Part 22
Wie ich schon bemerkt habe, lagen hier unter den Kranken auch Sträflinge aus unserem Ostrogg. Einige von ihnen kannten mich bereits oder hatten mich wenigstens gesehen. Die Mehrzahl aber bestand aus Gefangenen, denen eine Strafe bevorstand, und aus Soldaten der Strafkompagnie. Schwerkranke oder solche, die das Bett nicht verlassen konnten, gab es nicht viel. Die anderen, nur leicht Erkrankten und die Rekonvaleszenten saßen entweder auf ihren Bettstellen oder sie gingen im Zimmer auf und ab, in dem schmalen Gang zwischen den Bettreihen, der aber noch breit genug zum Durchgehen war. Es war eine drückende, schwüle Krankenzimmerluft im Raum, geschwängert von allen nur möglichen unangenehmen Ausdünstungen der Kranken und den verschiedenen Arzneien, zumal der Ofen in der einen Ecke den ganzen Tag geheizt wurde. Auf meinem Lager war ein gestreifter Überzug, den ich abnahm. Unter dem Überzug war eine Bettdecke von Tuch mit Leinwand gefüttert und Bettwäsche von grober Leinwand und sehr zweifelhafter Sauberkeit. Neben jedem Lager stand ein kleiner Tisch, auf dem sich ein Krug und eine zinnerne Tasse befanden, die beide mit einem ziemlich kleinen Handtuch, das man auch mir ausgehändigt hatte, der Sauberkeit halber überdeckt werden mußten. Unten hatte der Tisch noch ein Brett, auf das die Teetrinker ihre Teekessel, andere wieder Holzkannen mit Kwas und noch verschiedenes Gerät stellten; doch gab es unter den Kranken nur sehr wenige, die Tee tranken. Die Pfeifen und Tabaksbeutel dagegen, die fast ein jeder bei sich hatte, selbst die Schwindsüchtigen nicht ausgenommen, wurden unter den Matratzen versteckt. Die Ärzte und die Krankenwärter durchsuchten dieselben nie nach verbotenen Sachen, und überraschten sie einmal einen mit der Pfeife, so taten sie, als bemerkten sie nichts. Aber auch die Kranken waren immer sehr vorsichtig mit dem Rauchen und gingen dann immer zum Ofen. Höchstens in der Nacht wurde auf den Betten liegend geraucht, aber nachts kam niemand in die Krankenstuben, außer dem wachhabenden Offizier der Hospitalwache, der jedoch nur einmal die Runde machte.
Ich hatte bis dahin noch nie in einem Hospital gelegen und so war mir die ganze Umgebung, die Einrichtung, die Disziplin neu. Auch fiel mir auf, daß ich die Neugier der anderen erregte. Man hatte von mir schon gehört und betrachtete mich sehr ungeniert, sogar mit einer gewissen Überlegenheit, wie in der Schule ein Neueingetretener oder im Sitzungssaal ein Bittsteller betrachtet wird.
Rechts von mir lag ein Schreiber, der uneheliche Sohn eines verabschiedeten Hauptmanns. Er war Falschmünzer gewesen und lag schon ein Jahr lang im Lazarett, ohne, wie ich glaube, überhaupt krank zu sein, doch hatte er den Ärzten versichert, er leide an den Nerven und damit das Gewünschte erreicht: die Zwangsarbeit und die körperliche Züchtigung blieben ihm erspart und nach Verlauf eines weiteren Jahres wurde er nach T–k geschickt, um dort in einem Hospital als Aufwärter untergebracht zu werden. Er war ein vierschrötiger, kräftiger Bursche von achtundzwanzig Jahren, ein großer Spitzbube und Rechtsverdreher vor dem Herrn, nichts weniger als dumm, sehr unterhaltsam und selbstbewußt, und krankhaft selbstgefällig. Er hatte sich allen Ernstes versichert, daß er der ehrlichste und wahrheitsliebendste Mensch der Welt und vollständig unschuldig sei, und in diesem Glauben verblieb er bis an sein Ende in unerschütterlicher Überzeugung. Er war der erste, der ein Gespräch mit mir anknüpfte, mich neugierig auszuforschen suchte und mich ziemlich ausführlich über die äußeren Ordnungsregeln des Hospitals aufklärte. Selbstverständlich hatte er mir schon vorher mitgeteilt, daß er der Sohn eines Hauptmanns sei. Er wollte ungeheuer gern zu den Adligen gezählt werden oder doch wenigstens zu den „Besseren“. Nachdem er verstummt war, kam einer aus der Strafkompagnie zu mir, setzte sich hin und begann zu erzählen, daß er viele von den früher verschickten Adligen gekannt habe, und er nannte sie alle mit dem Taufnamen. Er war ein bereits ergrauter Soldat, auf dessen Gesicht es förmlich geschrieben stand, daß er alles log. Er hieß Tschekunoff. Offenbar wollte er sich bei mir einschmeicheln, da er wahrscheinlich Geld bei mir vermutete. Als er darauf in der Tat bemerkte, daß ich ein Päckchen Tee und Zucker bei mir hatte, bot er mir sofort seine Dienste an: einen Teekessel zu verschaffen und den Tee aufzusetzen. Nun hatte mir aber schon M–tzkij versprochen, am nächsten Tage durch die Arrestanten, die auf den Lazaretthof arbeiteten, aus dem Ostrogg einen Teekessel zu schicken. Doch ungeachtet meiner Einwendung, besorgte Tschekunoff in kürzester Zeit alles, was nötig war. Er brachte ein gußeisernes Gefäß, sogar eine Tasse, ließ das Wasser aufkochen und goß es über die Teeblätter, – kurz, er bediente mich mit ungewöhnlichem Eifer, was ihm sogleich von einem anderen Kranken einige beißend spöttische Bemerkungen eintrug. Dieser Kranke war ein Schwindsüchtiger, der mir gegenüber an der anderen Wand lag, Ustjänzeff mit Namen, ein Soldat – er war derselbe, der in der Angst vor der bevorstehenden Körperstrafe einen Liter Branntwein mit Tabak ausgetrunken und sich durch diesen Trank sein Lungenleiden zugezogen haben sollte. Bis jetzt hatte er schweigend und schweratmend dagelegen, mich unverwandt und mit ernstem Blick beobachtet und unwillig jede Bewegung Tschekunoffs verfolgt. Sein ungeheurer, galliger Ernst verlieh seinem Unwillen etwas überaus Komisches. Endlich hielt er es nicht mehr aus:
„Sieh doch einer diesen Knecht! Da hat er jetzt glücklich einen Herrn gefunden!“ sagte er langsam mit Zwischenpausen und mit einer Stimme, die vor Erregung atemlos zu sein schien. Seine Tage waren bereits gezählt.
Tschekunoff wandte sich unwillig zu ihm.
„Wer ist hier ein Knecht?“ fragte er mit verächtlichem Blick auf ihn.
„Du natürlich!“ antwortete dieser in so überzeugtem Ton, als hätte er das volle Recht gehabt, Tschekunoff zu schimpfen, ja als wäre er einzig zu diesem Zweck angestellt.
„Ich ein Knecht?“
„Gerade du. Hört doch, Kinder, er glaubt’s nicht einmal! Wundert sich noch!“
„Was geht das dich an! Siehst doch, daß er allein ist und sich nicht selbst bedienen kann – und daß er nicht gewohnt ist, ohne Diener zu sein, das weiß man doch! Weshalb soll ich ihm da nicht gefällig sein, du borstige Schnauze!“
„Wer ist eine borstige Schnauze?“
„Du, natürlich!“
„Ich soll eine borstige Schnauze sein?“
„Selbstverständlich du.“
„Und du bist wohl eine Schönheit? Hast selber ein Gesicht wie ein Krähenei ... wenn ich eine borstige Schnauze sein soll.“
„Sei getrost, die bist du! Da hatte ihn doch Gott schon halbtot gemacht. Aber nein, da muß er wieder schwatzen! Was machst du dich denn so breit?“
„Breit! Nein, ich, wißt ihr, verbeuge mich lieber vor einem Stiefel als vor einem Bastschuh. Mein Vater hat es auch nicht getan und auch mir befohlen ... ich ... ich ...“
Er wollte noch mehr sagen, begann aber entsetzlich zu husten. Der Hustenanfall dauerte mehrere Minuten lang an. Er spie sogar Blut. Bald trat auch kalter, quälender Schweiß auf seiner schmalen Stirn hervor. Diese Hustenanfälle verhinderten ihn zu sprechen, sonst würde er ununterbrochen gesprochen haben; man sah es deutlich seinen Augen an, daß er noch gern den anderen geschimpft hätte, aber in der Kraftlosigkeit konnte er nur noch mit der Hand einmal abwinken – doch Tschekunoff hatte ihn fast schon vergessen.
Mein Gefühl sagte mir, daß die Wut des Schwindsüchtigen eher auf mich gerichtet war, als auf Tschekunoff, denn wegen seines Wunsches, mir gefällig zu sein, um eine Kopeke zu verdienen, hätte sich niemand über ihn geärgert oder ihn mit Verachtung behandelt. Und zudem sah doch ein jeder, daß er es nur um des Geldes willen tat. In dieser Hinsicht ist das einfache Volk durchaus nicht so pedantisch und versteht es sehr fein, die Sache vom gesunden Standpunkt aufzufassen. Was Ustjänzeff mißfiel, das war ich, ich und mein Tee, und daß ich selbst in Fesseln als Herr auftrat, der nicht ohne Bedienung auskommen kann, obgleich ich gar nicht um Bedienung gebeten oder überhaupt welche auch nur gewünscht hatte. In der Tat, ich wollte immer alles selbst machen und besonders bemühte ich mich, mir niemals den Anschein zu geben, daß ich ein verzärtelter, anspruchsvoller „Herrensohn“ sei. Darin bestand teilweise sogar mein ganzer Ehrgeiz, was ich ruhig gestehen will, da hier einmal die Rede davon ist. Dennoch konnte ich niemals – ich weiß wirklich nicht, wie das kam – die verschiedenen Dienstgefälligen und Diener, die sich mir ungebeten aufdrängten, ablehnen, und so wurde ich zuguterletzt immer von ihnen beherrscht, anstatt daß ich sie beherrschte – so daß in Wirklichkeit sie meine Herren und ich ihr Diener war. Äußerlich aber hatte es den Anschein, als könne ich nicht ohne Bedienung auskommen, und wolle auch hier, in Ketten, den Herrn spielen. Das war mir natürlich sehr unangenehm. Ustjänzeff aber war ein schwindsüchtiger, reizbarer Mensch, die übrigen Kranken wahrten dabei durchaus den Anschein des Gleichmuts, dem sogar gewisses Gepräge von Hochmut nicht fehlte. Ich entsinne mich noch, daß sie damals alle ein besonderer Umstand beschäftigte: wie ich aus ihren Gesprächen erfuhr, sollte man noch am selben Abend einen bringen, den man gerade jetzt mit Spießruten bestrafte. Die Kranken erwarteten den Betreffenden nicht ohne eine gewisse Neugier. Übrigens sagten sie, daß die Strafe eine geringe sei: im ganzen nur fünfhundert Hiebe.
Inzwischen hielt ich ein wenig Umschau. Soviel ich erkennen konnte, waren die meisten Skorbut- und Augenkranke, – das waren die beiden vorherrschenden Krankheiten in jener Gegend. Von den anderen wirklich Kranken lagen fast alle an Influenza, Fieber, Brustleiden darnieder. Hier in unserer Abteilung war es nicht so wie in den anderen Krankenräumen, hier waren alle Krankheiten in einem Zimmer zusammen, sogar die venerischen. Ich habe „von den _wirklich_ Kranken“ gesagt, da es unter den Kranken auch einige gab, die ohne krank zu sein gekommen waren – einfach um sich zu „erholen“. Die Ärzte ließen sie aus Mitleid gern zu, besonders wenn viele Betten leer standen. In der Strafkompagnie und im Ostrogg war die Verpflegung im Vergleich zum Lazarett so schlecht, daß viele mit Vergnügen kamen und hier lagen, trotz der abgeschlossenen Luft und der Unmöglichkeit, das Zimmer zu verlassen. Es gab sogar besondere Liebhaber des Liegens und überhaupt des Lazarettlebens, die meisten allerdings aus der Strafkompagnie.
Neugierig betrachtete ich meine neuen Kameraden und, ich weiß noch, das größte Interesse erregte in mir ein Schwindsüchtiger aus unserem Ostrogg, der bereits in den letzten Zügen lag, – im zweiten Bett neben Ustjänzeff, also mir fast gegenüber. Er hieß Michailoff und ich hatte ihn noch vor zwei Wochen im Ostrogg gesehen. Er war schon lange krank und hätte schon längst ins Lazarett gehen müssen, er aber bezwang sich mit einer geradezu eigensinnigen und doch völlig nutzlosen Energie, nahm jedenfalls alle seine Kräfte zusammen und ging erst zum Weihnachtsfest ins Lazarett, um dann nach drei Wochen an der Schwindsucht zu sterben. Mir fiel sein entsetzlich verändertes Gesicht auf, – ein Gesicht, das mir bei meinem Eintritt in den Ostrogg als eines der ersten aufgefallen war; ich weiß noch, es stach mir damals geradezu ins Auge. Neben ihm lag ein Soldat aus der Strafkompagnie, ein schon alter Mann, ein grauenvoller, ekelerregender Schmutzfink ... Aber ich kann ja schließlich nicht alle Kranken aufzählen ... Ich habe dieses Alten einzig aus dem Grunde Erwähnung getan, weil er damals einen nicht geringen Eindruck auf mich machte und mir in kürzester Zeit eine recht anschauliche Vorstellung von gewissen Eigenheiten des Arrestantenlazaretts gab. Dieser Alte hatte gerade den stärksten Schnupfen. Er nieste fortwährend, nieste eine ganze Woche hindurch, und sogar im Schlaf in förmlichen Salven fünf bis sechsmal nacheinander, wozu er jedesmal gewissenhaft sagte: „Gott, daß es auch solche Strafen gibt!“ Er saß auf seinem Bett und stopfte sich eifrig die ganze Nase mit Tabak voll, den er einer Papierdüte entnahm, um gründlicher und regelmäßiger niesen zu können. Er nieste in ein karriertes, baumwollenes Schnupftuch – das sein persönliches, schon hundertmal gewaschenes, gänzlich ausgeblichenes Eigentum war, – wobei sich seine kleine Nase eigentümlich kraus zog, in unzählige, feine Runzeln, und die Stummeln seiner schwarzgewordenen, alten Zähne mitsamt dem roten, schleimigen Zahnfleisch sichtbar wurden. Hatte er sich dann ausgeniest und ausgeschnaubt, so breitete er sofort das Tuch auseinander, besah aufmerksam die darin reichlich angesammelte Feuchtigkeit, die er dann an seinem braunen Lazarettschlafrock abwischte, so daß die ganze Feuchtigkeit am „Staatseigentum“ kleben blieb, sein eigenes Taschentuch aber nur feucht wurde. Dasselbe tat er ununterbrochen die ganze Woche, so lange wie sein Schnupfen währte. Dieses mehr als geizige Schonen des eigenen Schnupftuchs zum Nachteil des von der Regierung gelieferten Krankenschlafrocks rief in den übrigen Kranken nicht den geringsten Protest hervor, obgleich doch auch von ihnen jemand in der Folge diesen Rock erhalten konnte. Aber unser einfaches Volk ist eben sehr genügsam und bis zur Sonderbarkeit ekelfrei. Mich aber überlief ein Gruseln in jenem Augenblick, und unwillkürlich begann ich voll Angst, Abscheu und Neugier den soeben von mir angezogenen Schlafrock zu betrachten. Da erst wurde ich gewahr, daß er schon seit längerer Zeit durch seinen ziemlich starken Geruch meine Aufmerksamkeit reizte – ohne daß es mir jedoch zum Bewußtsein gekommen wäre. Er war auf mir inzwischen warm geworden und so roch er immer stärker nach Arzneien, Pflastern und, wie mir schien, einer gewissen Fäulnis, was ja schließlich ganz erklärlich erschien, da er sicherlich seit undenklichen Zeiten von den Schultern der Kranken