Sämtliche Werke 17

Part 22

Chapter 223,653 wordsPublic domain

„Gewiß, gewiß. Natürlich will ich ihm durch diesen meinen Schritt keine Hoffnung machen. Ich werde eben nur als Privatperson hingehen ... Nun, auf Wiedersehen, ich muß ja heute wieder zu Nikifor Nikiforytsch; werden Sie dort sein?“

„Nein, ich gehe jetzt zum Gefangenen.“

„Tja, jetzt muß man zum ‚Gefangenen‘ gehn! ’s ist doch ein Leichtsinn, ein Leichtsinn!“

Ich verabschiedete mich von ihm. Verschiedene Gedanken gingen mir durch den Kopf. Dieser Timofei Ssemjonytsch war ja ein herzensguter und grundehrlicher Mensch, als ich ihn aber verlassen hatte, freute ich mich doch, daß er in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern konnte und solche Timofei Ssemjonytschs immerhin schon eine Seltenheit bei uns geworden sind.

Ich begab mich eilig und geradenwegs in die Passage, um dem armen Iwan Matwejewitsch das Ergebnis meiner Unterredung mit unserem erfahrenen Kollegen mitzuteilen. Ich muß aber sagen, daß mich auch meine Neugier nicht wenig zu dieser Eile antrieb. Wie hatte er sich dort im Krokodil eingerichtet und wie konnte ein Mensch überhaupt in einem Krokodil leben? Wie war das möglich? Mitunter schien es mir wahrlich nur ein ungeheuerlicher Traum zu sein, um so mehr, als es sich um ein Ungeheuer handelte ...

III.

Und doch war es kein Traum, sondern unanfechtbare Wirklichkeit. Würde ich es denn sonst überhaupt erzählen! Aber ich fahre fort ...

Es war schon ziemlich spät, gegen neun, als ich endlich in der Passage anlangte. In die Menagerie konnte ich nur durch eine Hintertür gelangen, da der Besitzer seine „Ausstellung“ offiziell bereits geschlossen hatte. Er selbst ging in einem alten schmierigen Rock, doch dreimal zufriedener mit sich und der Welt, in seinen Räumen umher. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß er nichts mehr befürchtete und das Publikum an diesem Nachmittage sehr zahlreich herbeigeströmt war. Seine „Mutter“ erschien erst später auf der Bildfläche, und zwar, wie es schien, nur deshalb, um mich im Auge zu behalten. Sie und ihr Gatte steckten oft die Köpfe zusammen und tuschelten geschäftig. Obschon die „Ausstellung“ geschlossen war, verlangte er von mir doch noch die üblichen fünfundzwanzig Kopeken. Gott, nichts ist schrecklicher als übertriebene Akkuratesse!

„Sie werden jedesmal zahlen, wenn Sie kommen. Das übrige Publikum zahlt jetzt einen Rubel pro Person, von Ihnen aber nehme ich nur fünfundzwanzig Kopeken, denn Sie sind ein guter Freund Ihres guten Freundes und Freundschaft respektiere ich ...“

„Lebt er, lebt er noch, mein Freund?“ rief ich laut, indem ich den Deutschen stehen ließ und zum Krokodil eilte. Im geheimen hoffte ich, daß mein lauter Ruf bis zu meinem Freunde dringen und seiner Eigenliebe schmeicheln würde.

Ich hatte mich nicht getäuscht.

„Er lebt und ist gesund,“ tönte es sogleich wie aus der Tiefe des Raumes zurück, oder wie unter einem Kissen hervor, obwohl ich fast schon beim Krokodil angelangt war. „Er lebt und ist gesund, doch davon später ... Wie steht es?“

Ich tat, als hätte ich die Frage nicht gehört und begann ihn eilig und teilnahmsvoll mit meinen Fragen zu überschütten: wie er sich fühle, wie es denn dort im Krokodil aussehe und was dort im Magen noch außer ihm sei? – wie es die gewöhnliche Höflichkeit und jedes Freundschaftsverhältnis verlangt. Doch ärgerlich und eigensinnig unterbrach er mich.

