Part 28
Ich wollte, zum Beispiel, daß die Trauung ^à l’anglaise^ sei, mit höchstens zwei Zeugen, Lukerja und noch irgend jemand, und dann direkt in den Waggon und so auf zwei Wochen nach Moskau in ein Hôtel (ich hatte dort gerade Geschäftliches zu erledigen). Sie aber widersetzte sich dem und ich war gezwungen, zu den Tanten zu fahren, um ihnen, als Anverwandten, von denen ich sie erhielt, meine Aufwartung zu machen. Schön, ich gab nach und den Tanten wurde die nötige Ehrerbietung erwiesen, so wie sich’s gehört. Ich gab diesen Kreaturen sogar zweihundert Rubel, jeder von ihnen hundert, und versprach noch mehr zu geben; versteht sich, ohne ihr etwas davon zu sagen, um sie nicht durch die Niedrigkeit ihrer Umgebung zu kränken. Die Tanten wurden natürlich sofort zuckersüß. Auch gab es Streit wegen der Aussteuer: sie hatte nichts, fast buchstäblich nichts, aber sie wollte auch nichts. Einstweilen jedoch gelang es mir, ihr klar zu machen, daß es ganz ohne Sachen nicht ginge, und so kaufte ich also die Aussteuer, denn wer hätte es sonst für sie tun sollen? Nun, ach zum Teufel mit mir ... Immerhin fand ich noch Zeit, ihr einige meiner Gedanken auseinanderzusetzen, damit sie sie wenigstens kennen lernte. Ich beeilte mich sogar mit dem Auseinandersetzen. Das Wichtigste aber war, daß sie mir schon gleich zu Anfang, wie sehr sie sich auch zu bezwingen suchte, ihre ganze Liebe entgegenbrachte. Wenn ich des Abends angefahren kam, empfing sie mich immer ganz begeistert, erzählte mir dann in ihrer kindlich-stammelnden Weise – wie reizend war das an ihr! – ihre ganze erste Jugend, erzählte von ihrem Elternhause, vom Vater und von der Mutter. Ich aber begoß diese ganze Verzückung sofort mit kaltem Wasser. Gerade darin lag ja mein ganzer Plan. Auf diese Ekstasen antwortete ich mit Schweigen, mit wohlwollendem, natürlich, ... aber sie begriff doch bald, daß wir verschiedene Menschen waren und ich – ein Rätsel. Das aber wollte ich doch gerade, das bezweckte ich ja nur – ein Rätsel scheinen! Um ihr dieses Rätsel zu raten zu geben, – hatte ich ja vielleicht die ganze Dummheit ausgedacht! Erstens: Strenge, – damit führte ich sie auch in mein Haus. Kurz, damals dachte ich mir ein ganzes System aus. Oh, das ergab sich eigentlich ohne jede Anstrengung ganz von selbst. Und es war doch anders gar nicht möglich, ich mußte doch dieses System schaffen, – gezwungen durch eine unabweisbare Tatsache ... Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich da immer noch selbst beschuldige! Ein wirklich erlebtes System war’s. Nein, hören Sie mal, wenn man schon einmal einen Menschen beurteilt, so muß man es nur mit Kenntnis aller Umstände tun ... Hören Sie:
... Wie soll man da eigentlich beginnen? ... Das ist nicht so leicht zu erzählen. Sobald man anfängt sich zu rechtfertigen – wird es sofort schwer. Sehen Sie: Die Jugend verachtet z. B. – das Geld. Ich aber legte sofort Gewicht auf das Geld, betonte es fortwährend, so daß sie immer mehr und mehr verstummte. Sie machte große, verwunderte Augen, hörte, sah und – verstummte ... Sehen Sie mal: Die Jugend ist hochherzig, d. h. gute Jugend, hochherzig, aber heftig: hat wenig Duldsamkeit. Ist etwas auch nur ein wenig anders, so wird es sofort verachtet. Ich aber wollte ihr das „Alles-verstehen“ direkt ins Herz einimpfen, direkt in die Auffassung ihres Herzens, – nicht wahr? Nehmen wir nun ein triviales Beispiel: wie hätte ich diesem Charakter, sagen wir, meinen freiwillig erwählten Beruf erklären sollen? Ich fing natürlich