Sämtliche Werke 20

Part 9

Chapter 93,741 wordsPublic domain

„Was fehlt Ihnen eigentlich, Verehrtester: Sie scheinen ja, wenn Sie einmal ins Gackern hineingekommen sind, nicht mehr aufhören zu können. Oder haben Sie Ihren Verstand vielleicht in Ihrem Departemang gelassen?“

„Genug, meine Herren, genug!“ rief allmächtig Swerkoff dazwischen.

„Wie dumm das ist!“ brummte halblaut Ssimonoff.

„Du hast Recht, das ist wirklich dumm. Wir haben uns hier als Freunde versammelt, zum letzten Mal, zum Abschied von unserem verreisenden Freunde, und Sie müssen es natürlich wieder zum Streit bringen,“ sagte Trudoljuboff, wobei er sich grob nur an mich allein wandte. „Sie haben sich uns gestern selbst aufgedrängt, so stören Sie denn jetzt bitte nicht die allgemeine Harmonie ...“

„Genug, genug!“ rief Swerkoff. „Hören Sie auf, meine Herren, das geht wirklich nicht so weiter. Ich werde Ihnen lieber erzählen, wie ich vor drei Tagen fast geheiratet hätte – faktisch ...“

Und so begann denn die Erzählung der Geschichte, wie dieser Herr vor drei Tagen fast geheiratet hätte. Von dem Heiratsprojekt selbst war eigentlich wenig die Rede, oder richtiger, überhaupt nicht; es drehte sich immer nur um Generäle, Generalleutnants, Obristen und sogar Kammerjunker, – unter denen Swerkoff natürlich die erste Rolle spielte. Bald erhob sich auch beifälliges Lachen; Ferfitschkin wieherte förmlich.

Mich vergaßen sie ganz; ich saß moralisch vernichtet auf meinem Stuhl und schwieg.

„Gott, ist denn das meine Gesellschaft?“ dachte ich. „Und als was für einen Tölpel habe ich mich ihnen gezeigt! Aber Ferfitschkin habe ich doch zu viel erlaubt. Da denken nun die Rüpel, sie machten mir große Ehre, wenn sie mir an ihrem Tisch einen Platz geben, und begreifen nicht, daß _ich_ es bin, der ihnen Ehre erweist, aber nicht etwa sie sie mir erweisen! ‚Wie mager!! Wie verändert!‘ Oh, diese verfluchten Hosen! Swerkoff hat ja schon bei der Begrüßung den gelben Fleck auf dem Knie bemerkt ... Ach was! Stehe sofort auf, nehme meinen Hut und gehe ohne ein Wort zu sagen ... Aus Verachtung! Und morgen meinetwegen auf Pistolen ... Diese Schufte! Mir tun doch nicht die sieben Rubel leid. Aber, sie könnten denken ... Hols der Teufel! Was sind denn sieben Rubel! Ich gehe sofort! ...“

Natürlich blieb ich.

Vor Kummer trank ich Lafitte und Sherry glasweise. Da ich das Trinken aber nicht gewohnt war, so wurde ich bald betrunken, und mit der Trunkenheit wuchs auch der Ärger. Mich überkam plötzlich die Lust, sie alle in der frechsten Weise zu beleidigen und dann fortzugehn: „Den günstigsten Augenblick abwarten und sich dann einmal zeigen: mögen sie sagen: wenn er auch lächerlich ist, so ist er doch klug ... und ... und ... mit einem Wort – der Teufel hole sie alle!“

Ich betrachtete sie unverschämt mit meinen blöd gewordenen Augen; sie aber taten, als bemerkten sie mich überhaupt nicht. Bei _ihnen_ ging es laut und fröhlich zu. Es war immer noch Swerkoff, der da sprach. Er erzählte von irgend einer schönen Dame, die er endlich so weit gebracht haben wollte, daß sie ihm eine Liebeserklärung gemacht – er log natürlich wie ... wie ein Mensch – und daß ihm in dieser Sache sein intimer Freund, der Husarenoffizier Kolä – irgend ein Fürst, der dreitausend Seelen besitzen sollte – ganz besonders geholfen hätte.

„Das hindert natürlich nicht, daß es diesen Kolä, der dreitausend Seelen hat, überhaupt nicht gibt,“ unterbrach ich plötzlich das Gespräch.

