Sämtliche Werke 21

Part 29

Chapter 293,672 wordsPublic domain

Pawel Pawlowitsch wurde bis zum Zaun geführt und dort mußte er stehen bleiben; damit er sich aber nicht etwa umsah, mußte die kleine Rothaarige ihn bewachen. Pawel Pawlowitsch, der wieder etwas Mut gefaßt hatte und ordentlich munter geworden war, beabsichtigte natürlich, ehrlich und eifrig seine Pflicht zu erfüllen, und stand wie ein Pfosten, sah den Zaun an und wagte nicht einmal, sich zu rühren, geschweige denn, sich umzuschauen. Die kleine Rothaarige stand bei der Laube, etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, und gab aufgeregt den übrigen verschiedene Winke: es mußte etwas Besonderes geplant worden sein. Plötzlich winkte sie mit beiden Händen so schnell sie konnte: da sprangen alle auf und liefen Hals über Kopf davon.

„Laufen Sie, laufen Sie mit uns!“ tuschelten eifrig und in fast angstvoller Erregung wohl zehn Stimmen Weltschaninoff zu, ordentlich böse und zugleich ganz verzweifelt darüber, daß er nicht sogleich mitlief.

„Was ist denn? Was ist passiert?“ fragte er, schnellen Schritts ihnen folgend.

„Sch! leise! schreien Sie nicht! Mag er dort stehen und den Zaun betrachten, wir aber laufen alle fort. Da kommt auch schon Nastjä gelaufen!“

Die kleine rothaarige Freundin, Nastjä, kam ihnen in einer Eile und Aufregung nachgelaufen, als wäre der Himmel weiß was geschehen. Endlich war man ganz am anderen Ende des Gartens, hinter dem Teich, angelangt. Als Weltschaninoff sich ihnen näherte, sah er, daß Katerina Fedossejewna heftig mit den anderen stritt, namentlich mit Nadjä und Marja Nikititschna.

„Katjä, Täubchen, sei nicht böse!“ bat Nadjä herzlich und küßte die Schwester.

„Nun gut, ich werde es nicht Mama sagen, aber ich gehe fort. Es ist doch wirklich nicht schön von euch, es ist sogar recht häßlich. Was muß der Arme dort am Zaun empfinden, wenn ihr ihn so lange stehen laßt und betrügt!“

Und sie ging wirklich fort – aus Mitleid mit ihm, die anderen aber blieben erbarmungslos bei ihrem Entschluß. Auch von Weltschaninoff wurde streng verlangt, daß er, wenn Pawel Pawlowitsch sich wieder zu ihnen gesellte, ihn überhaupt nicht beachten und tun solle, als sei nichts geschehen.

„Und wir wollen jetzt alle unser Fangspiel spielen!“ rief die kleine Rothaarige ganz außer sich vor Entzücken.

Pawel Pawlowitsch kam erst nach einer guten Viertelstunde wieder zu ihnen. Zwei Drittel dieser Zeit hatte er bestimmt regungslos am Zaun gewartet. Das Fangspiel war in vollem Gange und gelang vortrefflich – alle schrien und amüsierten sich köstlich. Pawel Pawlowitsch kochte vor Wut, trat schnell an Weltschaninoff heran und faßte ihn wieder am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“

„Ach Gott, was will er immer mit seinen Augenblicken!“

„Er will wieder ein Taschentuch haben!“ hörten sie hinter sich rufen.

„Nein, diesmal sind Sie es gewesen! diesmal Sie ganz allein, jawohl _Sie_, _Sie_! Sie haben die Mädel dazu veranlaßt! ...“

Pawel Pawlowitsch war so erregt, daß seine Zähne aufeinanderschlugen.

