Sämtliche Werke 17

Part 23

Chapter 233,602 wordsPublic domain

So leichtsinnig und aufdringlich – bei Gott, er mußte hohes Fieber haben! – beeilte sich mein Freund Iwan Matwejewitsch, mich seine Ansichten wissen zu lassen, jenen charakterschwachen alten Frauenzimmern nicht unähnlich, von denen behauptet wird, daß sie kein Geheimnis bewahren können. Ich aber muß gestehen, daß mir alles, was er da von der inneren Beschaffenheit des Krokodils gesagt hatte, äußerst verdächtig erschien. Wie war es möglich, daß ein Krokodil keinen Magen, kein Herz, keine Lungen hatte? Ich könnte wetten, daß er alles das einzig aus Prahlerei frei erfunden hatte, zum Teil vielleicht auch nur, um mich zu kränken, zu erniedrigen. Freilich war er krank, und zu einem Kranken muß man gut sein, doch wenn ich anstatt gut offen sein will, so muß ich sagen, daß ich meinen Freund Iwan Matwejewitsch niemals habe ausstehen können. Mein ganzes Leben hindurch, von Kindheit an, habe ich mich von seiner Vormundschaft nicht befreien können. Tausendmal wollte ich ihm den Laufpaß geben, doch immer wieder zog es mich zu ihm, als hätte ich im geheimen immer noch gehofft, ihm irgend etwas beweisen oder irgend etwas heimzahlen zu können. Ein wunderliches Ding war diese Freundschaft! Ich kann ganz ehrlich sagen, daß meine Freundschaft zu neun Zehnteln aus Wut bestand.

Doch an jenem Abend verabschiedeten wir uns fast gefühlvoll.

„Ihr Freund ist ein sehr kluger Mensch!“ sagte mir halblaut der Deutsche, als er sich zu mir gesellte, um mich hinauszugeleiten. Er hatte die ganze Zeit aufmerksam unserem Gespräch zugehört.

„Apropos!“ unterbrach ich ihn, „damit ich es nicht vergesse: wieviel würden Sie für Ihr Krokodil verlangen, im Fall man es von Ihnen kaufen wollte?“

Iwan Matwejewitsch, der meine Frage gehört haben mußte, schien mit besonderer Spannung auf die Antwort zu warten. Offenbar wollte er nicht, daß der Deutsche wenig für dasselbe verlange; jedenfalls vernahmen wir nach meiner Frage ein eigentümliches Räuspern, das entfernt an ein Grunzen erinnerte.

Zuerst wollte der Deutsche überhaupt nichts davon hören, ja er wurde sogar ärgerlich.

„Niemand darf mein Eigentum ohne meine Einwilligung kaufen!“ schrie er, im Jähzorn rot wie ein gekochter Krebs. „Ich will mein Krokodil überhaupt nicht verkaufen! Geben Sie mir eine Million Taler – ich verkauf’ es nicht! Ich habe heute hundertunddreißig Taler vom Publikum eingenommen und morgen werde ich zehntausend Taler einnehmen und dann hunderttausend Taler Tag für Tag! Nein! Ich will es überhaupt nicht verkaufen!“

Iwan Matwejewitsch begann zu lachen vor Vergnügen.

Ich bezwang mich nach Möglichkeit und bat den übergeschnappten Deutschen scheinbar ganz kaltblütig, sich die Sache zu überlegen, zumal seine Berechnungen meiner Meinung nach nicht genügend mit der Wirklichkeit übereinstimmten, daß zum Beispiel wenn er hunderttausend täglich einnähme, in vier Tagen ganz Petersburg bei ihm gewesen sein müsse, und damit wäre dann die Einnahmequelle versiegt. Und außerdem stehe unser aller Leben und Tod in Gottes Hand, das Krokodil könne vielleicht doch noch irgendwie platzen oder Iwan Matwejewitsch erkranken und sogar sterben usw. usw.

Der Deutsche wurde nachdenklich.

