellt: erstens, daß ich den Gewinn nicht mit ihr teilen würde, d. h. wenn ich gewänne, so behielte ich nichts für mich; und zweitens, daß sie mir erklären müsse, wieviel und wozu sie das Geld zu gewinnen wünsche. Ich kann es mir nicht denken, daß sie einfach nur Geld gewinnen will, nur Geld! Nein, hier handelt es sich um etwas Ernstes, sie braucht das Geld und sie möchte es sich möglichst bald verschaffen, und zwar zu einem ganz bestimmten Zweck. Nun, sie versprach, mir das zu erklären und ich ging.

In den Spielsälen war ein furchtbares Gedränge. Wie rücksichtslos sie doch alle sind und wie geldgierig! Ich drängte mich glücklich bis zu einem Tisch durch und stellte mich neben den Croupier. Ich begann etwas zaghaft zu spielen, setzte nur zwei bis drei Geldstücke auf einmal. Dabei machte ich meine Beobachtungen und merkte mir verschiedenes. Es scheint mir, daß alle diese Spielberechnungen sehr wenig wert sind, oder zum mindesten nicht den Wert haben, den viele Spieler ihnen beilegen. Da sitzen sie mit ihren bekritzelten Papierstückchen, notieren sorgfältig, was herausgekommen ist, rechnen und berechnen, wägen die Chancen ab, rechnen nochmals nach, bevor sie endlich setzen und – verlieren, ganz ebenso wie die gewöhnlichen Sterblichen, die ohne Berechnung spielen. Dafür aber habe ich eine Beobachtung gemacht, die mir richtig scheint. In der Reihenfolge, in der die verschiedenen Farben und Zahlen gewinnen, liegt wirklich, wenn nicht gerade ein System, so doch ein gewisser Anklang an eine Regel, – was natürlich sehr seltsam ist. So pflegten zum Beispiel nach den zwölf mittleren Ziffern gewöhnlich die zwölf ersten herauszukommen; zweimal, nehmen wir an, trifft es die zwölf ersten, dann geht es auf die zwölf letzten über. Nach den zwölf letzten folgen wieder die zwölf mittleren, die es drei- oder viermal nach der Reihe trifft, um dann wieder zu den zwölf ersten überzugehen, von denen es, nachdem es sie etwa zweimal getroffen hat, wieder zu den zwölf letzten zurückkehrt. Die letzten trifft es, sagen wir, nur einmal, dann kommen dreimal wieder die zwölf mittleren an die Reihe, und so geht es weiter, anderthalb oder gar zwei Stunden lang. Immer eins, drei und zwei; eins, drei und zwei. Das ist sehr merkwürdig. – An einem andern Tage oder nur Vormittage kommt es dagegen vor, daß Rot immer mit Schwarz abwechselt, bald dies, bald jenes, es wechselt alle Augenblicke, und eine Regel besteht dann höchstens insofern, als es weder die eine noch die andere Farbe mehr als zwei- oder dreimal nach der Reihe trifft. Doch an einem anderen Tage oder Abend wiederum kommt nur die eine Farbe, Rot zum Beispiel, Schlag auf Schlag heraus, mehr als zweiundzwanzigmal nach der Reihe, dann tritt plötzlich eine kleine Unterbrechung ein und – wieder folgt Rot, Rot, Rot. Und das dauert mitunter lange Zeit, zuweilen sogar einen ganzen Tag. Einige dieser Beobachtungen hat mir Mister Astley erzählt. Er scheint viel beobachtet zu haben. Heute stand er den ganzen Morgen über am Spieltisch, hat aber selbst nicht ein einziges Mal gesetzt. Was nun mich betrifft, so habe ich heute alles verspielt, alles bis aufs Letzte, und das ging sehr schnell.

Ich begann damit, daß ich sogleich zwanzig Friedrichsdor auf Paar setzte und gewann, nochmals setzte und nochmals gewann, und so noch drei oder vier Mal. Wenn ich nicht irre, hatte ich in einigen Minuten zirka vierhundert Friedrichsdor gewonnen. Da wäre es richtig gewesen, fortzugehen. In mir aber stieg etwas Seltsames auf – ich glaube, es war das Verlangen, das Schicksal herauszufordern, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm einfach die Zunge zu zeigen! Ich setzte die größte Summe, die den Spielern gestattet wird, viertausend Gulden, und verlor. Das erregte mich, ich nahm alles heraus, was ich bei mir hatte, und setzte es auf dieselbe Zahl und verlor wieder. Wie betäubt verließ ich den Tisch. Ich begriff zunächst nicht einmal, was geschehen war, und teilte Polina Alexandrowna erst kurz vor Tisch mit, daß ich alles verspielt hatte. Bis dahin irrte ich die ganze Zeit im Park umher.