Weltschaninoff unterbrach ihn und riet ihm in ruhigem Tone, mit den Heiteren heiter zu sein: „Man neckt Sie doch nur deshalb, weil Sie sich ärgern, während alle anderen lustig sind.“ Zu seinem Erstaunen machten dieser Rat und diese Bemerkung Pawel Pawlowitsch ganz betroffen: er verstummte sogleich und kehrte wie ein Schuldbewußter zur Gesellschaft zurück, um sich dann gleichfalls am Spiel zu beteiligen. Man ließ ihn ruhig mitspielen und spielte mit ihm wie mit allen anderen. So verging noch keine halbe Stunde und er war wieder munter und guter Dinge. Bei allen Spielen engagierte er als Dame, wenn es nötig war, die kleine rothaarige Verräterin oder eine der Schwestern. Was Weltschaninoff besonders in Erstaunen setzte, war, daß er kein einziges Mal Nadjä anzureden wagte, obschon er sich ununterbrochen in ihrer Nähe aufhielt. Er schien es nunmehr als etwas Selbstverständliches zu betrachten, daß sie ihn überhaupt nicht beachtete und sogar eine gewisse Verachtung hervorkehrte, als sei das ganz natürlich und als müsse es so sein. Zum Schluß wurde ihm übrigens noch ein Streich gespielt.

Man spielte „Verstecken“. Diesmal mit einer kleinen Neuerung: man brauchte nicht in dem einmal erwählten Versteck auszuharren, sondern konnte oder mußte sogar, sobald der Suchende nicht zu sehen war, ein anderes Versteck aufsuchen. Pawel Pawlowitsch hatte sich bereits sehr geschickt zwischen dichten Büschen versteckt, als es ihm plötzlich einfiel, ins Haus zu laufen. Mehrstimmiges Geschrei erschallte – man hatte ihn gesehen. Da schlüpfte er schnell die Treppe zum zweiten Stockwerk hinauf, wo er sich in der Treppenkammer hinter einer Kommode verbarg. Im Nu aber war die kleine Rothaarige hinter ihm hergeschlüpft, auf den Fußspitzen zur Treppe geschlichen und hatte leise den Schlüssel umgedreht: Pawel Pawlowitsch saß eingeschlossen in seiner Kammer. Sogleich brach man das Versteckspiel ab und alle liefen wieder hinter den Teich. Nach etwa zehn Minuten wurde ihm das Warten dort oben doch etwas lang, und er steckte vorsichtig den Kopf zum Fenster hinaus: niemand war zu sehen. Zu rufen wagte er nicht, denn er fürchtete die Eltern zu wecken; den Mägden war natürlich strengstens befohlen, sich nicht blicken zu lassen und auf seinen Ruf, falls er rufen sollte, nicht herbeizueilen. Nur Katerina Fedossejewna hätte ihn aus seiner Gefangenschaft befreien können, doch leider hatte sie sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen und war über ihren Träumereien schließlich eingeschlummert. So saß denn Pawel Pawlowitsch dort fast eine ganze Stunde. Und endlich, endlich erst tauchten die jungen Mädchen wieder auf. Sie kamen zu zweien, zu dreien, als wäre nichts passiert, und spazierten harmlos plaudernd vorüber.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb kommen Sie denn nicht zu uns? Ach, es ist dort so lustig! Wir spielen Theater! Alexei Iwanowitsch hat den ‚jungen Mann‘ gespielt!“

„Pawel Pawlowitsch, weshalb sitzen Sie denn dort? Sie wollen wohl irgend etwas darstellen, worüber man sich _freuen_ soll?“ fragten im Vorübergehen zwei andere.

„Worüber denn sich wieder ‚_freuen_‘?“ ertönte da plötzlich die Stimme der Madame Sachlebinin, die ihr Nachmittagsschläfchen beendet hatte und gerade von der Veranda in den Garten trat, um sich bis zum Tee noch etwas zu bewegen und den Spielen der „Kinder“ zuzuschauen.

„Ja dort – über den Pawel Pawlowitsch!“ und sie wiesen nach dem Fenster, in dem man das verzerrt lächelnde, vor Wut gelblich bleiche Gesicht Pawel Pawlowitschs sah.

„Aber was ist denn das für ein Vergnügen, allein in einem Stübchen zu sitzen, wenn draußen alle so lustig sind!“ wunderte sich die Mama.

