Part 16
„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir genommen, Helene. Du scheinst zu fürchten, daß ich wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen könnte, daß du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert hinzu.
„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher gebracht. Ich habe doch Großpapa die Zimmer rein gemacht. Der Besen lag seit der Zeit dort, unter dem Ofen.“
Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war es klar, daß ihr meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, und daß sie sich bemühte, sie verdienen zu wollen. „Was für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir. Nach ein paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich auf den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete ich den Tee, goß auch ihr Tee ein und reichte ihr ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles schweigend ohne jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze vierundzwanzig Stunden nichts genossen.
„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem Besen beschmutzt.“ Ich bemerkte einen schmutzigen Streifen an ihrem Rock.
Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und zu meiner Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff ruhig mit beiden Händen den Saum des Kleides und riß kaltblütig den Rock von unten bis oben durch.
Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig schweigend an, mit flammenden Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide.
„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken aus, denn ich glaubte eine Wahnsinnige vor mir zu sehen.
„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung ganz erstickter Stimme. „Warum sagten Sie, daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es nicht tragen,“ rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke zerreißen! Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, sie hat es gewaltsam mit mir getan. Ich habe schon ein solches Kleid zerrissen, auch dieses werde ich zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“
In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. Als sie damit zu Ende war, konnte sie sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit Verwunderung auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. Sie sah mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr gegenüber irgendwie schuldig gewesen. Ich wußte bereits, was ich zu tun hatte.
Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu kaufen. Dieses wilde, erbitterte Geschöpf mußte man mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als wäre sie nie einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in Stücke zerrissen, um wieviel mehr mußte sie dieses Kleid und dieser Augenblick an alles Schreckliche erinnern!
Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes einfaches Kleidchen kaufen. Das Unglück wollte es nur, daß ich in diesem Augenblick kein Geld bei mir hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich nahm meinen Hut. Helene folgte mir mit den Augen, als erwarte sie etwas von mir.
„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ fragte sie, als ich nach dem Schlüssel griff, um die Wohnung von außen zuzuschließen, wie ich es gestern und vorgestern getan.
„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht böse. Ich schließe die Wohnung nur darum zu, weil ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du bist krank und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer nicht alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“
Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch nur ein, weil ich fürchtete, daß sie von mir fortgehen könnte. Wenigstens für die erste Zeit hatte ich beschlossen, vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir nichts und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte einen Verleger, der schon ein großes Sammelwerk herausgab. Von ihm holte ich mir immer Arbeit, wenn ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute zu ihm und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, dafür verpflichtete ich mich in einer Woche einen bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber hoffte auf diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das tat ich oft, wenn die Not am höchsten war.
Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort suchte ich eine mir bekannte Händlerin auf, die allerhand Kleider verkaufte. Ich gab ihr ungefähr den Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes, starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid aus, das sie mir zu geringem Preis verkaufte. Zufällig fand ich auch noch ein nettes Halstuch. Als ich das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing an, kalt zu werden und sie besaß absolut nichts. Doch ich ließ es bis auf ein nächstes Mal. Helene war so empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht so billig und so einfach als nur möglich gekauft hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch zwei Paar baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die konnte ich ihr unter dem Vorwand geben, daß sie krank und daß es im Zimmer kalt sei. Sie hatte auch wohl Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns näher kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber ein Paar alte Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche Sache, die Helene nur angenehm sein konnte.
Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag zu Hause an. Das Schloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Helene gar nicht bemerkte, daß ich eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen Büchern lesen. Als sie mich erblickte, schlug sie schnell das Buch zu, in dem sie gelesen, und wandte sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster Roman, auf dessen Titelblatt mein voller Name stand.
„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte sie in einem Tone zu mir, in dem man deutlich den Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich eingeschlossen?“
„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du hast nichts geantwortet?“
„Nein.“
Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte ihr das Kleid.
„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, die du anhast, kannst du nicht bleiben. Ich habe dir ein billiges, einfaches Alltagskleid gekauft, es kostet im ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“
Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über und über und sah mich ganz verwundert starr an.
Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir sehr verlegen. Doch etwas Weiches, Zärtliches leuchtete in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß sie schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische zu schaffen. Meine Handlungsweise schien sie ganz zu verwirren. Sie saß da, mit Mühe sich beherrschend, die Augen zu Boden geschlagen.
Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische Luft hatte mir nicht gut getan. Dabei mußte ich auf jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie nahm zu. Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. Ich wandte mich um.
„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte nicht mehr ein,“ sagte sie beiseite blickend und mit den Fingern an der Diwanschnur zupfend, als nehme diese Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde nicht von Ihnen fortgehen.“
„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch wenn nun jemand kommt, Gott weiß, wer?“
„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür von innen zuschließen und wenn jemand klopft, werde ich sagen: es ist niemand zu Haus.“
Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: „Sieh, wie man das machen muß!“
„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, bevor ich noch etwas erwidern konnte.
