Sämtliche Werke 21

Part 28

Chapter 283,634 wordsPublic domain

Nadeschda Fedossejewna, die sechste Tochter, die noch die Schule besuchende „Erwählte“ Pawel Pawlowitschs, ließ auf sich warten. Weltschaninoff sah mit wachsender Ungeduld ihrem Erscheinen entgegen, worüber er sich selbst wunderte und sich sogar heimlich auslachte. Endlich erschien sie – nicht ohne mit ihrem Erscheinen einen gewissen Eindruck zu machen – am Arme einer älteren, sehr lebhaften Freundin. Diese Freundin, Marja Nikititschna mit Namen – eine mittelgroße Erscheinung, brünett, mit einem komischen Gesicht, wurde, wie es sich sogleich herausstellen sollte, von Pawel Pawlowitsch ganz besonders gefürchtet. Sie lebte als Hauslehrerin der Kinder einer bekannten Familie in einem der Nachbarhäuser und wurde, da sie bereits dreiundzwanzig Jahre zählte, auch nichts weniger als dumm und sehr lustig war, von den jungen Mädchen nahezu verehrt und von der ganzen Familie wie eine Verwandte behandelt. Ersichtlich war sie auch Nadjä[10] in diesem Augenblick eine unentbehrliche Stütze. Weltschaninoff bemerkte sogleich, daß alle Mädchen sich gegen Pawel Pawlowitsch verschworen haben mußten, die Freundinnen nicht ausgenommen, und schon wenige Augenblicke nach Nadjäs Erscheinen war er überzeugt, daß sie, die Hauptperson, ihn einfach haßte. Gleichzeitig stellte er fest, daß Pawel Pawlowitsch nichts davon bemerkte oder wenigstens nicht bemerken wollte. Nadjä war zweifellos die hübscheste von allen Schwestern: eine kleine Brünette mit dem Mienenspiel eines echten Wildfangs und der Dreistigkeit einer geborenen Nihilistin, ein spitzbübisches Teufelchen mit blitzenden Augen, einem reizenden Lächeln – das übrigens auch recht boshaft und spöttisch sein konnte – einem entzückenden Mund und noch entzückenderen Zähnchen, ein schlankes, strammes Figürchen, mit den ersten eigenen Denkversuchen im sprechenden Ausdruck des Gesichtchens, das aber dabei doch noch ganz kindlich wirkte. Ihre fünfzehn Jahre verrieten sich in jedem Schritt, in jedem Wort. Später stellte es sich heraus, daß Pawel Pawlowitsch sie zum erstenmal tatsächlich mit dem Büchertäschchen gesehen hatte.

Die Überreichung des Geschenks mißlang vollkommen und machte sogar einen sehr unangenehmen Eindruck. Pawel Pawlowitsch trat sogleich, kaum daß er seine „Braut“ erblickt hatte, auf sie zu und überreichte ihr mit einem verlegenen Lächeln das Etui als Ausdruck seines „Dankes für das Vergnügen, das ihm die von Nadeschda Fedossejewna während seines letzten Besuches gesungene Romanze bereitet ...“ Er kam aus dem Konzept, stockte, wußte sich nicht zurechtzufinden, stand wie ein Verlorener vor ihr und wollte ihr das Etui mit dem Armband förmlich in die Hand drücken. Nadeschda Fedossejewna errötete vor Zorn und Scham, versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken und wandte sich brüsk an die Mama, die gleichfalls etwas peinlich berührt schien, und sagte schnippisch:

„Ich mag es nicht, ^maman^!“

„Nimm es entgegen und bedank dich,“ sagte der Vater mit ruhiger Strenge, doch war auch er offenbar nicht sehr erbaut von dieser Überraschung. „Überflüssig, mein Lieber, überflüssig!“ brummte er in leise zurechtweisendem Tone.