nicht direkt an, davon zu sprechen; sonst hätte es ja geschienen, daß ich seinetwegen um Verzeihung bäte, ich aber handelte stolz, sprach durch Schweigen. Oh, darin bin ich Meister! Habe mein ganzes Leben lang schweigend gesprochen, habe mit mir selbst ganze Tragödien schweigend durchlebt. Oh, auch _ich_ war doch unglücklich! Ich war von allen verstoßen, verstoßen und vergessen, und keiner, kein einziger wußte das! Und plötzlich schnappte diese Sechzehnjährige von gemeinen Menschen Klatschgeschichten über mein Leben auf und glaubte, daß sie bereits alles wisse, während doch das Kostbare, der Schatz, einzig in der Brust dieses Menschen selbst verschlossen blieb! Ich schwieg die ganze Zeit über und besonders, besonders wenn ich mit ihr zusammen war, schwieg ich – bis auf den gestrigen Tag! – Warum ich schwieg? Weil ich eben ein stolzer Mensch war. Ich wollte, daß sie das selbst begriff, ohne mein Dazutun, aber nicht aus den Erzählungen gemeiner Klatschbasen, sondern daß sie diesen Menschen _selbst erriet_ und ihn begriff! Als ich sie in mein Haus nahm, verlangte ich von ihr volle Achtung meiner Person gegenüber. Ich wollte, daß sie mich für meine Leiden anbetete – und ich war’s wert. Oh, ich bin immer stolz gewesen, ich habe immer entweder alles – oder nichts gewollt! Und gerade, weil ich kein armseliges Stückchen Glück, sondern ein ganzes, großes haben wollte – gerade deswegen war ich gezwungen, so zu handeln. – „Errate selbst und werte dann!“ Denn, nicht wahr, Sie müssen mir doch zugeben, wenn ich selbst angefangen hätte, ihr zu erklären und vorzusagen, Finten zu machen und Achtung zu erflehen, – dann wär’s doch gleichbedeutend gewesen, mit – Almosen erbetteln ... Übrigens ... übrigens – wozu rede ich davon!
Dumm, dumm, dumm und nochmals dumm! Ich erklärte ihr damals in zwei Worten, ohne Umschweife, unbarmherzig (ich betone es, daß es unbarmherzig war), daß die Hochherzigkeit der Jugend an sich ja wunderschön, aber – keine Kopeke wert sei. Warum nicht? – Weil sie ihr billig zufällt, weil sie ihr zu Teil wird, noch bevor sie gelebt hat; alles das sind, wie man zu sagen pflegt, „die ersten Eindrücke des Seins“. Wollen wir aber mal erst abwarten, wie Ihr Euch in der Not bewährt! Billige Hochherzigkeit ist immer leicht, billige Großmut immer flach; sogar das Leben fortzugeben – auch das ist dann billig, denn da kocht nur das junge Blut und schäumen die Kräfte des Überflusses. Schönheit, Schönheit verlangt man leidenschaftlich! Nein, nehmt eine andere Heldentat der Hochherzigkeit, die schwere, stille, unhörbare, ohne Glanz, die, die viele, viele Opfer verlangt und keinen Tropfen Ruhm einbringt, – wohl aber bittere Verleumdung; – wo der wertvollste Mensch von der ganzen Welt als Schurke hingestellt wird, während er doch ehrlicher ist, als alle Ehrenmänner der Welt zusammengenommen. – Nun, versucht mal solch eine Heldentat zu vollbringen! – Nein, dafür werdet Ihr danken! ... Ich aber, – ich aber habe mein ganzes Leben lang nichts anderes getan, wie diese Heldentat – getragen.
Zuerst widersprach sie; ach Gott, wie sie mit mir stritt! Dann aber verstummte sie allmählich, zuletzt sogar ganz. Nur die Augen öffnete sie furchtsam weit, wenn sie mir zuhörte: so groß, groß waren diese Augen, so aufmerksam. Und ... und plötzlich bemerkte ich ein Lächeln, ein mißtrauisches, schweigsames, kein gutes ... Und mit diesem, mit diesem selben Lächeln war’s, daß ich sie in mein Haus führte. Allerdings, sie hatte sonst niemanden, zu dem sie hätte gehen können ...