„Hier im Hause ist eine Frau ...“
„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“
„Im Restaurant.“
„Ich verstehe auch zu kochen.“
„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“
Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. Meine Bemerkung beleidigte sie offenbar. Es vergingen ungefähr zehn Minuten; wir schwiegen beide.
„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den Kopf zu erheben.
„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich verwundert.
„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen immer Suppe gekocht, wenn sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.“
„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du bist,“ sagte ich und setzte mich zu ihr auf den Diwan. „Ich bin zu dir, wie mein Herz mir befiehlt. Du bist jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, würdest auch du mir helfen wollen. Doch du denkst nicht so wie ich und dir fällt es schwer, von mir etwas anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest dich doch schämen, Helene!“
Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien mir etwas entgegnen zu wollen, doch nahm sie sich zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um zu Natascha zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den Schlüssel und bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen sollte, zu fragen, wer da sei? – Ich war innerlich davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand. Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, sie sonst aber weiter nicht mit meiner Gegenwart belästigen.
So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit unzufriedener, strenger Miene. Ich hätte sofort wieder weggehen sollen, doch meine Füße trugen mich nicht mehr.
„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ begann ich, „um dich meines Gastes wegen um Rat zu fragen?“
Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich meine letzten Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha hörte mich schweigend an.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ antwortete sie mir. „Es scheint ein eigenartiges Wesen zu sein, sicher sehr gequält und verschüchtert. Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu den Unsrigen bringen?“
„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß Gott, wie man sie dort auch aufnehmen würde. Und du, wie geht es dir? Du schienst gestern krank zu sein?“ fragte ich sie schüchtern.
„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete sie zerstreut. „Hast du jemanden von den Unsrigen gesehen?“
„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist ja Sonnabend ...“
„Nun, und dann?“
„Am Abend kommt der Fürst ...“
„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“
„Ich meinte ja nur so ...“
Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die Augen. In ihrem Blick lag eine hartnäckige, fieberhafte, leidenschaftliche Entschlossenheit.
„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du störst mich.“
Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender Verwunderung.
„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ rief ich erschrocken aus.
„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen erfahren, jetzt aber laß mich allein. Hörst du, Wanjä, gehe sofort. Ich kann dich nicht ansehen, es zerreißt mir das Herz!“
„Sage mir doch wenigstens ...“
„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, wirst du denn nicht gehen?“
Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte kaum mehr, wo ich mich befand. Mawra stürzte mir auf die Treppe nach.
„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich fürchte mich schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“
„Ja, was hat sie nur?“
„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal seine Nasenspitze gesehen!“
„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. „Sie hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen und am Abend wiederkommen wollte ...“
„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen da. Ich sage Ihnen, den dritten Tag hat er sich schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“
„Sie hat es selbst gesagt.“
„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es ihr so weh tun, daß sie es sogar vor Ihnen verheimlichen will. Nun, das ist ’mal! ...“
„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an.
„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ Mawra schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und jedesmal hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber spricht sie schon kein Wort mehr mit mir. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Ich wage es schon gar nicht mehr, sie allein zu lassen.“
Ich stürzte die Treppe hinunter.
„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir Mawra nach.
„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, nur um mich nach ihr zu erkundigen. Wenn ich mich nur selbst auf den Beinen halten kann!“
Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen riß.
X.
Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner Verbindung mit Natascha.
Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden Brief:
„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz gleichgültig.“
„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht mit mir von Ihnen gesprochen.“
Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre.
Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen. Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich.
„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um, und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene.
In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich, daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag.
„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“
„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“
„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“
„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren. Und Sie, wie fühlen Sie sich?“
„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu mir.“
Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch. Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme:
„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen. Was ist das für ein Gast, den du da hast?“
„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei gestorben ist.“
„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir, wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“
„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch, bevor er starb.“
„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles. Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist ... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“
„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“
Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne, da sie ein Kind sei ...
„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten, mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“
Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen.
„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem ...
Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden. „Was kann er wohl haben?“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art ...“
Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort:
„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“
Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor Verwunderung an.
„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand verloren.“
„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“
„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“
„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe, daß ich nichts davon begreife.“
„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben. ‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten, und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst, ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du, so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein, endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“
Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern seine geheimsten Gedanken erraten.
„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein, denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“
„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit.
„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“
„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast, daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten Verhältnisse getrieben worden ist.“
„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die Frage?“
„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an: glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück, doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte. Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens, einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich, wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“
„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen wieder.“
„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“
Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung unfähig.