Nadjä nahm, da ihr nichts anderes übrig blieb, mit niedergeschlagenen Augen das Etui in Empfang und machte einen Knix, wie ihn kleine Mädchen zu machen pflegen. Eine der Schwestern trat darauf zu ihr, um das Geschenk zu betrachten, doch Nadjä reichte ihr sogleich das Etui, ohne es vorher zu öffnen, womit sie natürlich zeigen wollte, daß sie die Schmucksache überhaupt nicht zu sehen wünsche. Das Armband wurde herausgenommen und ging von Hand zu Hand, doch alle betrachteten es stumm, einige sogar mit kaum merklichem Spottlächeln. Nur die Mama äußerte halblaut, daß es „sehr nett“ sei. Pawel Pawlowitsch wäre am liebsten in die Erde versunken.

Da rettete Weltschaninoff die Situation.

Lebhaft und mit seiner ganzen Routine knüpfte er sogleich ein Gespräch an, benutzte den ersten besten Gedanken, der ihm kam, und es vergingen keine fünf Minuten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gefesselt. Die Kunst, in Gesellschaft zu plaudern, beherrschte er meisterhaft, – das heißt die Kunst, vollkommen harmlos zu scheinen und zu tun, als halte er seine Zuhörer für genau so harmlos und offenherzig, wie er es selbst ist. Mit fabelhafter Naturtreue gelang es ihm auch, wenn es nötig war, den glücklichsten und heitersten Menschen darzustellen. Nicht minder geschickt verstand er z. B. eine scharfsinnige, interessante Bemerkung, eine witzige Anspielung oder eine humorvolle Anekdote so nebenbei mit ins Gespräch einzuflechten, als habe sich das ganz von selbst ergeben, als bemerke er es überhaupt nicht, oder als sei alles Geistvolle ganz selbstverständlich – während in Wirklichkeit sowohl die Bemerkung wie die Anspielung und die betreffende Anekdote vielleicht schon viel früher einmal von ihm ersonnen und auswendig gelernt und wohl schon manches liebe Mal angebracht worden waren. Doch diesmal kam seiner Kunst noch die Natur selbst zu Hilfe: er fühlte sich zu einer geistvollen Unterhaltung so aufgelegt, wie noch nie; es war da irgend etwas, das ihn einfach mit sich selbst fortriß; und die Überzeugung, daß in wenigen Minuten alle diese Augen nur auf ihn gerichtet sein, alle Anwesenden nur ihm allein zuhören, nur mit ihm allein sprechen und nur über seine Witze lachen würden, gab ihm die Sicherheit der Siegesgewißheit und inspirierte ihn in einer Weise, daß er förmlich sich selbst übertraf. Und in der Tat, bald hörte man leises Lachen und schon ließen sich auch andere ins Gespräch hineinziehen – denn das verstand er vorzüglich, andere gleichfalls zum Reden zu bringen – und schon begannen drei oder vier zu gleicher Zeit zu sprechen, so lebhaft war man geworden. Sogar das gelangweilte, müde Gesicht der Madame Sachlebinin erhellte sich vor Freude, und mit Katerina Fedossejewna war dasselbe der Fall: sie hörte ihm mit dem lebhaftesten Interesse zu und schien überhaupt nur noch für ihn Augen und Ohren zu haben.

Nadjä beobachtete ihn unausgesetzt mit prüfenden Blicken etwas unter der Stirn hervor – sie war augenscheinlich gegen ihn eingenommen. Das trieb ihn nur noch mehr an, den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit ins Treffen zu führen. Der „boshaften“ Marja Nikititschna gelang es aber doch, eine ihm ziemlich peinliche Stichelei anzubringen: sie behauptete plötzlich – was sie sich selbst ausgedacht hatte – daß Pawel Pawlowitsch bei seinem Besuch tags zuvor von ihm als von seinem ehemaligen Spielkameraden und Jugendfreund gesprochen habe, wodurch sie zu verstehen gab, daß sie ihn für ebenso alt halte, wie Pawel Pawlowitsch, der doch um ganze sieben Jahre älter war, als Weltschaninoff. Doch auch der boshaften Marja Nikititschna gefiel er schließlich. Pawel Pawlowitsch war einfach wie vor den Kopf gestoßen. Obschon er wußte, welch ein glänzender Gesellschafter sein „Freund“ sein konnte, und sich anfangs aufrichtig über seinen Erfolg gefreut hatte – er lachte zunächst über jedes gelungene Wort oder kicherte beifällig und mischte sich sogar selbst ins Gespräch – so verstummte er doch allmählich, schien gleichsam nachdenklich zu werden, und zu guter Letzt sprach sogar eine gewisse offenkundige Verstimmtheit aus seinem verbissenen Gesicht.

