Sämtliche Werke 18

Part 8

Chapter 83,466 wordsPublic domain

Es kam zuweilen auch zu meiner Zeit vor, wenn auch nur sehr selten, daß einer der Offiziere den Ostrogg ohne Begleitmannschaft betrat. Da hätte man sehen sollen, wie das den Arrestanten imponierte, wie verwundert sie zuerst waren, und einen wie guten Eindruck es auf sie machte. Ein solch furchtloser Besucher erweckte stets Achtung für sich, und selbst wenn etwas Schlimmes sich hätte ereignen können – in seiner Gegenwart wäre es nicht geschehen. Die Arrestanten flößen überall Angst ein, wo sie auch sein mögen, und ich weiß wirklich nicht, was im Grunde die Veranlassung dazu gibt. Natürlich liegt einige Veranlassung dazu schon allein in der äußeren Erscheinung des gekennzeichneten Verbrechers. Außerdem fühlt ein jeder, der sich dem Ostrogg nähert, daß dieser ganze Menschenhaufe nicht aus eigenem Willen an diesem Ort zusammenlebt, und daß man einen lebendigen Menschen ungeachtet aller Vorkehrungen und Gewalt nicht zu einem lebenden Leichnam machen kann: er behält trotz allem Gefühle, Rachedurst und Lebensdurst, und Leidenschaften und mit diesen auch das Bedürfnis, sie zu befriedigen. Aber nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, daß man die Arrestanten ganz grundlos fürchtet. Der Mensch wirft sich nicht so leicht und so schnell mit einem Messer auf einen anderen Menschen. Mit einem Wort, selbst wenn auch Gefahr vorhanden wäre, selbst wenn sie mitunter auch in der Tat vorhanden ist, so kann man doch bereits aus der Seltenheit solcher Vorfälle ersehen, wie gering sie in Wirklichkeit ist. Versteht sich, ich rede hier nur von verurteilten Arrestanten, von denen viele sogar froh sind, daß sie endlich in den Ostrogg hineingelangt – so schön ist bisweilen ein neues Leben! – und folglich ruhig und friedlich zu leben geneigt sind; und außerdem würden sie auch den wirklich unruhigen Elementen unter sich nicht gar zu viel Sprünge erlauben. Jeder Zwangsarbeiter fürchtet die Gesamtheit – gleichviel, wie furchtlos und unbekümmert um die anderen er auch sein mag. Der unter Anklage stehende Sträfling dagegen ist eine ganz andere Sache. Dieser ist tatsächlich fähig, sich auf einen Menschen zu stürzen, der ihm nichts getan hat, und zwar einzig aus dem Grunde, weil er morgen für irgend ein Vergehen bestraft werden soll, der neue Frevel aber die Strafe hinausschiebt, bis die Sache untersucht ist. Hier aber gibt es doch immerhin eine Ursache und einen Zweck, warum er einen anderen anfällt, – das ist: „sein Schicksal zu verändern,“ wie sie sagen, was es auch koste, und zwar möglichst schnell. Ich selbst erinnere mich eines psychologisch sehr seltsamen Vorfalls in dieser Art.

In der Militärabteilung unseres Ostrogg gab es einen Arrestanten, einen von den Soldaten, der nicht seiner bürgerlichen Rechte beraubt und nur auf zwei Jahre verschickt war – ein entsetzlicher Prahler und ein bemerkenswerter Feigling. Im allgemeinen trifft man Prahlsucht und Feigheit äußerst selten beim russischen Soldaten. Unser Soldat sieht immer so beschäftigt aus, daß er, selbst wenn er prahlen wollte, keine Zeit dazu hätte. Ist er aber einmal ein Prahler, so ist er sicherlich auch faul und feige.

Dutoff – so hieß der Arrestant – hatte endlich seine kurze Strafzeit „abgelebt“ und war darauf wieder in sein Linienbataillon zurückgekehrt. Da aber alle gleich ihm in den Ostrogg zur Besserung geschickten Soldaten in der Gefangenschaft endgültig verderben, so kommt es gewöhnlich so, daß sie nach zwei bis drei Wochen in der Freiheit für ein neues Vergehen wiederum verurteilt werden und wieder in den Ostrogg zurückkehren, nur mit dem Unterschiede, daß sie dann nicht auf zwei oder drei Jahre, sondern in die „ewige“ Abteilung, auf fünfzehn bis zwanzig Jahre kommen.

So geschah es auch hier.