Inzwischen wurde Weltschaninoff die Ehre zuteil, von Nadjä die huldvolle Bemerkung, daß sie sich aus einem ganz „besonderen Grunde“ über seinen Besuch freue, zu vernehmen, und zwar unter vier Augen in einer entlegenen, einsamen Allee. Marja Nikititschna hatte ihn zu dem Zweck von den anderen fortgerufen – sehr zu seiner Erleichterung, da ihn die Spiele schon unwiderstehlich zu langweilen begannen – und ihn in diese Allee geführt, wo sie ihn mit Nadjä allein ließ.

„Ich bin jetzt vollkommen überzeugt,“ begann diese sogleich, „daß Sie durchaus nicht ein so großer Freund von Pawel Pawlowitsch sind, wie er hier geprahlt hat. Ich habe mich auch überzeugt, daß nur Sie allein mir einen sehr, sehr großen und sehr wichtigen Dienst erweisen können. Hier ist sein abscheuliches Armband“ – sie zog das Etui aus der Tasche hervor – „und nun bitte ich Sie recht sehr, ihm dieses Geschenk unverzüglich wieder einzuhändigen, denn ich selbst werde für keinen Preis noch ein Wort mit ihm sprechen, weder jetzt noch später, in meinem ganzen Leben nicht! Übrigens können Sie ihm sagen, daß Sie es ihm in meinem Auftrage zurückgeben, und fügen Sie nur gleich hinzu, daß er hinfort nicht mehr wagen soll, mir nochmals mit Geschenken zu kommen. Das übrige werde ich ihm dann schon durch andere sagen lassen. Werden Sie nun so gut sein und mir die Freude bereiten, meine Bitte zu erfüllen?“

„Um Gottes willen, verschonen Sie mich damit!“ rief Weltschaninoff fast entsetzt.

„Was? Verschonen? Warum sagen Sie ‚verschonen‘?“ erschrak Nadjä und sah ihn groß an.

Vergessen war der ganze damenhafte Ton ihrer vermutlich vorbereiteten Rede, und sie sah ihn hilflos wie ein Kind an, das dem Weinen nahe ist. Weltschaninoff mußte unwillkürlich lachen.

„O nein ... so war es nicht gemeint ... ich würde Ihre Bitte gewiß sehr gern erfüllen, nur ... ich habe da selbst noch einiges mit ihm vor ...“

„Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie nicht sein Freund sein können und daß er einfach gelogen hat!“ unterbrach ihn Nadjä schnell und heftig. „Ich werde ihn niemals heiraten, damit Sie’s wissen! Niemals! Ich begreife nicht, wie er es überhaupt gewagt hat ... Nur müssen Sie ihm trotzdem sein abscheuliches Armband zurückgeben, was soll ich denn sonst anfangen? Ich will, daß er unbedingt, unbedingt heute noch das Geschenk zurückerhält und den Korb einsteckt. Und wenn es ihm einfällt, zu Papa zu gehen und zu klatschen, dann soll er sehen, was Rache heißt! ...“

Plötzlich tauchte hinter ein paar Büschen in ihrer Nähe der junge Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille auf. Im Augenblick stand er vor ihnen.

„Sie _müssen_ das Armband zurückgeben!“ wandte er sich wütend an Weltschaninoff, „allein schon im Namen der Frauenrechte, vorausgesetzt, daß Sie sich über dieselben überhaupt klar sind und auf der Höhe des Problems stehen! ...“

Weiter kam er leider nicht: Nadjä riß ihn mit aller Gewalt am Ärmel von Weltschaninoff fort.

„Gott, wie Sie dumm sind, Predpossyloff!“ rief sie zornig. „Gehen Sie fort! Gehen Sie fort, so gehen Sie doch fort! – und wagen Sie es nicht wieder, zu lauschen! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie dort weit hinten stehen sollen!“ Und ihr kleiner Fuß stampfte zornig auf, und selbst als jener wieder hinter dem Gebüsch verschwunden war, ging sie noch ganz außer sich hin und her in der Allee und rang die Hände vor Verzweiflung.

„Nein wirklich, Sie glauben nicht, wie dumm diese Jungen sind!“ sagte sie. „Ja, Sie haben gut lachen, aber was soll ich denn sagen!“

„Das ist doch nicht _Er_?“ fragte lachend Weltschaninoff, vor dem sie stehen geblieben war.

