Part 29
Und so war’s denn am folgenden Tage, daß ich dort in jenem Zimmer hinter der Tür stand und zuhörte, wie sich mein Schicksal entschied, – doch in meiner Tasche hatte ich einen Revolver. Sie war sorgfältig angekleidet, saß hinter dem Tisch auf dem Sofa und Jefimowitsch gab sich alle Mühe. Nun, und –: es geschah das (ich sage es zu meiner Ehre), es geschah genau das, was ich vorausgefühlt hatte, was ich angenommen, daß geschehen würde ... wenn ich mir auch dessen nicht bewußt war, daß ich es tat ... Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke.
Und zwar geschah folgendes: Ich hörte eine ganze Stunde lang zu, eine ganze Stunde lang dem Zweikampf eines Weibes, des edelsten und keuschesten, mit einer stumpfen, verderbten Lebeweltkreatur. Und woher – fragte ich mich erstaunt, woher kann diese naive, diese keusche, diese unerfahrene junge Seele alles das wissen? Selbst der geistreichste Autor einer mondänen Komödie hätte nicht solch eine Szene erdichten können, solch einen Spott, solch ein allernaivstes Lächeln mit dieser heiligen Verachtung, die der reine Mensch für das Laster hat. Und wieviel Geist war doch in ihren Worten und kleinen Wörtchen, welch ein Scharfsinn in ihren schnellen Antworten und welche Sicherheit und Wahrheit in ihren Urteilen. Und zu gleicher Zeit wieviel – ich möchte sagen – mädchenhafte Gutmütigkeit! Auf seine Liebeserklärungen hin lachte sie ihn einfach aus. Er, der mit seinen rohen Absichten gekommen war, saß plötzlich ganz kleinlaut da und wußte nicht, wie ihm geschah. Zuerst hätte ich glauben können, daß es ihrerseits nur Koketterie war – „Koketterie eines, wenn auch verderbten, so doch jedenfalls geistreichen Weibes, um sich kostbarer zu machen“. Aber nein, die Wahrheit war so sonnenklar, daß ein Zweifel überhaupt nicht bestehen konnte. Nur aus Haß zu mir, aus sich selbst vorgetäuschtem, eingebildetem plötzlichem Haß zu mir, hatte sie, dies unerfahrene Ding, sich zu diesem Rendezvous entschließen können; sobald es aber zur Tat kam – erwachte sie sofort. Sie quälte sich selbst, um mich irgendwie, einerlei wodurch, zu beleidigen, doch ist es ja nur zu verständlich, daß sie, die sich zu etwas so Scheußlichem entschlossen zu haben schien, sofort auf diesem Wege stehen blieb und umkehrte, als sie ihm gegenüberstand: sie ertrug es nicht. Und sie, diese sündenlose, keusche Seele, die ihr Ideal besaß, hätte solch ein Jefimowitsch oder einerlei wer von diesem Lebeweltgesindel verführen können? Er rief ja bei ihr nur Gelächter hervor. Die ganze Wahrheit erhob sich in ihrer Seele und der Unwille erweckte bloß Spott in ihrem Herzen. Ich wiederhole: dieser Narr saß zum Schluß ganz verdutzt auf seinem Stuhl, blickte mürrisch drein und antwortete kaum, so daß ich schon befürchtete, er würde vielleicht aus niedriger Rachsucht sie zu beleidigen suchen. Und ich wiederhole nochmals, zu meiner Ehre sei es gesagt –: ich hörte das ganze Gespräch so gut wie ohne jegliche Verwunderung an. Es war mir, als ob ich etwas Bekanntes wiederfand. Ich war gleichsam nur deswegen hingegangen, um dieses Bekannte wiederzufinden. Ich ging hin, ohne einer einzigen Beschuldigung zu glauben, obgleich ich mir den Revolver in die Tasche gesteckt hatte –, das ist die ganze Wahrheit. Und wie hätte ich sie mir denn überhaupt anders denken können? Warum liebte ich sie denn, warum schätzte ich sie denn so hoch, warum hatte ich sie denn geheiratet? Oh, natürlich wurde mir klar, wie sehr sie mich haßte, doch wurde mir auch das klar, wie unverdorben, wie rein sie war. Ich machte der Szene plötzlich ein Ende, indem ich die Tür öffnete. Jefimowitsch sprang auf; ich bot ihr den Arm und bat sie, mit mir das Haus zu verlassen. Jefimowitsch faßte sich ziemlich schnell und lachte belustigt laut auf.