„Ich werde ihm Tropfen aus der Apotheke geben,“ meinte er dann schließlich nach reiflicher Überlegung, „dann wird er nicht sterben.“

„Tropfen hin, Tropfen her,“ meinte ich, „aber haben Sie auch das in Erwägung gezogen, daß Sie es mit der Polizei und dem Gericht zu tun bekommen können? Die Gattin Iwan Matwejewitschs kann zum Beispiel ihren gesetzmäßig ihr angetrauten Gatten zurückverlangen. Sie haben nun die Absicht, reich zu werden, haben Sie aber auch die Absicht, seiner Frau eine Entschädigung, etwa eine Pension zu zahlen?“

„Nein, die habe ich nicht!“ antwortete streng und entschlossen der Deutsche.

„Nein, die haben wir nicht!“ bestätigte sogar mit merklicher Bosheit die Mutter.

„Nun denn – wäre es für Sie da nicht ratsamer, jetzt sogleich und mit einemmal eine zwar geringere, doch dafür sichere Summe zu empfangen, als sich der Ungewißheit anzuvertrauen? Übrigens erachte ich es als meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nur aus persönlicher Neugier frage.“

Der Deutsche nahm seine Mutter beiseite und begab sich mit ihr in den fernsten Winkel, wo ein Käfig mit dem größten und widerlichsten aller Affen stand, um sich dort flüsternd mit ihr zu beraten.

„Du wirst sehen!“ sagte Iwan Matwejewitsch in vielsagendem Tone zu mir.

Was mich betrifft, so muß ich sagen, daß ich ein unbändiges Verlangen verspürte, erstens den Deutschen gründlich zu verprügeln, zweitens, noch gründlicher seine Frau; und drittens – am gründlichsten und schmerzhaftesten meinen Freund Iwan Matwejewitsch selbst wegen seiner unverschämten Eigenliebe. Doch alles das war noch nichts im Vergleich zu der Antwort des habgierigen Deutschen.

Der verlangte, nachdem er sich genugsam mit seiner besseren Hälfte beraten, für sein Krokodil fünfzigtausend Rubel, zahlbar in Papieren der jüngsten inneren Anleihe, außerdem ein steinernes Haus an der Gorochowaja, und zwar eines mit einer dazugehörigen Apotheke, und außerdem noch den Rang eines russischen Obersten.

„Siehst du!“ triumphierte Iwan Matwejewitsch, „ich sagte es dir! Ausgenommen den letzten unbegründeten Wunsch, hat er vollkommen recht, denn wie du siehst, versteht er den Wert seines Eigentums richtig zu schätzen. Das ökonomische Prinzip geht allem voran!“

„Aber so sagen Sie doch,“ rief ich zornig dem Deutschen zu, „so sagen Sie mir doch, wozu Sie den Rang und Titel eines Obersten brauchen? Was für eine Heldentat haben Sie denn ausgeführt, wenn man fragen darf, welch einen Dienst Rußland erwiesen, welchen Ruhm sich auf dem Schlachtfelde erworben? Sind Sie nach alledem nicht einfach verrückt?“

„Ich – verrückt?“ rief der Deutsche mit gekränkter Würde aus. „Nein, nicht verrückt, sondern sehr vernünftig, Sie aber sind das Gegenteil! Ich habe den Rang eines Obersten verdient, weil ich ein Krokodil zeigen kann, in dem ein lebendiger Hofrat sitzt, ein Russe aber kann ein solches Krokodil, das mit einem lebendigen Hofrat gefüllt ist, der Welt nicht zeigen! Ich bin ein sehr kluger Mensch und deshalb will ich ein Oberst sein!“

„Leb wohl, Iwan Matwejewitsch!“ rief ich zornbebend meinem Freunde zu und eilte aus dem Ausstellungsraum.