„Wie es steht?“ schrie er kreischend, wie ein geärgerter heiserer Kommandant, so daß er mir im Augenblick sehr unsympathisch war. Übrigens hatte er sich mir gegenüber oft genug diesen Befehlshaberton erlaubt.

Ich unterdrückte meinen Groll und erzählte ihm mit allen Details, was Timofei Ssemjonytsch gesagt hatte. Übrigens bemühte ich mich doch, durch den Tonfall meiner Stimme zu verstehen zu geben, daß ich mich gekränkt fühlte.

„Der Alte hat recht,“ entschied Iwan Matwejewitsch kategorisch, wie er gewöhnlich mit mir zu sprechen pflegte. „Liebe praktische Menschen und kann sentimentale Memmen nicht ausstehen. Bin aber bereit, zuzugeben, daß auch deine Idee, mich hierher abkommandieren zu lassen, nicht ganz barer Unsinn ist. Vermag allerdings vieles mitzuteilen, das sowohl wissenschaftlich wie sittlich neu ist. Doch jetzt nimmt das alles eine andere, ganz unerwartete Wendung und da lohnt es sich nicht wegen des Gehalts zu streiten. Höre aufmerksam zu. Sitzt du?“

„Nein, ich stehe.“

„Setz’ dich auf irgend etwas, meinetwegen auf den Fußboden, und höre aufmerksam zu.“

Wütend nahm ich einen Stuhl und stellte ihn so nachdrücklich hin, daß die Beine laut aufschlugen.

„Höre,“ hub er im Befehlshaberton an, „Publikum hat es heute eine Unmenge gegeben. Gegen Abend konnte der Raum die Menschen gar nicht fassen, die eintreten wollten. Der Ordnung halber erschien die Polizei. Gegen acht Uhr, also früher als sonst, schloß der Deutsche die Ausstellung, erstens um das viele Geld zu zählen und zweitens, um sich besser für morgen vorbereiten zu können. Morgen wird es hier ein ganzer Jahrmarkt werden. Es ist also anzunehmen, daß mit der Zeit alle gebildeten Leute unserer Hauptstadt, alle Damen der vornehmen Gesellschaft, alle Gesandten und Botschafter, Legationsräte, Assessoren und Juristen sich hier einfinden werden. Und nicht nur das: man wird aus allen Provinzen unseres großen, neugierigen Reiches herkommen, um das Wunder anzustaunen. Daraus ergibt sich, daß ich, obgleich persönlich unsichtbar, doch die erste Rolle spielen werde. Werde die müßige Masse belehren, werde, selbst belehrt durch eigene Erfahrung, mich als Beispiel der Demut vor dem Schicksal hinstellen! Werde, um im Bilde zu reden, ein Katheder sein, von dem herab ich die Menschheit unterweise. Schon allein die naturwissenschaftlichen Aufschlüsse, die ich über das von mir bewohnte Tier geben kann, sind unendlich wertvoll. Und deshalb murre ich nicht nur nicht wider jenen Zufall, der mich hierherbefördert hat, sondern hoffe, dank diesem Zufall, die glänzendste Karriere zu machen.“

„Wenn’s nur nicht langweilig wird,“ bemerkte ich trocken.

Am meisten ärgerte mich, daß er, wenn er von sich sprach, das persönliche Fürwort überhaupt nicht mehr gebrauchte, – so voll war er von sich! Nichtsdestoweniger machte mich dieser Ton doch stutzig. „Was bildet sich dieser dumme Kerl eigentlich ein!“ fragte ich mich geradezu empört. „Weinen müßte er, aber nicht noch großtun!“

„Nein, das wird es nicht!“ antwortete er schroff auf meine Bemerkung, „denn ich bin durchdrungen von großen Ideen. Kann erst jetzt zum erstenmal in Muße über die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit nachdenken. Aus diesem Krokodil soll fortan die Wahrheit und das Licht hervorgehen! Werde unfehlbar eine neue, meine eigene Theorie für die ökonomischen Verhältnisse erfinden und stolz auf sie sein können – was mir bisher infolge des Bureaudienstes und der flachen weltlichen Zerstreuungen nicht möglich war. Werde alles widerlegen, werde meine Gegenbeweise vorbringen und ein neuer Charles Fourier werden. Hast du Timofei Ssemjonytsch die sieben Rubel gegeben?“

„Ja, aus meiner Tasche,“ antwortete ich, und zwar so, daß allein schon der Ton meiner Stimme sagte, daß ich seine Schuld aus meiner Tasche bezahlt hatte.

