Part 17
„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte, die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben. Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“
Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort.
„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut, „ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“
„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber erfahren?“ rief ich begierig aus.
„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte, oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz: kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen, Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es zu spät sein! Lebe wohl!“
Ich hielt ihn zurück.
„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell. Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre Herausforderung annehmen wird?“
„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“
„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt, er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden der Blamierte sein ...“
„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann, und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“
„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“
„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort, noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“
„Selbstverständlich.“
„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu sprechen.“
„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“
„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren. Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“
Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das Versprechen.
„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“
„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung.
„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung ... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“
„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“
„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben, Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst, kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“
Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu er es mir überließ.
„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm.
„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest. Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus. Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein Lieber ...“
Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen schicken. Helene hatte noch nichts genossen.
XI.
Kaum war ich wieder zurückgekehrt, als ich das Bewußtsein verlor und mitten im Zimmer hinstürzte. Ich hörte noch Helene aufschreien und herbeistürzen, um mich zu halten ...
Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Helene erzählte mir nachher, daß sie mich zusammen mit dem Hausknecht, der das Essen gebracht hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, sah ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht Helenens. Doch dessen erinnere ich mich nur noch wie im Traum, wie durch Nebel. Das liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor mir auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte mir die Bettdecke zurecht, und saß traurig und erschrocken neben mir, hin und wieder mit den Händchen mir über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch, einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu haben. Ein andermal, als ich plötzlich in der Nacht erwachte, bemerkte ich beim Scheine des herabgebrannten Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes Gesichtchen neben mir auf dem Kissen ruhen: sie hatte ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die bleichen Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst vollständig gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; ein heller, rosafarbener Morgensonnenstrahl spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt und schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe gerundetes Kindergesicht, das auch im Schlafe seinen kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte, dabei von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen Wimpern lagen wie dunkle Strahlen auf ihren blassen Wangen, die umrahmt wurden vom dunklen Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem Kissen. Ich küßte leise, leise das magere Händchen, sie erwachte nicht davon, doch schien im Schlaf ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen. Ich sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, gesunden Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis zum Nachmittag. Als ich erwachte, fühlte ich mich fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche und Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen Anfall hin. Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten sich auch schon früher bei mir gemeldet: ich kannte sie nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich gewöhnlich in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich nicht hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden sehr heftig und bedrohlich auftrat.
Es war also schon Nachmittag. Das erste, was mir in die Augen fiel, waren die gestern von mir gekauften Vorhänge, die auf einer Schnur aufgezogen die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene sich ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem Augenblick stand sie am Ofen und kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und kam zu mir.
„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff ihre Hand, „du hast die ganze Nacht an meinem Bette gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so gutes Herz hast.“
„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; ich habe vielleicht im Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ sie sah mich schelmisch und herausfordernd an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten.
„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist du eingeschlafen ...“
„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre es ihr unangenehm, das Gespräch fortzusetzen, wie es keuschen Menschen eigen ist, die sich nicht loben hören können.
„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend gegessen?“
„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht brachte das Essen. Doch sprechen Sie lieber nicht so viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind noch nicht gesund,“ fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und setzte sich zu mir ans Bett.
„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde bleibe ich liegen, doch dann muß ich ausgehen. Ich muß es tun, Lenotschka.“
„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie denn? Doch nicht zum Alten von gestern?“
„Nein, nicht zu ihm.“
„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er hat Sie gestern so aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu seiner Tochter?“
„Was weißt du denn von seiner Tochter?“
„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte den Kopf und zog finster die Brauen zusammen.
„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf hinzu.
„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.“
„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete sie gereizt.
„Ja, was hast du denn gehört?“
„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“
„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber sorgt für sie, quält sich um sie.“
„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr später verzeihen sollte, so wird die Tochter nicht mehr zu ihm gehen.“
„Wieso? Warum nicht?“
„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn lieb hat,“ antwortete sie erregt. „Soll sie ihn lieber auf immer verlassen, soll sie lieber betteln gehen, als zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und sich quälen.“
Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. „Sicher hat sie einen Grund, wenn sie so spricht,“ dachte ich bei mir.
