Sämtliche Werke 21

Part 2

Chapter 23,665 wordsPublic domain

Damit wandte sie sich von mir ab, rief Nadenjka und ging mit ihr zum Kurhaus, wo sie sich den Unsrigen anschloß. Ich aber bog in den ersten Seitenpfad nach links ein, noch ganz verwundert über den Auftrag, der mir so plötzlich zuteil geworden war, und demgemäß recht nachdenklich gestimmt. Eigentlich war mir zumut als hätte ich einen Schlag auf den Kopf erhalten: ich, ich sollte Roulette spielen! Doch sonderbar: obschon ich jetzt über etwas Wichtiges nachzudenken hatte, versenkte ich mich doch ganz in eine Analyse meiner Gefühle für Polina. In der Tat, ich muß gestehen, daß ich mich in den zwei Wochen meiner Abwesenheit freier gefühlt hatte und glücklicher gewesen war als jetzt am Tage meiner Rückkehr, obschon ich unterwegs vor Sehnsucht fast wahnsinnig zu werden fürchtete und sie mir sogar Nacht für Nacht im Traum erschien. Einmal – es war im Kupee auf der Reise durch die Schweiz – begann ich, überwältigt von Müdigkeit, im Schlaf von Polina zu sprechen, womit sich meine Reisegefährten so erheiterten, daß sie in lautes Lachen ausbrachen, was mich zum Glück aufweckte ... Und wieder stellte ich mir die Frage: liebst du sie? – Und wieder wußte ich mir darauf nichts zu antworten, oder richtiger, ich sagte mir wieder einmal – wohl zum hundertsten Mal –, daß ich sie haßte. Ja, sie war mir verhaßt! Es gab Augenblicke – namentlich zum Schluß unserer Gespräche – in denen ich mein halbes Leben dafür hingegeben hätte, sie erwürgen zu können! Ich schwöre es: wenn es möglich gewesen wäre, ein scharfes Messer ihr langsam in die Brust zu stoßen, so hätte ich es – davon bin ich überzeugt – mit Wonne getan. Doch andererseits schwöre ich bei allem, was es Heiliges gibt, daß ich, wenn sie mir dort auf dem Schlangenberge wirklich gesagt hätte: ‚Stürzen Sie sich hinab‘ – ich mich sogleich hinabgestürzt haben würde, und zwar gleichfalls mit Wonne. Das weiß ich. Aber so geht das nicht weiter, es muß etwas Entscheidendes geschehen! Sie begreift natürlich mit bewundernswerter Richtigkeit die ganze Situation, und der Gedanke, daß ich mir ihrer Unnahbarkeit und Unerreichbarkeit für mich, der ganzen Unmöglichkeit der Erfüllung meiner phantastischen Träume vollkommen bewußt bin – dieser Gedanke muß ihr, meiner Überzeugung nach, eine unendliche Genugtuung gewähren, muß ihr geradezu ein Genuß sein. Denn wie könnte sie sonst so unbekümmert offen und ungeniert im Verkehr mit mir sein, sie, die doch vorsichtig und klug ist? Ich glaube, sie hat bisher ungefähr ebenso auf mich herabgesehen wie jene Kaiserin im Altertum, die sich in Gegenwart ihres Sklaven entkleidete, da sie ihn ja doch nicht für einen Menschen hielt. Sie hat mich schon mehr als einmal nicht für einen Menschen gehalten.

Aber wie dem auch war, einstweilen hatte sie mich beauftragt, unbedingt für sie Geld zu gewinnen. So hatte ich nicht einmal zu fragen, wozu sie das Geld brauchte, wie bald ich es verschaffen mußte, und welche neuen Berechnungen in ihrem ewig berechnenden Kopfe wohl wieder entstanden sein mochten ... Offenbar war auch in diesen letzten zwei Wochen eine Unmenge neuer Fakta, von denen ich noch nichts ahnte, hinzugekommen. Da gab es nun viel zu raten, zu kombinieren und nachzudenken, und das mußte schnell geschehen. Doch vorläufig hatte ich keine Zeit dazu: ich mußte zum Roulette.