„Das wird dir bezahlt werden,“ sagte er hochmütig. „Erwarte unbedingt eine Gehaltserhöhung, denn wem sollte man sonst eine zusprechen, wenn nicht mir? Ich bringe jetzt unendlichen Nutzen. Doch zur Sache. – Meine Frau?“

„Du willst dich wohl nach dem Befinden Jelena Iwanownas erkundigen?“

„Meine Frau?!“ schrie er gerader wie ein altes Weib.

Da war natürlich nichts zu machen. Gehorsam, doch innerlich knirschend erzählte ich, wie ich Jelena Iwanowna nach Hause begleitet und verlassen hatte. Er unterbrach mich jedoch, noch bevor ich zu Ende erzählt hatte.

„Ich habe besondere Absichten mit ihr,“ sagte er gereizt. „Werde ich _hier_ berühmt, nun, so will ich, daß sie _dort_ berühmt werde. Alle Gelehrten, Dichter, Philosophen, Zoologen, ausländische wie inländische, alle Staatsmänner werden, nach ihrer Unterhaltung mit mir am Vormittage, am Abend in ihrem Salon erscheinen. In der nächsten Woche muß sie jeden Abend bei sich empfangen. Mein verdoppeltes Gehalt wird ihr die Mittel geben, die Kosten zu bestreiten, und da sich so etwas sehr gut nur mit Tee und Lohndienern machen läßt, so brauchen wir über den Kostenpunkt weiter kein Wort zu verlieren. Hier wie dort wird man nur von mir reden. Habe mich lange nach einer Gelegenheit gesehnt, die von mir reden machen könnte, doch blieb mir die Erfüllung dieses Wunsches versagt, da ich durch meinen Rang und meine Bedeutung gebunden war. Jetzt ist alles dank dem einen ingeniösen Einfall des Krokodils ohne weiteres erreicht. Jedes meiner Worte wird jetzt niedergeschrieben, jeder Ausspruch erörtert, weitergegeben, gedruckt werden. Werde mich ihnen offenbaren! Sie werden begreifen, welche Fähigkeiten sie im Eingeweide eines Krokodils fast haben umkommen lassen. ‚Dieser Mann könnte ein Minister sein und ein ganzes Königreich regieren!‘ werden sie sagen. Inwiefern, sag’ doch selbst, inwiefern bin ich schlechter als irgend solch ein Garnier-Pagès oder wie sie da heißen? Meine Frau muß ein Pendant zu mir sein: ich glänze durch meinen Verstand – sie durch Schönheit und Liebenswürdigkeit. ‚Sie ist entzückend, deshalb ist sie seine Frau,‘ werden die einen sagen. ‚Sie ist entzückend, _weil sie seine Frau ist_,‘ werden die anderen den Ausspruch verbessern. Jedenfalls sage ihr, daß sie sich sogleich morgen das enzyklopädische Lexikon kaufen soll, das von Andrei Krajewskij herausgegeben worden ist, um über alles reden zu können. Doch soll sie vor allen Dingen stets den Leitartikler in den ‚St. Petersburger Nachrichten‘ lesen und täglich mit dem Leitartikel des ‚Woloß‘ vergleichen. Nehme an, daß der Besitzer einwilligen wird, mich bisweilen mit dem Krokodil in den Salon meiner Frau zu bringen. Werde dann auf dem Boden dieses Blechkastens mitten im glänzenden Salon stehen und mit Bonmots, die ich mir schon vom Morgen an zurechtlegen kann, nur so um mich werfen. Dem Staatsmanne werde ich meine Projekte vorlegen; mit dem Dichter werde ich nur in Reimen reden; mit den Damen werde ich unterhaltend und amüsant sein, – da ich ja jetzt für ihre Männer ganz ungefährlich bin. Allen übrigen werde ich als Vorbild dienen, als Beispiel demutvoller Ergebung und Unterordnung meines Willens unter denjenigen der Vorsehung. Meine Frau werde ich zu einer glänzenden literarischen Erscheinung machen, ich werde sie hervorheben und dem Publikum erklären; als meine Frau muß sie die größten Vorzüge haben, und wenn man mit Recht Andrei Alexandrowitsch unseren Alfred de Musset nennt, so wird man sie mit noch größerem Recht unsere Eugenie Tour nennen.“