In der dritten Woche nach seinem Austritt aus dem Ostrogg hatte Dutoff einen Diebstahl begangen; außerdem hatte er einem Offizier grob geantwortet und in der Kaserne Unfug getrieben. Er kam vors Gericht und wurde zu einer schweren Strafe verurteilt. Die bevorstehenden Spießruten flößten ihm aber einen solchen Schrecken ein, er fürchtete sich wie der letzte Feigling dermaßen vor ihnen, daß er sich am Tage vor dem Spießrutenlaufen mit einem Messer auf den die Strafkammer betretenden wachhabenden Offizier stürzte. Natürlich wußte er sehr gut, daß man für ein solches Vergehen seine Strafe um ein Bedeutendes erschweren und die Dauer seiner Zwangsarbeit verlängern würde. Aber seine ganze Berechnung bestand darin, wie er den furchtbaren Augenblick der Spießrutenstrafe wenigstens auf ein paar Tage, oder auch nur auf ein paar Stunden hinausschieben könnte! Er war dermaßen feige, daß er den Offizier nicht einmal mit dem Messer verletzte, sondern den ganzen Überfall nur ^pro forma^ machte, nur zu dem Zweck, um eines neuen Vergehens schuldig zu sein, für das man ihn vorläufig in strenge Untersuchungshaft nehmen würde, durch die dann die andere Strafe noch hinausgeschoben werden mußte.

Der Augenblick vor dem Spießrutenlaufen ist natürlich entsetzlich für den Verurteilten. Ich habe in den Jahren meines Ostrogglebens oft genug Gelegenheit gehabt, Verurteilte am Tage vor ihrer Bestrafung zu sehen. Und gewöhnlich traf ich mit den Bestraften im Lazarett zusammen, wenn ich wieder einmal krank war, was ziemlich oft vorkam. In ganz Rußland weiß jeder Arrestant, daß die mitfühlendsten Menschen für sie die Ärzte sind. Niemals machen sie mit den Verbrechern einen Unterschied, wie es sonst fast alle Menschen tun, ausgenommen nur das einfache Volk. Dieses wird niemals den Arrestanten wegen seines Verbrechens tadeln, wie entsetzlich das Begangene auch sein mag, und verzeiht ihm alles für die empfangene Strafe und überhaupt für sein Unglück. Nicht umsonst nennt das Volk in ganz Rußland das Verbrechen „Unglück“ und den Verbrecher einen „Unglücklichen“. Das ist eine tiefbedeutsame Bezeichnung für seine Auffassung des Verbrechens, und sie ist um so wichtiger, als sie ganz unbewußt, ganz instinktiv erfolgt. Die Ärzte sind in vielen Fällen die einzige Zuflucht der Arrestanten, besonders aber derjenigen von ihnen, die wegen eines neuen Vergehens vor Gericht stehen und die viel strenger gehalten werden, als die bereits Bestraften ... So ging denn der Arrestant, wenn er den voraussichtlichen Termin des furchtbaren Tages berechnet hatte, zum Unteroffizier und meldete sich krank, damit man ihn ins Lazarett führte und der schwere Augenblick noch etwas hinausgeschoben wurde, – wenn auch nur auf ein paar Tage. Ließ er sich dann wieder ausschreiben und kehrte er in den Ostrogg zurück, so konnte er fast mit Sicherheit annehmen, daß die verhängnisvolle Stunde ihn am nächsten Tage erwartete, und war daher die ganze Zeit mächtig erregt. In der Regel sind die Arrestanten bemüht, ihre Gefühle aus Stolz zu verbergen, doch vermag ihre vorgespiegelte, peinlich erzwungene Munterkeit keinen einzigen Kameraden zu täuschen. Diese begreifen nur zu gut, um was es sich handelt und schweigen aus Nächstenliebe. Ich kannte einen jungen Mörder, einen ehemaligen Soldaten, der zur vollen Anzahl Hiebe verurteilt war. Seine Angst war aber so groß, daß er sich am Abend vorher entschloß, einen Krug Branntwein, in den er Schnupftabak hineingetan hatte, auszutrinken. – Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß der vor der Bestrafung stehende Arrestant sich unbedingt Branntwein verschafft; er wird schon lange vor dem Termin besorgt und mit schwerem Gelde bezahlt. Der Verurteilte würde sich eher ein halbes Jahr lang das Allernotwendigste versagen, doch unbedingt die erforderliche Summe für einen halben Liter Branntwein zusammensparen, um sich eine Viertelstunde vor der Bestrafung ein wenig betrinken zu können. Die Arrestanten waren der Meinung, daß ein Betrunkener die Knute oder den Stock nicht so schmerzhaft fühle, wie ein Nüchterner. Der arme Teufel trank tatsächlich seinen Krug mit Branntwein und Schnupftabak aus und wurde dann auch richtig krank: er begann entsetzlich zu erbrechen, erbrach Blut und Galle und wurde halb besinnungslos ins Lazarett geschafft. Dieses Erbrechen hatte aber seine Brust so angegriffen, daß schon nach wenigen Tagen Anzeichen einer richtigen Schwindsucht konstatiert wurden, an der er nach sechs Monaten starb. Die Ärzte, die ihn während seiner Schwindsucht behandelten, wußten nicht, wie er zu ihr gekommen war.