II.

Offen gestanden: dieser Auftrag war mir sehr unangenehm; denn, wenn ich auch fest beschlossen hatte, zu spielen, so wollte ich es doch für mich und nicht für andere tun. Diese plötzliche Durchkreuzung meiner Pläne machte mich eigentlich ganz konfus und ich betrat die Spielsäle mit einem höchst widerwärtigen Gefühl. Dort mißfiel mir auf den ersten Blick ausnahmslos alles. Nicht ausstehen kann ich dieses Lakaientum der Feuilletonschreiber der ganzen Welt, namentlich aber unserer russischen, die fast in jedem Frühjahr immer wieder von zwei Dingen erzählen: erstens, von der ungeheueren Pracht und dem fabelhaften Luxus der Spielsäle gewisser internationaler Städte am Rhein, und zweitens, von den Goldhaufen, die dort – nach ihrer Schilderung – auf den Tischen liegen. Man zahlt ihnen doch nichts für diese Lügen, es geschieht von ihnen einfach aus Gefallsucht, glaube ich, oder übrigens vielleicht auch aus ganz uneigennütziger Nächstenliebe. In Wirklichkeit kann aber in diesen elenden Sälen von Pracht überhaupt nicht die Rede sein, und Gold liegt auf den Tischen nicht nur nicht in „Haufen“, sondern ist so gut wie gar nicht zu sehen. Freilich kommt es mitunter vor – in jeder Saison höchstens einmal – daß plötzlich irgendein Sonderling auftaucht, ein Engländer oder irgendein Asiat, etwa ein Türke, wie in diesem Sommer, und daß dieser entweder sehr viel verspielt oder sehr viel gewinnt. Die übrige Gesellschaft spielt aber nur mit kleinen Summen, setzt gewöhnlich silberne Münzen, und so liegt durchschnittlich immer nur sehr wenig Gold auf den Tischen.

Als ich den Spielsaal betrat – zum erstenmal im Leben – nahm ich mir vor, eine Zeitlang noch nicht zu spielen. Das Gedränge war auch so groß, daß ich kaum hätte ankommen können. Doch selbst wenn ich allein im Saal gewesen wäre, hätte ich nicht zu spielen begonnen; wenigstens scheint es mir so; ich glaube sogar, daß ich eher fortgegangen wäre. Um die Wahrheit zu sagen: mein Herz klopfte nicht wenig, und ich muß offen gestehen, daß ich nicht gleichmütig blieb. Ich wußte mit tödlicher Sicherheit, daß ich Roulettenburg nicht so verlassen, daß vielmehr hier etwas geschehen würde, das mein Schicksal entschied. Und so muß es, und so wird es auch sein! Wie lächerlich es aber auch erscheinen mag, vom Roulette etwas zu erwarten, so finde ich doch die landläufige Meinung, daß es direkt dumm und unsinnig sei, auf das Spiel irgendeine Hoffnung zu setzen, noch viel lächerlicher. Inwiefern ist denn das Spiel schlechter als irgendeine andere Art Geldgewinn, als zum Beispiel – nun, sagen wir der Gewinn im Handel? Allerdings gewinnt hier von hundert nur einer und neunundneunzig verlieren ... doch was geht das mich an?

Ich sagte mir, daß es wohl das beste sei, zunächst dem Spiel der anderen zuzusehen und selbst vorläufig noch nicht zu beginnen, wenigstens nicht ernstlich. Wenn ich aber an diesem Abend dennoch spielen sollte, so würde ich es eben nur versuchsweise tun, – das war mein fester Entschluß. Hinzu kam, daß ich noch nicht einmal zu spielen verstand; denn, ungeachtet der zahllosen Beschreibungen des Roulette, die ich stets mit so großem Interesse gelesen hatte, war mir das Spiel doch noch ein Rätsel. Das wurde nun freilich anders, als ich mit eigenen Augen spielen sah.

