Sämtliche Werke 20

Part 10

Chapter 103,000 wordsPublic domain

Sie hatten natürlich schon Zeit gehabt, auseinanderzugehn.

Vor mir stand ein Weibsbild mit dummem Lächeln; das war die Wirtin. Sie kannte mich schon von früher. Nach einer Minute öffnete sich eine Tür und eine andere Person trat ein.

Ich schritt im Zimmer auf und ab und sprach mit mir. Es war mir, als wäre ich vom Tode errettet worden; ich fühlte es freudig mit meiner ganzen Seele: denn ich hätte ja die Ohrfeige unbedingt, unbedingt gegeben! Doch sie waren nicht da und ich ... alles war wie Spukgebilde verschwunden, alles hatte sich verändert! Endlich blickte ich mich um. Ich konnte noch nicht recht begreifen. Mechanisch blickte ich auch auf die eingetretene Person: vor meinen Augen verschwamm ein frisches, junges, etwas bleiches Gesicht mit geraden, dunklen Augenbrauen, mit einem ernsten und fast ein wenig verwunderten Blick. Das gefiel mir sofort; ich würde sie gehaßt haben, wenn sie gelächelt hätte. Ich mußte mich anstrengen, um aufmerksamer hinzusehn: noch fiel es mir schwer, meine Gedanken zu sammeln. Etwas Offenherziges und Gutes lag in diesem Gesicht, doch war es bis zur Sonderbarkeit ernst. Ich bin überzeugt, daß sie nur deswegen bei diesen dummen Jungen verspielt hatte. Übrigens konnte man sie nicht gerade schön nennen, wenn sie auch ziemlich groß, schlank und gut gebaut war. Angezogen war sie ungewöhnlich schlicht. Etwas Gemeines kroch mir ins Herz; ich trat geradenwegs auf sie zu.

Ich blickte zufällig in den Spiegel: mein erregtes aufgedunsenes Gesicht erschien mir unsagbar ekelhaft: bleich, boshaft, gemein, von zottigem, nassem Haar umrahmt. „Meinetwegen, – um so besser,“ dachte ich. „Es freut mich gerade, daß ich ihr ekelhaft erscheinen muß; das ist mir sehr angenehm ...“ –

VI.

... Irgendwo im Nebenzimmer begann plötzlich, wie unter einem starken Druck, als ob sie jemand gewürgt hätte – heiser die Uhr zu schnurren. Nach unnatürlich langem, langsamem, heiserem Rrrr folgte plötzlich ein heller und ganz unerwartet hastiger Schlag, – ganz als ob jemand plötzlich vorspringt. Es schlug zwei. Ich erwachte, wenn ich auch vorher nicht geschlafen, sondern nur in halber Vergessenheit dagelegen hatte.

In dem schmalen und niedrigen Zimmer, in dem noch ein großer Kleiderschrank stand und Hutpaudeln, Stoffe und verschiedener Kleiderkram herumlagen, war es fast ganz dunkel. Der Lichtstumpf, der auf einem Tisch am anderen Ende des Zimmers in einem alten Leuchter brannte, drohte schon auszulöschen, nur ab und zu flackerte er noch auf. Nach wenigen Minuten mußte tiefes Dunkel herrschen.

Es dauerte nicht lange, bis ich ganz zu mir kam; mit einem Mal, ohne mich angestrengt zu haben, fiel mir alles wieder ein; als ob es mir irgendwo aufgelauert hätte, um sich dann plötzlich wieder auf mich zu stürzen. Ja, und selbst in der Bewußtlosigkeit blieb im Gedächtnis doch noch, ich möchte sagen: so ein Punkt, der unter keiner Bedingung in Vergessenheit versank, und um den müde, unermüdlich, schwerfällig die Schemen meines Halbschlaftraumes kreisten. Doch eines war sonderbar: alles, was mit mir an jenem Tage geschehn war, schien mir, als ich im dunklen Zimmer erwachte, schon längst, längst vergangen zu sein, als ob ich das alles schon längst, längst überlebt hätte.