„Oh, gegen die geheiligten Gattenrechte habe ich natürlich nichts einzuwenden! Bitte, führen Sie sie fort, bitte! Und wissen Sie,“ rief er mir noch nach, „obgleich sich ja ein anständiger Mensch mit Ihnen eigentlich nicht schlagen kann, so stehe ich doch, aus Achtung vor Ihrer Frau, zu Ihrer Verfügung ... Wenn Sie, übrigens, selbst riskieren sollten ...“
„Hören Sie!“ sagte ich ihr, und hielt sie noch einen Augenblick auf der Türschwelle zurück.
Darauf den ganzen Weg bis nach Haus kein Wort. Ich führte sie an der Hand und sie widersetzte sich nicht. Im Gegenteil, sie war furchtbar betroffen, und das nicht nur auf dem Wege bis zu unserer Wohnung. Bei uns angekommen, setzte sie sich auf einen Stuhl und richtete dann starr ihren Blick auf mich. Sie war ungewöhnlich bleich; wenn sich auch ihre Lippen sofort wieder spöttisch verzogen, so sah sie mich doch mit einem Blick stolzer Herausforderung an und war, glaube ich, fest überzeugt, wenigstens in den ersten Minuten, daß ich sie nun sofort niederschießen würde. Ich aber zog meinen Revolver schweigend aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. Sie blickte von mir auf den Revolver, vom Revolver auf mich. (Beachten Sie folgendes: dieser Revolver war ihr schon bekannt. Ich hatte ihn mir gekauft, weil ich nicht beabsichtigte, große Hunde oder einen starken Diener, wie ihn zum Beispiel Moser hat, zu halten. Bei mir öffnet die Magd die Tür. Andrerseits aber können wir uns doch nicht ganz des Selbstschutzes berauben, – wenn die Leute nun einmal wissen, daß man immer Geld im Hause hat. Und so hatte ich mir denn diesen Revolver gekauft. Sie nun, als sie zu mir ins Haus kam, interessierte sich in den ersten Tagen ganz besonders für das Ding und ich erklärte ihr daraufhin das ganze System und beredete sie sogar einmal, nach einem Ziel zu schießen. Bitte sich das zu merken.)
Ohne ihren erschrockenen Blick weiter zu beachten, legte ich mich halb ausgekleidet auf das Bett. Ich war nicht wenig erschöpft. Es war schon elf Uhr. Sie blieb auf ihrem Platz sitzen, ohne sich zu rühren, ungefähr noch eine Stunde lang. Darauf löschte sie das Licht aus und legte sich, gleichfalls angekleidet, an der Wand auf den Diwan. Zum ersten Mal legte sie sich nicht mit mir nieder. – Das bitte gleichfalls zu behalten.
VI. Eine furchtbare Erinnerung.
Jetzt ist es eine furchtbare Erinnerung ...
Ich erwachte am Morgen, ungefähr um acht. Im Zimmer war es fast schon ganz hell. Ich erwachte plötzlich mit vollem Bewußtsein und schlug die Augen auf: sie stand am Tisch und hielt den Revolver in der Hand. Sie bemerkte es nicht, daß ich aufgewacht war und sie beobachtete. Und plötzlich sehe ich: sie bewegt sich auf mich zu, mit dem Revolver in der Hand ... Ich schloß sofort die Augen und stellte mich schlafend.