Der erste Eindruck, den ich empfing, war ein sehr unangenehmer: es erschien mir alles so schmutzig – gewissermaßen moralisch schmutzig und gemein. Ich rede nicht von den gierigen, unruhigen Gesichtern, die dutzendweis oder gar zu Hunderten die Spieltische umringten. – Übrigens vermag ich in dem Wunsche, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu gewinnen, nichts Schmutziges zu sehen, und der Ausspruch eines bekannten, natürlich satten und wohlhabenden Moralpredigers, der auf irgend jemandes Einwendung, man spiele ja nur um „kleinen Gewinn“ geantwortet: „Um so schlimmer, dann ist es kleinliche Habgier“, erscheint mir ziemlich dumm. Als wäre kleinliche Habgier und große Habgier nicht ein und dasselbe! Die Begriffe klein und groß sind doch hier ganz relativ: was für einen Rothschild eine kleine Summe ist, ist für meinen Beutel eine sehr große Summe. Was aber den Gewinn betrifft, so sind ja doch die Menschen nicht nur am Roulettetisch, sondern überall und zu jeder Zeit nur darauf bedacht, wie sie etwas gewinnen oder sonstwie ergattern könnten. Ob nun Gewinn überhaupt und im allgemeinen etwas Schlechtes ist – das ist eine Frage für sich, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Da aber auch ich, als ich den Spielsaal betrat, im höchsten Grade von dem Wunsche erfüllt war, möglichst viel und möglichst schnell zu gewinnen, so war mir diese allgemeine Habgier, dieser Schmutz der Habgier, wenn man will, gewissermaßen vertraut. Es gibt ja nichts Netteres als wenn man sich untereinander nicht geniert, nicht ziert und Verstecken spielt, sondern sich offen und ^sans gêne^ benimmt. Ja und wozu sich schließlich selber betrügen? Das wäre doch eine ganz überflüssige, leere Beschäftigung ohne die geringste Berechnung ...