Offen gestanden, mir kam der Gedanke, daß mein Iwan Matwejewitsch, obschon dieser ganze Unsinn an den ehemaligen Iwan Matwejewitsch erinnerte, zur Zeit, wenn auch nicht gerade unheilbar erkrankt war, so doch hohes Fieber haben mußte und demzufolge phantasierte. Im Grunde war es ja ganz derselbe alltägliche Iwan Matwejewitsch, nur – wie soll ich sagen? – etwa durch ein zwanzigfaches Vergrößerungsglas gesehen.

„Mein Freund,“ begann ich möglichst sanft, „hoffst du, bei diesem Leben ein hohes Alter zu erreichen? Und überhaupt, sage doch: bist du gesund? Was ißt du, wie schläfst du, wie atmest du? Ich bin dein Freund, und du wirst doch zugeben, daß dieser Fall gar zu übernatürlich ist, um mein Interesse nicht natürlich erscheinen zu lassen.“

„Es ist nur müßige Neugier von dir und nichts weiter,“ widersprach er ärgerlich. „Doch ich will sie trotzdem befriedigen. Du fragst, wie ich mich hier im Leibe des Krokodils eingerichtet habe? Erstens hat sich das Krokodil zu meiner Überraschung als etwas vollkommen Leeres erwiesen. Sein Inneres besteht gleichsam aus einem großen leeren Sack, der an jene Gummigegenstände erinnert, die man in den Schaufenstern der großen Kaufläden an der Morskaja, Gorochowaja und, wenn ich nicht irre, auch auf dem Wosnessenskij Prospekt ausgestellt sieht. Denn – sage es dir doch selbst – wie könnte ich mich sonst hier aufhalten?“

„Ist’s möglich!“ rief ich in begreiflicher Verwunderung aus. „Ist das Krokodil wirklich ganz leer?“

„Vollkommen leer,“ bestätigte Iwan Matwejewitsch streng und nachdrücklich. „Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es das gemäß den Gesetzen seiner Natur. Das Krokodil setzt sich zusammen aus einem großen Rachen, der mit scharfen Zähnen versehen ist, und außerdem einem langen Schwanze, – und das ist das ganze Krokodil, genau genommen. In der Mitte aber zwischen diesen zwei Extremitäten ist ein leerer Raum, der von einer kautschukartigen Masse umfaßt wird – wahrscheinlich ist es wirklicher Kautschuk ...“

„Aber die Rippen, der Magen, die Gedärme, die Leber, das Herz?“ unterbrach ich ihn fast persönlich gekränkt.