Sie kam bis ans Bett und beugte sich über mich ... Ich hörte alles ... wenn es auch totenstill war, so _hörte_ ich doch diese Stille ... Da – es war eine krampfhafte Bewegung –: ich schlug plötzlich, gegen meinen Willen die Augen auf: sie stand über mich gebeugt und sah mich an, blickte mir gerade in die Augen – und der Revolver war schon dicht an meiner Schläfe. Unsere Blicke trafen sich. Wir sahen einander nicht länger als eine Sekunde an. Mit Anstrengung all meiner Kräfte schloß ich wieder die Augen und im selben Moment faßte ich auch aus der ganzen Kraft meiner Seele den Entschluß, mich nicht mehr zu rühren und nicht mehr die Augen zu öffnen, einerlei, was mich auch erwarten mochte.
Es kommt in der Tat zuweilen vor, daß auch ein festschlafender Mensch plötzlich die Augen aufschlägt, sogar den Kopf erhebt und sich im Zimmer umblickt, darauf, nach einer Sekunde, den Kopf wieder auf das Kissen legt und einschläft, ohne sich seiner ganzen Bewegung bewußt zu sein oder sich später noch ihrer zu entsinnen. Als ich, nachdem sich unsere Blicke getroffen und ich den Revolver ganz nah an meiner Schläfe gesehn hatte, plötzlich wieder meine Augen schloß und mich regungslos verhielt, wie ein Festschlafender, – da konnte sie entschieden glauben, daß ich tatsächlich schlief und nichts gesehn hatte, um so mehr, als es doch ganz unwahrscheinlich sein mußte, ich hätte, nachdem ich das gesehn, was ich gesehn, in _solch_ einem Augenblick die Augen wieder schließen können.
Allerdings war es unwahrscheinlich. Aber trotzdem hätte sie doch die Wahrheit erraten können, – das war’s ja, was mir plötzlich in diesem selben Augenblick durch die Gedanken zuckte. Welch ein Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen in weniger als einer Sekunde durch meine Seele stob! – oh, Elektrizität des Menschengedankens! In diesem Falle – wenn sie die Wahrheit erraten hatte und wußte, daß ich nicht schlief – mußte ich sie schon durch meine Bereitwilligkeit, in den Tod zu gehn, niederdrücken, vernichten ... und ihre Hand hätte zurückzucken müssen. Die anfängliche Entschlossenheit hätte an einem neuen ungewöhnlichen Eindruck zerschellen können. Man sagt, wer auf der Höhe steht, fühle sich unwillkürlich hinabgezogen in den Abgrund: Ich glaube, viele Selbstmorde und Morde sind nur begangen worden, weil der Revolver schon in der Hand war. Da ist es gleichfalls ein Abgrund, ein Abhang von fünfundvierzig Grad und da kann man nicht umhin, diesen Abhang hinunterzugleiten und es ist da etwas, was einen unwiderstehlich herausfordert, den Hahn abzudrücken. Doch wenn sie sich sagte, daß ich alles gesehn habe, alles weiß und schweigend von ihr den Tod erwarte – dieser Gedanke hätte sie doch vielleicht auf dem Abhange aufhalten können.
Die Stille dauerte an und – plötzlich fühlte ich an der Schläfe, dicht an meinem Haar die kalte Berührung des Eisens ... Sie werden mich fragen, ob ich immer noch auf eine Rettung hoffte? Ich will Ihnen wie meinem Gott antworten: ich hatte nicht die geringste Hoffnung, außer vielleicht wie eins zu hundert, nicht erschossen zu werden. Warum – fragen Sie mich – nahm ich dann den Tod von ihr entgegen? Ich aber frage: was war mir denn das Leben noch, nachdem das von mir vergötterte Wesen den Revolver auf mich angelegt hatte? Außerdem fühlte ich mit meinem ganzen Ich, daß in diesem Augenblick zwischen uns ein Kampf vor sich ging, ein furchtbarer Zweikampf auf Leben oder Tod, der Kampf mit diesem selben früheren „Feigling“, der von den Kameraden wegen „Feigheit“ fortgejagt worden war! Ich wußte das, und auch sie wußte das, wenn sie nur die Wahrheit erraten hatte, – daß ich nicht schlief!