Alle verstummten.

„Sie sind ja schon jetzt besoffen,“ sagte endlich Trudoljuboff, der allein mich zu bemerken geruhte, und blickte mich verächtlich von der Seite an. Swerkoff fixierte mich wie einen Käfer unterm Mikroskop. Ich senkte meinen Blick. Ssimonoff beeilte sich, den Champagner einzugießen.

Trudoljuboff erhob das Glas und seinem Beispiel folgten alle – außer mir.

„Auf Deine Gesundheit! und glückliche Reise!“ rief er Swerkoff zu, „auf die alten Jahre, meine Herren, die Zukunft! Hurrah!“

Alle tranken und gingen dann zu Swerkoff, um ihn zu küssen. Ich saß unbeweglich, das volle Glas stand vor mir unberührt.

„Sie wollen also _nicht_ trinken?!“ schrie mich plötzlich drohend Trudoljuboff an, dem die Geduld riß.

„Ich möchte meinerseits einen Speech halten ... und dann erst werde ich trinken, Herr Trudoljuboff.“

„Widerlicher Giftpilz!“ brummte Ssimonoff.

Ich bog mich etwas zurück auf dem Stuhl, Brust heraus, nahm das Glas und erwartete im Fieber etwas ganz Ungewöhnliches: ich wußte selbst noch nicht, was ich eigentlich sagen würde.

„Silence!“ rief Ferfitschkin. „Jetzt wird’s Verstand hageln!“

Swerkoff erwartete sehr ernst, was da kommen würde, denn er begriff, worum es sich handelte.

„Herr Leutnant Swerkoff,“ begann ich, „ich hasse die Phrase, die Phraseure und die engen Taillen ... Das ist der erste Punkt, und hierauf folgt der zweite.“

Alle wurden unruhig.

„Der zweite Punkt ist: ich hasse gewisse Damen und die Liebhaber dieser Damen. Besonders die Liebhaber! Der dritte Punkt: ich liebe Wahrheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit,“ fuhr ich fast mechanisch fort, denn ich fühlte mich schon gefrieren, erstarren vor Entsetzen; begriff ich doch selbst nicht, wie ich das alles so sagen konnte. „Ich liebe den Gedanken, ^monsieur^ Swerkoff; ich liebe wahre Kameradschaftlichkeit auf gleichem Fuß, nicht aber ... hm! ... Ich liebe ... Doch übrigens – wozu? Auch ich werde auf Ihre Gesundheit trinken, ^monsieur^ Swerkoff. Verführen Sie Tscherkessinnen, erschießen Sie die Feinde des Vaterlandes und ... und ... Auf Ihre Gesundheit, ^monsieur^ Swerkoff!“

Swerkoff erhob sich, verbeugte sich gemessen und sagte eisig:

„Ich danke Ihnen sehr.“

Er war maßlos gekränkt und ganz bleich im Gesicht.

„Das ist aber mal stark!“ schrie Trudoljuboff und schlug empört mit der Faust auf den Tisch.

„Für so etwas verabreicht man Ohrfeigen!“ rief Ferfitschkin.

„Läßt ihn einfach rausschmeißen!“ brummte Ssimonoff.

„Kein Wort, meine Herren, kein Wort weiter!“ rief feierlich Swerkoff und hielt damit die allgemeine Empörung auf. „Ich danke Ihnen allen, meine Herren, doch ich werde ihm selbst beweisen, inwieweit ich seine Worte zu schätzen verstehe.“

„Herr Ferfitschkin, morgen noch werden Sie mir für Ihre Worte Rechenschaft geben!“ sagte ich plötzlich laut und wichtig zu Ferfitschkin.

„Sie meinen – ein Duell? Mit Vergnügen,“ antwortete der, doch war ich in dem Augenblick, als ich forderte, wahrscheinlich so lächerlich, daß Swerkoff, Ssimonoff und Trudoljuboff, und nach ihnen auch Ferfitschkin sich vor Lachen einfach wälzten.

„Er ist ja schon ganz besoffen, beachten wir ihn weiter nicht!“ sagte schließlich angeekelt Trudoljuboff.

„Werde mir nie verzeihen, daß ich ihn zugelassen habe!“ brummte wieder Ssimonoff.