IV. Lauter Pläne und Pläne.
Wer von uns fing damals zuerst an?
Keiner. Es fing von selbst an, vom ersten Schritt. Ich habe gesagt, daß ich sie unter Strenge ins Haus führte, einstweilen aber milderte ich die doch schon am ersten Tage. Noch vor der Trauung hatte ich ihr gesagt, daß sie die Pfänder in Empfang nehmen und das Geld herausgeben würde – und sie hatte damals nicht widersprochen (bitte das nicht zu vergessen). Ja, sie machte sich sogar mit Eifer an die Sache. Nun, versteht sich, die Wohnung, die Einrichtung, – alles blieb so, wie es war. Zwei Zimmer, – das eine, ein großes – das Wohnzimmer, in dem für die Kasse eine Hälfte abgeteilt ist, das andere, gleichfalls groß, unser Schlafzimmer. Meine Möbel sind ärmlich, sogar die Tanten hatten bessere. Mein Heiligenschrank mit dem Lämpchen hängt im ersten Zimmer, dort wo die Kasse ist; bei mir aber, in meinem Zimmer, steht mein Schrank, in dem auch einige Bücher liegen, und mein Koffer; die Schlüssel trage ich bei mir. Nun und dann natürlich noch das Bett, Tische, Stühle. Bereits vor der Trauung hatte ich ihr gesagt, daß zu unserem Unterhalt, d. h. zur Beköstigung für mich, für sie und Lukerja, die ich zu uns genommen hatte, täglich ein Rubel und nicht mehr verausgabt werden würde –: „Muß in drei Jahren dreißig Tausend haben, anders aber kommt man nicht zu Geld.“ Sie widersprach nicht, aber ich legte selbst noch dreißig Kopeken hinzu. Desgleichen Theater. Ich hatte ihr gesagt, daß wir nicht ins Theater gehen würden, beschloß aber dann doch einmal im Monat mit ihr ins Theater zu gehn, und anständig – Parkett. Wir gingen zusammen, waren zweimal, sahen, glaub ich, „Die Jagd nach dem Glück“ und „Singvögel“ – oh, zum Teufel, zum Teufel damit! – Schweigend gingen wir hin und schweigend kamen wir nach Haus. Warum, warum wir uns von Anfang an vorgenommen hatten zu schweigen? Zuerst gab es doch noch keine Streitigkeiten zwischen uns – nur Schweigen. Ich weiß noch, damals sah sie mich immer heimlich an; ich aber, als ich das bemerkte, da schwieg ich erst recht. ’S ist allerdings wahr: _ich_ war es, der auf dem Schweigen beharrte, nicht sie. Ihrerseits gab’s sogar ein- oder zweimal leidenschaftliche Ausbrüche: stürzte zu mir, umarmte mich. Da aber diese Ausbrüche krankhaft waren, hysterisch, ich jedoch ein _starkes_ Glück brauchte, und als erstes ihre volle Achtung, so blieb ich natürlich kühl. War auch im Recht: jedesmal nach diesen Ausbrüchen gab’s am nächsten Tage Streit.
Das heißt, Streit gabs eigentlich nicht, aber es gab Schweigen und – und immer dreisteres, frecheres Aussehen ihrerseits. „Rebellion und Unabhängigkeit“ – das war’s, nur verstand sie’s nicht. Ja, dieses sanfte Gesicht nahm einen immer vermesseneren Ausdruck an. Glauben Sie es mir, ich wurde ihr einfach zuwider; – ich kenne das, hab’s doch selbst erlebt. Jedenfalls: daß sie zuweilen außer sich geriet, – daran war nicht zu zweifeln. Nun wie, zum Beispiel, nachdem man aus solchem Schmutz, aus solcher Armut herausgekommen ist, wie kann man denn da plötzlich über unsere Armut die Nase rümpfen! Sehen Sie mal: es war keine Armut, aber es war Ökonomie und dort, wo es sich gehörte, sogar Luxus, – in der Wäsche, zum Beispiel, in der Sauberkeit. Ich habe immer gedacht, daß die Sauberkeit der Männer den Frauen angenehm sein muß. Übrigens tat sie’s nicht über die Armut, sondern über meinen, wie sie glaubte, schmutzigen Geiz –: „Behauptet, er verfolge ein Ziel, will Charakter beweisen!“ Für das Theater dankte sie plötzlich selbst. Und immer spöttischer, immer spöttischer wurde der Zug um ihren Mund ... ich aber verstärkte das Schweigen, ich aber verstärkte das Schweigen.
