Part 9
Links von meinem Pritschenplatz befand sich eine Gruppe Kaukasier, die alle verschiedenen kaukasischen Bergvölkern angehörten, und größtenteils wegen Diebstahls zu mehr oder weniger Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden waren. Es waren zwei Lesghier, ein Tschetschenze und drei Dagestanische Tataren. Der Tschetschenze war ein finsterer, mürrischer Mensch, der fast nie sprach und beständig unter der Stirn hervor haßerfüllt auf seine Umgebung sah und dazu widerlich boshaft und höhnisch lächelte. Der eine von den Lesghiern war schon ein alter Mann, hatte eine lange, dünne Nase und war dem Aussehen nach ein typischer Räuber. Dafür machte der andere, Nurra, schon am ersten Tage einen ganz prächtigen Eindruck auf mich. Nurra war noch nicht alt, nicht groß, gebaut wie ein Athlet, hochblond mit hellblauen Augen, einer Habichtsnase, mit der Gesichtsform eines Finnen, und da er von Jugend auf nur auf dem Pferde gesessen hatte, waren seine Beine krumm gebogen. Sein ganzer Körper war zerhauen, von Bajonetten und Kugeln verwundet. Im Kaukasus hatte er zu den Botmäßigen gehört, die sich Rußland unterworfen hatten, war aber immer wieder heimlich zu den aufständischen Bergvölkern geritten und hatte an ihren Angriffen auf die russischen Truppen teilgenommen. Im Ostrogg wurde er von allen geliebt. Er war immer heiter, zu jedermann freundlich, arbeitete still, war ruhig und wohlgemut, obgleich er oft mit Unwillen auf die Schändlichkeit und den Schmutz des Arrestantenlebens blickte, und über jeden Diebstahl, jede Schurkerei und jeden Betrunkenen in rasende Wut geraten konnte, sowie über alles, was unehrenhaft war, doch stiftete er nie Streit an, sondern wandte sich stets ab. Er selbst hat nie etwas gestohlen und während seines ganzen Aufenthaltes im Ostrogg hat er nie etwas Schlechtes getan. Er war ungewöhnlich fromm, und seine Gebete verrichtete er streng nach der Vorschrift. In der Fastenzeit vor den mohammedanischen Festtagen fastete er fanatisch und verbrachte ganze Nächte im Gebet. Alle liebten ihn und glaubten an seine Ehrlichkeit. „Nurra ist ein Löwe,“ sagten die Arrestanten und so wurde er später nur noch der Löwe genannt. Er war fest überzeugt, daß er nach Ablauf seiner Strafzeit wieder nach Haus, in den Kaukasus geschickt werden würde, und lebte nur in dieser Hoffnung. Ich glaube, er wäre gestorben, hätte man sie ihm genommen. Am ersten Tage im Ostrogg war er mir sehr angenehm aufgefallen. Es wäre aber auch unmöglich gewesen, sein gutes, sympathisches Gesicht unter all den bösen, finsteren und höhnischen Gesichtern der anderen gebrandmarkten Sträflinge nicht zu bemerken. In der ersten halben Stunde nach meinem Eintritt in den Ostrogg klopfte er mich im Vorübergehen auf die Schulter, und blickte mir gutmütig in die Augen. Zuerst konnte ich nicht begreifen, was das zu bedeuten hatte. Russisch sprach er nur sehr schlecht. Bald darauf kam er wieder auf mich zu, lächelte mich an und klopfte mir nochmals freundlich auf die Schulter. Und dasselbe wiederholte er in den ersten drei Tagen unzählige Mal. Das bedeutete seinerseits, wie ich später erriet und auch erfuhr, daß ich ihm leid täte, daß er fühle, wie schwer es mir werde, mich im Ostrogg einzuleben, daß er mir seine Freundschaft beweisen, mich ermuntern und seiner Protektion versichern wolle. Guter, treuherziger Nurra!