Da ich von dem so häufig bemerkten Kleinmut der Verbrecher vor der Bestrafung schon gesprochen habe, muß ich hier noch hinzufügen, daß andere den Beobachter wiederum durch ihre außerordentliche Furchtlosigkeit in Erstaunen setzten. Ich entsinne mich einiger Beispiele von Kühnheit, die geradezu an absolute Gefühllosigkeit grenzten, und solche Beispiele waren nicht ganz selten. Besonders erinnerlich ist mir meine Begegnung mit einem ganz berüchtigten Verbrecher.

An einem Sommertage verbreitete sich in der Arrestantenabteilung des Lazaretts das Gerücht, daß am Abend der „große Mörder“ Orloff, ein entlaufener Soldat, bestraft und nachher ins Lazarett gebracht werden würde. Die kranken Arrestanten sprachen, in der Erwartung Orloffs, viel von ihm und waren überzeugt, daß man ihn grausam prügeln würde. Alle waren gewissermaßen erregt und ich muß gestehen, daß auch ich dem Erscheinen des berüchtigten Räubers mit großer Spannung entgegensah.

Lange schon hatte ich wahre Wunder von ihm erzählen gehört. Er war ein Verbrecher, wie es deren nicht viele gibt, der kaltblütig Greise und Kinder erdrosselte, ein Mensch von ungeheurer Willensstärke und mit stolzem Bewußtsein seiner Kraft. Er hatte viele Morde gestanden und war jetzt zu Spießruten verurteilt worden. Man brachte ihn erst abends. Im Krankenraum war es bereits dunkel und man zündete das Nachtlicht an. Orloff schien völlig bewußtlos zu sein, er sah unheimlich bleich aus. Er hatte dichtes, ganz zerzaustes, pechschwarzes Haar. Sein Rücken war geschwollen und war dunkelrotblau von unterlaufenem Blut. Die ganze Nacht pflegten ihn die anderen, sie erneuerten die kalten Umschläge, kehrten ihn von der einen Seite auf die andere, gaben ihm Medizin, ganz als wäre er ihr Blutsverwandter gewesen oder ihr größter Wohltäter. Schon am nächsten Tage kam er völlig zu sich, erhob sich und ging zweimal durch den ganzen Raum! Das wunderte mich: er war gar zu entkräftet und abgemagert ins Lazarett gebracht worden. Er hatte die ganze Hälfte der ihm bestimmten Spießruten durchlaufen. Der Arzt hatte erst dann Einhalt getan, als die Fortsetzung des Strafvollzuges dem Arrestanten unvermeidlich den Tod gebracht haben würde. Außerdem war Orloff klein von Wuchs und von schwächlicher Konstitution und hinzu kam noch, daß die lange Untersuchungshaft ihn bedeutend entkräftet hatte. Wer jemals in Untersuchungshaft gehaltene Arrestanten gesehn hat, wird sich wahrscheinlich noch lange Zeit ihrer ausgemergelten, elenden, bleichen Gesichter, ihrer fiebernden, kranken Blicke entsinnen. Nichtsdestoweniger erholte sich Orloff sehr bald. Augenscheinlich wurde seine Natur von seiner inneren, geistigen Energie mächtig unterstützt. Er war in der Tat kein gewöhnlicher Mensch. Aus Neugier und auch aufrichtigem Interesse machte ich mich näher mit ihm bekannt und studierte ihn eine ganze Woche. Ich kann mit aller Bestimmtheit versichern, daß ich in meinem ganzen Leben keinen Menschen mit einem stärkeren, eiserneren Charakter gesehen habe. Ich hatte schon früher in Tobolsk eine ähnliche Berühmtheit dieser Art gesehen, einen ehemaligen Räuberhauptmann. Er war ein vollständig wildes Tier und man brauchte nur neben ihm zu stehen, so fühlte man schon instinktiv, selbst wenn man seinen Namen nicht kannte und nichts von ihm wußte, daß ein Entsetzen erregendes Geschöpf neben einem stand. Vor allem entsetzte mich seine geistige Stumpfheit. Die Sinnlichkeit hatte dermaßen alle seine seelischen Eigenschaften überwuchert, daß man bereits nach dem ersten Blick in dieses Gesicht sah, wie hier nur die eine wilde Gier nach fleischlichen Genüssen, Wollust und sinnlicher Befriedigung vorhanden war. Ich bin überzeugt, daß Koreneff – so hieß dieser Räuberhauptmann – vor der Bestrafung allen Mut