Konnte doch nicht anfangen, mich zu rechtfertigen!? Die Hauptrolle spielte dabei natürlich die Leihkasse. Sehen Sie: ich wußte, daß eine Frau, und noch dazu eine sechzehnjährige, nicht umhin kann, sich dem Manne ganz und gar unterzuordnen. Es ist keine Originalität in den Frauen, das – das ist ein Axiom, sogar jetzt noch, sogar jetzt noch ein Axiom für mich! Was ist’s denn, was dort im Saal auf dem Tische liegt: Wahrheit bleibt Wahrheit, an der kann selbst Mill nichts ändern! Aber die liebende Frau, – oh, die liebende Frau, – die vergöttert selbst die Laster, selbst die Verbrechen des Geliebten. Er wird für seine Verbrechen niemals solche Rechtfertigungen finden können, wie sie sie ihm ausdenken wird. Das ist großmütig, aber nicht originell. Einzig die Unoriginalität hat die Frauen ins Verderben gebracht. Und warum nun, wiederhole ich, zeigen Sie denn dort hin auf den Tisch? Ja, ist denn das etwa Originalität, was dort auf dem Tisch liegt? O – oh!
Hören Sie: von ihrer Liebe war ich damals überzeugt. Warf sie sich doch stürmisch an meinen Hals. Also liebte sie doch, richtiger – wollte sie doch lieben. Ja ja, so war es auch: sie wollte lieben, sie versuchte zu lieben. Aber die Hauptsache lag eben darin, daß ich ja gar nicht solche Verbrechen begangen hatte, für die sie sich hätte Entschuldigungen ausdenken müssen. Sie sagen: „ein Pfandleiher“! – ja, und alle sagen es. Aber was will denn das sagen, – „Pfandleiher“? Also muß es doch Gründe gegeben haben, daß der großmütigste Mensch zum – Pfandleiher geworden ist? Sehen Sie: es gibt Ideen ... das heißt, sehen Sie mal, es gibt manche Ideen, die, wenn man sie ausdrücken, in Worten aussprechen will, furchtbar dumm erscheinen. Wirklich – so dumm, daß man sich schämt. Und woher kommt das? – Einfach so. Weil wir alle Lumpen sind und die Wahrheit nicht ertragen können, oder ... ich weiß wirklich nicht ... Ich sagte vorhin: „der großmütigste Mensch“. Das ist lächerlich. Währenddessen aber war es doch wirklich so. Das ist doch _Wahrheit_, was ich sage, die allerallerwahrhaftigste Wahrheit! Ja; ich _hatte damals das Recht_, mich pekuniär sicher stellen zu wollen und dieses Pfandgeschäft zu eröffnen. „Ihr habt mich verstoßen, Ihr (Ihr Menschen natürlich), Ihr habt mich mit verachtendem Schweigen fortgejagt! Auf meinen leidenschaftlichen Drang zu Euch habt Ihr mir mit einer Beleidigung für mein ganzes Leben geantwortet. Somit war ich denn im _Recht_, als ich mich von Euch trennte, zwischen Euch und mir eine Mauer zog; bin im _Recht_, wenn ich diese dreißig Tausend Rubel ersparen und irgendwo in der Krim, am Schwarzen Meere zwischen Bergen und Weingärten auf meinem für diese dreißig Tausend gekauften Gute mein Leben beschließen will. Und vor allen Dingen: ich will ohne Groll auf Euch, aber nur fern von Euch leben, leben mit dem Ideal in der Seele, zusammen mit meiner herzliebsten Frau und mit meinen Kindern, wenn Gott sie uns schenken sollte. Und den Freunden und Nachbarn in der Not würde ich eine helfende Hand sein.