Sämtliche Werke 19

Part 19

Chapter 193,806 wordsPublic domain

Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit einem triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh gewesen, daß sein Sohn sich von einer so lächerlichen und leichtsinnigen Seite gab. Den ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der festen Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, wenn auch alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen.

„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete Aljoscha weiter. „Ich habe bereits erzählt, daß wir uns an diesem Morgen gegenseitig kennen lernten, und wie sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich selbst nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige starke Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und wir verstanden uns ... auf immer. Du mußt sie, du mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie dich mir erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch ein Schatz du für mich wärest! Nach und nach teilte sie mir alle ihre Ideen mit und ihre Anschauung über das Leben. Was für ein ernster, was für ein begeisterter Mensch sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von unserer Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe von sechs bis sieben Stunden in allem miteinander übereinstimmten, so schworen wir uns ewige Freundschaft und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben zusammen zu wirken!“

„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst.

„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich über mich wundern wirst, und ich fühle alle deine Entgegnungen mir gegenüber im voraus,“ antwortete begeistert Aljoscha. „Alle seid ihr praktische Menschen, die streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig und spöttisch verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr derselbe, den du noch vor ein paar Tagen kanntest. Ich bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller Welt in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig ist, so werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; und wenn ich nicht von meinem Wege abweiche, so bin ich ein ehrlicher Mensch. Doch genug von mir. Möget ihr sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“

„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst.

Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. Sie fürchtete, daß er sich in seinem Gespräch hinreißen lassen würde, wobei er sich nie in einem für ihn günstigen Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in unserer Gegenwart, namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich erscheine.

„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine Philosophie,“ sagte sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht ... es wäre besser, du erzähltest ...“

„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha aus. „Die Sache verhält sich nämlich so: Katjä hat zwei Vettern, Ljowinka und Borinka, der eine ist Student, der andere nur ein junger Mann. Sie steht mit ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, und zwar – aus Prinzip. Als wir, Katjä und ich, über die Aufgabe des Menschen und von all diesen Dingen sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, und ich eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Noch am selben Abend wurden wir die besten Freunde. Dort waren Menschen der verschiedensten Nationalitäten – Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan Petrowitsch, alle hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten in Zukunft viel von Ihnen. Ich sagte ihnen, daß ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen. Alle empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich sagte ihnen sofort, daß ich bald heiraten würde und alle behandelten sie mich bereits wie einen verheirateten Menschen. Alle leben sie im fünften Stock unter dem Dach und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka und Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher Liebe zur Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, von Wissenschaft und Literatur, und alle sprachen sie so gut, so einfach und aufrichtig ... Auch ein Gymnasiast ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so edel sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! Wo ich auch gewesen bin, was ich auch gesehen, unter welchen Menschen ich auch aufgewachsen, nur du, Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach, Natascha, du mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits. Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä hat Ljowinka und Borinka versprochen, sobald sie in den Besitz ihres Kapitals gelangt, eine Million zum Wohle der Menschheit zu opfern.“

„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka und Borinka mit ihrem ganzen Gefolge sein?“ fragte der Fürst.

„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich schämen so zu sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest Aljoscha. „Ich weiß, was du meinst! Wegen dieser Million haben wir hin- und hergesprochen und beraten, wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, sie für die Volksaufklärung zu verwenden ...“

„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt nicht gekannt,“ bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit demselben ironischen Lächeln. „Ich habe übrigens viel von ihr erwartet, doch das ...“

„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir dabei so sonderbar? Weil niemand von euch bis jetzt eine Million gegeben hat, sie aber dieses Opfer bringen will? Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde Rechnung nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, heißt auf fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt erfahren.) Sie will ihrem Vaterland Nutzen bringen und allen denen, die es brauchen. Und worauf fußt eure ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr oder Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein Dummkopf bin! Wenn du wissen würdest, Natascha, wie Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die Hauptsache, sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die edlen Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin zu diesen Dingen sagt, – Besmygin ist ein Bekannter Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der ganzen Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte er noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist bereits nicht mehr ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit solchen Wahrheiten wirft er nur so um sich.“

„Wirklich genial!“ brummte der Fürst.

„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt man alles dem Erdboden so nah als möglich, damit alle gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – ganz als ob das möglich wäre! Als ob das nicht sogar tausendmal mehr unmöglich wäre, als was wir denken und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“

„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon ihr gesprochen, ich muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen habe,“ sagte Natascha.