Die drei dagestanischen Tataren waren leibliche Brüder. Zwei von ihnen waren schon bejahrt, aber der dritte, Alei, war erst zweiundzwanzig Jahre alt, und sah dabei noch jünger aus. Sein Pritschenplatz war neben mir. Sein schönes, offenes, kluges und gleichzeitig gutherzig naives Gesicht eroberte sich sofort mein Herz, und ich freute mich, daß das Schicksal gerade ihn und nicht einen anderen mir zum Nachbar gegeben hatte. Seine ganze Seele sah man sich widerspiegeln auf seinem hübschen, ja sogar schönen Gesicht. Sein Lächeln war so zutraulich, so kindlich gutmütig, seine großen dunklen Augen waren so ... ich möchte sagen – weich, so freundlich, daß sein Anblick mir ein ganz besonderes Vergnügen, sogar eine Erleichterung in den Stunden der Sehnsucht und Trauer war. Ich sage es ohne jede Übertreibung. In der Heimat hatte sein ältester Bruder – er hatte fünf ältere Brüder, von denen zwei in ein Hüttenwerk gekommen waren – ihm eines Tages befohlen, seine Flinte zu nehmen und sich aufs Pferd zu setzen, um mit den anderen irgendeine Expedition mitzumachen. Die Ehrfurcht vor dem Älteren ist bei jenen Bergvölkern so groß, daß der Jüngling nicht etwa keinen Mut gehabt, zu fragen, wohin es denn gehe, sondern nicht einmal an die Möglichkeit einer ähnlichen Frage gedacht hatte. Die anderen aber hatten es nicht für notwendig befunden, ihn über das Reiseziel aufzuklären. Sie zogen auf Raub aus, und hatten es auf einen reichen armenischen Kaufmann abgesehen. Und richtig, sie hatten ihn überfallen, ihn und die Begleitmannschaft umgebracht und die Ware geraubt. Die Sache war aber herausgekommen: alle sechs wurden sie verhaftet, verurteilt und nach Sibirien verschickt. Für Alei bestand die ganze Milderung seiner Strafe nur darin, daß er auf eine kürzere Zeit zur Zwangsarbeit verurteilt wurde: _nur_ auf vier Jahre. Seine Brüder liebten ihn sehr, und zwar eher mit einer väterlichen als brüderlichen Liebe. Er war ihr Trost in der Verbannung und sie, die sonst stets finster und verdrießlich waren, lächelten ihm jedesmal zu, wenn sie ihn nur sahen; und wenn sie ihn anredeten – was nur äußerst selten geschah, ganz als wenn sie ihn immer noch für einen kleinen Knaben gehalten hätten, mit dem man doch eigentlich nichts Ernstes reden könne – so glätteten sich ihre mürrischen harten Gesichter und ich erriet, daß sie etwas Scherzhaftes, fast Kindisches mit ihm sprachen, wenigstens tauschten die Älteren untereinander lächelnde Blicke aus und lachten gutmütig, wenn sie seine Antwort anhörten. Alei dagegen wagte so gut wie überhaupt nicht, seine älteren Brüder als erster anzureden: so groß war seine Ehrfurcht vor ihnen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie dieser Junge es fertig brachte, während der ganzen Zeit seiner Kátorga seine ganze Herzensweichheit zu erhalten, eine so strenge Ehrlichkeit in sich zu entwickeln, eine solche Herzlichkeit, so viel Sympathisches zu bewahren und nicht zu verrohen, nicht zu verderben. Übrigens war er eine starke und aufrechte Natur, trotz seiner ganzen scheinbaren Weichheit. Späterhin lernte ich ihn näher kennen und durchschaute ihn ganz. Er war keusch wie ein unberührtes Mädchen und jede gemeine, zynische, schmutzige und jede ungerechte, gewalttätige Handlung im Ostrogg ließ seine schönen Augen vor Unwillen erglühen, wodurch sie noch schöner wurden. Aber auch er mischte sich nicht in das Geschimpfe ein und vermied jeden Streit, wenn er auch nicht zu jenen gehörte, die sich ungestraft beleidigen ließen. Im Gegenteil, er verstand es sogar sehr gut, seinen Mann zu stehn. Aber es kam nie zu einem Streit zwischen ihm und irgend einem anderen Sträfling: ihn hatten alle gern und von allen wurde er verhätschelt. Anfangs war er zu mir nur sehr höflich. Mit der Zeit aber fing ich an, mit ihm zu sprechen und in drei Monaten hatte er schon fließend russisch zu sprechen gelernt, wozu es seine Brüder in ihrer ganzen Strafzeit nicht zu bringen vermochten. Er schien mir ein ungewöhnlich kluger Junge zu sein, sehr bescheiden und zartfühlend, und schien sogar schon viel nachgedacht zu haben. Überhaupt muß ich eines vorausschicken: ich halte Alei für ein durchaus ungewöhnliches Wesen und denke an seine Begegnung als an eine der besten und schönsten in meinem Leben zurück. Es gibt Charaktere, die von Natur so schön, die von Gott so beschenkt sind, daß allein die bloße Vorstellung, er könnte sich zum Schlechten verändern, einem ganz unmöglich scheint. Ihretwegen braucht man sich keine Sorge zu machen, wie auch ich mir wegen Alei keine Sorge mache. Wo mag er jetzt wohl sein? ...