“ Gut, wenn ich das jetzt allein zu mir sage, was aber hätte es Dümmeres geben können, als wenn ich damals ihr das vorerzählt und ausgemalt hätte? Das war’s ja, warum ich stolz schwieg, warum wir uns schweigend gegenübersaßen. Was hätte sie denn davon begriffen? Sechzehn Jahre – das ist ja doch noch die erste Jugend! Und was hätte sie denn verstehen können von meinen Rechtfertigungen, von meinen Leiden? Offenherzigkeit, Unkenntnis des Lebens, jugendliche, billige Überzeugungen, wahre Hühnerblindheit der „prachtvollen Herzen“, aber vor allen Dingen – da war ja die Leihkasse und das genügte! – War ich denn etwa ein Räuber, hatte sie denn nicht selbst gesehn, wie ich war und daß ich nichts Unrechtmäßiges nahm? Oh, wie furchtbar ist die Wahrheit auf Erden! Dieses reizende Wesen, diese sanfte Kleine, dieser Himmel – war mein Tyrann, war der unerträgliche Peiniger meiner Seele! Würde ich mich doch selbst anschwärzen, wenn ich das nicht sagte! Sie glauben vielleicht, daß ich sie nicht geliebt habe? Wer kann mir sagen, ich hätte sie nicht geliebt? Sehen Sie: hieraus wurde boshafte Ironie des Schicksals und der Natur! Wir sind verflucht, das Leben der Menschen ist verflucht! – meines noch ganz besonders! – Ich begreife jetzt, daß ich mich hierbei in irgend etwas versehen hatte! Hierbei kam etwas _nicht so_ heraus. Alles war doch so klar, so klar wie der Himmel war mein Plan: „Hart, stolz, braucht niemandes moralischen Trost, leidet schweigend.“ So war’s ja auch, ich log doch nicht, ich log doch wahrhaftig nicht! „Sie wird dann selbst die Hochherzigkeit entdecken, nur versteht sie vorläufig noch nicht, sie zu bemerken; doch wenn sie das irgend einmal errät, so wird sie es dann zehnfach zu schätzen wissen und in den Staub vor mir niederknieen, mit betend gefalteten Händen.“ – Das war der Plan! Aber hier mußte ich etwas vergessen oder aus dem Auge gelassen haben. Irgend etwas habe ich hier nicht zu machen verstanden. Doch genug, genug! Und wen soll ich denn jetzt um Verzeihung bitten? Ist’s aus, dann ist’s aus. Mutiger, Mensch, und sei stolz! Nicht du trägst die Schuld! ...
Nein, ich sage die Wahrheit, ich fürchte mich nicht, vor das Angesicht der Wahrheit hinzutreten: _sie_ trägt die Schuld daran, _sie_ trägt die Schuld! ...
V. Die Kleine revoltiert.
Die Uneinigkeit begann damit, daß es ihr plötzlich einfiel, das Geld wie es ihr gut dünkte auszugeben, die Pfänder über ihren Wert einzuschätzen, und zweimal geruhte sie sogar, über dieses Thema mit mir zu streiten. Ich erklärte mich damit nicht einverstanden. Und da kreuzte denn noch diese Offizierswitwe unseren Weg.
Es kam eine alte Frau, die Witwe eines Hauptmanns, mit einem Medaillon, – Geschenk des verstorbenen Gatten, nun, man weiß ja: eine Erinnerung. Ich gab ihr dreißig Rubel. Da hob denn das Weinen an –: man solle das Ding nur ja gut aufbewahren. – Selbstverständlich bewahren wir es gut auf. Nun, kurz und gut, plötzlich, nach fünf Tagen kommt sie wieder, um das Ding gegen ein Armband, das nicht mal acht Rubel wert war, einzulösen. Ich schlug ihr’s natürlich ab. Wahrscheinlich hat sie wohl damals schon etwas aus den Augen meiner Frau erraten, denn als sie das zweite Mal in meiner Abwesenheit kam, tauschte die es tatsächlich gegen ihr Medaillon ein.