verloren und am ganzen Körper gezittert haben würde, wenn er auch tausendmal fähig war, Menschen zu ermorden, ohne mit der Wimper zu zucken. Der größte Gegensatz zu ihm war Orloff: der war die Verkörperung der denkbar größten Selbstbeherrschung. Man sah es ihm sofort an, daß dieser Mensch unbegrenzt über sich gebieten konnte, daß er alle Qualen und Strafen verachtete und überhaupt nichts fürchtete in der Welt. Man sah in ihm unbegrenzte Energie und das unbedingte Verlangen, das ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen. Unter anderem setzte er mich auch durch seinen maßlosen Hochmut in Erstaunen. Auf alles sah er bis zur Unglaublichkeit „von oben herab“, doch bemühte er sich dabei durchaus nicht, sich gleichsam auf Stelzen zu erheben, sondern – es geschah vollkommen natürlich von ihm. Ich glaube, es gab kein einziges Wesen, das auf ihn mit Autorität allein einen Eindruck hätte machen können. Auf alles pflegte er geradezu unglaublich ruhig zu sehen, als gäbe es überhaupt nichts in der Welt, das ihn in Erstaunen setzen könnte. Und obwohl er vollkommen begriff, daß die anderen Arrestanten mit Achtung auf ihn sahen, so tat er doch nie groß vor ihnen, während gerade Ruhmsucht und Eigendünkel fast allen Sträflingen ohne Ausnahme eigen sind. Er war auffallend klug und auf eine besondere Art aufrichtig, wenn auch durchaus nicht sehr gesprächig oder gar schwatzhaft. Auf meine Fragen antwortete er mir ohne weiteres, daß er nur seine Wiederherstellung abwarte, um sich so bald als möglich der zweiten Hälfte der Strafe unterziehen zu können, und daß er zuerst, vor dem Spießrutenlaufen, gefürchtet habe, er würde es vielleicht nicht überleben. „Jetzt aber,“ fuhr er fort, indem er mir zublinzelte, „ist die Sache überstanden. Ich erhalte noch die übrigen Hiebe und werde dann mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk abgeschickt werden, unterwegs aber werde ich entfliehen. Das werde ich unbedingt! Wenn nur der Rücken schneller heilte!“

Und in diesen ganzen fünf Tagen wartete er krampfhaft auf den Augenblick, wann er sich ausschreiben lassen könnte. Inzwischen aber war er mitunter sehr witzig und heiter. Ich versuchte mit ihm ein Gespräch über seine Abenteuer anzuknüpfen. Er wurde etwas ungehalten bei diesem Ausfragen, antwortete jedoch stets ganz offen. Als er aber erriet, daß ich zu seinem Gewissen vordringen wollte und nach irgend einer, wenn auch noch so geringen Reue forschte, da blickte er mich dermaßen verächtlich und hochmütig an, als wäre ich in seinen Augen plötzlich zu einem ganz kleinen dummen Knäblein geworden, mit dem man nicht wie mit großen Menschen reden konnte. Ja, in seinem Gesicht drückte sich sogar etwas in der Art wie Mitleid mit mir aus. Nach einem Augenblick aber brach er in das allergutmütigste Gelächter über mich aus, ein Gelächter ohne jegliche Ironie, und ich bin überzeugt, daß er, als er allein zurückgeblieben war und vielleicht meiner Worte gedachte, noch mehrere Male über mich gelacht hat. Endlich ließ er sich mit seinem noch nicht ganz geheilten Rücken ausschreiben; auch ich wurde entlassen, und so kam es, daß wir zusammen aus dem Lazarett zurückkehrten, – ich in den Ostrogg, er nach der Wache neben demselben, wo er auch früher in Haft gewesen war. Beim Abschied drückte er mir die Hand, und das war seinerseits ein Zeichen großen Zutrauens. – Ich glaube, er tat es nur deshalb, weil er in dem Augenblick mit sich selbst sehr zufrieden war. Im Grunde aber konnte er mich wohl unmöglich nicht verachten, und zweifellos mußte er auf mich wie auf ein sich unterwerfendes, schwaches, armseliges und ein in jeder Beziehung im Vergleich zu ihm niedrigeres Wesen herabsehen. Am nächsten Tage wurde er zum abermaligen Spießrutenlaufen herausgeführt ...