Einmal, es war schon längere Zeit nach meiner Ankunft im Ostrogg, lag ich auf der Pritsche und dachte an eine sehr drückende Erinnerung. Alei, der sonst immer fleißig war und arbeitete, war gerade unbeschäftigt, obwohl es noch zu früh war zum Schlafen. Sie hatten ihren mohammedanischen Festtag und arbeiteten daher nicht. Er lag auf dem Rücken, hatte die Hände unter den Kopf geschoben und schien in Gedanken versunken zu sein. Plötzlich fragte er mich:
„Was, dir ist es jetzt wohl sehr schwer zumute?“
Ich betrachtete ihn neugierig und diese plötzliche, offene Frage schien mir sonderbar, da Alei sonst immer so zartfühlend, so taktvoll und höflich war und mich niemals als erster anredete. Als ich aber aufmerksam hinblickte, gewahrte ich soviel Kummer in seinem Gesicht, soviel Qual der Erinnerungen, daß ich sofort erriet, warum er die Frage gestellt hatte: weil es ihm selbst gerade in diesem Augenblick sehr schwer zumute war. Und ich sagte ihm, was ich dachte. Er seufzte und lächelte traurig. Ich liebte sein Lächeln, das immer zärtlich und herzlich war. Außerdem zeigte er beim Lächeln seine wundervollen Zähne, die buchstäblich wie zwei Perlenreihen waren und um deren Schönheit ihn die schönste Frau der Welt hätte beneiden können.
„Nun, Alei, du hast soeben sicherlich daran gedacht, wie man bei euch in Dagestan dieses Fest feiert? Schön muß es dort sein.“
„Ja,“ antwortete er begeistert, und seine Augen leuchteten auf. „Aber woher weißt du, daß ich daran dachte?“
„Was ist da zu wissen! Nun, ist es dort schöner als hier?“
„O, warum sagst du das! ...“
„Welch eine Blumenpracht, welch ein Paradies jetzt dort sein muß!“
„O–o! sprich lieber nicht!“
Er war mächtig erregt.
„Sag mal, Alei, hattest du nicht auch eine Schwester?“
„Ich hatte, – aber warum fragst du?“
„Dann war sie wohl eine Schönheit, wenn sie dir ähnlich sah?“
„Was mir! Sie ist so schön, daß es im ganzen Dagestan keine schönere gibt! Ach, wenn du wüßtest, was für eine Schönheit meine Schwester ist! Du hast eine solche noch nie gesehen! Auch meine Mutter war eine Schönheit.“
„Und liebte dich deine Mutter?“
„Ach! wie du sprichst! Sie ist jetzt bestimmt vor Kummer um mich gestorben. Ich war ihr Lieblingssohn. Sie liebte mich mehr als meine Schwester, als alle ... Heute Nacht kam sie im Traume zu mir und weinte über mich.“
Er verstummte, und an jenem Abend habe ich kein Wort mehr von ihm gehört. Seit diesem Gespräch aber suchte er immer mit mir zu sprechen, wenn auch seine Ehrfurcht vor mir ihm nach wie vor verbot, mich als erster anzureden. Um so freudiger war er überrascht, wenn ich selbst mich an ihn wandte. Ich fragte ihn über den Kaukasus aus und sein früheres Leben. Seine Brüder verboten ihm nicht, mit mir zu reden, es schien ihnen sogar angenehm zu sein, daß er es tat. Und als sie sahen, daß ich ihren Alei immer lieber gewann, da wurden auch sie viel freundlicher zu mir.
