Part 2
Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte rechts von der Konditorei lag eine kleine Gasse, finster und eng, zwischen hohen Häuserfassaden. Etwas sagte mir, der Alte müsse sich durchaus dahin begeben haben. Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der Bretterzaun, der das Haus umgab, nahm die Hälfte der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg für Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun ums Haus gebildet wurde, traf ich den Alten. Er saß auf dem Holzsteg für Fußgänger, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gedrückt. Ich setzte mich neben ihn.
„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu wissen, was ich sagen sollte. „Trauern Sie nicht um Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach Haus. Ich werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen Sie?“
Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In der Gasse war niemand zu sehen. Plötzlich packte er mich an dem Arm.
„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. „Luft!“
„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob mich und versuchte ihn aufzuheben, „Sie werden Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich werde sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... ich kenne einen Arzt ...“
Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn einsprach. Er wollte sich erheben, und richtete sich ein wenig auf, doch fiel er gleich wieder zurück und murmelte etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme. Ich beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können.
„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... sechste Linie,“ röchelte der Alte.
Er verstummte.
„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen Sie denn nach rechts, statt nach links? Ich werde Sie gleich hinführen ...“
Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff seine Hand; die Hand fiel leblos nieder. Ich blickte ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn, – auch er war tot. Mir schien alles wie ein Traum.
Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und in der Erregung schwand mein Fieber. Die Wohnung des Alten wurde bald gefunden. Er lebte indessen nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, unter dem Dach, in der fünften Etage, in einer Wohnung, die aus einem kleinen Vorraum und einem großen aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen Spalten bestand. Er schien in der größten Armut gelebt zu haben. Seine Möbel waren ein Tisch, zwei Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein, aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese Möbel schienen noch dem Hauswirt zu gehören. Der Ofen war ersichtlich lange nicht mehr geheizt worden; ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller ging, um sich zu wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf dem Tisch stand ein leerer, irdener Krug und lag ein Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch Wäsche besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu seiner Beerdigung ein reines Hemd geben. Es war klar, daß er unmöglich allein so hätte leben können, und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt haben mußte. In der Schublade des Tisches fand man seinen Paß. Der Verstorbene war Ausländer von Geburt, aber russischer Untertan und hieß Jeremias Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher; ein kleines Handbuch der Geographie und das neue Testament in russischer Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter waren mit Strichzeichen und Nägelspuren versehen. Diese Bücher erwarb ich mir später. Man befragte die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr viele Einwohner, meistenteils Handwerker und Deutsche, die Zimmer mit Beköstigung und Bedienung vermieteten. Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr von dem Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung sechs Rubel monatlich Miete zahlte, im ganzen vier Monate in der Wohnung lebte und für die letzten zwei Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn hätte hinausweisen müssen. Man fragte, ob ihn jemand besucht habe? Doch niemand konnte auch darüber eine befriedigende Auskunft geben.
„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als ob denn wenig Leute in ihm wohnten, ... alle seien doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der über fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas über den seltsamen Mieter hätte aussagen können, war gerade vor zwei Wochen in sein Heimatsdorf gefahren. Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte noch kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr genau, welches Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen ergab. Der Alte wurde wenigstens bald darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, mußte ich laut auflachen: was anders konnte ich wohl in ihr vorfinden, als eine Fassadenreihe allergewöhnlichster Häuser? „Doch warum hatte der Alte sterbend von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ dachte ich bei mir. „War es etwa nur Fieberphantasie gewesen?“
Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts an und sie gefiel mir. Ich mietete sie. Hauptsächlich des großen Zimmers wegen, wenn es auch so niedrig war, daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich hätte ich auch kein besseres Zimmer finden können. Eine eigene separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich mußte mich jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, denn ohne jegliche Bedienung kann man doch nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten Zeit einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste zu besorgen. „Wer weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt auch jemand, um nach dem Alten zu fragen!“ Übrigens waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, und noch hatte sich niemand sehen lassen.
II.
Damals, vor einem Jahre, schrieb ich noch für mehrere Zeitungen Artikel verschiedener Art und glaubte fest daran, daß es mir einst gelingen würde, etwas Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich an einem großen Roman, doch das Ende von allem war – daß ich jetzt im Krankenhaus liege und wahrscheinlich bald sterben werde. Wenn ich aber sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen?
Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte schwerste Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, alles Erlebte niederzuschreiben, um nicht aus Gram darüber zu sterben. All die empfangenen Eindrücke erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, geordneteren Charakter annehmen, und weniger Hirngespinsten und Alpdrücken ähnlich sein. So hoffe ich wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung des Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es kühlt das erregte Blut, es weckt in mir frühere schriftstellerische Gewohnheiten und meine Erinnerungen und krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit umgesetzt, verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit dem Papier kann man im Krankenhause die Doppelfenster zum Winter bekleben! ...
Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. Um alles zu erzählen, muß man von Anfang beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja meine Autobiographie ganz kurz sein.
Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier entfernt, im Gouvernement X. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern brave Leute gewesen sind, nur verwaiste ich schon in frühester Kindheit und wuchs im Hause Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines kleinen Gutsbesitzers, der mich aus Mitleid aufgenommen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen wie Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, wenn man mit 25 Jahren nur an dich allein mit Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am Himmel leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht die Sonne Petersburgs. Mutwillig und fröhlich schlugen unsere kleinen Herzen. Um uns herum lagen Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine lastete auf uns, wie jetzt. Wie herrlich der Garten und der Park von Wassiljewskoje waren! Nikolai Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In diesem Garten spielten ich und Natascha, und hinter ihm lag ein großer, feuchter Wald, in dem wir uns einmal als Kinder verirrten ... Goldene schöne Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, und es war so süß, es kennen zu lernen. Damals, als hinter jedem Strauch und jedem Baum etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der tiefen Ebene ballte sich der Abendnebel zu grauen gewundenen Bändern, die sich an die Sträucher unseres großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich standen am Flußufer, hielten uns beide die Hände und sahen mit ängstlicher Neugier in die tiefe Ferne. Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns rufen und die Erzählungen der Njänjä[1] wahr machen würde. Einmal in späteren Jahren erinnerte ich Natascha daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte und wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten alten Ahorn am Teich liefen, um das Zaubermärchen „Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch jetzt kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken und noch vor einem Jahr zitierte ich Natascha die ersten Zeilen mit Tränen in den Augen: „Alfons, der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl Natascha etwas sonderbar vorgekommen sein in meiner Begeisterung, denn sie lächelte so eigentümlich. Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere mich noch dessen. Ein Wort gab das andere, sie selbst begeisterte sich dafür, wir erzählten uns alles, was wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher Abend ... Und als man mich in die Gouvernementsstadt in Pension gab ... Gott, wie sie damals weinte! ... Und unsere letzte Trennung, als ich Wassiljewskoje auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium beendet und begab mich nach Petersburg, um mich zur Universität vorzubereiten. Ich war siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha sagt, daß ich damals ein so hoch aufgeschossener und linkischer Jüngling war, den man ohne zu lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied wollte ich ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die Zunge war steif und klebte wie am Gaumen. Unser Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das war vor zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines Prozesses wegen hierher gekommen war und ich meine literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte.
III.
Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff stammte aus einer guten Familie, die jedoch längst verarmt war. Übrigens hatten ihm seine Eltern noch eine ganz schöne Besitzung mit hundertfünfzig Seelen hinterlassen. Mit zwanzig Jahren ging er zu den Husaren. Alles lief gut ab, bis er im sechsten Jahre seines Dienstes, an einem verhängnisvollen Abend sein ganzes Vermögen verspielte. Er schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Abend erschien er wieder am Spieltisch und setzte das Letzte ein, was er besaß, – sein Pferd. Die Karte gewann, die zweite, die dritte und in einer halben Stunde hatte er eines seiner Dörfer, – Ichmenjeffka mit fünfzig Seelen, wie es sich bei der letzten Revision ergab – zurückgewonnen. Die hundert Seelen waren auf immer verloren. Am