„Nun, Sie sind ja ein Gast, um dessen Unterhaltung man sich nicht erst zu bemühen braucht,“ meinte schließlich der alte Sachlebinin heiter, indessen er sich vom Stuhl erhob, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben. Dort harrte seiner eine ganze Menge Schriftstücke, die er, obschon es ein Feiertag war, alle noch durchsehen wollte. „Und stellen Sie sich vor, ich hielt Sie für den schlimmsten Hypochonder unter allen unseren Junggesellen. Da sieht man wieder, wie man sich mitunter täuschen kann!“

Im Saal stand ein Flügel; Weltschaninoff fragte, wer sich von den Damen mit Musik beschäftige, und plötzlich wandte er sich an Nadjä:

„Sie singen, nicht wahr?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ fragte Nadjä schnippisch.

„Pawel Pawlowitsch sagte es doch vorhin.“

„Das ist nicht wahr! Ich singe gar nicht! Oder wenn ich singe, dann tue ich es nur so zum Ulk. Ich habe überhaupt keine Stimme.“

„Auch ich habe keine Stimme und doch singe ich.“

„Ja? Werden Sie uns etwas vorsingen? Nun, dann werde auch ich singen!“ rief Nadjä mit aufblitzenden Augen, „aber nicht jetzt, später, nach dem Essen! – Ich kann Musik nicht ausstehen,“ fuhr sie fort, „dieses ewige Geklimper langweilt mich furchtbar. Bei uns wird doch vom Morgen bis zum Abend gespielt und gesungen – Katjä allein übt ja schon den ganzen Tag.“

Weltschaninoff griff sofort die Bemerkung auf und es stellte sich heraus, daß von allen in der Tat nur Katerina Fedossejewna sich ernstlich mit Musik beschäftigte. Da wandte er sich sogleich mit der Bitte an sie, doch etwas vorzuspielen. Ersichtlich berührte es alle sehr angenehm, daß er sich an Katjä gewandt hatte, und ^maman^ errötete sogar vor Freude. Katerina Fedossejewna erhob sich lächelnd und trat an den Flügel: und mit einemmal – es kam ihr selbst ganz unerwartet – errötete sie gleichfalls, und plötzlich schämte sie sich entsetzlich, daß sie, die schon so groß und schon vierundzwanzig Jahre alt und schon so üppig war, wie ein kleines Mädchen erröten konnte, – und alles das las man in ihrem Gesicht, während sie sich hinsetzte, um die Bitte des Gastes zu erfüllen. Sie spielte irgend etwas von Haydn und spielte es tadellos, wenn auch ohne besonderen Ausdruck. Offenbar: sie schämte sich. Nachdem sie es beendet hatte, begann Weltschaninoff animiert, nicht ihr Spiel, sondern Haydn und namentlich jene kleine Komposition von ihm, die sie gespielt hatte, beifällig zu beurteilen, und das war ihr augenscheinlich so angenehm und sie hörte so dankbar und glücklich das Lob an, das nicht ihr, sondern Haydn galt, daß Weltschaninoff sie unwillkürlich aufmerksamer und fast sogar zärtlich betrachtete: „Ei, du bist ja reizend!“ sprach sein Blick – und plötzlich errieten alle diesen Blick, und auch Katerina Fedossejewna erriet ihn.

„Sie haben da einen herrlichen Garten,“ wandte er sich wieder an alle, nach einem Blick durch die Glastür der Veranda, „ich möchte einen Vorschlag machen: gehen wir jetzt alle etwas spazieren.“

„Ja, ja, gehen wir, gehen wir!“ erscholl von allen Seiten fröhlicher Beifall, als hätte er den größten Herzenswunsch aller Anwesenden ausgesprochen.