Nachdem der Unteroffizier die Kaserne verschlossen hatte, veränderte sich im Augenblick ihr Aussehen: sie erinnerte mit einemmal an ein Heim. Jetzt erst konnte ich die Arrestanten, meine Kameraden, gleichsam in ihrem Hause sehen. Tagsüber konnte der Unteroffizier, konnten die Wachen oder der Major und die Offiziere jeden Augenblick im Ostrogg erscheinen, und darum halten sich dann alle ganz anders, als wären sie nicht ganz ruhig, als erwarteten sie in begreiflicher Erregung jeden Augenblick irgend etwas Unvorhergesehenes. Kaum aber war die Tür zugeschlossen, da machte es sich ein jeder auf seiner Pritsche bequem und fast alle hatten dann eine eigene Arbeit. Die Kaserne wurde plötzlich hell. Jeder besaß sein Licht und seinen Leuchter, der gewöhnlich aus Holz ist. Der eine näht an einem Stiefel, der andere an einem Kleidungsstück. Die verpestete Luft der Kaserne wurde mit jeder Stunde unerträglicher. Eine kleine Gruppe Faulenzer hockte sich in einer Ecke hin, rund um einen kleinen, auf dem Fußboden ausgebreiteten Teppich, und begann Karten zu spielen. Fast in jeder Kaserne gab es einen Arrestanten, der einen etwa metergroßen alten Teppich, ein Licht und ein bis zur Unkenntlichkeit schmutziges, fettiges Spiel Karten bei sich hielt. Alles zusammen wurde „die Spielhölle“ genannt. Der Besitzer erhielt von den Spielern fünfzehn Kopeken für eine Nacht – das war sein Erwerb. Gespielt wurde gewöhnlich Dreiblatt oder Gorka, jedenfalls aber nur Hazardspiele. Jeder Spieler schüttete einen ganzen Haufen Kupfermünzen vor sich aus – sein ganzes Kapital, – und erhob sich nicht eher, als bis er entweder alles verspielt oder den anderen das Letzte abgerupft hatte. Das Spiel zog sich bis in die Nacht hinein oder dauerte bis zum nächsten Morgen, nicht selten bis zu dem Augenblick, wenn die Kaserne wieder aufgeschlossen wurde.