nächsten Tage reichte er seinen Abschied ein, nach zwei Monaten verließ er den Dienst im Range eines Leutnants und begab sich auf sein Gütchen. Von diesem Spielverlust hat er in seinem Leben niemals mehr gesprochen und hätte, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, mit jedem gebrochen, der es gewagt hätte, ihn daran zu erinnern. Auf dem Gute beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und als er fünfunddreißig Jahre alt war, verheiratete er sich mit einer armen Adeligen, Anna Andrejewna Schumilowa, die ihm nichts mitbrachte, die aber in einem Adelspensionat bei einer Emigrantin, einer Mont-Revèche, erzogen worden war, obgleich niemand hätte sagen können, worin diese gute Erziehung bestanden. Nikolai Ssergejewitsch wurde ein vorzüglicher Landwirt. Die benachbarten Gutsbesitzer kamen zu ihm, um bei ihm zu lernen. Es vergingen einige Jahre, als plötzlich auf dem benachbarten Gut Wassiljewskoje, ein Gut, das neunhundert Seelen zählte, aus Petersburg der Besitzer desselben, Fürst Peter Alexandrowitsch Walkowskij, auftauchte. Seine Ankunft machte in der ganzen Gegend viel von sich reden. Der Fürst war noch ein Mann in den besten Jahren, wenn auch nicht mehr ganz jung, von hohem Rang und bedeutenden Verbindungen, ein schöner Mensch mit großem Vermögen, und dazu Witwer, was die Damen und jungen Mädchen der ganzen Umgegend ungemein interessierte. Man erzählte sich von dem glänzenden Empfang, den ihm der Gouverneur in der Gouvernementshauptstadt, mit dem er weitläufig verwandt war, bereitet und wie alle Damen durch seine Liebenswürdigkeit den Verstand verloren usw. usw. Kurz, er war einer der glänzendsten Vertreter der hohen Petersburger Gesellschaft, die selten in der Provinz erscheinen, aber wenn sie erscheinen, riesigen Effekt machen. Indessen gehörte der Fürst nicht zu den liebenswürdigen Menschen: das zeigte sich besonders denen gegenüber, deren er nicht bedurfte, oder die seiner Meinung nach unter ihm standen. Er hielt es auch nicht für nötig, seinen Gutsnachbarn einen Besuch zu machen, und erwarb sich dadurch viele Feinde. Alle waren deshalb sehr erstaunt, als es dem Fürsten plötzlich einfiel, Nikolai Ssergejewitsch einen Besuch abzustatten. Freilich war Nikolai Ssergejewitsch einer seiner nächsten Nachbarn. Auf die Familie Ichmenjeff machte der Fürst einen großen Eindruck, er entzückte sie alle beide, insbesondere Anna Andrejewna. In kurzer Zeit wurden sie die besten Bekannten, er kam alle Tage zu ihnen und lud sie zu sich ein, erheiterte sie, erzählte ihnen Anekdoten, spielte ihnen auf ihrem schlechten Klavier vor, sang ... Ichmenjeffs konnten sich nicht genug wundern, wie man von einem so lieben, guten Menschen hätte sagen können, daß er ein stolzer, zurückhaltender trockener Egoist sei – was alle Nachbarn von ihm einstimmig behaupteten! Man hätte annehmen müssen, daß der Fürst wirklich an Nikolai Ssergejewitsch, diesem einfachen, offenen und edlen Menschen, Gefallen gefunden hatte. Übrigens klärte sich das alles bald auf. Der Fürst war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter zu entlassen, einen Deutschen und Landwirt von großem Selbstbewußtsein, einen Mann, schon ergraut und mit Brillen auf der gebogenen Nase, der jedoch bei allen seinen Vorzügen den Fürsten gottverboten bestohlen und einige Bauern fast zu Tode geprügelt hatte. Iwan Karlowitsch war denn auch endlich auf seiner Unehrlichkeit ertappt worden, sprach sehr beleidigt von der deutschen Ehrlichkeit, mußte jedoch ungeachtet dessen das Gut in etwas entehrender Weise verlassen. Der Fürst hatte jetzt einen Verwalter nötig, und seine Wahl fiel auf Nikolai Ssergejewitsch, einen ausgezeichneten Landwirt und ehrlichen Menschen, woran niemand gezweifelt hätte. Der Fürst hätte es nur sehr gewünscht, daß Nikolai Ssergejewitsch sich ihm selbst zum Verwalter angeboten. Doch das geschah nicht, und der Fürst machte ihm eines Tages von sich aus den Vorschlag, in Form einer freundschaftlich ergebenen Bitte. Ichmenjeff selbst gab zuerst eine abschlägige Antwort. Doch Anna Andrejewna schien das hohe Gehalt verlockend, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Fürsten zerstreute alle übrigen Bedenken. Der Fürst hatte sein Ziel erreicht. Er war außerdem ein großer Menschenkenner. Während der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenjeff hatte er sofort erraten, mit wem er es zu tun hatte, und wußte, daß man Ichmenjeffs nur auf herzliche und freundschaftliche Weise dazu bewegen konnte, und daß mit Geld bei ihnen nichts zu erreichen war. Außerdem hatte er einen Verwalter nötig, dem er blindlings vertrauen konnte, da er nicht die Absicht hatte, jemals wieder nach Wassiljewskoje zu kommen. Das Vertrauen von Ichmenjeffs zu ihm war so stark, daß sie niemals an seiner Freundschaft zu ihnen gezweifelt hätten. Nikolai Ssergejewitsch gehörte zu diesen guten und naiv-romantischen Leuten, die bei uns in Rußland so liebens- und achtenswert sind, was man auch sonst von ihnen sagen mag, und die, wenn sie einmal jemand gern haben (und Gott weiß wofür), sich ihm mit ihrer ganzen Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit oft geradezu komisch wirkt.