In meinem Kopf war nichts als schwerer Dunst. Es war mir, als ob etwas über mir schwebte, mich lähmte und zu gleicher Zeit beunruhigte und erregte. Die Beklemmung und die ohnmächtige Wut schwollen wieder an, schäumten auf und suchten einen Ausgang. Plötzlich – sah ich dicht neben mir zwei offene Augen, die mich ernst und beharrlich betrachteten. Der Blick war kalt-teilnahmslos, war finster, als ob er von einem ganz fremden Wesen herrührte. Es wurde mir schwer unter ihm.

Ein häßlicher Gedanke erwachte in meinem Hirn und kroch mir wie ein gemeines Gefühl über den ganzen Körper, etwa wie die Empfindung, die einen überkommt, wenn man in einen feuchten, faulenden Keller tritt. Es war so sonderbar unnatürlich, daß es diesen zwei Augen gerade jetzt einfiel, mich zu betrachten. Es fiel mir ein, daß ich in diesen zwei Stunden mit diesem Wesen kein einziges Wort gewechselt und das auch für völlig überflüssig gehalten hatte; sogar das Schweigen hatte mir zu Anfang aus irgend einem Grunde gefallen. Jetzt jedoch empfand ich plötzlich deutlich den ganzen Ekel, die ganze spinnenhafte Scheußlichkeit der Idee der Ausschweifung, die ohne Liebe, roh und schamlos direkt damit beginnt, womit die wahre Liebe sich krönt. Lange blickten wir uns so durch das nächtliche Dunkel in die schimmernden Augen, doch senkte sie nicht ihren Blick vor mir: ohne mit der Wimper zu zucken, ohne den Blick zu verändern, schauten die Augen still und bewegungslos furchtlos mich an ... Mich schauderte.

„Wie heißt Du?“ fragte ich rauh, um der Stille ein Ende zu machen.

„Lisa,“ klang es fast flüsternd, doch sonderbar unfreundlich zurück, und sie wandte die Augen von mir ab.

Ich schwieg.

„Das Wetter ist heute scheußlich ... Schnee ...“ sagte ich mehr so vor mich hin, schob die Hand unter den Kopf und blickte zur Decke hinauf.

Sie antwortete nicht. Widerlich war das alles.

„Bist Du eine hiesige?“ fragte ich nach einer Minute etwas aufgebracht und kehrte meinen Kopf ein wenig zu ihr.

„Nein.“

„Woher kommst Du denn?“

„Aus Riga,“ sagte sie unwirsch.

„Bist ’ne Deutsche?“

„Nein, Russin.“

„Bist Du schon lange hier?“

„Wo?“

„Hier, in diesem Hause?“

„Zwei Wochen.“

Sie antwortete immer schroffer und schroffer. Das Licht erlosch schon fast ganz; ich konnte ihr Gesicht kaum noch unterscheiden.

„Leben Deine Eltern noch?“

„N–ja ... nein ... doch, sie leben.“

„Wo denn das?“

„Dort, in Riga.“

„Was sind sie?“

„So ...“

„Wie ‚so‘? Von welch einem Stande?“

„Kleinbürger.“

„Hast Du immer bei ihnen gelebt?“

„Ja.“

„Wie alt bist Du?“

„Zwanzig.“

„Warum bist Du denn von ihnen fortgegangen?“

„So ...“

Dieses _so_ bedeutete: hör auf, bist mir zuwider. Wir verstummten.

Gott mag wissen, warum ich nicht fortging. Es wurde mir selbst immer widerlicher und qualvoller zu Mut. Die Schemen des vergangenen Tages zogen ganz von selbst in wirrem, hastigem Durcheinander, eigentlich ohne daß ich’s gewollt hätte, durch mein Gedächtnis. Plötzlich fiel mir etwas ein, was ich am Morgen auf dem Wege zur Kanzlei gesehn hatte.