„Natürlich nicht _Er_! – wie können Sie sich nur so was denken!“ versetzte Nadjä errötend und mit einem flüchtigen Lächeln. „Das ist nur sein Freund. Ich begreife nicht, was für Freunde er sich aussucht! Von diesem sagen sie alle, er sei eine ‚zukünftige Größe‘, ich begreife aber nichts davon ... Alexei Iwanowitsch, ich habe keinen, an den ich mich wenden könnte, also zum letztenmal: werden Sie ihm das Armband zurückgeben oder nicht?“

„Nun gut, ich werde, geben Sie es her.“

„Ach Sie Lieber, ach Sie Guter!“ rief sie erfreut und gab ihm das Etui. „Ich werde Ihnen dafür den ganzen Abend vorsingen, denn ich habe sogar eine sehr gute Stimme! Damit Sie’s wissen: ich habe es Ihnen nur vorgelogen, daß ich Musik nicht ausstehen kann. Ach, wenn Sie doch noch einmal, noch ein einziges Mal zu uns kämen, ich wäre so froh, und ich würde Ihnen alles, alles, alles erzählen, und vieles noch außerdem, denn Sie sind so gut, – so gut wie ... wie Katjä!“

Und sie hielt ihr Versprechen: nachdem man zum Tee ins Haus zurückgekehrt war, sang sie ihm zwei Romanzen vor. Ihre Stimme war noch gar nicht geschult, sie begann sich erst zu entwickeln, doch war sie angenehm und konnte einmal vielleicht zu einer recht umfangreichen werden.

Pawel Pawlowitsch saß, als die anderen aus dem Garten kamen, bereits ehrbar und ruhig mit den Eltern am Teetisch, auf dem der große Ssamowar und Teetassen aus echtem Sèvresporzellan standen. Offenbar hatte er mit den Eltern über sehr ernste Dinge gesprochen, da er in zwei Tagen Petersburg verlassen mußte und nicht vor neun Monaten wiederkehren sollte. Den Eintretenden und namentlich Weltschaninoff schenkte er überhaupt keine Beachtung. Anzunehmen war, daß er noch nichts „geklatscht“ hatte, denn vorläufig schien alles „ruhig“ zu sein.

Doch kaum begann Nadjä zu singen – da erschien auch er sogleich im Saal. Nadjä war so unhöflich, auf eine Frage, die er direkt an sie richtete, überhaupt nicht zu antworten, doch ließ er sich dadurch nicht im geringsten abschütteln oder auch nur verwirren: er trat hinter ihren Stuhl und seine Miene, wie seine ganze Haltung drückten nur zu deutlich aus, daß er diesen Platz keinem anderen abzutreten gedachte.

„Jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen, ^maman^, jetzt wird Alexei Iwanowitsch singen!“ riefen die jungen Mädchen lebhaft alle durcheinander und drängten sich zusammen, ohne die Blicke von Weltschaninoff abzuwenden, der sich, selbstbewußt, wie immer, bereits an den Flügel gesetzt hatte. Sogleich kamen denn auch die Eltern in den Saal, und auch Katerina Fedossejewna, die bei ihnen gewesen und den Tee eingegossen hatte.

Weltschaninoff wählte ein altes, jetzt schon fast ganz vergessenes Lied von Glinka[11]:

„Wenn ich dich sehe und du zu mir sprichst ...“

Während des Vortrages wandte er sich ausschließlich an Nadjä, die am nächsten bei ihm stand und sich an den Flügel stützte. Er hatte schon lange keine Stimme mehr, die zu einem vollendeten Gesang taugte, doch was ihm noch geblieben war, zeigte immerhin, daß er einst eine schöne Stimme gehabt haben mußte. Dieses Lied hatte er als Student vor etwa zwanzig Jahren zum erstenmal gehört, und zwar vom Komponisten selbst vorgetragen: es war bei einem Freunde Glinkas an einem kleinen literarisch-künstlerischen „Junggesellenabend“ gewesen. Glinka war im Zimmer unruhig auf und ab gegangen und dann hatte er sich plötzlich an den Flügel gesetzt und seine Lieblingskompositionen gesungen – darunter auch dieses Lied. Auch Glinka hatte damals keine Stimme mehr gehabt, doch Weltschaninoff entsann sich noch deutlich des außerordentlichen Eindrucks, den gerade dieses Lied, halb sprechend vorgetragen, auf alle Anwesenden gemacht hatte. Niemals hätte ein Dilettant, ein bloßer Salonsänger, selbst wenn er über die größten Stimmittel verfügte, einen ähnlichen Eindruck erreicht. Mit jeder Strophe steigert sich in diesem Liede die Leidenschaft und wuchs schließlich an zu einer alles mitreißenden Macht; und gerade wegen der Größe und Gewalt dieser Leidenschaft hätte alles „Gemachte“, hätte die geringste Übertreibung – wie man sie in der Oper immer wieder hört – das Lied nur herabgezogen und den Sinn jedes Wortes, jedes Tones entstellt. Um dieses kleine, doch ganz einzige Lied zu singen, war unbedingt eines erforderlich: wirkliche Begeisterung, wirkliche Leidenschaft, oder – wenn man ein _großer_ Künstler war – doch wenigstens die vollendetste künstlerische Beherrschung des Ausdrucks dieser Gefühle. Anderenfalls hätte das Lied nur unangenehm und vielleicht sogar sehr peinlich wirken können. Weltschaninoff wußte, daß ihm der Vortrag des Liedes bisher fast immer gelungen war: hatte sich ihm doch damals, als er es zum erstenmal von Glinka gehört, jede Nuance und die ganze Art seines Vortrages unauslöschlich eingeprägt. Und auch diesmal erfaßte ihn, kaum daß er die ersten Töne angeschlagen und die ersten Worte gesungen hatte, wirkliche Begeisterung: und die Begeisterung wirkte auf seine Stimme zurück und ging von da auf die Zuhörenden über. Mit jedem weiteren Wort wuchs das Gefühl und der Ausdruck wurde stärker, sicherer, fast rücksichtslos, und es war, als streife er alle, auch die letzten Bedenken ab. So kam es denn zu dieser außerordentlichen Wirkung. So kam es, daß Nadjä, als er sie bei den Schlußworten

Nur küssen will ich dich, küssen, Nur küssen, küssen!

mit vor Leidenschaft blitzendem Blick ansah, erschrocken zusammenfuhr und unwillkürlich etwas zurückwich: purpurn stieg das Blut ihr in die Wangen und im Moment war es Weltschaninoff, als habe er in ihrem fast ängstlichen Gesichtchen und ihren erschrockenen Augen ein kurzes Erraten bemerkt. Doch auch die Gesichter aller übrigen Zuhörerinnen verrieten förmliche Entzückung und gleichzeitig doch auch so etwas wie Beschämung oder ein verschämtes Staunen: es war, als meinten sie alle, so etwas könne man doch nicht so vor allen Menschen aussprechen, da müsse man sich doch scheuen! Und doch glühten alle diese Gesichtchen und blitzten aller Augen und es war, als erwarteten sie noch etwas ... Flüchtig streifte Weltschaninoffs Blick sie alle, wie sie dasaßen, und blieb auf Katerina Fedossejewna haften: wie schön sie aussah!

„Nun, das ist mir mal eine Romanze! ...“ brummte jetzt langsam der alte Sachlebinin, der zum Schluß ganz verblüfft dagesessen hatte, „aber ... hm! – ist sie nicht doch etwas zu feurig? Sie ist ja sehr schön, aber ...“

„Ja ...“ wollte etwas unschlüssig auch Madame Sachlebinin ihre Meinung äußern, doch kam sie nicht dazu: Pawel Pawlowitsch war plötzlich neben Nadjä aufgetaucht: er sah wie ein Irrsinniger aus und vergaß sich so weit, daß er Nadjä am Arm faßte und sie von Weltschaninoff fortzog – um dann, fast wankend, wieder vor diesen hinzutreten. Er war offenbar unzurechnungsfähig. Seine Lippen zuckten krampfhaft.

„Auf einen Augenblick,“ brachte er endlich mühsam hervor.