Ich fühlte, daß meine Selbstbeherrschung nur noch an einem Haar hing. Die hirnverbrannten Hoffnungen dieser beiden Dummköpfe konnten einen aus der Haut bringen! Doch die kalte Abendluft erfrischte mich wohltuend und meine Empörung legte sich. Ich spie schließlich aus, rief energisch eine Droschke heran, fuhr nach Haus, kleidete mich aus und ging zu Bett. Am meisten ärgerte mich, daß ich gewissermaßen eingewilligt hatte, sein Sekretär zu sein. Jetzt konnte ich mich dort allabendlich langweilen und mich noch über das erhebende Gefühl, nur die Pflicht eines aufrichtigen Freundes zu erfüllen, freuen! Ich hätte mich selbst prügeln mögen vor Ärger über mich, und in der Tat: nachdem ich schon das Licht ausgelöscht und mich zugedeckt hatte, schlug ich mir mehrmals mit der Faust auf den Kopf und noch auf andere Teile meines Körpers. Dieses verschaffte mir bedeutende Erleichterung und endlich schlief ich ein, schlief sogar ziemlich fest, denn ich war sehr müde. Im Traum sah ich unendlich viele Affen, die alle wild umhersprangen, gegen Morgen aber träumte mir von Jelena Iwanowna ...

IV.

Die Affen hatten mich, wie ich zu erraten glaube, nur deshalb im Traum belästigt, weil ich sie tags zuvor im Käfig beim Krokodilbesitzer gesehen hatte; doch Jelena Iwanowna war ein besonderes Kapitel.

Ich will es nicht mehr verheimlichen: ich liebte diese Dame; doch ich beeile mich, einem Mißverständnis vorzubeugen: ich liebte sie wie ein Vater, nicht mehr und nicht weniger. Daß ich sie liebte – ersehe ich daraus, daß ich oft genug Lust verspürt habe, ihr Köpfchen zu küssen oder ihre zarten rosa Wangen. Und obschon ich das nie getan habe, so hätte ich doch – wenn man einmal alles beichten soll! – ganz sicherlich mich nicht geweigert, sie sogar fest auf die Lippen zu küssen. Denn ihre Lippen waren gar zu süß und verstanden es vorzüglich, die Zähnchen bloßzulegen, die dann, wie zwei Reihen ausgesuchter Perlen, zwischen dem Rot der Lippen schimmerten, wenn sie lachte. Und sie lachte sehr oft. Iwan Matwejewitsch nannte sie bisweilen liebkosend seine „liebe süße Absurdität“ – was man als eine durchaus gerechte und charakteristische Benennung bezeichnen muß. Sie war ein Bonbon und nichts weiter. Deshalb blieb es mir auch unerklärlich, weshalb nun dieser selbe Iwan Matwejewitsch in seiner Frau plötzlich eine russische Eugenie Tour zu sehen begann. Doch wie dem nun sein mochte, jedenfalls hinterließ mein Traum – abgesehen von den Affen – den angenehmsten Eindruck in mir, und so beschloß ich, während ich bei meinem Morgenkaffee die Erlebnisse des letzten Tages gedankenvoll an mir vorüberziehen ließ, auf dem Wege in die Kanzlei bei Jelena Iwanowna vorzusprechen, was ja übrigens in meiner Eigenschaft als Hausfreund auch meine Pflicht war.

In dem kleinen Zimmer vor dem ehelichen Schlafgemach, das von ihnen „der kleine Salon“ genannt wurde, obwohl auch der große Salon nur ein kleines Zimmer war, saß auf einer kleinen Chaiselongue vor einem kleinen Teetischchen in einem duftig-luftigen Negligee Jelena Iwanowna und trank aus einem kleinen Täßchen, in das sie ein kleines Biskuitplätzchen bröckelte, ihren Morgenkaffee. Sie war verführerisch anzusehen, doch schien sie mir etwas nachdenklich gestimmt zu sein.

„Ach, Sie sind es, Sie Ungezogener!“ empfing sie mich mit zerstreutem Lächeln. „Setzen Sie sich, trinken Sie ein Täßchen. Nun, wo waren Sie gestern? Wie haben Sie den Abend verbracht? Waren Sie auf dem Maskenball?“

„Waren _Sie_ denn gestern auf dem Maskenball? ... Ich ... ich pflege keine Bälle zu besuchen ... zudem habe ich den Abend bei unserem Gefangenen verbracht ...“

Ich seufzte und empfing mit betrübter Miene das Täßchen.