Alei half mir bei der Arbeit, half mir, womit er nur konnte, auch in der Kaserne, und man sah es ihm an, daß es ihm angenehm war, mir gefällig zu sein, und in seinen Bemühungen lag nicht die geringste Selbsterniedrigung oder gar ein Suchen nach einem Vorteil, sondern nur ein warmes, freundschaftliches Gefühl, das er denn auch nicht mehr vor mir verbarg. Unter anderem hatte er auch viel Geschick für technische Arbeiten: er lernte gut Wäsche nähen, Stiefel auszubessern und zum Schluß erlernte er noch, soweit es ging, das Tischlerhandwerk. Seine Brüder lobten ihn und waren stolz auf ihren Jüngsten.
„Hör mal, Alei,“ sagte ich eines Tages zu ihm, „warum lernst du nicht russisch lesen und schreiben? Weißt du denn nicht, wie sehr dir das späterhin hier in Sibirien zustatten kommen könnte?“
„Ich will es sehr gern. Aber bei wem soll ich es erlernen?“
„Als ob es hier wenige gäbe, die dich unterrichten könnten! Willst du, daß ich es tue?“
„Ach, tu’s, bitte!“ und er stand sogleich von der Pritsche auf, faltete bittend die Hände vor mir und sah mich flehend an.
Wir fingen gleich am nächsten Abend an. Ich besaß die russische Übersetzung des Neuen Testaments – ein Buch, das im Ostrogg nicht verboten ist. Nach diesem Buch, ohne ABC-Bücher, lernte Alei binnen weniger Wochen fließend zu lesen. Nach drei Monaten war er durchaus fest in der Schriftsprache. Er lernte mit unermüdlichem Eifer und riesiger Begeisterung.
Eines Abends hatten wir die ganze Bergpredigt durchgelesen. Es war mir aufgefallen, daß er einige Stellen mit ganz besonderem Ausdruck vortrug.
Ich fragte ihn, ob es ihm gefallen habe, was er gelesen?
Er blickte schnell auf und errötete.
„Ach, ja!“ antwortete er, – „ja. Issa (Jesus) ist ein großer Prophet, Issa hat Gottes Wort gesprochen. Wie schön er spricht!“
„Was hat dir denn am meisten daraus gefallen?“
„Ach, das, wo er sagt: ‚Liebet eure Feinde, tuet wohl denen, die euch hassen.‘ Ach wie schön er spricht!“
Er wandte sich zu seinen Brüdern, die uns während des Gesprächs beobachtet hatten, und begann ihnen eifrig etwas zu erzählen. Sie sprachen lange und ernst miteinander und nickten zustimmend mit den Köpfen. Darauf wandten sie sich mit einem ernsten, wohlwollenden, d. h., echt muselmännischen Lächeln (das ich über alles liebe, und zwar gerade wegen des Ernstes) zu mir und sagten, Issa (Jesus) sei ein großer Prophet Gottes gewesen und er habe große Wunder getan; er habe sogar aus Lehm Vögel geformt, sie angeblasen und dieselben seien dann geflogen ... und dieses stehe auch in ihren Büchern geschrieben. Als sie das gesagt hatten, waren sie fest überzeugt, mir ein großes Vergnügen bereitet zu haben, indem sie Issa lobten, und Alei war restlos glücklich darüber, daß seine Brüder geruht hatten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.