„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ fügte sie hinzu und verstummte.
„Ja, Lenotschka.“
„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“
„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! Welch ein Unsinn; wer würde denn dich engagieren?“
„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer erboster.
Sie schien sehr heftig zu sein.
„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ sagte ich lachend.
„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“
„Mit deinem Charakter?“
„Mit meinem, jawohl.“
Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete sie.
„Du wirst es nicht aushalten.“
„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich aber werde schweigen. Man wird mich schlagen, ich aber werde schweigen, schweigen, mögen sie mich schlagen, ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor Wut, ich aber werde schweigen.“
„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in dir steckt, und wie stolz du bist! Viel Leid mußt du erfahren haben ...“
Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. Helene blieb auf dem Diwan sitzen, sah zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg. „Ob sie sich durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir.
Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich mir gestern zur Arbeit mitgebracht hatte, und vertiefte mich allmählich ins Lesen. Das geschieht bei mir oft so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen Augenblick, fange an zu lesen und vergesse alles.
„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem Lächeln Helene, leise an den Tisch tretend.
„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld gibt.“
„Also Bittschriften?“
„Nein, nicht Bittschriften.“
Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten über die Geschicke der verschiedensten Leute schreibe. Daraus entstehen Bücher, die man Erzählungen oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem Interesse an.
„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“
„Nein, ich denke es mir aus.“
„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“
„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; du hast doch schon einmal in ihm gelesen. Du verstehst doch zu lesen?“
„Ja.“
„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe ich geschrieben.“
„Sie? Ich werde es lesen ...“
Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte sie es offenbar nicht. Sie war in großer Erregung. Hinter ihren Fragen steckte etwas.
„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich.
„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – gar nichts, je nachdem. Es ist eine mühsame Arbeit, Lenotschka.“
„Sie sind also nicht reich?“
„Nein, ich bin nicht reich.“
„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“
Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug wieder schnell die Augen nieder. Plötzlich trat sie auf mich zu und schlang ihre beiden Ärmchen um mich und preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust.
„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten gestern, daß ich stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht so ... ich liebe Sie, und Sie allein lieben mich ...“
Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß sich ihrer Brust und durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, wie bei ihrem letzten Anfall. Sie fiel vor mir auf die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ...
„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur Sie allein, allein! ...“
Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, die sie lange zurückgehalten, überwältigten sie in diesem Augenblick und ich begriff, wie sie durch die Hartnäckigkeit ihres Herzens bis jetzt alles niedergekämpft hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich der Augenblick gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen bis zur Selbstvergessenheit der Liebe, der Dankbarkeit, der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen hingab.
Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen richtigen Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich ihre Hände von meinen Knien und trug sie auf den Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als schäme sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; meine Hand aber hielt sie noch lange mit ihren kleinen Händchen und preßte sie an ihr Herz.
Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht hielt sie noch immer versteckt. Hin und wieder streifte mich nur ein flüchtiger Blick, in dem so viel Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, und plötzlich lächelte sie wieder.
„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, meine kleine Lenotschka!“
„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte wieder ihr Gesichtchen.
„Nicht Lenotschka? Wie denn?“
„Nelly.“
„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist ja ein sehr netter Name. Wenn du willst, kann ich dich so rufen.“
„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst nannte mich so, nur sie ... und ich würde es auch niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer lieben, immer lieben ...“
„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, „wie lange mußte ich mich darum mühen, bis es mich lieb gewann.“
Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer ergeben war.
„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich beruhigt hatte, „du sagst, daß dich außer deiner Mama niemand lieb gehabt hat. Und dein Großpapa, liebte er dich denn gar nicht?“
„Nein, er liebte mich nicht ...“
„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf der Treppe, erinnerst du dich?“
Sie dachte einen Augenblick nach.