Im Garten blieb man dann bis zum Mittagessen, das nach der Petersburger Sitte wie gewöhnlich um fünf Uhr serviert wurde. Madame Sachlebinin, die nicht gut ohne ein Nachmittagsschläfchen auskam, konnte sich doch nicht enthalten, mit den übrigen hinauszugehen, blieb aber dann „zur Erholung“ auf der Veranda sitzen, wo sie alsbald einschlummerte. Im Garten wurden die Beziehungen zwischen Weltschaninoff und den jungen Mädchen noch freundschaftlicher. Er bemerkte alsbald, daß aus den Nachbarvillen drei Jünglinge sich zu ihnen gesellt hatten. Einer von ihnen war Student, ein anderer erst Gymnasiast. Sie suchten jeder sogleich die entsprechende, junge Dame auf, um derentwillen sie offenbar nur gekommen waren. Der dritte „junge Mann“ – ein zwanzigjähriger Jüngling mit struppigem Haar und finsterem Gesicht, das eine große blaue Brille noch mehr verfinsterte – begann schnell und ärgerlich mit Marja Nikititschna und Nadjä über irgend etwas zu tuscheln. Er musterte auch Weltschaninoff mit strengem Blick und schien es offenbar für seine Pflicht zu halten, ihn mit der größten Verachtung zu behandeln. Einige der Mädchen schlugen vor, schneller „mit dem Spiele“ zu beginnen. Auf Weltschaninoffs Frage, was denn gespielt werden solle und welche Spiele sie gewöhnlich bevorzugten, wurde ihm die vielstimmige Antwort zuteil, daß sie gewöhnlich „alle Spiele“ spielten, am Abend aber komme meist ein Sprichwörterspiel an die Reihe – und sie erklärten ihm dasselbe ausführlich folgendermaßen: Alle setzen sich und einer oder eine muß fortgehen und sich die Ohren zuhalten; die Sitzenden wählen dann irgendein Sprichwort, z. B. „Eile mit Weile“, und nachdem dann der, welcher fortgegangen, wieder zurückgerufen ist, muß jeder oder jede der Reihe nach einen Satz sagen: die erste einen, in dem unbedingt das Wort „Eile“ vorkommen muß, die zweite einen Satz mit dem Wort „mit“, und so weiter. Jener aber „müsse unbedingt die richtigen Wörter herausmerken und das Sprichwort erraten“.

„Das muß ja sehr amüsant sein,“ meinte Weltschaninoff.

„Ach nein, gar nicht, es ist furchtbar langweilig!“ antworteten zwei oder drei Stimmen zugleich.

„Oh, aber zuweilen spielen wir auch Theater!“ wandte sich plötzlich Nadjä ihm zu. „Sehen Sie dort den großen Baum mit dem Buschwerk ringsherum: dort, hinter dem Baum, sind die Kulissen – es sind ja keine, aber wir sagen so – dort sitzen dann die Schauspieler, gleichviel was sie da sind, König oder Königin, oder die Prinzessin, oder der Held und Liebhaber – wie es ein jeder selbst will. Und jeder tritt dann auf, wenn er Lust hat und redet, was ihm einfällt. Nun und so kommt denn dabei irgend etwas heraus.“

„Das muß ja allerliebst sein!“ meinte wiederum Weltschaninoff in lobender Anerkennung der Leistungen.

„Ach nein, schrecklich langweilig! Zuerst ist es ganz lustig, aber zum Schluß wird es immer blödsinnig, denn niemand versteht irgendwie abzuschließen. Ja, mit Ihnen, da wäre es was anderes, wenn Sie mitspielen wollten. Wir glaubten doch, daß Sie ein Freund von Pawel Pawlowitsch seien, aber da stellt es sich jetzt heraus, daß er einfach nur geprahlt hat. Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind ... und das – aus einem besonderen Grunde ...“

Sie sah ihn sehr ernst und bedeutsam an und kehrte wieder zu ihrer Marja Nikititschna zurück.