„Wo? ... Bei wem? Bei welch einem Gefangenen? ... Ach, so! ... Ja, der Arme! ... Nun, was tut er – langweilt er sich? Aber wissen Sie ... ich wollte Sie etwas fragen ... Sagen Sie, ich kann doch jetzt eine Scheidung verlangen?“

„Scheidung?!“ Mir wäre die Tasse fast aus der Hand gefallen. „Dahinter steckt der Brünette!“ dachte ich empört bei mir.

Es gab nämlich einen gewissen Brünetten mit einem dunklen Schnurrbärtchen, einen Beamten der Bauabteilung, der sie in letzter Zeit auffallend oft besucht hatte und Jelena Iwanowna allem Anscheine nach zu gefallen verstand. Ich muß gestehen, daß ich aufrichtigen Haß für ihn empfand, denn ich zweifelte nicht daran, daß er gestern abend entweder mit ihr auf dem Maskenball oder vielleicht sogar hier in ihrer Wohnung gewesen war und ihr bei der Gelegenheit, versteht sich, manches in den Kopf gesetzt hatte!

„Ja, aber wie denn,“ begann Jelena Iwanowna plötzlich ungeduldig, und alles, was sie sagte, schien ihr ein anderer gesagt zu haben, „wie wird denn das sein, er wird dort im Krokodil sitzen und vielleicht sein ganzes Leben lang nicht zurückkommen, und ich soll dann hier sitzen und vergeblich auf ihn warten! Ein Ehemann muß zu Hause wohnen, aber nicht in einem Krokodil ...“

„Das ist doch ein unvorhergesehener Zufall ...“ begann ich in begreiflicher Erregung zu widersprechen.

„Ach nein, schweigen Sie, schweigen Sie, ich will nichts hören, nichts, nichts, nichts!“ wehrte sie ärgerlich jeden weiteren Einwand ab. „Sie sind unausstehlich, ewig müssen Sie mir widersprechen! Mit Ihnen kann man wirklich kein vernünftiges Wort reden, nie verstehen Sie einem zu raten! Mir sagen sogar fremde Menschen, daß ich vollauf genügenden Scheidungsgrund hätte, allein schon deshalb, weil doch Iwan Matwejewitsch jetzt kein Gehalt mehr bekommen wird.“

„Jelena Iwanowna! Sind Sie es, die ich höre!“ rief ich fast pathetisch aus. „Welcher Schurke hat Ihnen diese Gedanken eingeflüstert? Und übrigens wird ein so nichtssagender Vorwand, wie die Einbuße des Gehalts, nicht als Scheidungsgrund anerkannt. Und der arme, arme Iwan Matwejewitsch vergeht dort inzwischen fast vor Liebesgram! Noch gestern abend, während Sie sich auf dem Maskenball ihres Lebens freuten, sprach er davon, daß er sich im äußersten Fall entschließen würde, Sie als seine rechtmäßige Gattin aufzufordern, in das Innere des Krokodils zu kommen, um so mehr, als sich dieses Tier als sehr geräumig erwiesen hat, so daß nicht nur zwei, sondern sogar drei Menschen Raum in ihm hätten ...“

Und ich erzählte ihr zugleich diesen interessantesten Teil meiner letzten Unterredung mit Iwan Matwejewitsch.

„Wie! was!“ rief sie ganz starr vor Verwunderung aus. „Sie wollen, daß ich gleichfalls dorthin krieche! zu Iwan Matwejewitsch? Das fehlte noch! Ja und wie sollte ich denn überhaupt das? – so, mit dem Hut und der ganzen Krinoline? Gott, welch eine Dummheit! Und wonach wird denn das aussehen, wenn ich hineinkrieche und ... und jemand womöglich noch zusieht? ... Pfui! Und was werde ich dort essen? ... Und ... und wie ist denn das, wenn ich ... Ach, mein Gott, was Sie sich nicht ausgedacht haben! ... Und was gibt es denn dort für Zerstreuungen? ... Sie sagen, es rieche dort nach Gummi? ... Und wie wird es denn sein, wenn wir beide in Streit geraten? Da müssen wir doch beieinander liegen bleiben? Pfui, wie widerlich das ist!“