Als ich das noch am selben Tage erfahren hatte, sprach ich sanft, doch bestimmt und vernünftig mit ihr. Sie saß auf dem Bett, sah zu Boden und baumelte mit dem rechten Fuß – ihre charakteristische Angewohnheit –, wobei sie mit dem Schuhspitzchen immer über den Betteppich fuhr; ein häßliches Lächeln lag auf ihren Lippen. Da erklärte ich ihr ruhig, ohne auch nur die Stimme zu erheben, daß das Geld _mir_ gehöre, daß ich das Recht habe, auf das Leben mit _meinen_ Augen zu sehn, und – daß ich, als ich sie um ihre Hand gebeten, ihr doch nichts verheimlicht hatte.
Sie sprang auf, erzitterte am ganzen Körper und – was glauben Sie wohl – stampfte plötzlich wie wahnsinnig mit den Füßen los! Das war einfach ein Tier, das war ein Anfall, das war ein Tier im Krampf!! Ich war starr vor Erstaunen: solch einen Ausfall hätte ich nie und nimmer erwartet! Verlor aber nicht den Kopf, zuckte nicht einmal und erklärte nur, wieder mit derselben ruhigen Stimme, daß ich ihr von nun ab die Anteilnahme an meinen Beschäftigungen entziehen würde. Sie lachte mir ins Gesicht und ging, – ging aus der Wohnung.
Die Sache war aber, daß sie nicht das Recht hatte, die Wohnung zu verlassen. Nicht ohne meinen Willen auszugehen – so war es zwischen uns noch während der Brautschaft abgemacht worden. Zum Abend kehrte sie zurück; ich sprach kein Wort.
Am nächsten Tage ging sie wieder gleich am Morgen aus, am übernächsten wieder. Ich schloß die Kasse und begab mich zu den Tanten. Mit ihnen hatte ich gleich nach der Trauung jegliche Beziehungen abgebrochen –: weder kamen sie zu uns, noch wir zu ihnen. Es stellte sich heraus, daß meine Frau nicht bei ihnen gewesen war. Sie hörten mir neugierig zu, lachten mich aus: „Geschieht Ihnen recht.“ Aber ich hatte es ja nicht anders erwartet. Bei derselben Gelegenheit gewann ich die jüngere Tante, die Jungfer, bestach sie mit hundert Rubeln, von denen ich ihr fünfundzwanzig sofort einhändigte. Nach zwei Tagen kam sie zu mir.
„Da ist ein Offizier,“ sagte sie, „ein Leutnant Jefimowitsch, Ihr früherer Regimentskamerad, im Spiel.“
Ich war sehr verwundert. Von diesem Jefimowitsch hatte ich im Regiment am allermeisten Bosheit erfahren müssen. Vor einem Monat aber war er, schamlos wie er stets gewesen, zweimal unter dem Vorwand etwas versetzen zu wollen, zu uns gekommen. Ich weiß noch, daß er damals mit meiner Frau zu scherzen versucht hatte. Da war ich denn an ihn herangetreten und hatte ihm gesagt, er solle es nicht wagen, wiederzukommen, – so wie unsere Beziehungen nun einmal stünden. Doch nicht mal ein Gedanke an irgend so etwas war mir in den Kopf gekommen; ich dachte einfach, daß er nichts als frech und zudringlich war. Und nun sagte mir plötzlich dieses Weibsbild von Tante, daß sie sich ein Rendezvous geben werden, und daß die ganze Geschichte von einer früheren Bekannten der anderen Tante, einer Julija Ssamssonowna, die noch dazu Witwe eines Obersten sein sollte, unterstützt würde. – „Und zu dieser Witwe geht Ihre Frau.“
Ich werde mich kürzer fassen. Im ganzen kam mich die Sache auf zirka dreihundert Rubel zu stehn; dafür aber war es nach zweimal vierundzwanzig Stunden abgemacht, daß ich im Nebenzimmer hinter der Tür stehen und auf diese Weise dem ersten ^tête-à-tête^ meiner Frau mit Jefimowitsch beiwohnen sollte. In der Erwartung dessen kam es nun noch am Abend vorher zu einer kurzen, doch nur zu bedeutsamen kleinen Szene zwischen ihr und mir.