Weltschaninoff begriff sofort, daß dieser Mensch im nächsten Augenblick etwas zehnmal Schlimmeres tun konnte, wenn man ihm nicht zuvorkam: er faßte ihn deshalb an der Hand und führte ihn schnell, ohne sich durch die Verwunderung der anderen aufhalten zu lassen, auf die Veranda und von dort noch ein paar Stufen hinab in den Garten. Es dunkelte bereits.

„Begreifen Sie nicht, daß Sie sogleich mit mir von hier fortfahren müssen!“ stieß Pawel Pawlowitsch bebend hervor.

„Nein, das begreife ich nicht ...“

„Erinnern Sie sich,“ fuhr Pawel Pawlowitsch flüsternd in einer Aufregung fort, die nahezu unheimlich war, „erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie damals von mir verlangten, ich solle Ihnen alles sagen, _alles_, verstehen Sie, und ganz aufrichtig ‚das letzte Wort‘ ... wissen Sie noch? Nun, jetzt ist der Augenblick gekommen für dieses Wort ... Gehen wir!“

Weltschaninoff dachte ein paar Sekunden lang nach, blickte nochmals Pawel Pawlowitsch an und erklärte sich dann bereit, mit ihm zu fahren.

Der plötzliche Aufbruch der beiden Gäste erschreckte die Eltern nicht wenig und empörte die jungen Mädchen ganz maßlos.

„Aber trinken Sie doch wenigstens noch ein Täßchen Tee ...“ bat Madame Sachlebinin fast kläglich.

„Na, was ist denn in dich gefahren, daß du dich plötzlich so aufregst?“ wandte sich mit strenger, unzufriedener Miene der alte Sachlebinin an Pawel Pawlowitsch, der nur eigentümlich lächelte und schwieg.

„Pawel Pawlowitsch, weshalb entführen Sie uns Alexei Iwanowitsch?“ wandten sich die jungen Mädchen teils vorwurfsvoll, teils aufrichtig böse an ihn, und die Blicke, die er auffing, sprachen von nichts weniger als von Sympathie. Nadjä aber maß ihn mit so unaussprechlichem Haß, daß er sich förmlich wand unter ihrem Blick, doch er blieb bei seinem Entschluß.

„Verzeihen Sie, aber Pawel Pawlowitsch hat mich zum Glück noch rechtzeitig an etwas sehr Wichtiges erinnert, das leider keinen Aufbruch duldet,“ entschuldigte sich Weltschaninoff lachend, worauf er dem Staatsrat die Hand drückte, die der Dame des Hauses an die Lippen führte und sich von den jungen Mädchen verabschiedete, bei welcher Gelegenheit er wieder Katerina Fedossejewna vor allen anderen auszeichnete, was wiederum von allen bemerkt wurde.

„Wir danken Ihnen sehr für Ihren Besuch, und es wird uns alle jederzeit freuen, Sie wiederzusehen; jederzeit,“ schloß der Staatsrat nachdrücklich.

„Ach ja, es wird uns _sehr_ freuen ...“ bestätigte die Mama gefühlvoll.

„Kommen Sie wieder, Alexei Iwanowitsch, kommen Sie wieder!“ riefen noch viele Stimmen von der Verandatreppe, als Weltschaninoff sich bereits neben Pawel Pawlowitsch in den Wagen setzte, und unter ihnen etwas leiser ein hohes Stimmchen: „Kommen Sie wieder, lieber, lieber Alexei Iwanowitsch!“

„Das war der rothaarige Racker!“ lachte Weltschaninoff.

XIII. Die Beiden.

Ja, er konnte noch an die kleine Rothaarige denken, während ihn tiefinnerlich schon längst Ärger und Reue quälten. Und überhaupt war er an diesem Tage, den er doch, wie man meinen sollte, so angenehm verbracht hatte, ein gewisses bedrückendes, an einen unbestimmten Kummer gemahnendes Gefühl nicht losgeworden. Bevor er an den Flügel getreten war, hatte er kaum noch gewußt, was er mit sich anfangen, wohin er vor diesem Kummer flüchten sollte: und vielleicht war auch nur diese Stimmung der Grund gewesen, weshalb er sich beim Vortrag des Liedes von seinen Gefühlen so hatte hinreißen lassen.

