Part 3
Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, in seinen Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch nur auf eine trockene Geschäftskorrespondenz beschränkte, schrieb ihm jetzt plötzlich in ausführlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen Sohn, wie sehr dieser ihm durch seine schlechte Aufführung Sorgen mache ... Freilich müsse man die Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er bemühte sich offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe er beschlossen, seinen Sohn dafür zu strafen und ihn auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu schicken. Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, edlen Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen aber auf Anna Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen in die Familie aufzunehmen, ihn in der Einsamkeit zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und „ihm heilsame, strenge, im menschlichen Leben so notwendige Gesetze“ einzuflößen. Es versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem Ernst und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge Fürst erschien und wurde wie ihr eigener Sohn von ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha; auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, gedachte der alte Ichmenjeff mit besonderer Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war, den Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der Tat ein reizender Jüngling: schön, schwach und nervös wie eine Frau, doch harmlos und gutmütig, liebenswürdig und hochherzig, – so wurde er der Abgott des ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte es gar nicht begreifen, warum der Vater ihn fortgeschickt hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so sehr liebte. Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr leichtsinnig aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts habe beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt hätte. Nikolai Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht weiter darüber aus, da der Fürst selbst ihm den wahren Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte um von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer Dame, von einer Herausforderung zum Duell, von einem kolossalen Spielverlust, das Gerücht ging sogar so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der Fürst seinen Sohn nur aus egoistischen Gründen entfernt habe. Die letzte Behauptung empörte besonders Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der seinen Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für ihn schwärmte, ihn liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar war er ganz unter seinem Einfluß. Aljoscha plauderte zuweilen auch von einer Gräfin, die sie beide, Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha, bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen wäre. Er erzählte des öfteren davon in kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem Lachen; doch Nikolai Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn verheiraten wollte.
Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, schrieb von Zeit zu Zeit dem Vater vernünftige und respektvolle Briefe und hatte sich in Wassiljewskoje so gut eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) der Verbannte den Vater selbst bat, ihn noch einige Zeit in Wassiljewskoje zu lassen, da das Landleben, wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre. Alle Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus seinem feurigen Herzen, aus einer Leichtsinnigkeit, die bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus der Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen verhielt sich sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte nur mit Mühe seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. Er war plötzlich besonders kleinlich in seinem Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch geworden; bei der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch, habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute Nikolai Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu Herzen und bemühte sich, selbst nicht daran zu glauben. Dieses Mal wickelte sich der Besuch in umgekehrter Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte der Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam er nie und behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und plötzlich geschah etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen Grund kam es zu einem vollständigen Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch. Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, hatte man beiden hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort Wassiljewskoje, doch war die Geschichte damit noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte man sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, Nikolai Ssergejewitsch habe den Charakter und die Fehler des jungen Fürsten zu seinen Gunsten auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen Junker in sich verliebt gemacht, und beide, der Vater wie die Mutter förderten diese Liebe, indem sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha diesen noch ganz jungen Menschen das ganze Jahr über, durch ihre Bemühungen, der Bekanntschaft aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß zwischen den Liebenden die Trauung im Dorfe Grigorjeff, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, heimlich schon verabredet worden sei, und daß die Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt hätten. Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht zu fassen vermocht, was die Gouvernementsklatschbasen beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser Geschichte sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, daß der Fürst ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich infolge eines anonymen Briefes aus der Provinz nach Wassiljewskoje gekommen war. Selbstverständlich hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch wirklich kannte, diesen Geschichten Glauben schenken können, doch statt dessen, wie das so zu geschehen pflegt, ereiferten sie sich alle, schüttelten die Köpfe und ... verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen Klatschbasen zu rechtfertigen und befahl auch strengstens Anna Andrejewna, sich den Nachbarn gegenüber in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst, die vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein Wort von diesen Klatschereien. Man verheimlichte vor ihr die ganze Geschichte und so blieb sie heiter und unschuldig, wie ein Kind.
Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und mehr zu. Diensteifrige Geister ruhten nicht und brachten es so weit, den Fürsten davon zu überzeugen, daß die langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und nicht genug: vor drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch beim Verkauf eines Wäldchens zwölftausend Rubel für sich behalten haben, was durch die allerklarsten Beweise vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er zum Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht des Fürsten besaß, sondern dabei aus eigener Initiative gehandelt hätte, um dann erst hinterher den Fürsten von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen und ihm eine geringere Summe als die für das Wäldchen erhaltene einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen entbehrten selbstverständlich jeglicher Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt und in Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch einen Dieb genannt. Ichmenjeff brauste auf und schleuderte ihm eine gleich kräftige Beleidigung zurück. Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden schriftlichen Beweise hatte, und was die Hauptsache war, keine Protektion und keine Erfahrung in Gerichtssachen besaß, verlor den Prozeß sofort, in der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. Der erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte nach Petersburg über, um für seine Sache persönlich zu wirken. Sein Gut überließ er einem Sachverständigen. Dem Fürsten freilich schien es bald klar geworden zu sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch waren beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von einem friedlichen Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte und der erbitterte Fürst auch seinerseits alles tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot zu nehmen.
V.
So waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt.
Über mein Wiedersehen mit Natascha will ich mich weiter nicht verbreiten. Ich hatte sie in diesen vier langen Jahren nicht vergessen, im Gegenteil, ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich mir selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche Gefühl, mit dem ich an sie zurückdachte; als wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich, daß das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der ersten Zeit schien es mir, daß sie sich in diesen Jahren wenig entwickelt habe, ich dachte, sie sei dasselbe kleine Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte. Dann aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr zu entdecken, etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, das gleichsam absichtlich vor mir verborgen worden war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken – ... und welch eine Wonne dieses Entdecken war!
Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft sehr übel gelaunt und dementsprechend reizbar. Seine Sache stand ziemlich schlecht, und da ärgerte er sich denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm etwas ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen Tag mit seinen Akten und Geschäftspapieren und hatte überhaupt wenig Sinn für uns. Anna Andrejewna dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. Petersburg ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete sich, weinte und sehnte sich nach ihrem früheren Leben in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen Natascha Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so gar keine Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher Offenherzigkeit ihr ganzes Herz mir aus, freilich nur deshalb gerade mir, weil sie sonst niemanden hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter gewesen wäre.
In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft in Petersburg, hatte ich meinen ersten Roman beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich meine Laufbahn begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs ließ ich jedoch kein Wort davon verlauten; sie aber waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein müßiges Leben führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst wo eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb mitunter sogar bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich nur seine väterliche Zuneigung zu mir bewog. Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen auch so offen sagen sollen, daß ich überhaupt nicht in Staatsdienst treten, sondern Schriftsteller werden wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie inzwischen noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände keine Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um eine solche bemühte. Der Alte hatte keine Zeit, mein Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne mich noch, wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches Gespräch zwischen ihm und mir angehört hatte, heimlich einen Wink gab, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie sie mich ins Verhör nahm: sie wollte wissen, was ich treibe. Und als ich auch ihr nichts von meiner Schriftstellerei mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und mich zugrunde richten würde. Doch wenn ich ihr auch nicht gestand, was ich trieb, so hätte ich doch – dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken, selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten Literaturkenner über meinen Roman hingegeben für ein einziges aufmunterndes Wort von ihr. Eines Tages war dann das Buch endlich erschienen. Schon lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. hatte sich wie ein Kind gefreut, als er mein Manuskript gelesen. Nein! wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: in jenen langen Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung, zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen Liebe zur Arbeit, als ich mich mit meinen Phantasiegebilden, mit den Menschen, die ich geschaffen, so eingelebt hatte, als wären es lebende, als wären es wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie von ganzer Seele, ich teilte ihr Leid wie ich ihre Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige Tränen über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr sich die Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich kaum beschreiben, obschon sie die Tatsache zuerst vor lauter Verwunderung gar nicht so recht fassen konnten: sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna wollte zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue von allen gerühmte Schriftsteller – dieser selbe Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie schüttelte nur in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht so bald, sprach langes und breites von verpfuschter Karriere im Staatsdienst, sprach auch von dem nicht einwandfreien Lebenswandel der Schriftsteller im allgemeinen. Doch die immer wieder auftauchenden neuen Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, die Besprechungen in den Tageszeitungen und schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs Wort glaubte, zwangen ihn mit der Zeit doch, seine Auffassung von der Sache zu ändern. Als er dann gar sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr, wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen konnte, da schwanden auch seine letzten Zweifel und Bedenken. Als er aber einmal die Zweifel hatte fahren lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten Glauben überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. Wie ein Kind freute er sich über mein Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume, indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die Zügel schießen ließ. An jedem Tage, den Gott werden ließ, dachte er sich etwas Neues aus, schmiedete er neue Pläne für mich – und was das für Pläne waren! Er begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung zu bezeugen, was er bis dahin natürlich nicht getan hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er mitten im begeisterten Phantasieren inne hielt und mit sich selbst nicht recht im klaren war.