Auch mit dem Schreiben ging es bei uns gut vorwärts. Alei hatte sich Papier verschafft (er gab es unter keiner Bedingung zu, daß ich es von meinem Gelde kaufte), dazu Federn, Tinte, und in kaum zwei Monaten hatte er vorzüglich das Schreiben erlernt. Das setzte sogar seine Brüder in Erstaunen. Ihr Stolz und ihre Freude kannten keine Grenzen und sie wußten nicht, wie sie es mir danken sollten. Bei der Arbeit, wenn wir einmal zusammen in einem Trupp abgeschickt waren, halfen sie mir wetteifernd und schätzten sich noch glücklich, wenn sie mir helfen konnten. Von Alei selbst lohnt es sich gar nicht zu reden. Er liebte mich vielleicht ebenso sehr, wie seine Brüder. Niemals werde ich vergessen, wie er den Ostrogg verließ. Er führte mich hinter die Kaserne, warf sich dort an meinen Hals und schluchzte. Niemals früher hatte er mich geküßt und noch niemals hatte ich ihn weinen gesehen.
„Du hast soviel für mich getan, soviel getan,“ sagte er, „wie selbst mein Vater und meine Mutter nicht getan haben: du hast mich zum Menschen gemacht. Gott wird es dir lohnen, ich aber werde dich nie vergessen! ...“
Wo mag er jetzt sein, mein lieber, guter, herzensguter Alei?
Außer den Tscherkessen und Tataren gab es in unserer Kaserne noch eine ganze Gesellschaft Polen, die vollständig eine Familie für sich darstellten und mit den übrigen Arrestanten fast überhaupt nicht sprachen. Ich sagte schon, daß sie für ihre Absonderung, für ihren Haß auf die gefangenen Russen sich wiederum den Haß aller anderen zuzogen. Es waren ihrer im ganzen sechs, kranke, ausgemergelte Geschöpfe. Einige von ihnen waren Gebildete; von denen werde ich in der Folge noch besonders und ausführlich zu berichten haben. Von ihnen erhielt ich in den letzten Jahren meines Ostrogglebens einige Bücher. Das erste Buch, das ich nach so langer Zeit las, machte einen mächtigen und eigenartigen Eindruck auf mich. Auch von diesen Eindrücken werde ich noch ausführlicher sprechen. Für mich waren sie gar zu interessant, doch bin ich überzeugt, daß sie vielen ganz unverständlich sein werden. Ohne eigene Erfahrung kann man über gar manche Dinge nicht urteilen. Ich will vorläufig nur sagen, daß geistige Entbehrungen, sittliche Einbußen schwerer zu ertragen sind, als alle physischen Qualen. Der einfache Mensch, der in die Kátorga kommt, findet dort seine Gesellschaft vor, vielleicht sogar eine noch viel entwickeltere. Selbstverständlich hat er viel verloren, Heimat, Familie, alles was sein war, aber das Milieu ist für ihn dasselbe geblieben. Der Gebildete dagegen, der nach dem Gesetz derselben Strafe unterliegt, wie der Einfache, verliert häufig unvergleichlich mehr als dieser. Er muß alle vornehmeren Bedürfnisse, alle Angewohnheiten in sich unterdrücken, er muß in einer Umgebung leben, die tief unter ihm steht, er muß sich daran gewöhnen, andere Luft zu atmen ... Er ist wie ein Fisch, den man aus dem Wasser auf den Sand gezogen hat ... Und häufig wird für ihn die dem Gesetz nach gleiche Strafe zu einer zehnmal qualvolleren. Das ist Tatsache ... selbst wenn es sich nur um materielle Angewohnheiten, die man opfern muß, handelte.
Die Polen bildeten eine besondere abgeschlossene Klique. Es waren ihrer sechs und sie hielten alle zusammen.