Vielleicht ist es auch nicht so gewesen, vielleicht habe ich all das in dem Augenblick auch nicht gedacht, aber das hätte doch alles so sein müssen, wenn auch ohne Gedanken. Ich habe ja nachher sonst nichts mehr getan, als in jeder Stunde meines Lebens _daran_ gedacht.
Doch Sie können noch eine andere Frage stellen: warum bewahrte ich sie nicht vor dem Verbrechen? Oh, ich habe mir selbst nachher wohl an tausendmal diese Frage gestellt – jedesmal, wenn ich mir mit einem Schauer im Rücken diesen Augenblick zu vergegenwärtigen suchte. Doch meine Seele war damals in finsterer Verzweiflung: ich ging unter, ich ging selbst unter, wen hätte ich da noch retten können!? Und woher wissen Sie, ob ich da überhaupt noch jemanden hätte retten wollen? Woher soll man’s wissen, was ich damals habe fühlen können.
Einstweilen war mein Bewußtsein überwach, siedete, kochte in mir ... Die Sekunden kamen und gingen, es war totenstill ... Sie stand immer noch über mich gebeugt – und plötzlich durchzuckte mich eine Hoffnung! – Ich schlug schnell die Augen auf: sie war nicht mehr im Zimmer. Ich erhob mich vom Bett. – _Ich_, _ich_ hatte gesiegt! – und sie war auf ewig besiegt!
Ich ging in das vordere Zimmer zum Frühstück. Der Samowar wurde bei uns immer im ersten Zimmer aufgestellt und den Tee goß stets sie ein. Ich setzte mich schweigend an den Tisch und nahm von ihr mein Glas in Empfang. So nach fünf Minuten sah ich zum ersten Mal auch zu ihr hinüber: sie war entsetzlich bleich, noch bleicher, als am Tage vorher, und blickte mich an. Und plötzlich – und plötzlich, als sie gewahr wurde, daß ich sie betrachtete, verzog sie ihre bleichen Lippen zu einem blassen Lächeln, mit scheuer Frage in den Augen ... So zweifelt sie immer noch? fragt sich wohl: weiß er es oder weiß er es nicht, hat er gesehn oder hat er nicht gesehn? Gleichmütig wandte ich meinen Blick von ihr ab.
Nach dem Tee schloß ich die Kasse, ging auf den Markt und kaufte ein eisernes Bett und einen großen Bettschirm. Nach Haus zurückgekehrt, ließ ich das Bett im ersten Zimmer aufstellen und mit dem Schirm gleichsam das Zimmer abteilen. Das war ein Bett für sie, doch sagte ich kein Wort davon. Auch ohne Worte begriff sie durch dieses Bett, daß ich „alles gesehn habe und alles weiß“. Für die Nacht legte ich den Revolver wie immer auf den Tisch. Spät abends legte sie sich in dieses neue Bett: die Ehe war aufgelöst. – „Sie war besiegt, doch war ihr noch nicht verziehen.“ In der Nacht fing sie an zu phantasieren und am nächsten Morgen hatte sie hohes Fieber. Sechs Wochen lag sie.
Zweites Kapitel.
I. Ein stolzer Traum.
Lukerja hat mir soeben erklärt, daß sie hinfort nicht mehr bei mir bleiben will und fortgehen wird, sobald die gnädige Frau beerdigt ist. Habe kniend fünf Minuten gebetet, wollte zuerst eine ganze Stunde lang beten, doch denke ich, denke ich die ganze Zeit; alles nur kranke Gedanken und ein schmerzender Kopf, – was da beten! – wäre ja Sünde ... Sonderbar, daß ich nicht schlafen will. In großem, allzu großem Leid will man doch nach den ersten, stärksten Ausbrüchen immer schlafen. Zum Tode Verurteilte sollen, wie man sagt, in der letzten Nacht ungewöhnlich fest schlafen. Ja, das muß auch so sein, – das verlangt die Natur, sonst würden die Kräfte nicht ausreichen ... Ich legte mich auf den Diwan, konnte aber nicht einschlafen ...