nicht heruntergekommen war. Vielleicht war das leinwandartige Rückenfutter auch einmal gewaschen worden, genau aber ließ sich so etwas nicht feststellen. Jedenfalls war dieses Futter von allen nur denkbaren unangenehmen Säften durchtränkt, von dem Wasser, das Kompressen, spanischen Fliegen und anderen Umschlägen entfließt. Zudem kamen in diese Arrestantenabteilung des Militärlazaretts sehr oft Bestrafte, deren Rücken von Spießrutenstreichen und Stockschlägen wund waren. Sie wurden mit Kompressen behandelt und daher konnte auch der Schlafrock, der direkt auf das nasse Hemd kam, nicht trocken bleiben, und alle Feuchtigkeit, die er aufsog, trocknete allmählich in ihn hinein. So ist es wohl begreiflich, daß ich jedesmal, wenn ich in all diesen Jahren ins Lazarett kam – und ich kam ziemlich oft dorthin – mit ängstlichem Mißtrauen den Schlafrock in Empfang nahm. Doch am wenigsten gefielen mir die in diesen Schlafröcken sich mitunter vorfindenden Läuse von ganz besonderer Größe und Wohlgenährtheit. Die Arrestanten akzeptierten sie mit schadenfrohem Hochgenuß, und wenn unter dem harten, plumpen Nagel des Arrestantenfingers eines dieser gefangenen Tiere mit einem Knall sein Leben aufgab, so ließ sich sogar am Gesichtsausdruck des Henkers die ganze Größe der von ihm empfundenen Genugtuung ermessen. Ebenso wurden bei uns auch die Wanzen gehaßt, und es kam nicht selten vor, daß an einem langen, langweiligen Winterabend die ganze Mannschaft sich zu einem Vernichtungskampf gegen dieses Ungeziefer zusammentat. Mit einem Wort, äußerlich war im Zimmer alles – abgesehen von der schweren Luft – nach Möglichkeit sauber und gut – nur daß mit der Sauberkeit des Unterfutters, wie gesagt, leider kein Luxus getrieben wurde. Die Kranken hatten sich daran gewöhnt und glaubten wahrscheinlich, daß es gerade so sein müsse, und überdies waren auch keine besonderen Vorkehrungen zur Erhaltung der Sauberkeit getroffen. Doch davon später.
Kaum hatte mir Tschekunoff den Tee gebracht – zu dem er, nebenbei bemerkt, das Wasser aus dem Vorrat unserer Krankenstube genommen hatte, Wasser, das nur einmal in ganzen vierundzwanzig Stunden gebracht wurde und in der stickigen Luft bald verdarb, – als sich mit einem gewissen Geräusch die Tür öffnete und ein soeben mit Spießruten gezüchtigter Soldat unter verstärkter Eskorte hereingeführt wurde. Da sah ich zum erstenmal einen in dieser Weise Bestraften. Sie wurden im allgemeinen sehr oft gebracht oder hereingetragen, wenn es Schwerbestrafte waren, und die Ankunft eines solchen war für die Kranken stets eine große Zerstreuung. Nichtsdestoweniger wurden sie mit sehr strenger Miene und mit einem, ich möchte sagen, forzierten Ernst empfangen. Übrigens hing der Empfang bis zu einem gewissen Grade von der Größe des Vergehens und folglich auch von der Größe der Strafe ab. Ein schwer Bestrafter und seinem Ruf nach großer Verbrecher genoß auch größere Hochachtung und größere Aufmerksamkeit, als irgend so ein entflohener Soldat, wie zum Beispiel der, den man in jenem Augenblick hereinführte. Doch wurden weder in diesem noch in einem anderen Fall mitleidige Worte oder sonst welche diesbezügliche Bemerkungen geäußert. Schweigend halfen sie dem Armen und pflegten ihn, namentlich wenn er nicht ohne Hilfe auskommen konnte. Auch die Feldscher schienen schon zu wissen, daß sie den Gezüchtigten geübten und geschickten Händen übergaben.