„Heute wurde ein Sarg herausgetragen und beinahe hätte man ihn fallen lassen,“ sagte ich plötzlich laut, ohne ein Gespräch beginnen zu wollen, einfach so, fast in Versehen.

„Ein Sarg?“

„Ja, auf der Ssennaja[3]; aus einem Keller.“

„Aus einem Keller?“

„Das heißt, nicht gerade aus einem Keller, sondern aus einer Kellerwohnung ... Nun, Du weißt schon ... von unten ... aus einem unanständigen Hause ... Es war dort so schmutzig überall ... Kehricht ... Gestank ... Gemein war’s.“

Schweigen.

„Scheußlich, heute beerdigt zu werden!“ sagte ich wieder nach einiger Zeit, nur um nicht zu schweigen.

„Wieso?“

„So, ich meine nur, der Schnee, die Feuchtigkeit ...“ Ich gähnte.

„Was tut das!“ stieß sie plötzlich nach längerem Schweigen hervor.

„Nein, ’s ist doch schon gemein ...“ Ich gähnte wieder. – „Die Totengräber haben sicherlich geschimpft ... es ist ja auch kein Vergnügen, bei solch einem Wetter zu beerdigen. Und im Grabe wird bestimmt Wasser gewesen sein.“

„Warum soll denn im Grabe Wasser sein?“ fragte sie neugierig, aber doch etwas ungläubig-spöttisch. Übrigens stieß sie die Worte noch abgerissener, schroffer hervor. Mich stachelte plötzlich etwas gegen sie auf, ich weiß nicht, was es war.

„Weißt Du das denn nicht? Die Särge liegen zum mindesten bis zur Hälfte unter Wasser, gewöhnlich aber ganz. Hier auf dem Wolchoffschen Friedhofe kannst Du kein einziges trockenes Grab finden.“

„Warum nicht?“

„Wieso – warum nicht!? Morastiger Boden. Hier ist doch überall Sumpf. So wird man denn einfach ins Wasser hinabgesenkt. Habe selbst gesehn ... mehrere Mal ...“

(Kein einziges Mal hatte ich es gesehn, und war überhaupt noch nicht auf dem Wolchoffschen Friedhofe gewesen, hatte nur andere davon sprechen gehört.)

„Ist es Dir denn wirklich ganz gleichgültig, zu sterben?“

„Warum soll ich denn sterben?“ fragte sie gereizt, wie um sich zu verteidigen.

„Nun, einmal wirst auch Du sterben, und dann wird man Dich ebenso beerdigen, wie jenes Mädchen heute Morgen. Das war ... auch so Eine ... Ist an der Schwindsucht gestorben.“

„Solch Eine hätte doch im Krankenhause sterben können ...“

(Aha, dachte ich, das weiß sie schon; und sie sagte auch: „solch Eine“.)

„Sie schuldete der Wirtin,“ entgegnete ich, immer mehr aufgestachelt durch das Gespräch, „und war bei ihr bis zum Tode, obgleich sie schwindsüchtig war. Droschkenkutscher und Soldaten sprachen dort an der Pforte über sie. Wahrscheinlich ihre gewesenen Bekannten. Lachten natürlich. Nahmen sich vor, in der Schenke noch ein Glas Schnaps auf ihr Wohl zu trinken.“

(Auch hierbei setzte ich noch vieles von mir aus hinzu.)

Schweigen, tiefes Schweigen. Sie bewegte sich nicht einmal.

„Ach, bleibt sich das nicht wirklich ganz gleich!? ... Und warum soll ich denn sterben?“ fügte sie gereizt hinzu.