Von allen übrigen Sträflingen mochten sie nur einen Juden leiden, und vielleicht einzig aus dem Grunde, weil er sie belustigte. Dieses Jüdchen wurde übrigens auch von den anderen Sträflingen gern gesehen, wenn sie auch alle ohne Ausnahme über ihn lachten. Er war bei uns der einzige Jude und auch jetzt noch überkommt mich das Lachen, wenn ich an ihn denke. Jedesmal wenn ich ihn ansah, mußte ich immer an Gogols Jankel aus seinem „Taras Bulba“ denken, der, wenn er sich zur Nacht entkleidete, um sich mit seiner Jüdin in eine gewisse Kommode zu begeben, sogleich einem gerupften Kücken auffallend ähnlich wurde. Issai Fomitsch Bummstein, so hieß unser Jüdchen, glich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen, einem gerupften halberwachsenen Hühnertier. Er war nicht mehr jung, etwa fünfzigjährig, klein von Wuchs und äußerst schwächlich, schlau und gleichzeitig absolut dumm. Er war frech und anmaßend, dabei aber entsetzlich feig. Sein ganzes Gesicht bestand aus Runzeln und auf der Stirn und den Wangen war er gebrandmarkt, was auf dem Schafott geschehen war, nachdem er sechzig Peitschenhiebe erhalten hatte. Noch jetzt verstehe ich nicht, wie er so viel auszuhalten vermocht hat. Er war wegen Mordes verschickt worden. Sorgfältig bewahrte er ein Rezept auf, das seine Glaubensgenossen von einem Doktor verschafft und ihm bald nachher zugestellt hatten. Nach diesem Rezept konnte man eine Salbe zubereiten, von der die Brandmale binnen zwei Wochen vergingen. Im Ostrogg wagte er natürlich nicht, diese Salbe anzuwenden, wartete aber sehnsüchtig auf den Ablauf seiner zwölfjährigen Frist, um sie dann, wenn er zur Ansiedlung weitergeschickt werden würde, sofort zu benutzen. „Denn anders kann ich nich aheiraten,“ sagte er mir einmal, „ich aber will aheiraten bestimmt.“ Wir beide verstanden uns sehr gut. Er war beständig in der besten Laune und er hatte ein leichtes Leben in der Kátorga: er war von Beruf Juwelier und mit Arbeiten aus der Stadt überhäuft, da es dort keinen Juwelier gab, und so befreite er sich von der schweren Zwangsarbeit. Außerdem war er, versteht sich, noch Wucherer und versah für hohe Prozente den ganzen Ostrogg mit Geld. Er war schon vor mir angekommen und einer der Polen beschrieb mir ausführlich seine Ankunft. Es ist das eine höchst amüsante Geschichte, die ich späterhin noch zum besten geben will, denn von unserem Issai Fomitsch Bummstein werde ich noch mehr als einmal zu erzählen haben.
Das übrige Volk in unserer Kaserne bestand aus vier Altgläubigen, alles alte und bibelkundige Leute, zu denen auch der Greis aus Starodubowo gehörte; aus zwei oder drei Kleinrussen, finsteren Menschen, aus einem jungen Sträfling mit einem schmalen Gesichtchen und feinen Näschen, im Alter von erst dreiundzwanzig Jahren, der indessen schon acht Menschen umgebracht hatte; aus einer kleinen Gesellschaft Falschmünzer, von denen einer der Spaßvogel der ganzen Kaserne war, und endlich aus mehreren düsteren, mürrischen und verunstalteten, schweigsamen und neidischen, alle Welt mißtrauisch ansehenden Individuen, die allem Anschein nach die Absicht hatten, noch lange Jahre so darein zu sehen, mürrisch zu sein, zu schweigen und zu hassen – so lange wie sie in der Kátorga bleiben mußten.
Alle diese Gestalten sah ich an jenem ersten freudlosen Abend meines neuen Lebens nur wie durch einen Nebel – inmitten der von Rauch und Ruß und anderen Dünsten geschwängerten nicht atembaren Luft, unter Geschimpf und unbeschreiblichen Witzen, unter Kettengeklirr und -gerassel, unter Flüchen und schamlosem Gelächter. Ich legte mich auf die unbedeckte Pritsche, schob meine Kleider unter den Kopf – ein Kissen hatte ich noch nicht – und deckte mich mit meinem Pelz zu. Aber lange noch konnte ich nicht einschlafen, obwohl ich völlig erschöpft und ganz gebrochen war von all den ungeheuerlichen und unerwarteten Eindrücken dieses ersten Tages. Mein neues Leben begann ja erst. Vieles noch stand mir bevor, was ich nie gedacht, was ich noch nie geahnt hatte ...