„Jetzt einfach eine Flasche ihnen allen an die Köpfe,“ dachte ich, nahm die Flasche und ... goß mir das Glas bis zum Rande voll.

„Nein, lieber bleibe ich bis zum Schluß hier!“ fuhr ich fort zu denken, „Euch, meine Lieben, Euch könnte jetzt wohl nichts Angenehmeres geschehen, als daß ich aufstände und fortginge. Gepfiffen! Werde zum Trotz bis zum Schluß sitzen bleiben, zum Zeichen dessen, daß ich Euch nicht die geringste Wichtigkeit beilege. Werde sitzen und trinken, denn das hier ist doch ein öffentliches Lokal, in das ich für mein Geld eingetreten bin. Werde sitzen und trinken, denn in meinen Augen seid Ihr nichts als Tölpel, nicht vorhandene Tölpel! Werde sitzen und trinken ... und singen, wenn’s mir einfällt, ja, und auch singen, denn ich habe das Recht ... zu singen ... hm!“

Aber ich sang doch nicht. Ich bemühte mich bloß, auf keinen von ihnen zu sehn; ich nahm die unabhängigsten Posen an, und wartete ungeduldig, wann sie mit mir wieder sprechen würden, – sie _zuerst_! Doch leider taten sie es nicht. Ach und wie wünschte ich in diesem Augenblick, mich mit ihnen zu versöhnen! Es schlug acht ... Es schlug neun. Sie gingen vom Tisch zum Diwan. Swerkoff streckte sich sofort aus und legte einen Fuß auf ein kleines rundes Tischchen. Dorthin wurde dann auch der Wein gebracht. Er setzte ihnen tatsächlich drei Flaschen an. Mich forderte er natürlich nicht auf. Die anderen setzten sich um ihn herum und hörten ihm andächtig zu. Man sah es ihnen an, daß sie ihn liebten. „Weswegen? Weswegen nur?“ dachte ich bei mir. Zuweilen gerieten sie in trunkene Begeisterung und fielen dann einander um den Hals. Sie sprachen vom Kaukasus, sprachen über die wahre Leidenschaft, über das Kartenspiel, über vorteilhafte Posten im Dienst, sprachen über die Einkünfte, die der Husarenoffizier Podcharschewski hatte, – ein Mensch, den keiner von ihnen persönlich kannte, und sie freuten sich, daß er große Einkünfte hatte – sie sprachen von der ungewöhnlichen Schönheit und Grazie der Fürstin D–i, die gleichfalls keiner von ihnen gesehn hatte; endlich kam es so weit, daß Shakespeare von ihnen für unsterblich erklärt wurde.

Ich lächelte spöttisch und ging in der anderen Hälfte des Zimmers auf und ab: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. Aus allen Kräften strengte ich mich an, ihnen zu zeigen, daß ich auch ohne sie auskommen könnte; mittlerweile aber fing ich absichtlich an, so laut wie möglich auf und ab zu schreiten, ja ich stampfte sogar ganz ordentlich mit den Absätzen. Doch alles war vergeblich. _Sie_ schenkten mir nicht die geringste Aufmerksamkeit. Ich hatte die Geduld, in dieser Weise vor ihnen von acht bis elf Uhr auf und ab zu gehn, immer auf ein und derselben Stelle: vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch. „So, ich gehe einfach, und niemand kann es mir verbieten.“ Der abräumende Bediente hielt mehrmals in seiner Beschäftigung inne, um mich verwundert zu betrachten. Von dem häufigen Umkehren drehte sich mir schon alles vor den Augen; zuweilen schien mir alles nur ein Fieberwahn zu sein. In diesen drei Stunden geriet ich dreimal in Schweiß und wurde dreimal wieder pulvertrocken. Mitunter bohrte sich mir mit tiefem, ätzendem Weh der Gedanke ins Herz, daß ich mich noch nach zehn Jahren, nach zwanzig, nach vierzig Jahren, ja, selbst nach vierzig Jahren noch mit Schmerz und Selbstverabscheuung an diese schmutzigsten, lächerlichsten und schrecklichsten Augenblicke meines ganzen Lebens erinnern werde. Noch gewissenloser und noch freiwilliger sich selbst zu erniedrigen, war schon unmöglich, und ich begriff das vollkommen, nein, wirklich, das begriff ich so voll und ganz, wie man’s besser überhaupt nicht gekonnt hätte – und trotzdem fuhr ich fort, vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch zu gehn. „O, wenn Ihr nur wüßtet, welcher Gefühle und Gedanken ich fähig bin, und überhaupt wie entwickelt ich bin!“ dachte ich, mich in Gedanken an den Diwan wendend, auf dem meine Feinde saßen. Doch meine Feinde taten, als wäre ich überhaupt nicht im Zimmer gewesen. Einmal, nur ein einziges Mal wandten sie sich nach mir um, nämlich als Swerkoff über Shakespeare sprach und ich plötzlich laut auflachte: ich lachte so unnatürlich, so gemein, daß sie alle im selben Augenblick verstummten und mich zwei oder drei Minuten lang schweigend und ernst betrachteten, wie ich an der Wand vom Tisch bis zum Ofen und vom Ofen bis zum Tisch ging und _sie überhaupt nicht beachtete_. Aber sie sagten kein Wort und wandten sich wieder von mir ab. Da schlug es elf.