In unserer wie in jeder anderen Kaserne gab es beständig Bettelarme, die entweder alles verspielt und vertrunken hatten, oder die einfach von Natur Bettler waren. Ich sage „von Natur“ und betone besonders dieses Wort. In der Tat gibt es überall in unserem Volke, gleichviel in welcher Umgebung, unter welchen Verhältnissen, gewisse sonderbare Menschen, die gewöhnlich äußerst friedlich und nicht selten durchaus nicht faul sind, denen es aber vom Schicksal vorher bestimmt zu sein scheint, ewig Bettler zu bleiben. Sie sind immer „obdachlos“, sie sind immer schmutzig, sie sehen immer verschüchtert und etwas blöde aus, durch irgend etwas niedergedrückt, und ewig sind sie bei irgend jemand Laufbursche, gewöhnlich bei den Prassern und Faulenzern oder auch bei einem plötzlich Reichgewordenen und Emporgestiegenen. Jede Beachtung oder gar Ehrenbezeugung, jede Initiative – ist für sie Leid und Plage. Sie sind gleichsam mit der Bedingung geboren, daß sie selbst nichts anfangen dürfen, sondern nur gehorchen, nur dienen, nicht nach eigenem Willen leben, sondern nach fremder Pfeife tanzen, – kurz, ihre Bestimmung ist: nur für andere zu leben. Und zur Vollendung des Ganzen kommt noch hinzu, daß keine einzige Schicksalsveränderung sie reich machen kann. Sie sind und bleiben immer Bettler. Ich habe aber bemerkt, daß es solche Menschen nicht nur im einfachen Volk allein, sondern in allen Gesellschaftsschichten, Ständen, und überhaupt bei Menschen aller Richtungen gibt. So war es auch in jeder Kaserne, in jedem Ostrogg, und kaum erschien die Spielhölle, da erschien auch schon einer von diesen Leuten, um sich zu einem Dienst verwenden zu lassen. Und überhaupt konnte ohne einen solchen Menschen kein Spielchen gemacht werden. Er wurde gewöhnlich von den Spielern gemeinsam für die ganze Nacht gemietet und erhielt fünf Kopeken in Silber. Seine Hauptpflicht war, die ganze Nacht Wache zu stehen. Größtenteils fror er sechs bis sieben Stunden lang draußen im Flur bei einer Kälte von dreißig Grad Réaumur und lauschte auf jedes Geräusch, jeden Ton, jeden Schritt auf dem Hofe. Der Platzmajor oder die Wachhabenden kamen zuweilen noch sehr spät in den Ostrogg, traten leise ein und überraschten dann Spielende, Arbeitende und die überzähligen Lichte, die man schon vom Hofe aus bemerken konnte. Jedenfalls war es, wenn plötzlich das Türschloß kreischte, schon zu spät, die Lichte auszulöschen, die Karten zu verstecken und sich auf den Pritschen in Schlaf zu versenken. Da es aber in solchen Fällen dem gemieteten Wächter von Seiten der ganzen „Spielhölle“ sehr schlecht erging, so kamen sie auch nur sehr selten vor. Fünf Kopeken für das Aufpassen war natürlich eine lächerlich geringe Zahlung – selbst für einen Ostrogg; aber mich frappierte dort immer die Strenge und Unbarmherzigkeit derjenigen, die einen anderen für Geld zu etwas angestellt hatten. „Hast Geld genommen, so diene jetzt!“ Das war ein Argument, das keinen Widerspruch zuließ. Für die ausgezahlten Kopeken wurde vom anderen alles herausgeschlagen, was nur herauszuschlagen war, wenn möglich, auch noch so und so viel auf den Kauf, und dabei glaubte man noch, daß man dem anderen eine große Gnade erwies. Der betrunkene Prasser, der sein Geld nach allen Seiten ungezählt verschleuderte, nutzte seinen Mietling für weniges Geld bis aufs letzte aus und feilschte noch bei der Bezahlung. Diesen Charakterzug habe ich aber nicht nur im Ostrogg und nicht nur bei den Spielern daselbst wahrgenommen.

Ich sagte schon, daß fast die ganze Kaserne sich abends mit eigener Arbeit beschäftigte: außer den Spielern waren an jenem Abend nur noch fünf unbeschäftigt: das waren die einzigen, die sich sogleich hinlegten und einschliefen. Mein Platz auf der Pritsche war an der Tür. Auf der anderen Seite der Pritsche, Kopf an Kopf mit mir, war Akim Akimytschs Platz. Er arbeitete regelmäßig bis zehn oder elf Uhr nachts; er klebte aus buntem Papier eine chinesische Laterne, die man in der Stadt für recht gute Bezahlung bei ihm bestellt hatte. Solche Laternen verfertigte er meisterhaft, und er arbeitete ohne Unterlaß. War die Arbeit beendet, so räumte er sorgfältig alles auf, breitete seine kleine Matratze aus, betete zu Gott und legte sich artig auf sein Bett. Wohlanständigkeit und Ordnung trieb er, wie man sah, bis zur kleinlichsten Pedanterie. Ersichtlich hielt er sich für einen außerordentlich klugen Menschen, wie das ja schließlich alle stumpfen und beschränkten Leute tun. Schon von diesem ersten Tage an gefiel er mir nicht, obgleich ich – dessen entsinne ich mich noch – an diesem Tage viel über ihn nachdachte und mich am meisten darüber wunderte, daß ein solcher Mensch, anstatt im Leben Karriere zu machen, in den Ostrogg geraten war. Ich werde hier noch des öftern auf Akim Akimytsch zu sprechen kommen.

Doch jetzt will ich in aller Kürze die ganze Einwohnerschaft unserer Kaserne schildern. Viele Jahre mußte ich dort leben und alle diese Menschen waren in Zukunft meine Hausgenossen und Kameraden. So wird man wohl auch die gespannte Neugier begreifen, mit der ich jeden einzelnen von ihnen anblickte und beobachtete.