„Und ich konnte mich so furchtbar erniedrigen ...“ begann er und wollte sich selbst Vorwürfe machen, doch schnell brach er den Gedanken wieder ab und bemühte sich, an anderes zu denken. So erniedrigend erschienen sie ihm, diese Selbstanklagen, die zudem nicht das geringste nützten! Deshalb wählte er das Angenehmere und ärgerte sich rasch über einen anderen.

„Dieser R–rüpel!“ dachte er wütend, mit einem halben Blick auf den im Wagen neben ihm sitzenden Pawel Pawlowitsch.

Der schwieg noch immer; vielleicht sammelte er sich erst oder bereitete sich auf die Aussprache vor. Von Zeit zu Zeit hob er hastig die Hand und nahm seinen Hut ab, um sich mit dem Taschentuch über die Stirn zu wischen.

„Wie er schwitzt!“ dachte Weltschaninoff verbissen, denn es war ihm geradezu ein Bedürfnis, sich recht über ihn zu ärgern.

Nur einmal wandte sich Pawel Pawlowitsch mit der Frage an den Kutscher, ob es ein Gewitter geben würde.

„O–oh, und was für eins! Den ganzen Tag war’s schwül, sicher wird’s eins geben!“

In der Tat war der Himmel dunkler als je um diese Zeit. Hin und wieder zuckte ein Blitz. Es war halb elf, als sie in der Stadt anlangten.

„Ich fahre ja doch zu Ihnen,“ hatte sich Pawel Pawlowitsch kurz vorher an Weltschaninoff gewandt.

„Verstehe. Doch muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich ernstlich krank fühle.“

„Ich bleibe nur kurze Zeit, nur kurze Zeit!“

Als sie ins Haus traten, verschwand Pawel Pawlowitsch auf einen Augenblick in der Wohnung des Portiers, wo er ein paar Worte mit Mawra wechselte.

„Was suchten Sie dort?“ fragte Weltschaninoff ärgerlich, als jener ihn auf der Treppe wieder einholte und sie eintraten.

„Nichts, nur ... wegen des Kutschers ...“

„Zu trinken gebe ich Ihnen nichts!“

Eine Antwort erfolgte nicht. Weltschaninoff zündete eine Kerze an und Pawel Pawlowitsch ließ sich sogleich auf seinem alten Platz nieder. Weltschaninoff trat finster vor ihn hin.

„Sie entsinnen sich vielleicht, daß ich Ihnen damals versprach, auch _mein_ ‚letztes Wort‘ zu sagen,“ begann er, innerlich erregt, doch äußerlich in vollkommener Selbstbeherrschung. „So hören Sie denn, ich kann es mit gutem Gewissen sagen ... – Also: ich bin überzeugt, daß zwischen uns beiden alles zu Ende ist und wir nichts mehr einander zu sagen haben, Sie verstehen mich: _nichts_ mehr; und deshalb – wäre es nicht besser, Sie gingen jetzt und ich schlösse die Tür hinter Ihnen zu.“

„Lassen Sie uns erst ... abrechnen, Alexei Iwanowitsch!“ sagte Pawel Pawlowitsch und sah ihm dabei ganz eigentümlich sanft in die Augen.

„Wa–as? Abrechnen?“ fragte Weltschaninoff in höchster Verwunderung. „Ein sonderbares Wort haben Sie da gebraucht! In welcher Beziehung denn ‚abrechnen‘, wenn man fragen darf? Oder sollte es etwa gar jenes ‚letzte Wort‘ sein, jenes, mit dem Sie mir versprachen, alles ... aufzudecken?“

„Ja.“

„Wir haben nichts mehr miteinander ‚abzurechnen‘, wir sind bereits vollständig ... quitt!“ sagte Weltschaninoff mit einem gewissen Stolz.

„Glauben Sie wirklich?“ fragte Pawel Pawlowitsch in eigentümlichem Tone, der fast ein Durchschauen verriet, und er hob die Hände – die Ellenbogen ruhten auf den Armlehnen des Stuhles – und schob die Finger zwischeneinander.

Weltschaninoff antwortete nichts und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Lisa! Lisa!“ hätte er stöhnen mögen, aber er biß die Zähne zusammen und – fühlte sein Herz klopfen.