„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“
Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, Nelly. Er hatte bereits sein Gedächtnis verloren. Ich habe dir doch erzählt, wie er starb.“
„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. Er saß hier den ganzen Tag, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, so würde er noch den dritten Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. Doch früher war er viel besser.“
„Wann war das?“
„Als Mama noch lebte.“
„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen brachte, Nelly?“
„Ja, ich brachte ihm ...“
„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“
„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa genommen,“ ihre Stimme hatte plötzlich einen harten, gesprungenen Klang.
„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch nichts?“
Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf mit langem, fragendem Blick an.
„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich fünf Kopeken, so kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak ...“
„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“
„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. Als er es aber erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich bettelte auf der Brücke und er wartete auf mich in der Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab, stürzte er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte ich es vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich nicht für ihn.“
Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln.
„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte sie hinzu. „Erst nach ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“
„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? Warum lebtet ihr denn nicht alle zusammen?“
„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat ihr nicht verziehen ... ganz wie der böse Alte von gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd und erblaßte.
Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines ganzen Romans lösten sich in meiner Phantasie. Diese arme Frau, die bei einem Sargmacher im Keller gestorben: die Tochter, eine Waise, die den Alten, der ihre Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der geistesabwesende alte Sonderling, der auf dem Wege von der Konditorei gleich nach seinem Hunde gestorben war! ...
„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, wie in Erinnerung lächelnd. „Großpapa liebte Mama früher sehr und als Mama ihn verließ, blieb Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... Mama verzieh er nicht, als aber Asorka starb, ist er auch gestorben,“ fügte Nelly hart hinzu und das Lächeln in ihrem Gesicht verschwand.
„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte ich sie, nach einer längeren Pause.
„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ antwortete sie. „Er hatte eine Fabrik ... So sagte Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so klein und verstünde von alledem nichts. Sie küßte mich immer und sagte zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, mein armes, mein unglückliches Kind! Immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und in der Nacht, wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an, als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise und sagte immer Armes, Unglückliches!“
„Woran ist deine Mutter gestorben?“
„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“
„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater reich war?“
„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. Mama hatte doch schon vor meiner Geburt Großpapa verlassen.“
„Mit wem war sie denn fortgegangen?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und nachdenklich. „Sie ging ins Ausland, dort wurde ich geboren.“
„Im Auslande? Wo?“
„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in Italien war ich, in Paris.“
Ich staunte.
„Und du erinnerst dich, Nelly?“
„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“
„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, Nelly?“
„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. Sie war Russin, denn ihre Mutter war Russin, Großpapa aber war Engländer von Geburt, doch auch ganz Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher zurückkehrten, sprachen wir nur Russisch. Mama war damals schon krank. Wir wurden immer ärmer und ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach Großpapa und sagte immer, sie sei vor ihm schuldig und weinte ... Sie weinte so sehr, so sehr! Als sie erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte sie noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber antwortete nicht.“
„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur Großpapas wegen?“
„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und Nellys Augen glänzten. „Mama lebte mit mir allein. Sie hatte einen Freund, der war so gut wie Sie ... Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama kehrte hierher zurück ...“
„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“
„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der sie verlassen hat ...“
„Mit wem denn, Nelly?“
Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar wußte sie, wer ihr Vater war. Doch fiel es ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen.
Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war ein sonderbarer Charakter, nervös und heftig, der sich selbst immer bekämpfte, sympathisch, doch stolz und unzugänglich. Die ganze Zeit über, seit ich sie kannte, und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, mit einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die zu ihrer verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber doch so verschlossen, daß sie nicht das Bedürfnis empfand, mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen, sondern im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. Nur an diesem einen Tage, in diesen Stunden teilte sie mir alles zwischen Tränen und Schluchzen mit, was sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und niemals werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch ihre ganze Lebensgeschichte steht uns noch bevor.