Ganz besonders unschön war aber an diesem Spielerpack jene Hochachtung vor dem Spiel, jener Ernst – ein Ernst, der fast sogar an Ehrfurcht grenzt – mit dem es sich an die Spieltische drängte. Deshalb wird hier auch ein großer Unterschied gemacht zwischen dem Spiel, das man „^mauvais genre^“ nennt, und dem Spiel, das einem anständigen Menschen erlaubt ist: das eine ist gentlemanlike, das andere plebejisch, habgierig, das Spiel solcher Leute, die man mit „Spielsaalgesindel“ bezeichnet. Wie gesagt: der Unterschied ist groß, aber – wie ist dieser Unterschied im Grunde doch verächtlich! Ein Gentleman kann z. B. fünf oder sechs Louisdor setzen, selten mehr – übrigens, wenn er sehr reich ist, auch tausend Franken – aber er setzt sie einzig um des Spieles willen, nur so zu seinem Vergnügen, nur um dem Prozeß des Verlierens oder Gewinnens zuzusehen und ohne sich im geringsten speziell für den Gewinn zu interessieren. Gewinnt er zufällig, so kann er z. B. amüsiert lächeln, sich mit einer scherzhaften Bemerkung an einen der Nebenstehenden wenden, er kann sogar noch einmal setzen und den Einsatz wieder verdoppeln, doch alles nur aus Neugier, nur zu seinem „Amüsement“, um den Wechsel der Chancen zu beobachten, also gewissermaßen um zu experimentieren, doch beileibe nicht um des Gewinnes willen! – ein so plebejischer Beweggrund ist absolut ausgeschlossen! Kurz, er darf dieses Spiel nicht anders auffassen denn als amüsanten Zeitvertreib, der nur zu seiner Unterhaltung inszeniert wird. Alle Berechnungen und Fallen, auf denen das Spiel beruht, ohne die es überhaupt nicht existieren würde, darf er nicht einmal vermuten. Und einen äußerst vorteilhaften Eindruck macht es, wenn er z. B. ganz naiv voraussetzt – oder sich den Anschein gibt, als setze er es voraus –, daß auch alle übrigen Spieler, dieses ganze Gesindel, das um jeden Gulden zittert, ebensolche Krösusse und Gentlemen seien wie er, und gleichfalls nur zu ihrer Belustigung das Geld auf den Tisch setzten. Diese vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit und naive Auffassung der Menschen waren sehr aristokratisch. Ich sah, wie viele Mütter ihre unschuldig aussehenden und elegant gekleideten fünfzehn- oder sechzehnjährigen Töchter vorschoben, ihnen einige Goldstücke in die Hand drückten und dann erklärten, wie man spielt. Und die junge Miß, die dann gewann oder verlor, lächelte unbedingt sehr zufrieden, wenn sie den Tisch verließ. Einmal sah ich auch, wie unser General spielte. Würdevoll und langsam, wie in gleichmütiger Ruhe trat er an den Tisch; ein Lakai eilte herbei, um ihm einen Stuhl zu reichen, doch er übersah den Lakai und den Stuhl; langsam, ohne jede Hast und Erregung, zog er seine Börse hervor, langsam, sehr langsam entnahm er ihr dreißig Franken und setzte sie auf Schwarz: Er gewann. Doch er rührte den Gewinn nicht an, er ließ ihn liegen, wo er lag. Und er gewann wieder; und er rührte auch diesmal den Gewinn nicht an. Und als dann statt Schwarz plötzlich Rot gewann, verlor er mit einem Schlage eintausend und zweihundert Franken. Mit einem Lächeln ging er fort, ohne sich auch nur einen Augenblick zu vergessen. Ich bin überzeugt, daß sein Herz zum Zerspringen schmerzte und daß er, wenn der Verlust zwei- oder dreimal größer gewesen wäre, seine Selbstbeherrschung wohl kaum bewahrt hätte. Übrigens stand ich einmal neben einem Franzosen, der dreißigtausend Franken gewann und verlor und dabei doch seine unbekümmert heitere Miene beibehielt. Ein richtiger Gentleman darf sich nie beim Spiel aufregen, und sollte er auch sein ganzes Vermögen verspielen. Er muß auf das Geld so herabsehen, als sei es für ihn kaum der Mühe wert, sich darum zu kümmern. So ist es denn sehr aristokratisch, den Schmutz sowohl dieses Spielgesindels wie der ganzen Umgebung gar nicht zu bemerken. Mitunter aber ist auch das Gegenteil nicht minder vornehm: dieses ganze Gesindel in seinem Treiben zu beobachten, ja es sogar ostentativ zu betrachten – etwa durch ein Lorgnon – jedoch nicht anders, als indem man zu verstehen gibt, daß man das Betrachten dieses Pöbels und der allgemeinen, doch ängstlich cachierten Habgier nur als originelle Zerstreuung auffasse, als interessantes Schauspiel, das ebenfalls nur zur Unterhaltung des Beobachters vor seinen Augen sich abspielt. Man kann sich sogar selbst in das Gewühl drängen, doch muß man dabei in Blick und Miene die vollkommene Überzeugung ausdrücken, daß man nur sich allein für den einzigen Beobachter halte und selbst keineswegs zu dieser Gesellschaft gehöre. Übrigens ist ein gar zu interessiertes Beobachten doch wieder nicht zu empfehlen. Das wäre wiederum nicht ganz gentlemanlike, denn im Grunde steht doch dieses Schauspiel zu tief unter der Würde eines Aristokraten, als daß er ein so großes Interesse dafür empfinden könnte, – wie es ja überhaupt wenig Schauspiele gibt, die in den Augen eines Gentleman besonderer Aufmerksamkeit wert sind. Mir persönlich aber wollte es nichtsdestoweniger scheinen, daß alles dies sehr wohl der Mühe wert sei, mit größter Aufmerksamkeit beobachtet zu werden, und zwar namentlich für den, der nicht nur Studien halber gekommen ist, sondern sich selbst gewissenhaft und aufrichtig zu diesem ganzen Gesindel zählt. Was jedoch meine privaten sittlichen Überzeugungen betrifft, so sind sie natürlich hier unter diesen meinen Betrachtungen nicht am Platz. Mag es denn dabei bleiben, daß es so ist; ich rede zur Erleichterung meines Gewissens. Doch eines ist mir dabei aufgefallen: daß es mich in der ganzen letzten Zeit eigentümlich angewidert hat, meine Gedanken und Handlungsweisen gleichviel mit welch einem moralischen Maßstäbchen zu messen. Etwas ganz anderes beherrschte mich ...