„Das Sprichwörterspiel werden wir am Abend spielen,“ tuschelte plötzlich vertrauensvoll und mitteilsam eine der kleinen Freundinnen Weltschaninoff zu, – eine, die er bis dahin noch kaum beachtet und mit der er noch kein Wort gesprochen hatte, „und wenn wir dann alle Pawel Pawlowitsch auslachen, müssen Sie mitlachen, ja?“

„Ach, wie gut das ist, daß Sie gekommen sind, sonst ist es bei uns immer so langweilig!“ teilte ihm freundschaftlich eine andere Kleine mit, die er überhaupt noch nicht bemerkt hatte, und die plötzlich Gott weiß woher aufgetaucht war – eine kleine Rothaarige mit Sommersprossen und einem vom Laufen höchst komisch geröteten Gesicht.

Pawel Pawlowitschs Unruhe wurde immer größer. Weltschaninoff dagegen schloß inzwischen Freundschaft mit Nadjä, die ihn längst nicht mehr mißtrauisch betrachtete, vielmehr jede Absicht, ihn genauer zu prüfen, vergessen zu haben schien, und vorläufig nur lachte und lief und herumhüpfte und zweimal plötzlich sogar seine Hand ergriff. Sie war unsagbar glücklich, Pawel Pawlowitsch jedoch schenkte sie nicht die geringste Beachtung, als existiere er überhaupt nicht. Bald hatte Weltschaninoff sich überzeugt, daß eine regelrechte Verschwörung gegen Pawel Pawlowitsch geplant war. Nadjä und die halbe Schar der Mädchen führte Weltschaninoff nach der einen Seite des Gartens, während gleichzeitig die andere halbe Schar Pawel Pawlowitsch unter verschiedenen Vorwänden nach der entgegengesetzten Seite zu entführen suchte, was jedoch nicht gelang. Pawel Pawlowitsch riß sich nämlich plötzlich los und eilte schnurstracks zu Weltschaninoff und Nadjä, die beide ordentlich erschraken, als sein kahler, unruhig aufhorchender Schädel zwischen ihnen auftauchte. Zu guter Letzt scheute er sich gar nicht mehr, offen seine Eifersucht zu zeigen, – die Naivität seines Gebarens war bisweilen mehr als erstaunlich. Weltschaninoff konnte nicht umhin, Katerina Fedossejewna nochmals mit besonderem Interesse zu betrachten: sie war sich jetzt natürlich schon klar darüber, daß er durchaus nicht um ihretwillen gekommen war und sich bereits gar zu lebhaft für Nadjä interessierte, doch der Ausdruck ihres Gesichts blieb ebenso lieb und gut, wie er vorher gewesen war. Sie schien allein schon deshalb glücklich zu sein, weil sie gleichfalls bei ihnen sein und mit anhören konnte, was der neue Gast sprach; leider verstand es die Ärmste nur gar nicht, sich auch selbst geschickt am Gespräch zu beteiligen.

„Wie reizend Ihre Schwester Katerina Fedossejewna ist!“ sagte er leise zu Nadjä.

„Katjä? Ja kann es denn überhaupt eine bessere Seele geben? Sie ist doch unser Engel, ich bin einfach in sie verliebt!“ entgegnete die Kleine ganz begeistert.

Um fünf Uhr ging man zu Tisch. Auch das Mittagessen zeichnete sich in einer Weise aus, die verriet, daß es zu Ehren des Gastes mit besonderer Sorgfalt zubereitet worden war. Zwei oder drei der Speisen waren zweifellos Zugaben, die die staatsrätliche Küche nicht jeden Tag herstellte, und eine von ihnen war sogar so eigenartig, daß es wohl jedem Uneingeweihten schwer gefallen wäre, der Speise einen Namen zu geben. Außer dem üblichen Tischwein gab es noch – offenbar gleichfalls zu Ehren des Gastes – Tokaier, und zum Schluß wurde sogar Champagner gereicht. Der alte Herr Sachlebinin fühlte sich durch die verschiedenen Gläschen in die leutseligste Stimmung versetzt und war bereit, über alles, was Weltschaninoff sagte, zu lachen. Das endete damit, daß Pawel Pawlowitsch sich von seinem Ehrgeiz verleiten ließ, gleichfalls etwas Witziges zu sagen: und plötzlich erscholl an jenem Ende des Tisches, wo er neben Madame Sachlebinin saß, lautes Gelächter der jungen Mädchen.

„Papa, Papa! Pawel Pawlowitsch hat auch einen Witz gemacht!“ riefen zwei wie aus einem Munde. „Er sagt, wir seien ‚Fräulein, über die man sich freuen müsse ...‘“

„Ah, also auch er macht Witze! Nun, was für einen Witz hat er denn gemacht?“ erkundigte sich erwartungsvoll der Staatsrat, sich huldvoll jenem Tischende zuwendend, und er lächelte bereits im voraus über den Witz, den er nun zu hören bekommen würde.

„Aber das war es doch, er sagt, wir seien ‚_Fräu_lein, über die man sich _freuen_ müsse‘.“

„J–ja? Nun und?“

Der alte Herr begriff den „Witz“ noch immer nicht und lächelte in der Erwartung noch freundlicher.

„Ach, Papa, wie Sie aber auch sind! Nun, ‚_Fräu_lein‘ und dann ‚_freuen_‘ – ‚Fräu‘ klingt wie ‚freu‘, also ‚_Fräu_lein, über die man sich _freuen_ müsse‘.“

„A–a–ah!“ machte der Alte etwas verblüfft. „Hm! Nun, das nächstemal wird er einen besseren Witz machen!“

Und er lachte vor sich hin.

„Pawel Pawlowitsch, man kann sich doch nicht durch alle Vorzüge auszeichnen!“ neckte ihn Marja Nikititschna. „Ach, mein Gott, eine Gräte ist ihm in den Hals geraten, er erstickt!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken und sprang im Nu vom Stuhl auf.

Das rief eine allgemeine Verwirrung hervor – doch weiter wollte ja Marja Nikititschna nichts damit bezwecken. Pawel Pawlowitsch hatte sich nur ein wenig verschluckt, als er, um seine Verlegenheit zu verbergen, beim Weintrinken nach dem Glase gegriffen, doch Marja Nikititschna versicherte nach allen Seiten, daß es eine Gräte sei, sie habe es selbst gesehen, und er könne davon sterben.

„Auf den Rücken klopfen!“ rief jemand.

„Ja, das ist das Beste!“ bestätigte der Hausherr laut, und im Augenblick waren auch schon eine ganze Reihe Dienstbeflissener zur Stelle: Marja Nikititschna und die kleine, drollige, rothaarige Freundin – die man mit zu Tisch geladen hatte – und sogar die Dame des Hauses, die ernstlich erschrocken zu sein schien. Pawel Pawlowitsch war gleichfalls aufgesprungen, um möglichst den Schlägen zu entgehen, doch lange mußte er vergeblich nach links und rechts beteuern, daß er sich nur beim Weintrinken verschluckt habe und der Husten sogleich vorüber sein werde – bis man endlich erriet, daß das Ganze nur ein mutwilliger Streich von Marja Nikititschna war.

„Schäm dich, du bist wieder mal unglaublich! ...“ wandte sich Madame Sachlebinin in streng verweisendem Tone an Marja Nikititschna, konnte sich aber selbst nicht bezwingen und lachte so belustigt auf, wie man es von ihr wohl nur höchst selten gehört hatte, – nach dem Eindruck zu urteilen, den ihr Lachen selbst auf die fröhlichen Familienmitglieder machte.

Nach dem Essen wurde der Kaffee auf der Veranda getrunken.

„Wie schön das Wetter jetzt ist!“ sagte der Alte lobend und mit Wohlgefallen in den Garten blickend. „Regen könnte allerdings nicht schaden ... Doch – ich werde mich jetzt etwas zurückziehen und erholen. Nun, amüsiert euch nur, amüsiert euch! Und auch du amüsiere dich!“ riet er beim Hinausgehen noch Pawel Pawlowitsch und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Kaum waren alle wieder im Garten, da zupfte plötzlich Pawel Pawlowitsch Weltschaninoff am Ärmel.

„Auf einen Augenblick!“ flüsterte er sichtlich erregt.

Sie bogen in einen Seitenweg ein, der nach dem einsamen Teil des Gartens führte.

„Nein, hier, verzeihen Sie, hier will ich’s mir denn doch verbitten ... hier werde ich es mir doch nicht gefallen lassen!“ sagte er wutbebend – seine Faust ließ den Ärmel nicht los.