„Meine Herren!“ rief aufspringend plötzlich Swerkoff. „Jetzt gehn wir alle _dorthin_!“

„Versteht sich! Famos!“ riefen die anderen.

Ich drehte mich hastig um und trat auf Swerkoff zu. Ich war dermaßen abgequält, dermaßen gemartert, daß ich, und wenn es mir auch das Leben gekostet hätte, einen Schluß damit machen mußte. Ich war im Fieber; meine vom Schweiß feucht gewordenen Haare waren an Stirn und Schläfen angetrocknet.

„Swerkoff! Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte ich schroff und entschieden. „Auch Sie, Ferfitschkin, bitte ich, mir zu verzeihen, und Sie alle, alle, ich habe alle beleidigt!“

„Aha! Das Duell scheint ihm doch ’nen Schrecken eingejagt zu haben!“ tuschelte Ferfitschkin boshaft seinem Nachbar zu.

Das schnitt mir weh ins Herz.

„Nein, Ferfitschkin, ich habe keine Angst vor dem Duell! Ich bin bereit, mich morgen mit Ihnen zu schlagen, aber erst nachdem wir uns versöhnt haben. Ich bestehe sogar darauf, und Sie können es mir nicht abschlagen. Ich will Ihnen beweisen, daß ich das Duell nicht fürchte. Sie haben den ersten Schuß, ich aber werde in die Luft schießen.“

„Will sich trösten,“ bemerkte Ssimonoff.

„Faselt wieder mal!“ meinte Trudoljuboff.

„So lassen Sie mich doch vorüber, Sie versperren einem ja den Weg! ... Was wollen Sie denn eigentlich?“ fragte Swerkoff verächtlich.

Alle waren sie rot; ihre Augen glänzten: hatten viel getrunken.

„Ich bitte Sie um Ihre Freundschaft, Swerkoff, ich habe Sie beleidigt, aber ...“

„Beleidigt? S–sie? M–mich? Wissen Sie, mein Verehrtester, daß Sie niemals und unter keinen Umständen _mich_ beleidigen können!“

„Ach, hol ihn der Kuckuck,“ rief Trudoljuboff. „Fahren wir.“

„Olympia gehört mir, meine Herren, das ist abgemacht!“ rief Swerkoff.

„Schön, wir machen sie Ihnen nicht streitig!“ antwortete man ihm lachend.

Ich blieb wie ein begossener Hund zurück. Die Bande verließ geräuschvoll das Zimmer, Trudoljuboff stimmte irgend ein Lied an. Ssimonoff aber blieb noch auf einen Augenblick zurück, um den Bedienten das Trinkgeld zu geben. Da trat ich plötzlich an ihn heran.

„Ssimonoff! Geben Sie mir sechs Rubel!“ sagte ich entschlossen in meiner Verzweiflung.

Er sah mich über die Maßen verwundert mit sonderbar stumpfem Blick an. Er war gleichfalls betrunken.

„Ja, wollen Sie denn auch _dorthin_ mit uns!“

„Ja!“

„Ich habe kein Geld!“ sagte er kurz und wollte verächtlich lächelnd das Zimmer verlassen.

Ich ergriff ihn am Rock. Das war ja ein Alpdruck, ein Traum!!