Es vergingen mehrere Jahre. Das Gut des Fürsten blühte. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer und dem Verwalter des Gutes waren ungetrübte, beschränkten sich jedoch auf eine trockene, geschäftliche Korrespondenz. Der Fürst mischte sich in die Obliegenheiten Nikolai Ssergejewitschs nicht ein, erteilte ihm nur hin und wieder einen Rat, der durch seinen praktischen Wert und die Sachlichkeit Ichmenjeff in Erstaunen setzte. Man sah daraus, daß der Fürst kein Freund von unnützen Ausgaben war, sondern zu sparen verstand. In Verlauf von fünf Jahren schickte er Nikolai Ssergejewitsch die Bevollmächtigung zum Ankauf eines anderen schönen und in demselben Gouvernement gelegenen Gutes von vierhundert Seelen. Nikolai Ssergejewitsch war ganz begeistert. Die Erfolge des Fürsten, seine Rangerhöhung, seine Laufbahn, nahm er sich so zu Herzen, als handelte es sich um seinen leiblichen Bruder. Seine Begeisterung überstieg jedoch alle Grenzen, als der Fürst ihm in einer besonderen Angelegenheit wirklich ein Zeichen seines außerordentlichen Vertrauens gab. Es geschah das folgendermaßen ... Übrigens muß ich hier einige besondere Einzelheiten aus dem Leben des Fürsten Walkowskij erwähnen, der ja doch zum Teil zu den Hauptpersonen meiner Erzählung gehört.
IV.
Ich erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. Er hatte sehr jung geheiratet, und zwar – nur des Geldes willen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als gar nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über und über verschuldet. Der zweiundzwanzigjährige Fürst war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau einzutreten, weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. Der Kaufmann betrog ihn natürlich bei der Mitgift, doch konnte er immerhin mit dem Gelde seiner Frau das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. Die Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand weder zu lesen noch zu schreiben und konnte beim Sprechen kaum zwei Worte miteinander verbinden; außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der Fürst nützte diesen Vorzug auch vollkommen aus; nach dem ersten Jahre der Ehe, als seine Frau ihm einen Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er durch die Protektion eines hohen Petersburger Verwandten einen bedeutenden Posten erhielt. Seine Seele dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben konnte, so beschloß er, in Erwartung eines Besseren, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin durch Mißhandlungen fast zu Tode gequält hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai Ssergejewitschs und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er solcher rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt.
Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, und ihr verwitweter Gemahl siedelte jetzt sofort nach Petersburg über. Hier machte er von sich reden. Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften begabt, geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, trat er hier nicht als armer Glückssucher auf, sondern als eine blendende Erscheinung. Man erzählte sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein unwiderstehlicher Zauber von ihm ausging. Er gefiel den Frauen außerordentlich, und ein Abenteuer mit einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte ihm denn auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. Ungeachtet seiner angeborenen Sparsamkeit warf er mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, ohne eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war er nach Petersburg gekommen, um sich zu vergnügen: ihm war es darum zu tun, seine Karriere zu einem glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. Ein hoher Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine Aufmerksamkeit nicht geschenkt hätte, wäre er als gewöhnlicher Bittender zu ihm gekommen, hielt es, entzückt durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, für nötig, dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In die Zeit fiel die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des Grafen erhielt er dann eine bedeutende Stellung an einer der wichtigsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis zu uns in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen Konflikt im Auslande, doch konnte niemand sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem ich bereits erzählt habe. Nach mehreren Jahren kehrte er dann mit erhöhtem Rang aus dem Auslande zurück und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in Petersburg. In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, daß er sich zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, und zwar mit einer Tochter aus bedeutendem alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich, außer sich vor Vergnügen, die Hände.
Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität und erinnere mich noch, daß Ichmenjeff sich mit der Bitte an mich wandte, Erkundigungen über die Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion für mich gebeten, doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum besuchte, im Alter von neunzehn Jahren sein erstes Examen machte. Ich teilte dies Ichmenjeff mit und fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe, sehr verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. Ich hatte es von anderen Studenten, meinen Kameraden erfahren, die den jungen Fürsten kannten. Um diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich verwunderte ...