* * * * *
... Sechs Wochen pflegten wir sie Tag und Nacht: ich, Lukerja und die Krankenwärterin aus dem Hospital. Geld sparte ich nicht, ich hatte geradezu das Bedürfnis, für sie auszugeben. Von Ärzten rief ich auch Schröder zu ihr und zahlte ihm zehn Rubel für jede Visite. Als sie allmählich das Bewußtsein wiedergewann, ging ich seltener zu ihr. Doch wozu beschreibe ich das lang und breit. Als sie schließlich aufstand, das Bett verließ, da setzte sie sich leise und schweigend in meinem Zimmer an den kleinen Tisch, den ich mittlerweile gleichfalls für sie gekauft hatte ... Ja, es ist wahr, wir schwiegen ganz und gar; später fingen wir auch zuweilen an, über irgend etwas zu sprechen, aber – immer über Gleichgültiges. Ich war natürlich mit Absicht nicht gesprächig, doch bemerkte ich sehr wohl, daß auch sie froh war, kein überflüssiges Wort sagen zu müssen. Das erschien mir ihrerseits ganz natürlich: „Sie ist viel zu erschüttert, viel zu sehr besiegt,“ dachte ich, „und man muß ihr eben Zeit geben, zu vergessen und sich wieder einzuleben.“ So schwiegen wir denn beide, doch bereitete ich mich im Herzen jeden Augenblick auf das Zukünftige vor. Ich glaubte, daß auch sie dasselbe tat und bemühte mich fortwährend zu erraten, woran sie eigentlich bei sich jetzt denken könnte.
Natürlich ahnt kein Mensch, wieviel ich gelitten habe, als ich während ihrer Krankheit bei ihr wachte. Selbst vor Lukerja verbarg ich es. Ich konnte es mir nicht vorstellen, konnte es nicht einmal in der Annahme zulassen, daß sie sterben könnte, bevor sie alles erfahren haben würde. Als sie aber die Gefahr überstanden hatte und die Gesundheit allmählich wiedererlangte, da, ich weiß es noch genau, beruhigte ich mich gar bald und zwar vollkommen. Ja, ich beschloß sogar, _unsere „Zukunft“ so weit als möglich hinauszuschieben_ und vorläufig alles so wie es war seinen Gang gehen zu lassen. In der Tat, es geschah damals mit mir etwas Sonderbares und Besonderes, – anders verstehe ich es nicht zu bezeichnen: ich hatte gesiegt, und schon die bloße Erkenntnis dessen erwies sich für mich als vollkommen genügend. Und so verging denn der ganze Winter. Oh, was mich anbetraf, so war ich so zufrieden, wie noch nie zuvor ... und das war ich den ganzen Winter über.
Sehen Sie: in meinem Leben gab es ein furchtbares äußeres Verhängnis, das bis zu der Zeit, das heißt, bis zum Tage der Katastrophe mit meiner Frau, mich jeden Tag, jede Stunde bedrückte: das war der Verlust meiner Reputation und jener Ausschluß aus dem Regiment. Kurz: an mir war tyrannisch Ungerechtigkeit verübt worden. Es ist wahr, meine Kameraden liebten mich nicht wegen meines schweren Charakters und, vielleicht auch, wegen meines sonderbaren Charakters, obgleich es doch häufig vorkommt, daß das, was der eine hochhält, schätzt und achtet, zu gleicher Zeit aus irgend einem Grunde den anderen lächerlich erscheint. Auch in der Schule hat man mich niemals geliebt. Immer und überall hat man mich nicht geliebt. Auch Lukerja mag mich nicht. Der Zwischenfall im Regiment – wenn er auch im Grunde die Folge meiner Unbeliebtheit sein mochte, war doch jedenfalls zufällig. Ich sage das nur, weil es nichts Kränkenderes und Unerträglicheres gibt, als durch einen Zufall zu grunde zu gehen, durch einen Zufall, der ebenso gut auch nicht hätte sein können, durch das unglückliche Zusammentreffen von Umständen, die sonst vielleicht wie eine Wolke vorübergezogen wären. Für einen intelligenten Menschen ist das geradezu erniedrigend.