„Ssimonoff! Ich habe in Ihrem Beutel das Geld gesehn, warum schlagen Sie es mir ab? Bin ich denn ein Schuft? Hüten Sie sich, es mir abzuschlagen: wenn Sie wüßten, wenn Sie nur wüßten, wozu ich es bitte! Davon hängt alles ab, alles, meine ganze Zukunft, alle meine Pläne ...“

Ssimonoff zog das Geld heraus und warf es mir verächtlich hin.

„Nehmen Sie, wenn Sie so unverschämt sind!“ rief er mir unbarmherzig zu und eilte den anderen nach.

Ich blieb eine Minute lang allein zurück. Unordnung, Speisereste, ein zerschlagenes Glas auf dem Fußboden, verschütteter Wein, Zigarettenstummel, Rauch .. Rausch und Fieberleere im Kopf, quälendes Weh im Herzen und schließlich der Kellner, der alles gesehn und gehört hatte und mir neugierig in die Augen blickte ...

„_Dorthin!_“ schrie ich auf. „Entweder sind alle auf den Knieen und flehen mich um meine Freundschaft an, oder ... oder ich gebe Swerkoff eine Ohrfeige!“

V.

„Endlich, endlich ist der Zusammenstoß mit der Wirklichkeit gekommen!“ murmelte ich, als ich die Treppe hinunter lief. „Das ist jetzt nicht mehr der Papst, der Rom verläßt, um nach Brasilien auszuwandern, das ist nicht mehr der Ball auf dem Comersee!“

„Gemein bist du, wenn du jetzt darüber lachst!“ zuckte es mir durch den Kopf.

„Meinetwegen!“ rief ich mir selbst zur Antwort. „Jetzt ist ja doch schon alles verloren!“

Von ihnen war jede Spur verschwunden: doch was tat’s schließlich: ich wußte, wohin sie gefahren waren.

An der Vorfahrt hielt einsam ein Schlitten; der Kutscher – einer von den Bauern, die die Not im Winter in die Stadt treibt, ein Wanjka in grobem Bauernkittel – war von dem immer noch träge fallenden nassen und, wie man hätte glauben können, warmen Schnee schon ganz bedeckt. Die Luft war feucht und schwül. Sein kleines rauhhaariges, mageres Pferdchen war gleichfalls schon ganz weißgeschneit und hustete – das weiß ich noch genau. Ich riß die Schlittendecke zurück, doch kaum hatte ich den Fuß hineingesetzt, als mich plötzlich die Erinnerung daran, wie Ssimonoff mir die sechs Rubel zugeworfen hatte, durchzuckte –: ich fiel wie von einem Keulenschlage getroffen auf den Schlitten.

„Nein, ich muß viel tun, um das wieder gut zu machen!“ schrie ich heiser. „Aber ich werde es schon tun, oder es ist noch heute Nacht aus mit mir. Fahr zu!“ Ich sagte ihm wohin. Das Pferd zog an. Ein ganzer Wirbelsturm von Gedanken wütete in meinem Hirn.

„Sie werden mich ja doch nicht um meine Freundschaft bitten, geschweige denn, daß sie es noch auf den Knieen täten. Das ist ja eine Fata morgana, eine umgekehrte Welt, die ich mir vorstelle, eine widerliche, romantische und phantastische Luftspiegelung, die ich mir wieder einmal vorstelle, ist ebenso wie der Ball auf dem Comersee. Und darum _muß_ ich Swerkoff eine Ohrfeige geben! Ich bin verpflichtet, sie ihm zu geben. Also es steht fest: ich fahre hin, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Schneller! Fahr zu!“

Der Wanjka zog die Zügel an.