„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! ’s ist doch sonderbar ... Wann sind denn die Dichter große Männer gewesen, werden sie je Exzellenz? Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, so ’n unzuverlässiges Volk!“
Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden Gedanken, die so kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich in der Dämmerung, die für ihn überhaupt eine gefährliche Stunde zu sein schien: er wurde dann eigentümlich nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, wie gut ich mich noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha und ich, wir kannten seine Schwächen und lächelten im stillen. Ich erzählte ihm literarische Anekdoten, erzählte, wie Dershawin[2] eine Schnupftabaksdose mit Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich Lomonossoff[3] besucht hatte; erzählte zum Schluß auch noch von Puschkin und Gogol.
„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist ja sehr gut und sehr schön, aber ...“ versetzte der Alte, der diese Geschichten vielleicht zum erstenmal hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich bin doch froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen ist. Verse, weißt du, Freund, die sind doch barer Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das kannst du mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein Bestes. Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten – die können noch Verse schmieden, denen kann man es noch allenfalls gestatten ... Aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut nur in die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, gewiß, Puschkin war ein Genie, das wird niemand bestreiten, doch davon reden wir nicht. Aber immerhin sind es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben hat, nichts weiter, so hm! – ephemerisch nennt man’s wohl ... Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen ... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! Hier kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, gleichviel ... kann von der Liebe zum Vaterlande reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ... Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht auszudrücken, aber du begreifst auch so, was? Ich rede ja nur aus Liebe zu dir. Nun, nun, lies vor!“ schloß er plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit, als ich endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem Tee an den runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, was du dort zusammengeschrieben hast. Es wird ja soviel Aufhebens von dir gemacht! Jetzt werden auch wir es einmal zu hören bekommen.“
Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit dem Vorlesen zu beginnen. Gerade an dem Tage war mein Roman im Druck erschienen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu Ichmenjeffs geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen.
Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich ihnen das Werk nicht früher, nicht aus dem Manuskript, das beim Verleger war, vorlesen gekonnt! Natascha hatte vor Ärger sogar geweint und mir bitter vorgeworfen, daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen würden als sie ... Doch da war nun endlich der große Augenblick gekommen. Wir saßen am Tisch. Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht sitzen, wollte unerbittlich streng urteilen, und vor allem „sich selbst überzeugen“. Die Alte blickte gleichfalls ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu diesem Vortrag ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon längst bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha betrachtete, daß mir der Atem stockte und es mir vor den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah als früher. Ja! Endlich war auch diese Zeit angebrochen, gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks, – alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es ihr nicht entgangen, daß ihr Alter mich ganz verdächtig zu loben begann und mich und seine Tochter oft mit so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie: ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder zum mindesten ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, auf dessen junger Brust Orden glänzten und der eine schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna liebte es nicht, Halbes zu wünschen.
„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ dachte sie, „weshalb, wofür aber – das weiß niemand. Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber solch ein Schriftsteller?“
VI.
Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches geschrieben hätte ^à la^ Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so! ... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er, „dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch und mein Bruder ist.“
Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus.
„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte, doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen.
Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon soviel Aufsehens machen?“
Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran, „ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen: