Part 23
Inzwischen war es dunkel geworden und man zündete die Nachtlampen an. Einige Kranken besaßen auch ihre eigenen Lichte und Leuchter, doch waren es nur sehr wenige. Endlich, nach dem Abendbesuch des Arztes, kam der Unteroffizier und zählte die Kranken, worauf ein Nachtzuber hereingebracht und unsere Arrestantenabteilung zugeschlossen wurde. Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß dieser Zuber die ganze Nacht im Zimmer bleiben sollte, während der dazu bestimmte Ort nur zwei Schritt von der Tür direkt am Korridor lag. Aber es war nun einmal so eingeführt. Am Tage durfte der Sträfling zu diesem Zweck das Zimmer verlassen, aber nur auf eine Minute; in der Nacht jedoch wurde es ihm unter keinen Umständen gestattet. Für die Arrestantenabteilung gab es eben eine besondere Vorschrift und ein Kranker aus dieser Abteilung mußte selbst in der Krankheit seine Strafe tragen. Von wem diese Anordnung zum erstenmal getroffen worden war – das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß sie sinnlos war und daß in keiner einzigen anderen die ganze Nutzlosigkeit jeglichen Formalismus greifbarer hervortrat, als gerade in dieser Vorschrift. Selbstverständlich rührte sie nicht von den Ärzten her. Ich sage nochmals, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben konnten, sie ihre Väter nannten und die größte Hochachtung für sie empfanden. Ein jeder sah sich freundlich von ihnen behandelt, hörte ein gutes Wort, was der Sträfling, der von allen verstoßen war, um so mehr zu schätzen wußte, als er die Unverfälschtheit, die von Herzen kommende Aufrichtigkeit dieses guten Wortes und dieser Freundlichkeit erkannte. Sie hätte ja schließlich nicht zu sein brauchen, es war den Ärzten durchaus nicht vorgeschrieben, freundlich zu sein und niemand kümmerte sich darum, ob sie gut oder schlecht mit den kranken Sträflingen umgingen; folglich waren sie nur aus wahrer Menschenliebe gut. Natürlich wußten die Ärzte, daß jeder Kranke, gleichviel wer er ist, Sträfling oder Potentat, der Sonne und Herzlichkeit bedarf. Die Kranken aus den anderen Sälen, namentlich die Rekonvaleszenten, durften frei auf den Korridoren umhergehen, sich mehr Bewegung machen, frischere Luft atmen, da die Luft in den Krankenräumen abgeschlossen und von den verschiedensten ungesunden Ausdünstungen erfüllt war. Es ist mir selbst jetzt noch furchtbar und ekelhaft, auch nur daran zu denken, in welchem Maße diese ohnehin schon schlechte Luft in unserem Krankenraum verpestet wurde, wenn dieser Zuber die ganze Nacht bei der warmen Temperatur im Zimmer stand – und noch dazu bei gewissen Krankheiten, bei denen ein Beiseitetreten unvermeidlich ist. Wenn ich vorhin sagte, daß der Arrestant auch während der Krankheit seine Strafe trug, so habe ich damit natürlich nicht gemeint, und ich will es auch durchaus nicht so hinstellen, als hätte man diese Anordnung einzig zur Strafe erdacht. Das wäre meinerseits eine überaus sinnlose Verleumdung. Kranke braucht man nicht mehr zu bestrafen, und daher ist es wohl anzunehmen, daß eine unerbittliche Notwendigkeit die Vorgesetzten einmal gezwungen hatte, diese Maßregel zu ergreifen, die in ihren Folgen so überaus verderblich war. Aber welch eine Notwendigkeit mochte es gewesen sein? Das ist nun das Ärgerliche, daß man die Notwendigkeit dieser, und außer ihr noch einer Menge anderer Maßregeln auf keine Weise erklären kann, ja sie sind sogar dermaßen unverständlich, daß man – von Erklärungen schon ganz zu schweigen – nicht einmal eine Veranlassung erraten, sich überhaupt nichts denken kann. Wie soll man eine so zwecklose, unnötige Grausamkeit erklären? Etwa damit, daß der Arrestant ins Lazarett kommen, sich absichtlich krank stellen, die Ärzte betrügen, in der Nacht – glauben Sie das? – an den gewissen Ort gehen und, unter dem Schutz der Dunkelheit, entfliehen könnte? Ich glaube, man kann kaum verlangen, daß man die ganze Ungereimtheit dieser Annahme im Ernst nachweist. Wohin soll er denn entfliehen? Wie entfliehen? Wohin entfliehen? Am Tage werden sie nur einzeln herausgelassen, dieselbe Vorschrift könnte auch für die Nacht gelten. Vor der Tür steht eine Schildwache mit geladenem Gewehr. Der Abort ist von der Schildwache buchstäblich nur zwei Schritte entfernt und außerdem wird der Kranke noch von der Nebenwache hingeführt und während der ganzen Zeit nicht aus dem Auge gelassen. Daselbst ist nur ein einziges kleines Fenster, Sommer und Winter mit Doppelfenstern und mit einem eisernen Gitter versehen. Draußen unter dem Fenster des Aborts und der ganzen Fensterreihe der Arrestantenabteilung des Lazaretts geht wieder eine Schildwache die ganze Nacht auf und ab. Um durch dieses Fenster zu entfliehen, muß man beide Glasscheiben zerschlagen und das eiserne Gitter entfernen. Welche Wache wird so etwas ruhig geschehen lassen? Oder nehmen wir an, er erschlägt vorher die Nebenwache, und zwar so, daß der Soldat keinen Laut mehr von sich geben kann und niemand etwas merkt. Aber selbst wenn wir diese Unmöglichkeit als möglich zulassen, so muß er doch immer noch die Fensterrahmen und das Gitter herausbrechen. Und nicht zu vergessen, daß dicht neben der Schildwache die Krankenwärter schlafen und kaum zehn Schritt weiter steht vor der Tür des anderen Arrestantensaales eine zweite Schildwache mit geladenem Gewehr und bei ihm wiederum ein Soldat als Nebenwache, und etwas weiter schlafen wiederum Krankenwärter. Und wohin kann man im Winter nur in Strümpfen und Pantoffeln, im Schlafrock und in der Nachtmütze entfliehen? Wenn aber so wenig Gefahr einer Flucht vorhanden ist – d. h. genau genommen überhaupt keine –, wozu dann eine so unnütze Qual der Kranken vielleicht in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens, der Kranken, die der frischen Luft noch mehr bedürfen als Gesunde? Wozu, wozu? Das habe ich nie begreifen können.
Doch da ich nun einmal diese Frage gestellt habe und auf die unnützen Qualen zu sprechen gekommen bin, so kann ich nicht umhin, noch auf etwas anderes hinzuweisen, das gleichfalls jahrelang als Problem vor mir gestanden hat. Ich kann es nicht unterlassen, auch dieses zur Sprache zu bringen, bevor ich in meiner Erzählung fortfahre. Ich meine die Fesseln, von denen keine noch so schwere Krankheit den Arrestanten erlöst.
Ich habe Schwindsüchtige gesehen, die vor meinen Augen in den Ketten starben und sich die ganze letzte Zeit vor dem Tode in ihnen quälen mußten. Man schien sich aber dermaßen daran gewöhnt zu haben, daß alle es als etwas Unabänderliches ansahen. Es ist sogar kaum anzunehmen, daß jemand darüber auch nur nachgedacht hat, da selbst die Ärzte nicht ein einziges Mal darauf gekommen waren, die vorgesetzte Behörde um die Erlaubnis zur Abschmiedung eines Kranken, sagen wir eines Schwindsüchtigen, zu bitten. Die Ketten sind ja an sich nicht weiß Gott wie schwer, sie wiegen ungefähr acht bis zwölf Pfund, und zehn Pfund zu tragen, macht einem gesunden Menschen nichts aus. Nun habe ich aber gehört, daß die Füße, wenn man lange Zeit Fesseln trägt, abzehren sollen. Ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist, aber es hat doch einige Wahrscheinlichkeit für sich. Jedes Gewicht, mag es auch noch so gering sein – in diesem Fall etwa zehn Pfund –, das für immer an den Fuß befestigt ist, vergrößert das Gewicht des Gliedes in unnatürlicher Weise und kann daher auf die Dauer sehr wohl einen schlechten Einfluß haben ... Doch nehmen wir an, daß es einem Gesunden nichts ausmacht, so handelt es sich doch hier um Kranke, und nicht etwa um vorübergehend Erkrankte, sondern um Schwindsüchtige, bei denen die Arme und Beine ohnehin schon so abgezehrt sind, daß ihnen jeder Strohhalm schwer wird. Wahrlich, hätte die Medizinalbehörde auch nur für die Schwindsüchtigen diese Erleichterung erwirkt, so wäre auch das schon eine große Wohltat gewesen. Man wird vielleicht einwenden, der Arrestant sei ein Verbrecher, ein Bösewicht, und habe Wohltaten nicht verdient. Aber sind wir denn wirklich befugt, die Strafe eines Menschen noch zu verschärfen, den Gottes Finger schon berührt hat? Und es ist ja auch schwer zu glauben, daß solches um der Strafe willen geschah. Der Schwindsüchtige darf ja auch nach dem Gesetz nicht körperlich bestraft werden. Folglich kann man hierin wieder nur eine geheimnisvolle Maßregel auf Grund der weisen, einzig seligmachenden Vorsicht sehen. Doch auf Grund welcher Befürchtungen diese Vorsicht notwendig sein soll – das ist und bleibt unverständlich. Wer wird denn, in der Tat, befürchten, daß ein Schwindsüchtiger entfliehen könnte? Welch ein Schwindsüchtiger wird denn die Dummheit begehen, wenn er bereits Todeskandidat ist, noch einen Fluchtversuch zu machen, er, der sich kaum schleppen kann, und noch dazu mit der Aussicht, sogleich erschossen zu werden oder draußen in Nacht und Nebel, bei Hunger und Kälte wie ein Hund zu verrecken, während er im Lazarett alles hat, was er noch braucht? Und daß einer Schwindsucht vortäuschen, die Ärzte betrügen könnte, um vom Lazarett aus zu entfliehen – ist ausgeschlossen. Schwindsucht ist keine Krankheit, die sich vortäuschen läßt, dem Schwindsüchtigen sieht man seine Krankheit schon auf den ersten Blick an. Und dann noch eines: werden denn dem Menschen wirklich nur zu dem einen Zweck die Fesseln angeschmiedet, damit er nicht entfliehen könne oder auch nur, um ihm die Flucht zu erschweren? Durchaus nicht. Die Fesseln sind nichts als Entehrung, physische wie sittliche Belastung, Schmach und Schande. Als das wenigstens wird dieses Kennzeichen des Sträflings allgemein aufgefaßt. Die Flucht aber können sie nie verhindern: selbst der dümmste, ungeschickteste Arrestant wird es verstehen, ohne besondere Mühe das Eisen zu durchfeilen oder die Niete mit einem Stein zu zerschlagen. Nein, die Fußfesseln sind entschieden kein Hindernis. Wenn dem aber nun einmal so ist, wenn sie dem verurteilten Zwangsarbeiter nur zur Strafe angeschmiedet werden, so frage ich nochmals: soll man denn wirklich auch einen Sterbenden noch bestrafen?
Während ich dieses schreibe, steht wieder deutlich das Bild eines Sterbenden vor mir, eines Schwindsüchtigen, jenes selben Michailoff, der mir fast gegenüberlag, nicht weit von Ustjänzeff, und der, soviel mir erinnerlich ist, am vierten Tage nach meiner Übersiedelung ins Lazarett starb. Vielleicht habe ich auch nur aus diesem Grunde soviel von den Schwindsüchtigen gesprochen, weil dieses Bild unwillkürlich alle Eindrücke und Gedanken in meiner Erinnerung wieder wachrief, die ich damals anläßlich seines Todes hatte. Den Michailoff selbst kannte ich nur wenig. Er war noch sehr jung, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, hoch gewachsen, schlank und von auffallend edlem Äußerem. Er lebte in der besonderen Abteilung und war bis zur Wunderlichkeit schweigsam, geradezu lautlos und gewissermaßen „ruhig traurig“, wie die Arrestanten sagten. Wie sie nach seinem Tode erzählten, sei er im Ostrogg förmlich „eingetrocknet“. Sie bewahrten ihn in gutem Angedenken. Ich erinnere mich noch, daß er wundervolle Augen hatte ... – ich weiß nicht, warum ich mich gerade dieser Augen so deutlich entsinne ...
Er starb um drei Uhr nachmittags, an einem kalten, klaren Tage. Ich weiß noch, durch die grünlichen, von Eisblumen glitzernden Fensterscheiben fiel das Wintersonnenlicht in schrägen, breiten Strahlenbündeln ins Zimmer. Ein ganzer Strom von Licht ergoß sich über den Unglücklichen. Er war bewußtlos, atmete schwer, und es dauerte mehrere Stunden, bis er endlich erlöst war. Schon am Morgen hatte man seinen Augen angesehen, daß er die anderen nicht mehr erkannte: sie traten an sein Bett und wollten ihm etwas Erleichterung schaffen, denn man sah es deutlich, wie sehr er sich quälte: er atmete schwer, tief, röchelnd; hoch hob sich seine Brust, als könne er nicht genug Luft einziehen. Er hatte bereits die Bettdecke von sich geworfen, die ganze Kleidung, und nun begann er, sein Hemd sich vom Leibe zu reißen: selbst dieses war ihm zu schwer. Man half ihm und zog ihm auch das Hemd aus. Es war entsetzlich, diesen langen, langen, nackten Körper zu sehen, mit den bis auf den Knochen abgezehrten Beinen und Armen, dem eingefallenen Leib und dem gehobenen Brustkorb mit den deutlich wie bei einem Skelett sich abzeichnenden Rippen. Auf seinem ganzen langen Körper lag nur ein kleines Holzkreuz und ein Amulett, und dann noch die Fesseln, durch deren Eisenring er jetzt den abgemagerten Fuß, wie es schien, hätte durchziehen können. Eine halbe Stunde vor seinem Tode verstummten alle oder sie sprachen fast nur flüsternd. Wer gehen mußte, trat leise, kaum hörbar auf. Es wurde nur wenig gesprochen, hin und wieder blickte man auf den Sterbenden, der immer lauter röchelte. Endlich tastete er mit unsicherer, irrender Hand nach seinem Kreuz, das er am Halse trug, und begann es gleichfalls fortzuzerren, als wäre ihm auch dieses zu schwer geworden, als hätte es ihn bedrückt, beunruhigt. Da nahm man ihm auch das Kreuz ab. Nach zehn Minuten verschied er. Man klopfte an die Tür und meldete es der Schildwache. Der Krankenwärter trat ein, sah mit stumpfen Blicken auf den Toten und begab sich zum Feldscher. Dieser erschien ziemlich bald; es war ein junger guter Mensch, der sich nur etwas mehr als nötig mit seinem Äußeren beschäftigte, einem Äußeren, das übrigens ganz glücklich war. Mit schnellen, lauten Schritten ging er durch den stillgewordenen Raum zum Toten, erfaßte mit ganz besonders freundlicher Miene, die er sich gleichsam speziell für diesen Fall ausgedacht hatte, das Handgelenk, um den Puls zu fühlen, befühlte ihn auch noch hier und da, winkte mit der Hand und ging wieder hinaus. Hierauf wurde die Wache benachrichtigt: es war ein schwerer Verbrecher aus der besonderen Abteilung gewesen, folglich mußte auch sein Tod mit besonderen Zeremonien vermerkt werden. Während nun die Wache erwartet wurde, äußerte einer der Sträflinge mit leiser Stimme den Gedanken, daß es wohl gut wäre, dem Toten die Augen zuzudrücken. Ein anderer hörte ihm aufmerksam zu, trat dann zum Leichnam und drückte ihm die Augen zu. Bei der Gelegenheit bemerkte er auch das kleine Holzkreuz auf dem Kissen, nahm es, besah es und legte es dem Toten wieder um den Hals; als es geschehen war, bekreuzte er sich.
Inzwischen erstarrte das Gesicht des Entschlafenen; ein Sonnenstrahl spielte auf ihm. Der Mund war halbgeöffnet: zwei Reihen weißer, junger Zähne glänzten unter den dünnen, am Zahnfleisch klebenden Lippen.
Endlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Seitengewehr und im Helm, ihm folgten zwei Wärter. Er näherte sich mit immer langsamer werdendem Schritt, mit verwundertem Blick auf die stummen, ernst und streng ihn ansehenden Sträflinge ringsum. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angekommen, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen: der völlig entblößte, bis auf Haut und Knochen abgemagerte Leichnam, an dem noch die eisernen Fesseln angeschmiedet waren, schien ihn zu erschrecken. Doch schon im nächsten Augenblick löste er die Schuppenkette seines Helmes, nahm den Helm ab, was durchaus nicht notwendig war, und bekreuzte sich langsam und mit tiefer Verneigung. Es war ein strenges Feldwebelgesicht mit einem schon grau untermischten Schnauzbart. Ich weiß noch, im selben Augenblick stand nicht weit von ihm Tschekunoff, ein gleichfalls schon ergrauter Mann. Die ganze Zeit hatte er schweigend und aufmerksam in das Gesicht des Unteroffiziers geblickt, ohne auch nur einmal den Blick abzuwenden, um mit einer ganz eigentümlichen Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Da trafen sich ihre Blicke und bei Tschekunoff erzitterte plötzlich aus einem unbekannten Grunde die Unterlippe: er verzog sie so eigentümlich, öffnete den Mund und sagte, halb ohne zu wollen und mit dem Kopf auf den Toten weisend, hastig und nicht laut zu ihm: „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ und ging fort.
Ich weiß noch, diese Worte durchbohrten mich wie ein Messerstich ... Warum nur hatte er sie gesagt und wie war er überhaupt darauf gekommen? Da schickte man sich an, den Leichnam hinauszutragen: man hob ihn mit dem ganzen Lager auf, das Stroh knisterte, und inmitten der allgemeinen Stille fielen plötzlich die Ketten mit lautem Geklirr zu Boden. Sie wurden aufgehoben ... Bald war die Leiche hinausgeschafft. Plötzlich begannen alle laut zu sprechen. Man hörte nur noch, wie der Unteroffizier im Korridor jemand nach dem Schmied schickte. Der Tote mußte ausgeschmiedet werden ... Doch ich bin vom Thema abgekommen ...
II.
Das Lazarett, Fortsetzung
Der Besuch der Ärzte fand täglich am Morgen statt. Ungefähr um elf Uhr erschienen sie alle zusammen, ihnen voran schritt der Oberarzt, und anderthalb Stunden vor ihnen kam unser Abteilungsarzt. Damals war es ein junger Mediziner, der seine Sache verstand, freundlich und sympathisch im Umgang und bei den Arrestanten sehr beliebt war, doch entdeckten sie auch an ihm einen Fehler: „Er ist doch schon gar zu gut,“ sagten sie. Er war allerdings ein sehr guter Mensch, wenig gesprächig, schien sogar verlegen zu sein, wenn er bei uns war, errötete beinahe, wenn man ihn um etwas bat, änderte die Rationen womöglich schon nach der ersten Bitte und war vielleicht sogar bereit, auch die Medizin nach dem Wunsch des Kranken zu bestimmen. Übrigens war er wirklich ein prächtiger Junge. Man wird mir zugeben, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des einfachen Volkes genießen – es ist Tatsache. Ich weiß, meine Worte werden zunächst paradox erscheinen, besonders wenn man das allgemeine Mißtrauen des russischen Volkes zu den Medizinern und den ausländischen Arzneien in Betracht zieht. Und es ist ja wahr, der einfache Mann, der sich mit einer Krankheit, und nicht selten einer schweren Krankheit, womöglich jahrelang plagt, wird sich eher von einem alten Kräuterweibe behandeln lassen, oder sich mit Hausmitteln – die durchaus