„Sofort nachdem ich eingetreten bin, gebe ich sie ihm. Oder sollte man noch vorher einige Sätze so ... hm, gewissermaßen als Vorwort sagen? Nein. Ich trete ein und gebe sie ihm. Sie werden alle im Salon sitzen, er mit Olympia auf dem Sofa. Diese verfluchte Olympia! Sie hat über mein Gesicht gelacht und mir einmal abgesagt. Ich werde Olympia an den Haaren und Swerkoff an den Ohren fortziehen! Nein, besser an einem Ohr und so am Ohr werde ich ihn denn durch’s ganze Zimmer ziehen. Sie werden mich vielleicht überfallen und hinauswerfen. Bestimmt werden sie das tun. Meinetwegen! Immerhin habe ich zuerst die Ohrfeige gegeben; also meine Initiative ... und nach den Gesetzen des Ehrenkodex ist das alles: er ist gebrandmarkt und kann dann mit keinen Schlägen seine Ohrfeige abwaschen, außer mit einem Duell. Er muß mich fordern. Und mögen sie mich jetzt nur schlagen. Mögen Sie nur! Diese Undankbaren! Am meisten wird Trudoljuboff schlagen: er ist stark; Ferfitschkin wird sich an ungefährlicheren Stellen ankrallen, in die Haare wird er mir fahren, natürlich, der bestimmt in die Haare. Die sind ja für ihn wie geschaffen. Meinetwegen! Zu dem Zweck gehe ich ja hin. Diese Schafsköpfe werden doch endlich das Tragische in all dem begreifen müssen! Wenn sie mich zur Tür schleppen, werde ich ihnen zurufen, daß sie im Grunde nicht einmal meinen kleinen Finger wert sind. Fahr zu, Wanjka, fahr zu!“ schrie ich plötzlich. Der Kutscher zuckte zusammen vor Schreck und hieb mit der Peitsche auf seine Mähre ein. Ich hatte schon etwas zu wild geschrieen.

„Beim Morgengrauen schlagen wir uns, das steht fest. Mit der Kanzlei, oder wie Swerkoff sagt, dem Département ist es aus. Ferfitschkin sagte vorhin, ‚Debartemang‘. Woher aber die Pistolen nehmen? Unsinn! Ich nehme meine Gage voraus und kaufe sie. Aber das Pulver, und die Kugeln? Das ist Sache des Sekundanten. Und wie damit bis zum Morgengrauen fertig werden? Und wo den Sekundanten hernehmen? Ich habe keine Bekannten. Unsinn!“ rief ich noch erregter, „Unsinn! Der erste beste, den ich auf der Straße treffe und den ich darum angehe, ist verpflichtet, mein Sekundant zu sein, ganz so, wie er zum Beispiel verpflichtet wäre, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Die exzentrischsten Zufälle müssen doch zugegeben werden. Ja, wenn ich den Direktor morgen bitte, mein Sekundant zu sein, so müßte der sich schon allein aus Ritterlichkeit dazu bereit erklären und ... und das Geheimnis bewahren! – Anton Antonytsch ...“

Doch in demselben Augenblick begriff ich klarer und deutlicher als je die ganze blödsinnige Unmöglichkeit meiner Voraussetzungen und die ganze Kehrseite der Medaille, aber ...

„Fahr zu, Wanjka, fahr zu, Esel, fahr zu!“

„Ach Herr!“ sagte die Landkraft.

Ein Frösteln überlief mich.

„Aber wär’s nicht besser ... weiß Gott, wär’s nicht besser ... direkt nach Hause zu fahren, sofort? Ach, warum, warum drängte ich mich gestern zu diesem Abschiedsmahl auf! Doch nein, das ist unmöglich! Und der Spaziergang von acht bis elf vom Tisch bis zum Ofen, vom Ofen bis zum Tisch? Nein, _sie_, _sie_ müssen für diesen Spaziergang büßen! _Sie_ müssen diese Schmach abwaschen! Fahr zu!“

„Aber was dann, wenn sie mich auf die Polizeiwacht bringen?! Das werden sie nicht wagen! Werden einen Skandal fürchten. Was aber dann, wenn Swerkoff aus Verachtung das Duell ausschlägt? Das ist ja so gut wie sicher; dann aber werde ich ihnen beweisen ... Dann werde ich in den Posthof gehen, wenn er morgen abfährt, werde ihn am Bein packen, werde ihm, wenn er in den Postwagen kriecht, den Mantel abreißen. Werde ihn mit den Zähnen an der Hand packen, werde ihn beißen. ‚Seht, wozu man einen verzweifelten Menschen bringen kann!‘ Mögen sie mich auf den Kopf schlagen und sie alle da hinter mir ... Ich werde dem ganzen Publikum zuschreien: ‚Seht diesen jungen Hund, der, um Tscherkessinnen zu verführen, in den Kaukasus fährt – mit meinem Speichel im Gesicht!‘