„Nicht jetzt, natürlich, aber später?“

„Ach, später ...“

„Ja, ja! Jetzt bist Du noch jung, hübsch und frisch, deswegen schätzt man Dich auch. Nach einem Jahr aber wird Dich dieses Leben schon verändert haben, wirst bald verwelkt sein.“

„Nach einem Jahr?“

„Jedenfalls wirst Du nach einem Jahr schon im Wert gesunken sein,“ fuhr ich schadenfroh fort. „Dann wirst Du aus diesem Hause in ein anderes, niedrigeres kommen. Nach einem zweiten Jahr – in ein drittes Haus, immer niedriger und niedriger, und so nach sieben Jahren wirst Du dann glücklich an der Ssennaja in der Kellerwohnung angelangt sein. Und das würde verhältnismäßig noch angehn. Wie aber, wenn sich dann noch irgend eine Krankheit einstellen sollte, sagen wir, schwache Brust, oder so etwas Ähnliches ... oder Du erkältest Dich womöglich. Bei solch einem Leben vergehen die Krankheiten nicht so leicht. Hat man sie sich einmal zugezogen, so ist man gewöhnlich geliefert. Nun, und dann wirst Du eben sterben.“

„Nun, dann werde ich eben sterben!“ sagte sie wütend und bewegte sich hastig.

„Es tut einem aber doch leid.“

„Was?“

„Das Leben.“

Schweigen.

„Hast Du einen Bräutigam gehabt? – Wie?“

„Was geht das Sie an?“

„Du hast Recht, was geht das mich an. Ich will Dich ja nicht ausfragen. Warum ärgerst Du Dich nur? Du wirst natürlich Deine Unannehmlichkeiten gehabt haben ... Was geht’s mich an! Es war ja nur so gesagt. Aber immerhin kann man doch bedauern.“

„Wen?“

„Dich natürlich.“

„Lohnt sich nicht ...“ sagte sie kaum hörbar und bewegte sich wieder.

Das ärgerte mich. Wie! Ich war so freundlich zu ihr, sie aber ...

„Ja, was denkst Du denn eigentlich? Bist Du etwa auf einem guten Wege?“

„Nichts denke ich.“

„Das ist es ja, daß Du Dir nichts dabei denkst! Besinn Dich so lange es noch Zeit ist. Jetzt geht’s ja noch. Du bist noch jung und hübsch; könntest Dich verlieben, könntest heiraten und glücklich sein ...“

„Nicht alle sind glücklich, wenn sie verheiratet sind,“ unterbrach sie mich wieder schroff.

„Nicht alle!! Selbstverständlich nicht alle! Aber es ist doch immer besser als hier, hundertmal, tausendmal besser als hier! Liebt man aber, so kann man auch ohne Glück leben. Auch im Leid ist das Leben schön; es ist überhaupt immer schön, auf der Welt zu leben, selbst einerlei wie man lebt. Was ist aber hier außer ... Gestank. Pfui Teufel!“

Ich drehte mich angeekelt auf die andere Seite. Ich sprach nicht mehr kaltblütig, nein, ich geriet schon in Begeisterung. Mich riß das Verlangen mit sich fort, meine geliebten Ideechen, die ich im Keller ausgebrütet hatte, auseinanderzusetzen. Irgend etwas entflammte sich in mir plötzlich, ich sah plötzlich ein _Ziel_ vor mir.

„Übrigens mußt Du mich nicht als Beispiel nehmen. Ich bin vielleicht noch schlechter als Du. Ich bin ja betrunken hierhergekommen.“ (Ich beeilte mich doch ein wenig, mich zu rechtfertigen.) „Zudem kann ein Mann einem Weibe nie ein Beispiel sein. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge; wenn ich auch schlechter bin als Du, und wenn auch ich es bin, der andere besudelt, so bin ich doch niemandes Sklave; komme und gehe und damit ist’s abgetan, – bin wieder ein anderer Mensch. Und jetzt bedenke bloß das eine, daß Du gleich von Anfang an – Sklavin bist. Ja, Sklavin! Du gibst alles hin, Deinen ganzen Willen. Und wenn Du später diese Ketten zerreißen willst, so kannst Du es nicht mehr: immer fester und fester wirst Du umsponnen werden. Das ist schon so der Fluch dieser Ketten, daß sie sich immer fester ziehen. Ich kenne sie. Von dem übrigen rede ich lieber gar nicht, Du würdest es vielleicht auch nicht einmal verstehn, aber sag doch mal: Du schuldest natürlich schon der Wirtin? Nun, sieh mal!“ fügte ich hinzu, obgleich sie mir nichts geantwortet hatte, sondern nur schweigend, mit ganzer Seele zuhörte, „– da hast Du die Kette! Wirst Dich nie mehr loskaufen können. Das wird schon so gemacht werden. Kennt man ... Ebenso gut, wie dem Teufel die Seele verkauft ...“

„... Und zudem bin ich vielleicht ebenso unglücklich wie Du und, was kannst Du wissen, suche vielleicht absichtlich den Schmutz ... vor Leid. Trinken doch viele vor Leid und Kummer: nun, und ich bin wiederum vor Leid hierher gekommen. Sag doch selbst, was ist denn das eigentlich: nun, wir beide sind ... zusammengekommen ... gestern Abend, und haben doch kein Wort miteinander gewechselt, und erst nachher fiel es Dir ein, mich wie eine Wilde zu betrachten; und ich ebenso auch Dich. Liebt man denn etwa so? Soll denn der Mensch den Menschen auf diese Weise kennen lernen? Das ist doch nur eine ... eine Unanständigkeit und weiter nichts!“

„Ja!“ sagte sie plötzlich rauh, – sie stimmte mir sofort bei. Mich wunderte sogar die Hastigkeit dieses „Ja“. – „Also ist durch ihren Kopf vielleicht derselbe Gedanke gegangen, als sie mich vorhin betrachtete? So ist also auch sie schon zu eigenen Gedanken fähig? ... Hols der Teufel; das ist interessant, das ist ja – Seelenverwandtschaft,“ dachte ich und hätte mir fast schon die Hände gerieben. „Wie soll man auch mit solch einer jungen Seele nicht fertig werden! ... –“

Aber am meisten verlockte mich doch das Spiel.

Sie drehte ihren Kopf etwas näher zu mir und stützte ihn in die Hand – so schien es mir wenigstens in der Dunkelheit. Vielleicht sah sie mich wieder an. Wie bedauerte ich es, daß ich ihre Augen nicht mehr sehn konnte. Ich hörte ihr tiefes Atmen.

„Warum bist Du in dieses Haus gekommen?“ begann ich bereits mit einer gewissen Überlegenheit.

„So.“

„Und doch, wie schön ist’s, im Elternhause zu leben! Warm, behaglich; eigenes Nest!“

„Wenn es aber schlimmer ist als hier?“

(„Ich muß den richtigen Ton finden,“ zuckte es mir durch den Kopf, „mit etwas Sentimentalität wirst Du sie wahrscheinlich am ehesten nehmen.“)

Übrigens zuckte das, wie gesagt, nur in einer Sekunde durch meine Gedanken. Ich schwöre es, sie interessierte mich tatsächlich. Und dann war ich auch in einer so sonderbaren Stimmung, entkräftet. Und Spitzbüberei verträgt sich ja so gut mit Gefühl.

„Oh, das kommt natürlich auch vor!“ Beeilte mich, schnell zu entgegnen. „Ich bin überzeugt, daß Dich irgend jemand beleidigt hat, daß eher sie vor Dir schuldig sind, als Du vor _ihnen_. Zwar kenne ich Deine Lebensgeschichte nicht, aber ich weiß doch, daß ein Mädchen, wie Du, nicht freiwillig zum Vergnügen in solch ein Haus kommt ...“

„Was für ein Mädchen bin ich denn?“ fragte sie flüsternd, kaum hörbar; ich aber hörte es doch.

(„Weiß der Teufel – ich schmeichle ja. Das ist gemein von mir. Aber, weiß Gott, vielleicht ist’s auch gut.“)

Sie schwieg.