nicht zu verachten sind – zu heilen versuchen, als daß er zum Arzt geht oder ins Hospital, um dort zu liegen. Doch gibt es hierfür einen Grund, der sogar sehr wichtig ist, jedoch nichts mit der Medizin zu tun hat: das ist, wie ich bereits angedeutet habe, das Mißtrauen des Volkes zu allem, was den Stempel des Administrativen, Formellen trägt. Hinzu kommt, daß das Volk durch verschiedene grauenvolle Geschichten, die meist frei erfunden sind, mitunter aber zum Teil auch auf Wahrheit beruhen, ein großes Vorurteil gegen die Hospitäler gefaßt hat und die Ärzte fürchtet. Doch am meisten schrecken es die deutschen Einrichtungen, die fremden Menschen ringsum während der ganzen Krankheit, die strengen Vorschriften inbetreff des Essens, Erzählungen von Beispielen schonungsloser Roheit der Feldscher und auch Ärzte, vom Aufschneiden der Leichen und Ausnehmen des Eingeweides, und ähnliches mehr. Und dann denkt das Volk, da die Ärzte doch den oberen Gesellschaftsklassen angehören: wie sollen wir uns denn von den vornehmen Herren bedienen und kurieren lassen? Aber schon nach etwas näherer Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden – Ausnahmen natürlich zugegeben – alle diese Befürchtungen sehr schnell, was meiner Meinung nach unseren Ärzten, namentlich den jüngeren, nur zur Ehre gereicht. Die Mehrzahl von ihnen versteht es, sich die Achtung und sogar die Liebe des Volkes zu erwerben. Wenigstens behaupte ich es nach dem, was ich selbst oft genug und an verschiedenen Orten gesehen und erfahren habe. Und ebenso habe ich keine Veranlassung, vorauszusetzen, daß es an anderen Orten gar so oft anders sei. Gewiß gibt es in manchen Winkeln Ärzte, die ihr Hospital nur als Kapitalanlage betrachten und die Kranken wie die Medizin so gut wie gänzlich vergessen. Gewiß gibt es auch heute noch solche Ärzte; ich aber rede von der Mehrzahl oder richtiger, von der Richtung und dem Geist, der sich heute in der Medizin kundtut und entwickelt. Jene anderen, jene Verräter der Sache, sind Wölfe in der Schafherde, was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen werden, wie zum Beispiel die Ausrede von dem „Milieu“, das sie verschlungen habe, – sie werden doch immer im Unrecht bleiben, besonders wenn sie inzwischen auch die Nächstenliebe verloren haben. Nächstenliebe, Freundlichkeit, brüderliches Mitleid mit dem Leidenden ist für diesen oft viel notwendiger, als alle Arzneien. Es wäre wirklich Zeit, endlich aufzuhören, die Schuld apathisch auf das „Milieu“ abzuwälzen, mit der Begründung, daß es uns erstickt habe. Es ist allerdings wahr, daß es vieles erstickt, alles aber kann es uns doch niemals nehmen. Und wie oft hat ein geriebener und sachverständiger Schurke nicht nur seine Schwächen, sondern selbst seine größten Gemeinheiten mit dem Einfluß des „Milieu“ äußerst gewandt zu verdecken oder sogar zu rechtfertigen gewußt, besonders wenn er schön zu reden und schön zu schreiben verstand. ... Übrigens bin ich wieder vom Thema abgewichen.
Ich wollte nur sagen, daß das einfache Volk sich mehr zur medizinischen Administration mißtrauisch verhält, als zu den Ärzten selbst. Hat es sie einmal näher kennen gelernt und gesehen, wie sie in Wirklichkeit sind, so verliert es schnell viele seiner Vorurteile. Die übliche Einrichtung unserer Heilanstalten entspricht bis jetzt noch in vielen Dingen nicht dem Volksgeist, steht mit ihren Vorschriften den Angewohnheiten des einfachen Menschen feindlich gegenüber und kann daher auch nicht sein volles Vertrauen und seine volle Achtung erwerben. Wenigstens will es mir so scheinen, nach dem, was ich selbst gesehen habe und nach den verschiedenen empfangenen Eindrücken.