Sie kam kurz vor Abend zurück, setzte sich aufs Bett, blickte mich spöttisch an und baumelte wieder mit dem Beinchen überm Teppich. Da, als ich sie so sah, fiel es mir plötzlich auf, daß sie in diesem ganzen letzten Monat oder wenigstens in den letzten zwei Wochen – ja gar nicht mehr sie selbst gewesen war. Das war plötzlich ein wildes, unordentliches Geschöpf geworden, das bereit war, sich ins Verderben zu stürzen, das den Strudel geradezu suchte. Solch ein Wesen kann sich mit seiner Vernunft und seinem Schamgefühl, wenn es einmal die Grenzen überschritten, nicht mehr zurechtfinden. Es gerät in einer Weise aus dem Gleise, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Dagegen wird sich eine verderbte Seele immer zu mäßigen wissen, wird vielleicht das Gemeinste tun, aber dabei doch immer noch Ordnung und Anstand wahren und obendrein womöglich noch die Anmaßung haben, einem überlegen zu sein.
„Ist es wahr, daß man Sie aus dem Regiment fortgejagt hat, weil Sie aus Furcht ein Duell ausgeschlagen haben?“ fragte sie plötzlich und ihre Augen erglänzten.
„Ja, es ist wahr. Man bat mich nach dem Urteilsspruch der Offiziere, das Regiment zu verlassen, obgleich ich übrigens schon vorher selbst mein Abschiedsgesuch eingereicht hatte.“
„Als Feigling fortgejagt?“
„Ja, ich wurde als Feigling verurteilt. Doch hatte ich das Duell nicht aus Furcht ausgeschlagen, sondern weil ich mich nicht ihrem tyrannischen Urteilsspruch fügen wollte: zum Duell herauszufordern, wenn ich selbst eine Beleidigung nicht anerkennen konnte ... Wissen Sie,“ – sagte ich plötzlich, denn ich konnte nicht an mich halten – „daß mit der Tat sich gegen solche Tyrannei auflehnen und alle Folgen dieser Handlung auf sich nehmen, viel mehr Männlichkeit beweisen hieß, als zu einem Duell herausfordern.“
Ich hatte mich nicht beherrschen können und mit den letzten Worten gleichsam mich zu rechtfertigen begonnen; das aber wollte sie ja nur, diese meine neue Erniedrigung! Sie lachte boshaft auf.
„Und ist es wahr, daß Sie sich darauf drei Jahre lang in den Straßen Petersburgs wie ein Strolch herumgetrieben haben, um zehn Kopeken die Leute angesprochen und unter den Billards genächtigt haben?“
„Ich habe sogar in der Ssennaja im Wjäsemskischen Hause[6] genächtigt. Ja, es ist wahr; in meinem Leben war später, nach dem Ausschluß aus dem Regiment, viel Schmach und Verkommenheit, doch keine moralische Verkommenheit, denn ich war ja doch selbst der erste, der mich und meine Handlungen haßte. Das war bloß eine Ohnmacht meines Willens, die durch die Verzweiflung meiner Lage hervorgerufen wurde ... Aber das ist jetzt vorüber, ist gewesen ...“
„Oh, natürlich. Jetzt sind Sie ja eine große Persönlichkeit: ein Finanzmann!“
Das war natürlich eine Anspielung auf die Pfandkasse. Doch ich beherrschte mich schon wieder. Ich sagte mir, daß sie es ja doch nur auf Erklärungen meinerseits abgesehen hatte, die mich erniedrigen sollten und – ich schwieg. Zudem klingelte gerade jemand und so ging ich denn aus dem Schlafzimmer an meine Kasse. Darauf, nach einer Stunde ungefähr, als sie sich angekleidet hatte, um wieder auszugehn, blieb sie plötzlich noch vor mir stehen und sagte:
„Vor der Hochzeit aber haben Sie mir nichts davon gesagt?“
Ich antwortete nicht und sie ging.