Diese Hilfe bestand gewöhnlich in der ziemlich oft erforderlichen Erneuerung der Kompressen, einem Bettuch oder Hemde, das in kaltes Wasser getaucht, nur ein wenig ausgewrungen und auf den zerfleischten Rücken gelegt wurde, wenn der Bestrafte selbst nicht mehr imstande war, auf das Trockenwerden derselben zu achten, – und ferner im geschickten Herausziehen der Splitter aus dem Schorf der Wunden. Diese Splitter rührten von den Stöcken her, die auf dem Rücken des Betreffenden beim Schlage zerbrochen waren. Das Herausziehen derselben ist dem Kranken gewöhnlich sehr unangenehm, doch hat mich immer die ungewöhnliche Standhaftigkeit im Ertragen eines physischen Schmerzes, wie ich sie bei diesen Arrestanten sah, nicht wenig gewundert. Ich habe ihrer viele, sogar grausam Geschlagene gesehen, doch fast kein einziger von ihnen hat gestöhnt. Nur ihr Gesicht sieht dann ganz verändert aus, ist sehr bleich, die Augen brennen wie im Fieber, der Blick ist zerstreut, unruhig, die Lippen zittern, so daß der Arme sie unwillkürlich und nicht selten blutig beißt.
Der hereingeführte Soldat war ein Bursche von dreiundzwanzig Jahren, stark und muskulös gebaut, hoch und schön gewachsen, mit einem hübschen Gesicht und von gebräunter Hautfarbe. Sein Rücken war völlig wundgeschlagen und bis zum Gürtel entblößt. Um die Schultern hatte man ihm ein zusammengefaltetes nasses Bettuch gelegt, das bis zum Kreuz herabreichte und unter dem er an allen Gliedern wie im Fieber zitterte. Anderthalb Stunden ging er ununterbrochen im Zimmer umher. Ich sah ihm ins Gesicht: er schien im Augenblick nichts zu denken, er schaute nur wild und eigentümlich drein, mit unstetem Blick, dem es offenbar schwer fiel, auf einem Gegenstande aufmerksamer haften zu bleiben. Da schien es mir, daß er einmal starr auf meinen Tee geblickt hatte. Der Tee war heiß: der Dampf stieg noch aus der Tasse empor, und der arme Junge zitterte vor Kälte. Ich forderte ihn auf, zu trinken. Schweigend und kurz wandte er sich zu mir, nahm die Tasse, trank sie stehend und ohne Zucker aus, wobei er sich sehr beeilte, und sich augenscheinlich bemühte, mich nicht anzusehen. Nachdem er getrunken hatte, setzte er die Tasse schweigend wieder hin und ging, ohne zu danken oder auch nur mit dem Kopf zu nicken, wieder in den mittleren Gang zurück, um von neuem hin- und herzugehen. Es war ihm nicht um Dankbarkeit und Kopfnicken zu tun! Was aber das Verhalten der übrigen zu ihm anbetrifft, so fiel mir eines auf: sie vermieden sichtlich jedes Gespräch mit ihm. Ja, es wunderte mich sogar, daß sie nach den ersten Hilfeleistungen ihm geradezu absichtlich nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr schenkten. Vielleicht taten sie es in dem Wunsch, ihn möglichst in Ruhe zu lassen und ihm nicht mit Ausfragen und „Teilnahme“ lästig zu werden, womit er vollkommen zufrieden zu sein schien.