Bei Tisch lebte ich wieder auf und wurde gesprächig, ähnlich wie vorvorgestern. Der Franzose und Mademoiselle Blanche speisten wieder mit uns. Es stellte sich heraus, daß Mademoiselle Blanche am Morgen gleichfalls im Spielsaal gewesen war und meine Heldentat gesehen hatte. Sie verhielt sich diesmal etwas aufmerksamer zu mir. Der Franzose ging offener vor und fragte mich ohne Umschweife, ob es denn wirklich mein eigenes Geld gewesen sei, das ich verspielt habe. Mir schien es, als habe er Polina in Verdacht. Jedenfalls muß etwas dahinter stecken. Ich beschloß natürlich sofort, nicht die Wahrheit zu sagen und bestätigte, daß es mein eigenes Geld gewesen sei.

Der General war darob höchst verwundert: wie war ich in den Besitz einer so hohen Summe gelangt? Ich erklärte, daß ich mit zehn Friedrichsdor das Spiel begonnen, und Schlag auf Schlag den Einsatz verdoppelt, bis ich nach etwa sieben Sätzen fast sechstausend Gulden gewonnen und dann in zwei Einsätzen wieder verloren hatte.

Das klang alles ziemlich wahrscheinlich. Während ich dieses erzählte, blickte ich flüchtig zu Polina hinüber, wurde aber nicht klug aus ihrem Gesichtsausdruck. Aber sie ließ mich doch ruhig lügen; daraus schloß ich, daß ich das Richtige tat, indem ich nicht die Wahrheit sagte und es verheimlichte, für wen ich gespielt hatte.

„Jedenfalls ist sie mir jetzt eine Aufklärung des Sachverhalts schuldig,“ dachte ich bei mir, „und sie versprach mir ja, mir noch anderes mitzuteilen.“

Ich erwartete eigentlich, daß der General mir noch eine Bemerkung machen würde, doch schwieg er wohlweislich. Ich sah ihm aber deutlich an, wie aufgeregt und ängstlich er war. Vielleicht fiel es ihm in seiner finanziell so peinlichen Lage einfach nur schwer, ruhig anzuhören, wie ein so großer Haufen Gold einem so unschlauen Dummkopf wie mir in den Schoß gefallen war, und dieser unüberlegte Mensch ihn nicht festzuhalten verstanden.

Ich vermute, daß er und der Franzose gestern abend stark aneinandergeraten sind. Ich weiß, daß sie bei verschlossenen Türen sehr erregt gesprochen haben. Der Franzose verließ ihn darauf ersichtlich gereizt, um sich heute schon früh am Morgen wieder mit ihm einzuschließen und wahrscheinlich das gestrige Gespräch fortzusetzen.

Nachdem ich von meinem Spielerlebnis erzählt hatte, machte der Franzose in beißendem und sogar boshaftem Tone die Bemerkung, daß man vernünftiger sein müsse, und nach kurzer Pause fügte er hinzu – ich weiß nicht, wie er darauf kam – daß von den Russen zwar viele spielten, sie jedoch seiner Meinung nach nicht einmal zu spielen verstünden.

„Meiner Meinung nach ist aber das Spiel speziell für die Russen erfunden,“ sagte ich.

Und als der Franzose als Antwort auf meine Bemerkung nur verächtlich auflachte, äußerte ich mich dahin, daß die Wahrheit doch augenscheinlich auf meiner Seite sei, da ich, wenn ich die Russen als Spieler kritisierte, weit mehr Schlechtes als Gutes von ihnen sagte und man mir folglich glauben könne.

„Womit begründen Sie denn Ihre Meinung?“ fragte mich darauf der Franzose.

„Damit, daß im Katechismus der Tugend- und Ehrbegriffe des zivilisierten Westeuropäers die Fähigkeit, Kapital zu erwerben, in historischer Entwicklung fast zum ersten Hauptstück geworden ist. Der Russe dagegen ist nicht nur unfähig, Kapital zu erwerben, er ist auch im Verschwenden von Geld ganz unbedacht und formlos. Leider können aber auch wir Russen nicht ohne Geld auskommen,“ fuhr ich fort, „wir haben es zuweilen sehr nötig und da sind wir sehr froh über solche Erwerbsmöglichkeiten, wie sie im Spiel, im Roulette zum Beispiel, geboten werden, und gehen mit Vergnügen auf den Leim. Denn, so ohne Arbeit, ohne Mühe und Geduld in zwei Stunden reich zu werden, das ist gerade das, was wir wollen. Und da wir auch im Spiel unbedacht sind und jede Mühe scheuen, so verspielen wir eben, was wir gewinnen.“

„Das ist zum Teil richtig,“ bemerkte der Franzose selbstzufrieden.