V.
Der erste Monat
Am vierten Tage nach meiner Ankunft im Ostrogg wurde ich zur Arbeit befohlen. Dieser erste Arbeitstag ist mir noch deutlich in der Erinnerung, wenn auch im Verlauf gerade dieses Tages nichts gar zu Ungewöhnliches mit mir geschah – abgesehen von dem ohnehin schon Ungewöhnlichen meiner Lage. Aber die Zwangsarbeit war doch etwas neues für mich und ich blickte immer noch mit der größten Neugier um mich.
Diese ersten drei Tage hatte ich mit den schwersten Empfindungen verbracht. „Das ist jetzt das Ende meines Lebens: ich bin im Ostrogg!“ dachte ich immer und immer wieder, „das ist nun mein Hafen für viele lange Jahre, mein Winkel, den ich mit so mißtrauischem, krankhaftem Empfinden betrete ... Doch wer weiß? Vielleicht werde ich, wenn ich ihn nach vielen Jahren verlasse, noch mit Bedauern von ihm scheiden? ...“ fügte ich hinzu, nicht ohne eine Beimischung jenes Gefühls der Schadenfreude, das zuweilen zu dem Bedürfnis wird, absichtlich in seiner Wunde zu wühlen, ganz als wollte man sich an seinem Schmerz ergötzen, ganz als wäre in der Erkenntnis der ganzen Größe des Unglücks tatsächlich ein Genuß. Der Gedanke, daß ich einmal mit Bedauern diesen Winkel verlassen könnte, erfüllte mich mit Entsetzen: schon damals fühlte ich voraus, bis zu welch einer Ungeheuerlichkeit der Mensch sich an alles gewöhnen kann. Aber all das lag noch in der Zukunft, vorläufig war alles um mich herum fremd, feindlich und – furchtbar ... oder wenn auch nicht alles so war, so mußte mir doch selbstverständlich alles so erscheinen. Diese gierige Neugier, mit der mich meine neuen Lebensgefährten betrachteten, ihre doppelte Kälte zu dem Neuling aus dem Adelstande, der plötzlich in ihre Gemeinschaft eindrang, diese sichtbare Abneigung, die mitunter fast an Haß grenzte, – all das quälte mich dermaßen, daß ich selbst so bald als möglich zur Arbeit geschickt zu werden wünschte, nur um schneller mein ganzes Elend ermessen zu können, nur um dasselbe Leben zu führen, das sie alle führten, um möglichst bald mit den anderen am gleichen Strang zu ziehen.
Natürlich bemerkte und vermutete ich damals vieles nicht, was dicht vor meinen Augen lag: unter dem Feindlichen hatte ich das Freundliche noch nicht entdeckt. Übrigens richteten mich schon die wenigen freundlichen, zutraulichen Menschen, die mir in diesen drei Tagen entgegengetreten waren, bedeutend auf. Am freundlichsten und wohlwollendsten zu mir war Akim Akimytsch. Ich konnte nicht umhin, unter den übrigen düsteren und gehässigen Gesichtern der Sträflinge auch einige gute und heitere wahrzunehmen.
„Überall gibt es schlechte Menschen, und unter den schlechten auch gute,“ beeilte ich mich zu meiner Beruhigung zu denken, – „und, wer weiß, diese Menschen sind vielleicht gar nicht so viel schlechter als jene, die _übrigen_, die dort _zurückgeblieben_ sind, hinter den Palissaden.“
Und während ich das dachte, schüttelte ich selbst mein Haupt ob meines Gedankens, und doch, – mein Gott! – wenn ich damals nur geahnt hätte, wie, wie richtig dieser Gedanke war!