Sämtliche Werke 19

Part 20

Chapter 203,713 wordsPublic domain

„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne aufgebaut.“

„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin. „Einsamkeit, Grübelei und Romane!“

„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf, weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ... In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend ... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ... alles ist ja gewesen ... bekannt ...“

Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch einmal auf und fuhr fort:

„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte, Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und ... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht, daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“

Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen.

Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen. Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ...

„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit ... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“

„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“ unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend.

„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen? Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen! ... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich Unglückliche!“

Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.

„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen.

„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie allein, – allein!“

„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig – „woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre Annahmen, aber Beweise ...“

„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht wahr sein!“

„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln, „wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche Vorwürfe zu machen ...“

„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen – demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst! So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich, habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben! Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“

„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“

„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“

„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie, bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht, so ist sein Herz eben gegen mich ...“

„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“

„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus.

„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das wäre schrecklich, das wäre Sünde!“

„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha.

„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“

„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“

„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können, ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch. Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen aufsuchen; Sie erlauben?“

Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck gekränkter Würde, das Zimmer.

IV.

Einige Minuten blieben wir alle stumm. Natascha saß traurig und gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. Jede Energie hatte sie verlassen. Sie starrte, ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als hätte sie auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. Der weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder mit ängstlicher Neugier beobachtend.

Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, ihm zu verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld hätte: nur zu bemerkbar war es, daß er seinen Vater rechtfertigen wollte; das schien ihm sehr am Herzen zu liegen; er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. Er schwor ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte voll Feuer seine Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen wiederholte er, daß er sie nur wie eine Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig und gemein seinerseits und er versicherte immer wieder von neuem, daß Natascha, wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit ihr befreunden und niemals von ihr lassen würde, und daß von Mißverständnissen schon garnicht die Rede sein könne. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, auch hatte er vieles, was sie seinem Vater vorhin gesagt, überhaupt nicht begriffen. Er wußte nur, daß sie sich entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein auf dem Herzen.

„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ fragte ihn Natascha.

„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, „wenn ich selbst den Grund zu allem gegeben habe und an allem schuld bin? Ich habe dich so sehr gekränkt, daß du in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich verteidigen zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es nicht wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest du ihn für schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, wirklich nicht!“ rief Aljoscha bewegt aus. „War er denn deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das erwarten!“

Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll ansah, bereute er das Gesagte wieder sofort.

„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache von allem!“

„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt ist er zwischen uns getreten und hat uns fürs ganze Leben unsern Frieden zerstört. Du hast immer an mich mehr geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in dein Herz Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; er nahm mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze Katze ist zwischen uns gelaufen.“

„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze Katze?‘“

Der Ausdruck mißfiel ihm.

„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut fesselt er dich an sich,“ fuhr Natascha fort, „und wird dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr aufhetzen.“

„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. „Er war gereizt, als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ hätten, und du wirst sehen, morgen bereits wird er uns wieder verloben und wenn er sich wirklich so geärgert haben sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre ich dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich werden meine Kräfte noch so weit reichen ... Und weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er plötzlich, von seiner Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein kann, und uns zu entzweien beabsichtigt! Und wie ungerecht du gegen mich warst, als du vorhin sagtest, ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach der Hochzeit eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das tat! Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft zu Katjä ...“

„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht das habe ich vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Werde glücklich, mit wem du willst. Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du mir freiwillig gibst ...“

Mawra trat ins Zimmer.

„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der Samowar kocht schon zwei Stunden; es ist elf Uhr.“

Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei Laune, weil sie sich über Natascha geärgert hatte. Sie hatte nämlich seit Dienstag triumphiert, daß ihr Fräulein (die sie sehr liebte) sich verheiraten würde, was sie bereits im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden, beim Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher General und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die Hand ihres Fräuleins angehalten habe, was sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört hätte, und plötzlich ging jetzt alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht sich, an allem war das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie unehrerbietig sie zu ihm gesprochen.

„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha.

„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“

„Gewiß, auch den Imbiß.“

Natascha lächelte.