„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, zur Humanität und Liebe führt; von allem, was zu den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir sprechen von Reformen, von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke unserer Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, wir haben uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander vollkommen aufrichtig zu sein. Nur durch vollkommene Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit kann man das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders Besmygin. Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen bei: Und deshalb haben wir uns alle unter seine Führung gestellt, haben ihm das Wort gegeben, unser ganzes Leben hindurch ehrlich und aufrichtig zu handeln, was man auch von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals zu verzagen und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler zu schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. Wenn du wünschst, daß man dich achte, achte du dich selbst zuerst, nur durch deine Selbstachtung wirst du andere zwingen, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katjä ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben beschlossen, uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander aufmerksam zu machen ...“

„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, „und wer ist dieser Besmygin? Nein, das kann nicht so fortgehen.“

„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. „Höre, Papa, warum erzähle ich dir das alles? Weil ich hoffe, dich für unseren Kreis zu gewinnen. Ich habe es ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst mich lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, höre mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. Du kennst sie nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, sie nicht angehört. Vielleicht hast du von ihnen gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du bist ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst wenn du bei ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, ich gebe dir mein Wort, dann wirst du ... unser! Denn ich will alle Mittel brauchen, um dich von den Anschauungen deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so hängst.“

Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln diesem Ausbruch zu; in seinem Gesicht lag verhaltene Wut. Natascha betrachtete ihn mit unverhohlenem Widerwillen. Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s nicht. Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges Gelächter ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück, als könne er sich vor Lachen kaum mehr halten. Doch war das ein erzwungenes Lachen, und man merkte es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu Herzen zu gehen, sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Nichtsdestoweniger wartete er ruhig, bis die Heiterkeit seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“ sagte er traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber so aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich doch eines besseren, aber lache nicht über mich. Und worüber lachst du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig schien. Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles woran ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, wie du mich soeben genannt hast; doch wenn ich mich geirrt habe, so tat ich es ehrlich und aufrichtig und habe dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht eingebüßt. Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht echt sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, heilig. Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere Gesellschaft mir nichts Ähnliches, was mich so mitgerissen hätte, gegeben hat. Zeige mir was Besseres und ich werde dir folgen, doch lache nicht über mich, denn das beleidigt mich.“

Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha folgte seinen Worten mit großem Mitgefühl. Der Fürst selbst schien mit Verwunderung seinen Sohn anzuhören und veränderte sofort seinen Ton.

„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein Freund, im Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst einen so wichtigen Schritt in deinem Leben zu machen, und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges Kind zu sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich über dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“

„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte Aljoscha bitter. „Und warum fühle ich es denn schon lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt und spöttisch verhältst, und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend zu meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. Höre mich an, Papa, sprechen wir uns ein für allemal darüber aus, damit es keine Mißverständnisse mehr unter uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet, euch alle hier anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann man durch Aufrichtigkeit vermeiden!“

„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. „Was du vorschlägst, scheint sehr klug zu sein. Vielleicht hätte man damit beginnen sollen,“ fügte er, an Natascha gewandt, hinzu.

„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann Aljoscha. „Du hast sie selbst herausgefordert. Du hast in meine Ehe mit Natascha eingewilligt; du hast uns dieses Glück geschenkt und dich selbst überwunden. Du warst großmütig und wir alle haben deine edle Handlungsweise anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt ununterbrochen die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher Junge bin, der zum Manne überhaupt nicht taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst dich geradezu zu freuen, wenn du mich von irgendeiner Seite lächerlich machen kannst; das habe ich nicht nur jetzt, sondern bereits früher bemerkt. Du willst offenbar darauf hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du selbst nicht daran, warum du eingewilligt, als wäre das alles nur ein Scherz, eine Spielerei, ein lächerliches Vaudeville ... Ich schließe das nicht nur aus deinen heutigen Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, als ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare Bemerkungen, die mich so wunderlich berührten. Und auch am Mittwoch, als du fortfuhrst, machtest du einige Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die in bezug auf Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu hören wünschte, so lieblos waren sie im Grunde und so ohne jegliche Achtung für sie ... Das ist schwer mit Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. Beruhige du mich darüber ... und auch sie, denn auch sie muß es empfunden haben. Ich habe es sogleich auf den ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“

Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha hörte ihm mit flammendem Gesicht feierlich zu. Hin und wieder unterbrach sie ihn in seiner Rede mit der Bestätigung: „Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst schien unruhig und geärgert.