Der Fall war folgender:
Im Zwischenakt im Theater ging ich hinaus ans Buffet. Da trat der Husarenleutnant A–ff plötzlich gleichfalls ein und erzählte zwei anderen Husaren aus seinem Regiment mit ziemlich lauter Stimme – wenigstens so, daß es alle anwesenden Offiziere und das Publikum hören konnten –, daß ein Hauptmann unseres Regiments, Besumzeff, im Korridor Skandal gemacht habe und – „wahrscheinlich betrunken sei“. Es entspann sich weiter kein Gespräch darüber, und dazu war es auch noch ein Irrtum, denn der Hauptmann Besumzeff war weder betrunken gewesen, noch hatte er besonderen Skandal gemacht. Die Husaren gingen auf ein anderes Thema über und damit war’s abgetan. Am nächsten Tage jedoch wurde die Geschichte in unserem Regiment bekannt und sofort wußte man auch, daß von Offizieren unseres Regiments nur ich allein zugegen gewesen und auf den Leutnant A–ff nicht zugetreten war, als er sich in ungeziemender Weise über Hauptmann Besumzeff geäußert, um ihn wenigstens durch eine Bemerkung zurechtzuweisen. Doch – aus welchem Grunde hätte ich das tun sollen? Wenn er etwas gegen unseren Hauptmann Besumzeff hatte, so war das doch eine persönliche Angelegenheit, aus welchem Grunde hätte ich mich da hineinmischen sollen? Meine Kameraden jedoch fanden, daß die Sache keine persönliche gewesen war, sondern das ganze Regiment anging: ich hätte durch mein Verhalten allen am Buffet anwesenden Offizieren und dem Publikum gezeigt, daß es in unserem Regiment auch Offiziere gibt, die in Betreff ihrer wie des Regimentes Ehre nicht gerade empfindlich sind. Mit dieser Auffassung konnte ich nicht übereinstimmen. Man gab mir zu verstehn, daß ich noch alles gutmachen könnte, wenn ich mich noch nachträglich mit A–ff auseinandersetzen wollte. Das aber wollte ich nicht und da ich gereizt war, so weigerte ich mich stolz. Gleich darauf reichte ich mein Abschiedsgesuch ein. Das ist die ganze Geschichte. Äußerlich stolz, doch innerlich gebrochen ging ich fort: krank am Willen, kraftlos im Geiste. Da kam gerade noch hinzu, daß mein Schwager in Moskau unser kleines Kapital verlor und ich somit auch meines Teiles verlustig ging. Und so blieb ich denn ohne eine Kopeke auf der Straße. Ich hätte ja in einen Zivildienst eintreten können, doch tat ich es nicht: nach dem glänzenden Waffenrock mochte ich keine einfache Uniform tragen, irgendwo an der Eisenbahn dienen. Sollte einmal Schande in meinem Leben sein, nun – dann eben Schande, je schlimmer, desto besser – das war’s, was ich vorzog. Darauf folgten dann drei Jahre dunkle Erinnerungen und darunter auch solche aus dem Wjäsemskischen Hause ... Vor anderthalb Jahren starb in Moskau eine reiche alte Frau, meine Taufmutter, und hinterließ mir, wie allen ihren Taufkindern, ganz unerwartet dreitausend Rubel. Das gab mir den Anstoß, nachzudenken, und ich entschied mein Schicksal. Ich entschloß mich für die Pfandkasse, ohne mich um die Menschen weiter zu kümmern: erst Geld erwerben, dann einen Winkel und – neues Leben fern von alten Erinnerungen: – das war mein Plan ... Nichtsdestoweniger quälten mich das dunkle Vergangene und die auf ewig verlorene Ehre in jeder Stunde, in