„Versteht sich, dann ist alles aus! Dann ist das ‚Département‘ vom Angesicht der Welt verschwunden. Man wird mich ergreifen, verurteilen, aus dem Dienst jagen, mich zu den Zwangsarbeitern stecken, darauf zu den sibirischen Ansiedlern ... Mögen Sie nur! Nach fünfundzwanzig Jahren schleppe ich mich zu ihm, in Lumpen, als Bettler, wenn man mich aus dem Gefängnis entlassen hat. Ich suche ihn irgendwo in einer Gouvernementsstadt auf. Er wird verheiratet und glücklich sein. Er wird eine erwachsene Tochter haben ... Ich werde einfach sagen: Sieh, Unmensch, sieh meine eingefallenen Wangen und mein zerlumptes Gewand! Ich habe alles verloren: die Karriere, das Glück, die Kunst, die Wissenschaft, _das geliebte Weib_, und alles _Deinetwegen_. Sieh, hier sind Pistolen. Ich bin gekommen, um meine Pistole abzufeuern und ... ich vergebe Dir! Da schieße ich denn einfach in die Luft und verschwinde spurlos ...“

Es fehlte nicht viel und ich hätte aufgeschluchzt, obgleich ich im selben Augenblick ganz genau wußte, daß meine Phantasie auf Lermontoffs „Sylvio“ und der „Maskerade“ beruhte. Und plötzlich schämte ich mich furchtbar, ich schämte mich dermaßen, daß ich das Pferd anhalten ließ, aus dem Schlitten kroch und mitten auf der Straße im Schnee stehen blieb. Der Wanjka sah mich verwundert an und seufzte.

Was sollte ich tun? Dorthin konnte ich nicht: es würde nichts dabei herauskommen; und die Sache auf sich beruhen lassen – war gleichfalls unmöglich: was dann herauskommen würde ... Himmlischer Vater! Wie denn so etwas auf sich beruhen lassen! Und nach solchen Beleidigungen!

„Nein!“ schrie ich und stürzte wieder in den Schlitten. „Das ist vorausbestimmt, das ist Verhängnis, Schicksal! Fahr zu, fahr zu, dorthin!“

Vor Ungeduld schlug ich mit der Faust den Wanjka ins Genick.

„Ach! Gott! Was haust Du mich!“ rief das Bäuerlein erschrocken, peitschte aber doch seine Schindmähre, sodaß sie mit den Hinterbeinen ausschlug.

Der nasse Schnee fiel senkrecht in dichten Flocken, als ob ihn die Erde angezogen hätte. Ich vergaß alles, denn ich hatte mich endgültig für die Ohrfeige entschlossen; ich fühlte nur mit Grauen, daß es doch schon _unbedingt_ und _sofort_ geschehn würde und sich durch _keine Macht der Welt mehr aufhalten_ ließe. Die einsamen Laternen schauten mürrisch durch das von Schneestreifen durchzogene Dunkel, wie Fackeln bei nächtlichen Beerdigungen. Der Schnee schlug mir in den offenen Mantel, unter den Rock, auf die Weste, fiel mir in den Mantelkragen, rutschte dann weiter in das Halstuch, taute an meinem heißen Halse auf und durchnäßte meinen Kragen; ich schlug aber meinen Mantel nicht zu: es war ja doch schon alles verloren! Endlich kamen wir an. Ich sprang fast bewußtlos aus dem Schlitten, lief die Stufen hinauf und schlug mit Händen und Füßen an die Tür. Meine Beine wurden besonders in den Knieen furchtbar schwach. Sonderbarer Weise wurde bald geöffnet; ganz als ob sie mich erwartet hätten.

Ssimonoff hatte in der Tat schon gesagt, daß vielleicht noch jemand kommen würde, hier aber mußte man anmelden und überhaupt Vorsichtsmaßregeln ergreifen. Es war eines jener „Modegeschäfte“, die jetzt schon längst von der Polizei aufgehoben sind. Tagsüber war es allerdings ein „Modegeschäft“; abends jedoch wurden Herren, die eine Rekommendation hatten, empfangen.

Ich ging schnellen Schrittes durch den dunklen Laden in den mir bekannten Saal und blieb erstaunt in der Tür stehen: der Saal war leer; nur ein einziges Licht brannte auf einem Tisch.

„Wo sind sie denn?“ fragte ich irgend jemanden.