„Einverstanden, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine teuerste Jelena Iwanowna,“ unterbrach ich sie mit jenem begreiflichen Eifer, der einen stets erfaßt, wenn man fühlt, daß man im Recht ist, „nur haben Sie eines ganz außer acht gelassen, und das ist: daß er doch wohl nicht mehr ohne Sie leben kann, wenn er Sie zu sich ruft; folglich handelt es sich hier um Liebe, um leidenschaftliche, treue, sehnsüchtige Liebe ... Sie haben die Liebe nicht berücksichtigt, teuerste Jelena Iwanowna, die Liebe!“

„Nein, ich will nicht, will nicht, will nicht! Ich will davon überhaupt nichts hören!“ wehrte sie mit ihrer kleinen, reizenden Hand, an der die soeben gebürsteten und polierten Nägel rosa schimmerten, ganz entsetzt ab. „Pfui, wie widerlich Sie sind! Sie bringen mich noch zum Weinen. So kriechen Sie doch selbst zu ihm, wenn es Ihnen dort so angenehm zu sein scheint! Sie sind doch sein Freund, nun, so legen Sie sich denn aus Freundschaft neben ihn hin und streiten Sie Ihr Leben lang über irgend eine langweilige Wissenschaft ...“

„Sie machen sich ganz unnütz über diesen Gedanken lustig,“ unterbrach ich würdevoll das leichtsinnige Weibchen, „Iwan Matwejewitsch hat mich bereits zu sich eingeladen. _Sie_ würde die Pflicht hinführen, mich dagegen nur Großmut. Übrigens hat mir Iwan Matwejewitsch, als er mir gestern von der ungeheuren Dehnbarkeit des Krokodils erzählte, deutlich zu verstehen gegeben, daß er, da nicht nur zwei, sondern ganze drei Menschen bequem dort Platz fänden, sowohl Sie wie mich, als Hausfreund, erwartet, und deshalb ...“

„Wie das, ganze drei?“ wunderte sich Jelena Iwanowna und ihre Augen blickten mich fragend an. „Ja, wie werden wir denn ... so alle drei dort beisammen sein? Hahaha! Gott, wie Sie beide dumm sind! Hahaha! Ich würde Sie die ganze Zeit nur kneifen, Sie Taugenichts, hahaha! Hahaha!“

Und sie bog sich vor Lachen und lachte bis zu Tränen. Doch dieses Lachen und diese Tränen waren so bezaubernd, daß ich nicht lange widerstehen konnte und ganz begeistert nach ihrem Händchen griff, um es mit Küssen zu bedecken, was sie widerspruchslos geschehen ließ. Nur zupfte sie mich, zum Zeichen unserer Aussöhnung, am Ohr.

Damit hatten wir unsere gute Laune wiedergewonnen, und ich schickte mich an, ihr ausführlich alle ihre Person betreffenden Pläne Iwan Matwejewitschs zu erzählen. Der Gedanke, in einem glänzenden Salon eine auserlesene Gesellschaft zu empfangen, sagte ihr sehr zu.

„Nur brauche ich dann sehr viele neue Toiletten,“ bemerkte sie lebhaft. „Sagen Sie ihm deshalb, daß er mir möglichst bald und möglichst viel Geld senden soll ... Nur ... nur, wie wird denn das sein,“ fuhr sie nachdenklich fort, „wie wird man ihn denn im Blechkasten in meinen Salon bringen? Das ... das wäre doch lächerlich! Ich will nicht, daß man meinen Mann in einem solchen Kasten in meinen Salon trägt! Ich würde mich ja dann ganz entsetzlich schämen vor meinen Gästen ... Nein, ich will nicht, ich will nicht ...“

„Übrigens, um es nicht zu vergessen: war gestern Timofei Ssemjonytsch bei Ihnen?“

„Ach, ja, er war bei mir; er kam, um mich zu trösten, und denken Sie sich, wir haben die ganze Zeit Karten gespielt. Wenn er verlor, hatte ich eine Bonbonniere gewonnen, wenn ich verlor, durfte er mir die Hände küssen. Solch ein Plagegeist, wirklich! Und was glauben Sie wohl: – fast wäre er mit mir auf den Maskenball gefahren, – nein, wirklich!“

„Weil er bezaubert war,“ bemerkte ich, „denn – wen bezaubern Sie nicht, Sie Zauberin!“

„Ach, nun, jetzt kommen Sie mit Ihren Schmeicheleien! Warten Sie, dafür werde ich Sie zum Abschied einmal kneifen – das verstehe ich nämlich vorzüglich. Nun, was, wie war’s? Ach ja, sagen Sie doch, Sie sagten vorhin, Iwan Matwejewitsch habe gestern viel von mir gesprochen?“

„N–n–nein, nicht gerade _sehr_ viel ... Ich muß gestehen, daß er jetzt eigentlich mehr an das Schicksal der ganzen Menschheit denkt und die Absicht hat ...“

„Ach, nun, mag er, reden Sie nicht weiter! Sicherlich langweilt er sich entsetzlich. Ich werde ihn einmal besuchen. Morgen vielleicht. Heute geht es nicht: ich habe Migräne und dort wird gewiß viel Publikum sein ... Da wird man womöglich noch sagen: das ist seine Frau, und mit den Fingern auf mich weisen ... Schrecklich! Nun, leben Sie wohl. Am Abend werden Sie doch ... dort sein, bei ihm?“

„Versteht sich. Ich muß ihm die Zeitungen bringen.“

„Nun, das ist sehr nett von Ihnen. Bleiben Sie bei ihm und lesen Sie ihm die Zeitungen vor. Zu mir aber kommen Sie heute nicht mehr. Ich bin nicht ganz wohl, oder vielleicht werde ich auch meine Bekannten besuchen, ich weiß noch nicht. Nun, leben Sie wohl, Sie Schwerenöter.“

„Aha, der Brünette wird heute abend bei ihr sein!“ dachte ich bei mir.

In der Kanzlei ließ ich mir natürlich nicht das geringste merken. Ich tat, als wüßte ich überhaupt nicht, was Sorgen sind. Doch bald fiel es mir auf, daß einige unserer fortschrittlichen Blätter an diesem Vormittage auffallend schnell von Hand zu Hand gingen und meine Kollegen sich mit unheimlich ernsten Mienen in die Lektüre vertieften. Die erste Zeitung, die ich erhielt, war der „Listok“, ein kleines Blättchen ohne jede besondere Richtung, einfach nur so allgemein menschlich-human, weshalb es bei uns auch allgemein verachtet, nichtsdestoweniger aber doch gelesen wurde.

Nicht ohne Verwunderung las ich in ihm folgendes:

„Gestern verbreitete sich in unserer großen, schönen Hauptstadt ein äußerst seltsames Gerücht, das sich inzwischen bestätigt hat. Ein gewisser Gastronom, der zu unserer vornehmen Lebewelt gehört, und den die kulinarischen Genüsse, die die Küche des –schen Klubs zu bieten vermag, offenbar nicht mehr befriedigten, erschien am Nachmittage in der Menagerie unserer Passage, wo zurzeit ein großes, soeben erst hier eingetroffenes Krokodil zu sehen ist, und machte sich nach einer kurzen Rücksprache mit dem Eigentümer ohne weiteres daran, das Riesenkrokodil zu verzehren. Zuerst schnitt er dem lebendigen Wassertier nur die besten Stücke seiner saftigsten Körperteile – d. h. der Körperteile des Krokodils – mit einem Taschenmesser ab, doch allmählich verschwand das ganze Tier in seinem umfangreichen Leibe, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre dem Krokodil auch noch sein ständiger Begleiter, der Ichneumon, gefolgt, denn weshalb sollte dieser nicht ebenso gut schmecken? Wir haben natürlich gegen dieses neue Nahrungsmittel, das den ausländischen Feinschmeckern schon seit Jahren bekannt ist, nichts einzuwenden. Wir können uns sogar schmeicheln, die bevorstehende größere Einfuhr dieses Leckerbissens vorausgesehen zu haben. Die englischen Lords und Reisenden fangen die Krokodile in Ägypten wie man hierzulande etwa Bären fängt: sie tun sich zu ganzen Jagdgesellschaften zusammen und verzehren dann das ^à la^ Beefsteak zubereitete Rückenfleisch der Beute mit Senf, Sauce und Kartoffeln. Die Franzosen, die mit Lesseps ins Land gekommen sind, ziehen die kurzen, stämmigen Beine dem Rückenfleisch vor – vielleicht nur den Engländern zum Trotz, die ein mitleidiges Lächeln nicht verbergen können, wenn sie sehen, wie diese die Krokodilbeine in heißer Asche backen. Bei uns wird man, aller Voraussicht nach, sowohl die Beine wie den Rücken zu schätzen wissen, und können wir daher von uns aus nur freudig diesen neuen Erwerbszweig begrüßen, denn gerade an einem solchen fehlt es in unserem großen, so verschieden gearteten Vaterlande. Nach der Vertilgung dieses ersten Krokodils dürfte es wohl kaum ein Jahr dauern, bis man Krokodile zu Hunderten importieren wird. Weshalb sollte man sie übrigens nicht in Rußland akklimatisieren? Falls das Newawasser für diese südlichen Lebewesen zu kalt sein sollte, so gibt es doch in der Stadt unzählige Teiche und außerhalb der Stadt noch andere Flüsse und Seen, die in Frage kämen. Weshalb sollten sie nicht z. B. in Pawlowsk oder Pargolowo leben können, oder in Moskau, wo doch die Pressnenskischen Teiche sind? Ganz abgesehen davon, daß sie für unsere Feinschmecker ein angenehmes und gesundes Nahrungsmittel wären, würden sie den an den Teichen spazierenden Damen eine interessante Zerstreuung bieten und die Kinder mit der tropischen Tierwelt schon in jungen Jahren bekannt machen. Aus der Haut der verzehrten Krokodile lassen sich zudem die verschiedensten Gegenstände herstellen, wie z. B. Futterale, Reisekoffer, Zigarettenetuis, Brieftaschen usw., und vielleicht wird noch so manch ein russischer Tausendrubelschein von der ältesten Sorte – wie sie namentlich unsere Kaufleute bevorzugen – in Krokodilshaut aufbewahrt werden. Hoffen wir, daß uns noch öfter Gelegenheit geboten werden wird, auf dieses Thema zurückzukommen.“

Ich war auf vieles gefaßt gewesen, doch trotzdem verwirrte mich dieser Artikel nicht wenig. Da niemand neben mir saß, mit dem ein Meinungsaustausch möglich gewesen wäre, wandte ich mich an den mir gegenübersitzenden Prochor Ssawitsch. Zu meiner Verwunderung saß dieser müßig auf seinem Platz und schien mich schon längere Zeit beobachtet zu haben, die Zeitung „Woloß“ zur Herübergabe bereithaltend. Wortlos nahm er von mir den „Listok“ in Empfang und reichte mir seinen „Woloß“, indem er mit dem Nagel nachdrücklich einen Artikel bezeichnete, auf den er mich ersichtlich aufmerksam machen wollte. Dieser Prochor Ssawitsch war ein sehr eigentümlicher Mensch: ein schweigsamer alter Junggeselle, der sich keinem von uns anschloß, so gut wie nie ein Wort sprach – obschon sich das Sprechen in einer Kanzlei unter Kollegen schwer vermeiden läßt – ein Mensch, der immer seine eigenen Ansichten hatte, doch fast niemals einem anderen diese Ansichten mitteilte. In seiner Wohnung ist bisher noch keiner von uns gewesen. Wir wissen nur, daß er ein einsames Leben führt.

Der Artikel, auf den er mich aufmerksam gemacht hatte, lautete wie folgt:

„Es dürfte wohl allen bekannt sein, daß wir uns mit Recht fortschrittlich gesinnt und human nennen können und daß wir Europa in dieser Beziehung nicht nachstehen wollen. Doch ungeachtet aller Wünsche und der Bemühungen unseres Blattes scheinen wir noch längst nicht ‚reif‘ zu sein, was folgendes empörende Ereignis, das sich gestern in der Passage zugetragen hat, wieder einmal anschaulich beweist. (Es sei hier darauf aufmerksam gemacht, daß wir es bereits vorausgesagt haben.)