jeder Minute meines Lebens. Dann heiratete ich. Ob zufällig oder nicht – ich weiß es nicht. Jedenfalls glaubte ich, als ich sie in mein Haus führte, daß ich einen Freund einführe, denn einen Freund hatte ich nur zu nötig. Ich erkannte aber deutlich, daß dieser Freund erst vorbereitet, erzogen, sogar besiegt werden mußte. Und wie hätte ich denn dieser voreingenommenen Sechzehnjährigen so mit einem Schlage irgend etwas erklären können? Zum Beispiel, wie hätte ich sie ohne die zufällige Hilfe der furchtbaren Katastrophe mit dem Revolver überzeugen können, daß ich kein Feigling bin und daß man mich im Regiment mit Unrecht als Feigling verurteilt hatte? Doch die Katastrophe kam zur rechten Zeit. Als ich den Revolver aushielt, rächte ich mich an meiner ganzen finsteren Vergangenheit. Und wenn das auch niemand erfuhr, so erfuhr es doch _sie_, sie aber war alles für mich, denn sie selbst war mir alles, war in meinen Gedanken die ganze Hoffnung meiner Zukunft! Sie war der einzige Mensch, den ich ganz für mich bestimmte, einen anderen brauchte ich nicht mehr, – und da hatte sie denn nun alles erfahren. Sie hatte wenigstens erfahren, daß es von ihr Unrecht gewesen war, sich meinen Feinden anzuschließen. Der Gedanke an meinen Sieg beruhigte mich. In ihren Augen konnte ich folglich nicht mehr gemein sein, vielleicht höchstens noch ein sonderbarer Mensch, doch auch das war mir nach allem, was geschehen war, durchaus nicht so unlieb: Sonderbarkeit ist kein Laster, im Gegenteil, gefällt zuweilen sogar dem weiblichen Charakter. Kurz, ich schob absichtlich die Lösung der Sache hinaus: das Geschehene war vorläufig zu meiner Beruhigung übergenug und enthielt solch eine Fülle von Bildern und Material für meine Träume! Das ist ja die Gemeinheit, daß ich eben ein Träumer bin: mir genügten die Träume, von ihr aber dachte ich, daß sie _warten_ würde.
So verging der ganze Winter, gewissermaßen wie in Erwartung irgend eines Ereignisses. Ich liebte es, sie heimlich zu betrachten, wenn sie so an ihrem Tischchen saß. Sie beschäftigte sich mit einer Handarbeit, nähte an der Wäsche, des Abends aber las sie Bücher, die sie dann aus meinem Schrank nahm. Die Auswahl der Bücher, die ich besaß, mußte in ihrer Art zu meinen Gunsten sprechen. Sie ging fast nirgendwo hin. Vor der Dämmerstunde, nach dem Essen, ging ich jeden Tag mit ihr spazieren, und wir machten uns Bewegung, doch geschah das stets vollkommen schweigend, ganz so wie früher. Ich bemühte mich gerade so zu tun, als ob wir nicht schwiegen und in allem wortlos übereinstimmten, doch, wie gesagt, vermieden wir beide überflüssige Worte. Ich tat es mit Absicht und ihr, dachte ich, muß man unbedingt „Zeit geben“. Eines ist allerdings sonderbar: es kam mir kein einziges mal in den Sinn, daß ich es liebte, sie heimlich zu betrachten, andererseits hatte ich aber während des ganzen Winters kein einziges mal bemerkt, daß auch ihr Blick auf mir ruhte. Ich glaubte, das wäre ihre Schüchternheit. Und zudem war sie von solch einer scheuen Sanftmut, sah sie so kraftlos nach der Krankheit aus. „Nein, warte lieber ab und – und sie wird plötzlich selbst zu Dir kommen ...“