Das Spielgesindel spielt in der Tat sehr schmutzig. Ich bin sogar nicht abgeneigt, anzunehmen, daß dort an den Tischen sehr oft ganz gewöhnlicher Diebstahl betrieben wird. Die Croupiers – von denen nur je einer an einem Tisch sitzt – die nach den Einsätzen sehen und die Gewinne berechnen müssen, haben ohnehin schon viel zu viel zu tun, als daß sie auf alle Hände aufpassen könnten. Das ist nun mal so ein Pack, diese Croupiers! Größtenteils sind es Franzosen. Übrigens mache ich hier alle diese Bemerkungen nicht etwa, um das Roulette zu beschreiben; ich beobachtete nur so für mich selbst und merke mir dieses und jenes, damit ich dann weiß, wie ich mich späterhin beim Spiel zu verhalten habe. Unter anderem ist mir dort aufgefallen, daß sich sehr oft eine Hand ausstreckt, die nicht zu den in der ersten Reihe Sitzenden gehört, und das fortnimmt, was ein anderer gewonnen hat. Es entsteht ein Streit, nicht selten kommt es sogar zu beträchtlichem Lärm, doch – nun bitte gefälligst zu beweisen und Zeugen dafür zu suchen, wem der Einsatz gehört!

Anfangs war mir das ganze Spiel so unverständlich wie eine arabische Grammatik. Nach und nach erriet ich mehr als ich begriff, daß die Einsätze nach der Zahl, nach der Farbe und auf Paar oder Unpaar gemacht wurden. Ich beschloß, von dem Gelde, das Polina mir gegeben hatte, nur hundert Gulden „aufs Spiel zu setzen“. Der Gedanke, daß ich nun doch nicht für mich begann, machte mich gewissermaßen unsicher. Jedenfalls war es ein sehr unangenehmes Gefühl, das ich schnell loswerden wollte. Es schien mir die ganze Zeit, daß ich, indem ich für Polina mein Glück versuchte, damit das eigene Glück untergrub.

Sollte man wirklich mit dem grünen Tisch nicht in Berührung kommen können, ohne sogleich vom schlimmsten Aberglauben befallen zu werden?

Ich begann damit, daß ich fünf Friedrichsdor, also fünfzig Gulden, herausnahm und sie auf Paar setzte. Das Rad drehte sich und es kam dreizehn – ich hatte verloren. Mit einer gewissen krankhaften Empfindung, nur um mich irgendwie loszumachen und mit Anstand fortgehen zu können, setzte ich noch fünf Friedrichsdor auf Rot. Es kam Rot. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor auf Rot – wieder kam Rot. Und ich ließ wieder alles stehen und wieder kam Rot. Von den erhaltenen vierzig Friedrichsdor setzte ich zwanzig auf die zwölf mittleren Ziffern, ohne zu wissen, was daraus werden würde. Man gab mir das Dreifache. So hatte ich anstatt der zehn Friedrichsdor auf einmal achtzig. Es wurde mir aber von einer ungewohnten, seltsamen Empfindung so unerträglich zumut dort am Tisch, daß ich beschloß, sogleich fortzugehen. Es schien mir, daß ich ganz anders gespielt haben würde, wenn ich für mich gespielt hätte. Doch plötzlich setzte ich alle achtzig Friedrichsdor noch einmal auf Paar. Diesmal kam vier: ich gewann noch achtzig Friedrichsdor. Da nahm ich den ganzen Haufen von hundertundsechzig Friedrichsdor vom Tisch und ging, um Polina Alexandrowna aufzusuchen.