„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich nicht mehr dessen erinnern, was ich dir alles gesagt haben soll; doch sonderbar erscheint es mir, daß du meine Worte hast so auslegen können. Wenn ich dagegen soeben gelacht habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß du heiraten willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, verzeih den Ausdruck – sogar komisch. Wenn ich dich ausgelacht habe, so bist du allein daran schuld, denn mich trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit eine größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst und erst heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht alles fähig bist. Ich zittere bei dem Gedanken an Natalja Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu übereilt gehandelt; ich sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die Liebe vergeht, doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von deinem Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch bist, so denke doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben du vernichtest, vollkommen vernichtest! Du hast, zum Beispiel, die ganze Zeit über von der Liebe zur Menschheit, vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen Menschen gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber Iwan Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm hier auf der vierten Etage einer engen, dunklen Treppe zusammentraf, Gott dankend, daß ich mir nicht die Beine gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner großen Liebe zu Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung lebt? Hast du es dir denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne die Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das Recht hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt nicht, und Liebe äußert sich in Taten; wie aber denkst du: ‚lebe mit mir, wenn du auch durch mich leidest,‘ ist das etwa human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und zu gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es nicht einmal zu bemerken – ist mir unverständlich! Du sagst mir Aljoscha, daß du in diesen Tagen erlebt, was schön und edel sei und wirfst mir vor, daß unsere Gesellschaft nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das ist schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und nach dem, was sich am Dienstag hier zugetragen, auf vier Tage diejenige zu vergessen, die dir am teuersten auf der Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina Fedorowna gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so liebt und so großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. Welch ein Recht hast du denn auf ihre Vergebung, und wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast du denn wirklich nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen, wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit in Natalja Nikolajewna erwecken mußte? Hattest du wirklich das Recht, um der neuen Ideen willen, deine heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort nicht gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist wichtiger als dieses Wort: Sie werden das selbst verstehen ... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man wohl begreifen kann, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die die glücklichsten ihres Lebens sein sollten. Solche Handlungen einerseits und – Worte nichts als Worte andererseits ... habe ich denn nicht recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du allein schuld bist?“

Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit hingegeben, konnte er sich eines triumphierenden Gefühls nicht erwehren. Als Aljoscha von Nataschas Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger Blick auf sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen:

„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere haben mehr Schuld als du. Setze dich und höre zu, was ich deinem Vater sagen werde. Es ist Zeit, der Sache ein Ende zu machen!“

„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich endlich zu erklären,“ griff der Fürst auf. „Ich höre die Anspielungen bereits zwei Stunden und ich muß gestehen, daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang hatte ich nicht erwartet.“

„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten zu bezaubern, damit wir Ihre geheimen Absichten nicht bemerkten. Was soll ich Ihnen da sagen! Sie wissen und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht. Ihr erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten und wissen alles im voraus, wie es kommen muß, seit dem Abend als Sie hier waren haben Sie sich alles an den Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, daß Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie spielen mit uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. Ihr Spiel freilich ist aufrichtig, und Aljoscha hat recht, wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf unsere Sache wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im Gegenteil über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen, wie gut er mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, vielleicht besser, als man es von ihm verlangen konnte.“

Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, daß es an diesem Abend zu einer Katastrophe kommen würde. Doch diese beleidigende Aufrichtigkeit Nataschas und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer Worte setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der Tat etwas erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen haben. Vielleicht hatte sie sogar mit Ungeduld den Fürsten erwartet, um ihm alles ins Gesicht zu schleudern. Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht drückte naive Furcht und quälende Erwartung aus.

„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt haben,“ rief der Fürst aus, „und überlegen Sie sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon verstanden.“

„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte Natascha, „sogar er, sogar Aljoscha hat es empfunden und Sie wissen, daß wir uns nicht gesehen noch gesprochen haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie liebt und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger ihm gegenüber zu sein, so sehr rechneten Sie darauf, daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein feinfühlendes, empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre Worte und den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen nicht vergessen können ...“

„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte der Fürst und wandte sich verwundert an mich, als wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er war aufgeregt und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort, „und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und darum wollen Sie alle Welt und mich als Ersten beschuldigen ... und erlauben Sie, daß ich schon alles sage: eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem Charakter machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde keinen Augenblick mehr hierbleiben, wenn nicht die Interessen meines Sohnes ... Ich warte noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu erklären?“

„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen Sie es nicht begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? Sie wollen, daß ich alles Ihnen gegenüber ausspreche?“

„Ich warte ja nur darauf.“

„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, mit blitzenden Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“

III.

Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen Charakter an.

„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“

„Ja.“

„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr über die Situation zu werden.“

„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“

„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit äußerst gekränkter Würde.

Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor sich ging.

„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte, und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir lassen ...“

„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“

„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten Sie tun! ...“

„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“