„Sieh mal, Lisa, ich sage das von mir aus: hätte ich von Kindheit an eine Familie gehabt, so würde ich jetzt anders sein, als ich bin. Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Denn wie schlecht es auch in der Familie sein mag – es sind doch immer Vater und Mutter, und nicht Fremde, nicht Feinde. Sie lieben Dich doch, und wenn sie es Dir auch nur einmal im Jahr beweisen. Immerhin weißt Du, daß Du bei Dir zu Hause bist. Sieh mal, ich bin ohne Familie aufgewachsen; darum bin ich wahrscheinlich auch so ... gefühllos geworden.“

(„Hm, vielleicht versteht sie’s überhaupt nicht,“ dachte ich, „und ’s ist ja auch lachhaft: – Moral.“)

„Wenn ich Vater wäre und eine Tochter hätte, ich würde, glaub ich, meine Tochter mehr als meine Söhne lieben, nein nein, – tatsächlich!“ sagte ich, denn ich wollte auf ein anderes Thema übergehn, um sie zu zerstreuen. Ich muß gestehen, ich errötete.

„Warum denn das?“ fragte sie.

(„Aha, sie hört also doch!“)

„So, ich weiß nicht, warum. Sieh, Lisa, ich kannte einen Vater, der sonst im Leben ein strenger, stolzer Mensch war, vor seiner Tochter aber auf den Knieen lag, ihr Hände und Füße küßte und sich an ihr nicht satt sehen konnte. Wenn sie auf den Bällen tanzte, stand er zuweilen fünf Stunden lang auf ein und demselben Fleck und ließ sie nicht aus den Augen. Sie war ihm zur fixen Idee geworden: das kann ich sehr gut verstehn. Wenn sie schläft, wacht er bei ihr, küßt und bekreuzt sie. Selbst geht er in einem schäbigen Rock, ist geizig bis zur Unglaublichkeit – für sie aber kauft er alles, was sie haben will, macht ihr teure Geschenke und freut sich wie ein Kind, wenn das Geschenk ihr gefällt. Der Vater liebt die Töchter immer mehr als die Mutter. Viele Töchter haben ein gutes Leben zu Haus! Ich aber würde meine Tochter wahrscheinlich überhaupt nicht heiraten lassen.“

„Warum denn nicht?“ fragte sie, kaum, kaum lächelnd.

„Weiß Gott! Ich glaube, aus Eifersucht nicht. Sie soll einen Fremden küssen? Einen Fremden mehr als den Vater lieben? Es wird einem ja unheimlich, bloß wenn man daran denkt! Aber das ist ja natürlich Unsinn; schließlich nehmen ja auch solche Väter Vernunft an. Ich aber würde mich vorher bestimmt schon allein durch die Sorge totquälen: würde alle Heiratskandidaten ausbrackieren. Schließlich würde ich sie aber doch verheiraten, und würde sie natürlich nur dem geben, den sie liebt. Man weiß doch, daß derjenige, den die Tochter selbst liebgewinnt, dem Vater immer der Schlechteste scheint. Das ist schon einmal so. Deswegen kommt es zu viel häßlichen Auftritten in manchen Familien.“

„Manche sind froh, wenn sie ihre Tochter verkaufen können, nicht daß sie sie in Ehren fortgeben wollten,“ sagte sie plötzlich.

(„Aha! das also ist’s!“)

„Das, Lisa, kommt nur in jenen verfluchten Familien vor, in denen weder Gott noch Liebe ist,“ griff ich eifrig das neue Thema auf, „wo es aber keine Liebe gibt, dort gibt es auch keinen Verstand. Solche Familien gibt es, ich weiß es selbst, aber nicht von ihnen spreche ich. Du mußt wohl in Deiner Familie wenig Güte gesehn haben, wenn Du so sprichst. Glaube es Dir gern, daß Du unglücklich bist. Hm! ... Das geschieht aber doch meistens nur aus Armut.“

„Ist es denn bei den reichen Herrschaften besser? Auch in der Armut leben gute Menschen ehrlich.“