Sie spazierten alle zusammen im Park und so gelang es mir erst nach dem Abendessen, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Diesmal war der Franzose nicht zugegen und der General wurde gesprächig. Unter anderem fand er es für nötig, mir nochmals zu sagen, daß er es eigentlich nicht wünschte, mich am Spieltisch zu sehen. Seiner Ansicht nach würde es ihn sehr kompromittieren, wenn ich einmal gar zu viel verspielte, – „doch selbst wenn Sie sehr viel gewinnen sollten, würde ich auch dann noch stark kompromittiert sein,“ fügte er bedeutsam hinzu. „Ich habe allerdings nicht das Recht, Ihnen für Ihr Tun und Lassen Vorschriften zu erteilen, aber Sie werden doch selbst zugeben, daß ...“

Nach seiner alten Gewohnheit sprach er den Satz wieder nicht zu Ende. Ich erwiderte darauf nur trocken, daß ich sehr wenig Geld habe und folglich nicht auffallend viel verlieren könne, falls ich überhaupt spielen sollte. Als ich zu mir hinaufging, konnte ich Polina noch ihren Gewinn übergeben, bei welcher Gelegenheit ich ihr erklärte, daß ich fernerhin nicht mehr für sie spielen werde.

„Warum nicht?“ fragte sie beunruhigt.

„Weil ich für mich und nicht für andere spielen will,“ antwortete ich, sie etwas verwundert betrachtend, daß sie es nicht von selbst erriet, „und das stört mich nur.“

„So sind Sie immer noch überzeugt, daß das Roulette Ihre Rettung sein wird?“ fragte sie spöttisch.

„Ja,“ erwiderte ich sehr ernst. „Was jedoch meine Überzeugung, daß ich unfehlbar gewinnen werde, betrifft, so mag sie vielleicht sehr lächerlich sein, meinetwegen, doch wünsche ich, in Ruh gelassen zu werden.“

Polina Alexandrowna bestand darauf, daß ich den Gewinn mit ihr teilen müsse, und wollte mir unbedingt achtzig Friedrichsdor aufdrängen, mit dem Vorschlag, auch fernerhin das Spiel unter dieser Bedingung fortzusetzen. Ich weigerte mich jedoch mit aller Entschiedenheit, das Geld anzunehmen, und erklärte ihr, daß ich für andere nicht nur deshalb nicht spielen werde, weil ich nicht wolle, sondern weil ich ganz gewiß verlieren würde.

„Und doch setze auch ich, wie dumm es auch sein mag, meine ganze Hoffnung fast nur noch auf das Spiel,“ sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken versunken. „Nein, Sie müssen das Spiel unbedingt fortsetzen und den Gewinn mit mir teilen, und – natürlich werden Sie es tun.“

Damit verließ sie mich, ohne meine weiteren Einwendungen anzuhören.

III.

Gestern sprach sie, ganz wider meine Erwartung, kein Wort zu mir vom Spiel. Und überhaupt vermied sie es gestern, mit mir zu sprechen. Ihr Benehmen gegen mich hat sich nicht im geringsten verändert. Im Verkehr wie überhaupt bei jeder kurzen Begegnung immer dieselbe Geringschätzung, in die sich mitunter sogar so etwas wie Verachtung und Haß mischt. Ja, sie scheint sogar die Abneigung, die sie doch augenscheinlich für mich empfindet, nicht einmal verbergen zu wollen. Das sehe ich. Dabei gibt sie sich aber gar keine Mühe, zu verbergen, daß sie meiner bedarf und mich zu irgendeinem Zweck „noch am Leben läßt“, d. h. also, mich noch „aufspart“. Es haben sich zwischen uns seltsame Beziehungen gebildet, die mir in mancher Hinsicht unverständlich sind – wenn ich ihren Stolz und Hochmut gegen alle in Betracht ziehe.

Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen – und, versteht sich, könnte mir ihre Verachtung durch nichts deutlicher zu verstehen geben, als durch diese gleichgültige Erlaubnis, so viel und wie immer ich nur will, mit aller Zensurfreiheit, von meiner Liebe zu ihr zu sprechen. Was kann sie damit anders sagen wollen, wenn nicht: „Deine Gefühle schätze ich viel zu gering, als daß es mich nicht vollkommen gleichgültig ließe, was du da zu mir sprichst oder für mich fühlst.“

Von ihren eigenen Angelegenheiten hat sie auch früher schon viel mit mir gesprochen, aber doch niemals mit ganzer Offenherzigkeit. Ja, mehr noch als das: in ihrer Geringschätzung für mich kam mitunter noch eine ganz besondere Raffiniertheit zum Ausdruck, wie zum Beispiel:

Sie weiß, sagen wir, daß mir irgendein Umstand aus ihrem Leben bekannt ist, oder irgend etwas, was sie sehr beunruhigt, sie erzählt mir sogar selbst einiges davon – wenn ich ihr etwa wie ein Sklave oder Laufbursche einen Dienst erweisen kann – erzählt mir dann aber nur genau so viel, wieviel ein Sklave oder Laufbursche zu wissen braucht, um den Dienst erweisen zu können. Und wenn sie auch sehr gut sieht, daß es mich quält, nicht den ganzen Zusammenhang der Dinge erraten zu können, wenn sie auch tausendmal sieht, wie ihre Unruhe und ihre Sorgen mich quälen und aufregen, so wird sie mich doch nie dessen würdigen, daß sie mich durch volle Offenheit beruhigt. Und sie hat mir oft genug nicht nur schwierige, sondern direkt mit Gefahr verbundene Aufträge gegeben, was ihr doch, wenigstens meiner Meinung nach, geradezu zur Pflicht machen müßte, vollkommen aufrichtig zu sein. Doch ... lohnt es sich denn, sich überhaupt um meine Gefühle zu kümmern, und darum, daß ich gleichfalls besorgt und unruhig bin, und daß ihre, nur ihre Sorgen und ihr Mißgeschick mich vielleicht noch dreimal mehr quälen als sie selbst?

Ich wußte schon drei Wochen vorher um ihre Absicht, Roulette zu spielen. Sie hatte mich darauf vorbereitet, daß ich für sie werde spielen müssen, da es sich für sie selbst nicht schicke. Und aus dem Ton ihrer Worte glaubte ich schon damals zu erraten, daß eine wirklich ernste Sorge sie bedrücke und aus ihr nicht etwa der Wunsch sprach, nur so für sich Geld zu gewinnen. Was ist ihr denn Geld! Nein, sie muß eine ganz besondere und ernste Absicht haben, es muß etwas geschehen sein, was ich nur halb erraten kann, ohne deshalb den ganzen Zusammenhang auch nur zu ahnen. Natürlich kann ich diese Sklaverei, in der sie mich hält, sehr wohl insofern ausnutzen, als sie mir doch gewissermaßen erlaubt, ganz ungeniert und ohne Umschweife Fragen zu stellen: wenn ich in ihren Augen so nichtswürdig bin, so darf sie sich doch durch meine unhöfliche Neugier nicht verletzt fühlen. Und so habe ich sie bisweilen ganz unumwunden gefragt. Nun war aber die Sache die, daß sie mir zwar diese Fragen erlaubte, doch deshalb noch lange nicht auf dieselben zu antworten geruhte. Mitunter aber überhörte sie sie einfach. Das ist nun unser Verhältnis zueinander!