„Nein, das ist keineswegs richtig und Sie sollten sich schämen, so von Ihrem Volk und Vaterlande zu sprechen!“ bemerkte der General streng und mit vielsagendem Nachdruck.

„Aber ich bitte Sie,“ versetzte ich schnell, „es ist ja damit noch längst nicht gesagt, was nun eigentlich widerlicher ist, diese russische Neigung zur Unanständigkeit im Erwerb oder die deutsche Methode des Sparens durch anständigen Fleiß.“

„Welch ein schändlicher Gedanke!“ rief der General aus.

„Welch ein russischer Gedanke!“ rief der Franzose.

Ich lachte. Es machte mir Spaß, sie zu foppen.

„Nun, was mich betrifft,“ sagte ich lachend, „so würde ich es vorziehen, mein ganzes Leben nomadisierend nach Kirgisenart zu verbringen, als – den deutschen Götzen anzubeten.“

„Was für einen Götzen?“ fuhr der General auf; er begann sich ernstlich zu ärgern.

„Die deutsche Art und Weise, Geld zu sparen. Ich bin noch nicht lange in Deutschland, doch was ich hier zu beobachten und zu vergleichen Gelegenheit gehabt habe, das empört mein tatarisches Rassegefühl. Bei Gott, ich danke für solche Tugenden! Ich bin hier gestern wohl über zehn Werst weit ins Land hineingegangen. Und ich finde, daß alles genau so ist, wie in den moralpredigenden deutschen Bilderbüchern. Jedes Familienoberhaupt ist hier ein entsetzlich tugendhafter und außerordentlich ehrlicher Vater. Er ist schon so ehrlich, daß einem wider Willen bange wird, wenn man sich ihm nähert. Ich kann aber ehrliche Leute von diesem Schlage nicht ausstehen. Man wagt ihnen kaum näherzutreten. Jeder dieser Väter hat natürlich eine Familie, und abends werden lehrreiche Bücher gelesen. Über dem Hause rauschen Ulmen und Kastanienbäume. Dazu Sonnenuntergang, ein Storchennest auf dem Dach – und alles ist überaus poetisch und rührend ... Ärgern Sie sich nicht, Exzellenz, es lohnt nicht! Erlauben Sie mir, noch Rührenderes zu erzählen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein verstorbener Vater abends unter den Linden in unserem Garten mir und meiner Mutter aus ähnlichen Büchern vorlas ... Ich kann also darüber urteilen. Nun, so lebt eine jede dieser Familien hierzulande in vollständiger Sklaverei und widerspruchslosem Gehorsam beim Familienvater. Alle arbeiten sie wie die Zugochsen, und alle sparen sie Geld wie die Juden. Nehmen wir an, der Vater hat schon so und so viele Taler erspart und beabsichtigt, dem ältesten Sohne, der das Handwerk des Vaters erlernt hat, seine Werkstube mit allem Zubehör oder sein Stück Land dereinst zu übergeben. Deshalb wird der Tochter keine Mitgift ausgesetzt und sie muß ihr Leben als alte Jungfer vollbringen. Deshalb muß auch der jüngere Sohn sich als Knecht verdingen oder als Soldat seinen Lohn suchen, und das Geld, das damit gespart wird, kommt zum Familienerbkapital. Tatsächlich, so wird es hier gemacht, ich habe mich erkundigt. Alles das wird einzig aus Ehrlichkeit getan, fast sogar aus einer Art Überehrlichkeit, die in allem so weit geht, daß sogar der verkaufte jüngere Sohn daran glaubt, daß man ihn nur aus lobesamer Ehrlichkeit sein Leben verkaufen läßt. Das aber ist doch schon einfach ideal, wenn das Opfer sich selbst darüber freut, daß man es schlachtet! Und was nun weiter? Weiter sehen wir, daß der Älteste es deshalb noch nicht leichter hat, denn – es lebt dort irgendwo ein Amalchen, deren Herz sich zu seinem Herzen gefunden hat, doch heiraten darf er sie nicht, da vorher noch soundsoviel Taler gespart werden müssen. Und so warten sie beide sittsam und von Herzen aufrichtig, und sehen beide gleichfalls mit einem Lächeln ihrem Opfer zu. Amalchen beginnt zu welken, die Wangen fallen ein, doch was hat das zu sagen! Endlich, nach etwa zwanzig Jahren, ist der Besitzstand ein wesentlich besserer geworden, die Taler sind ehrlich und tugendsam zusammengespart. Der Vater segnet seinen Vierzigjährigen Ältesten und das fünfunddreißigjährige Amalchen mit der eingefallenen Brust und rotgewordenen Nasenspitze ... Bei der Gelegenheit vergießt er eine Träne, predigt noch Moral und stirbt bald darauf. Der Älteste wird nun seinerseits ein tugendsamer Vater und es fängt wieder dieselbe Geschichte an.