„Was denn? Was?“ fragte Weltschaninoff und sah ihn mit großen Augen ganz erstaunt an.

Pawel Pawlowitsch blickte schweigend zu ihm auf, bewegte die Lippen und – lächelte vor Wut.

„Wohin gehen Sie denn? So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn? Alles ist schon fertig!“ hörte man die ungeduldig rufenden Stimmen der jungen Mädchen.

Weltschaninoff zuckte mit der Achsel und kehrte zu ihnen zurück. Pawel Pawlowitsch folgte ihm.

„Ich könnte wetten, daß er Sie um ein Taschentuch gebeten hat,“ sagte Marja Nikititschna, „gestern hatte er gleichfalls sein Taschentuch vergessen.“

„Ewig vergißt er was!“ bemerkte eine der mittleren Schwestern.

„Er hat sein Taschentuch vergessen! Pawel Pawlowitsch hat sein Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder sein Taschentuch vergessen! ^Maman^, Pawel Pawlowitsch hat wieder Schnupfen!“ tönte es von allen Seiten.

„Aber weshalb sagt er denn das nicht gleich! Wie können Sie nur so ... pedantisch sein, Pawel Pawlowitsch!“ sagte überaus langsam Madame Sachlebinin. „Ein Schnupfen kann sehr gefährlich werden. Ich werde Ihnen sogleich ein Taschentuch schicken ... Wie kommt es nur, daß Sie einen Schnupfen haben?“ fragte sie noch im Fortgehen, innerlich froh über den Vorwand, der ihr die Möglichkeit gab, sich wieder zurückzuziehen.

„Ich habe _zwei_ Taschentücher und gar keinen Schnupfen!“ rief Pawel Pawlowitsch ihr nach, doch sie hörte es zu undeutlich, um ihn zu verstehen, und nach einer kleinen Weile, während der man weitergegangen war und Pawel Pawlowitsch sich näher an Nadjä und Weltschaninoff herangeschlängelt hatte, kam ihnen ein Hausmädchen atemlos nachgelaufen und brachte ihm das versprochene Taschentuch.

„Jetzt spielen, spielen, das Sprichwörterspiel!“ riefen die Mädchen eifrig, als erwarteten sie Gott weiß was von diesem Spiel.

Man setzte sich auf die Gartenbänke in einer Reihe hin und Marja Nikititschna erhob sich als erste; man sagte ihr, sie solle möglichst weit fortgehen und „nur ja nicht horchen!“ Währenddessen wählte man ein Sprichwort. Marja Nikititschna wurde zurückgerufen und erriet es sogleich.

Nach ihr kam die Reihe an den jungen Mann mit dem struppigen Haar und der blauen Brille. Von ihm verlangte man, daß er noch weiter fortgehe, bis zur Laube, und sich so hinstelle, „mit dem Rücken zu uns und mit dem Gesicht nach dem Zaun“. Der finstere junge Mann befolgte die Vorschrift mit verächtlicher Miene und schien sie sogar als eine gewisse moralische Erniedrigung zu empfinden. Als man ihn zurückrief, konnte er nichts erraten; er hörte die ganze Reihe nacheinander an, jeder Satz wurde ihm zweimal gesagt, er dachte lange und finster grübelnd nach, doch leider vergeblich. Man lachte ihn schließlich aus und sagte ihm, er solle sich schämen. Das Sprichwort lautete:

„Zu Gott gebetet und dem Zaren gedient, ist nicht vergebliche Müh’.“

„So ’n Blödsinn!“ brummte der verletzte Jüngling unwillig und zog sich auf seinen Platz zurück.

„Ach wie langweilig!“ hörte man von einigen.

Weltschaninoff mußte gehen: man schickte ihn also fort, doch auch er konnte nichts erraten.

„Ach wie langweilig!“ sagten noch mehr Stimmen.

„Nun, jetzt gehe ich,“ sagte Nadjä.

„Nein, nein, jetzt muß Pawel Pawlowitsch gehen, jetzt ist er an der Reihe!“ riefen mehrere Stimmen und alle belebten sich ein wenig.