„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen Tag bin ich gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt nach Wein gegangen und nun ...“

Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter sich zu.

Natascha errötete und sah mich eigentümlich an.

Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei Flaschen guten Wein von Jelissejeff. „Wozu hatte man das alles vorbereitet,“ dachte ich.

„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu mir, ganz verwirrt. „Ich habe es gewußt, daß es heute so kommen würde, wie es gekommen ist und doch hoffte ich, es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde kommen und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen würden sich als ungerecht erweisen, man würde mich bereden, davon überzeugen und ... so hatte ich denn auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte ich, werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“

Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie das sagte. Aljoscha geriet in Entzücken.

„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht daran geglaubt; noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht daran! Nein; das muß alles wieder gut gemacht werden; ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch wieder alles gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu Papa gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; man muß ihn beruhigen, ich werde ihm alles sagen, was ich denke, von mir aus denke; dich werde ich nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird sich vor dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen werde ich den ganzen Tag bei dir bleiben, zu Katjä werde ich nicht gehen.“

Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst den Rat zu fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde jetzt mit Absicht ganze Tage lang bei ihr bleiben und sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie seinem Vater gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha beim Abschied freundlich zuzulächeln.

Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich umkehrte, sich neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er sah sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.

„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht mehr böse und wir wollen uns niemals mehr zanken. Und gib mir dein Wort, daß du mir in allem glauben wirst und ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein Engel! Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht mehr, warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in der Stadt herum, besuchte meine Kameraden, aber mein Herz war mir schwer, so schwer ... Und plötzlich kam es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du erkranktest und sterben würdest? Und wie ich mir das so vorstellte, überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich dich tatsächlich auf immer verloren. Meine Gedanken wurden immer dunkler und grauenvoller. Ich stellte mir vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen würde, dich rufen, und Gott um das Wunder anflehen würde, daß du auf einen Augenblick vor mir erschienest; ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde, um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich wäre ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich nur auf einen Augenblick, wie früher, hätte umarmen können. Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott anflehe, dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen sechs Monaten so oft mit dir gestritten und wir unser Glück nicht zu schätzen verstanden ..., jetzt aber fähig wäre für eine Minute Glück mit dir mein ganzes Leben zu opfern ... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte so schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest mich bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich wirklich verloren gehabt, Natascha! Wollen wir uns das Versprechen geben, niemals mehr zu zanken! Mir ist dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir vorstellen, großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“

Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha schwor ihr nochmals, sie niemals zu verlassen. Er war fest überzeugt, daß er alles wieder gut machen würde.

„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, und drückte krampfhaft meine Hand.

„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; doch, er liebt auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr lieben als mich. Und der Fürst wird nicht ruhen ... und dann ...“

„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig handelt, doch ...“

„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! Ich habe es an deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, du wirst noch sehen, ob ich recht habe oder nicht? Ich habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein weiß nur, was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- und abgegangen, ich habe über alles nachgedacht, und bin hinter alles gekommen. Er will nur das Herz Aljoschas von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich diese Verlobung ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu bezaubern und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! Auch hat Aljoscha einen solchen Charakter. Er würde sich beruhigen, seine Unruhe um mich würde aufhören. Er denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der Fürst kennt Katjä, er hat sie gut beobachtet und findet, daß sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn stärker beeinflussen kann, als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung beruht auf dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen, deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn nicht ab, sondern versuche um Gotteswillen, so bald als möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst Katjäs Bekanntschaft machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe deine Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so gut, wie du, und du allein weißt, was ich brauche. Beobachte ihre Freundschaft, und worüber sie miteinander sprechen; besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber Wanjä! Nur auf dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! ...“

Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein Uhr nachts. Nelly öffnete mir mit verschlafenen Augen die Tür. Sie lächelte und sah mich freudig an. Die Arme ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war. Sie hätte mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in meiner Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem Schreibtisch einen Zettel an mich hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojeff. Er forderte mich auf, morgen um ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand darauf, daß sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war müde und hatte nur eine halbe Stunde vor meinem Kommen geschlafen.

V.