„Davon gibt’s hier n–_nichts_, absolut nichts, und aller Wahrscheinlichkeit nach hat’s davon auch niemals etwas hier gegeben. Alles das ist nur eine freie Erfindung der müßigen Phantasie leichtsinniger Reisender. Wie man ein aus Gummi hergestelltes Sitzkissen aufbläst, so kann ich jetzt mein Krokodil aufblasen. Sein Inneres ist bis zur Unglaublichkeit dehnbar. Selbst du könntest noch als Hausfreund hier Platz finden, wenn du so großmütig wärest, mir Gesellschaft leisten zu wollen. Ich habe sogar daran gedacht, im äußersten Fall Jelena Iwanowna hierher zu beordern. Übrigens stimmt diese leere Beschaffenheit des Krokodils vollkommen mit den wissenschaftlichen Angaben überein. Denn, nehmen wir zum Beispiel an, daß dir der Auftrag zuteil würde, ein neues Krokodil zu schaffen, so würde sich vor dir doch unwillkürlich die Frage erheben: welches ist der Lebenszweck eines Krokodils? Die Antwort liegt auf der Hand: Menschen zu verschlingen. – Wie nun das Innere des Krokodils zweckmäßig schaffen, damit es ohne eigene Lebensgefahr Menschen verschlingen kann? Auf diese Frage ist die Antwort noch leichter: man läßt es – leer sein. Wie du weißt, hat die Physik bewiesen, daß die Natur keine Leere duldet. Infolgedessen wird durch diese Leere, die die Natur nicht duldet, die Funktion des Krokodils hervorgerufen, denn die Leere, die erwiesenermaßen nicht leer bleiben kann, muß sich nach dem einfachen Gesetz der Natur füllen, und folglich greift sie ganz naturgemäß nach allem, was sich in ihrem Bereich befindet. Damit hast du den Grund, weshalb alle Krokodile Menschen verschlingen. Das ist das Gesetz von der funktionierenden Leere. Doch gilt es selbstverständlich nicht für alle Lebewesen. Ganz anders ist zum Beispiel der Mensch beschaffen: je leerer zum Beispiel der Kopf eines Menschen ist, um so weniger hat er das Bedürfnis, sich zu füllen, doch ist das wiederum nur als eine Ausnahme aus der allgemeinen Regel zu betrachten. Alles dieses ist mir jetzt so klar wie der Tag, und alles, was ich dir hier sage, hat mir mein eigener Verstand erschlossen, durch eigene Anschauung, während ich mich im Eingeweide der Natur selbst befand, an der Quelle ihrer Geheimnisse, kann sagen, ihrem Pulsschlag lauschend. Sogar die Ethymologie stimmt mit mir überein, denn allein schon der Name des Tieres bedeutet Gesprächigkeit. Krokodil – Crocodillo – ist zweifellos ein italienisches Wort, das vielleicht aus der Zeit stammt, in der in Ägypten die alten Pharaonen herrschten, ein Wort, das offenbar das französische Wort ^croquer^ zur Wurzel hat. Was ich dir soeben gesagt habe, gedenke ich als erste Lektion zu lesen, vor dem Publikum, versteht sich, das sich in Jelena Iwanownas Salon versammeln wird, wenn man mich in diesem Kasten hinbringt.“

„Lieber Freund, sag’ mal, würdest du nicht irgend eine erleichternde Arznei einnehmen wollen?“ fragte ich unwillkürlich. „Er hat Fieber, er fiebert, er muß hochgradiges Fieber haben!“ dachte ich angstvoll.

„Unsinn!“ sagte er verächtlich. „Und außerdem wäre eine Purganz in meinem gegenwärtigen Logis nicht ganz angebracht. Übrigens konnte ich es mir denken, daß du unfehlbar mit so etwas kommen würdest.“

„Aber, Freund, wie ... wie wirst du denn jetzt überhaupt etwas zu dir nehmen? Hast du heute zu Mittag gespeist?“

„Nein, das nicht, aber ich bin vollkommen satt und werde höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mehr genießen. Doch auch dieses ist durchaus erklärlich: indem ich das ganze Innere des Krokodils erfülle, mache ich es auf ewig satt. Jetzt braucht man es jahrelang nicht zu füttern. Und andererseits: indem das Krokodil durch mich satt ist, gibt es wiederum mir alle Lebenssäfte aus seinem Körper. Das ist ungefähr dieselbe Ernährungsmethode, die raffinierte Schönheiten anwenden, wenn sie zur Nacht ihren ganzen Körper mit rohen Koteletts bedecken, und dann am nächsten Morgen nach einem duftenden Bade wieder frisch, kräftig, geschmeidig und verführerisch sind. So erhalte ich, indem ich das Krokodil ernähre, von ihm alle Nahrungssäfte zurück, folglich ernähren wir uns gegenseitig. Da es aber selbst einem Krokodil schwer fallen dürfte, einen Menschen von meiner Konstitution zu verdauen, so ist anzunehmen, daß es eine gewisse Schwere im Magen empfindet – obwohl es keinen Magen hat. Doch das tut nichts zur Sache. Deshalb bewege ich mich hier so wenig als möglich, obschon mich nichts hindern würde, doch unterlasse ich es einfach aus Humanität. Diese geringe Bewegungsmöglichkeit wäre das einzige, was ich an meinem gegenwärtigen Zustande auszusetzen hätte, und im allegorischen Sinne hat Timofei Ssemjonytsch durchaus recht, wenn er sagt, ich läge auf der Bärenhaut. Ich werde aber beweisen, daß man auch liegend das Schicksal der Menschheit umstürzen kann. Alle großen Ideen und alle neuen Tendenzen unserer Zeitungen und Zeitschriften stammen augenscheinlich von Leuten, die auf der Bärenhaut liegen; das ist auch der Grund, weshalb man sie Kabinettideen nennt ... Doch übrigens – gleichviel wie man sie nennt! Ich werde jetzt ein ganz spezielles System erfinden, – du ahnst nicht, wie leicht das ist! Man braucht sich nur irgendwohin in die Einsamkeit zurückzuziehen oder auch in ein Krokodil hineinzugeraten, die Augen zu schließen, und im Nu hat man ein ganzes Paradies für die Menschheit erfunden. Vorhin, als ihr mich verließt, machte ich mich sogleich daran, zu erfinden, und an diesem einen Nachmittage habe ich ganze drei Systeme erfunden und soeben bin ich beim vierten. Es ist wahr, zuerst muß man alles Bestehende verwerfen, man muß einfach alles umstürzen; aber aus dem Krokodil heraus ist das so leicht; ja aus dem Krokodil gesehen wird alles gleichsam sichtbarer ... Übrigens gibt es hier doch noch einiges zu bemängeln, freilich nur Nebensächliches: es ist hier zum Beispiel etwas feucht und wie mit Schleim bedeckt und außerdem riecht es nach Gummi, ganz genau so wie meine alten Galoschen vom vorigen Jahr. Aber das ist auch alles, was es hier zu bemängeln gibt ...“

„Iwan Matwejewitsch,“ unterbrach ich ihn, „was du da redest, erscheint mir so wunderlich, daß ich kaum meinen Ohren traue. Aber sage mir doch wenigstens das eine: hast du wirklich die Absicht, überhaupt nicht mehr zu essen?“

„Du oberflächlicher, müßiger Mensch, um was du dich sorgst! Ich rede von großen Ideen, du aber ... So höre denn, daß mich die großen Ideen sättigen und die Nacht, die mich umgibt, taghell erleuchten. Übrigens hat der gutmütige Deutsche, der Eigentümer des Krokodils, sich mit seiner herzensguten Mutter beraten und da haben sie beide beschlossen, mir jeden Morgen durch den Rachen des Krokodils ein gebogenes Metallröhrchen zuzustecken, damit ich durch dasselbe Kaffee, Tee oder Bouillon mit aufgeweichtem Zwieback genießen könne. Die Röhre ist bereits bestellt, gleichfalls bei einem Deutschen hier in der Nachbarschaft, doch ist sie, glaube ich, nur unnützer Luxus. Zu leben aber hoffe ich mindestens tausend Jahre, wenn es wahr ist, daß ein Krokodil so lange leben kann ... Jawohl! gut, daß ich das nicht vergessen habe: sieh doch morgen in einer Naturgeschichte nach und teile mir dann mit, wie lange ein Krokodil lebt, denn es ist möglich, daß ich es mit irgend einem anderen vorsintflutlichen Tiere verwechsle. Nur eines erregt mein Bedenken: wie du weißt, bin ich angekleidet und zwar ist mein Anzug aus russischem Tuch und an den Füßen habe ich Stiefel, daher kann das Krokodil mich offenbar nicht verdauen. Hinzu kommt, daß ich lebendig bin, mich deshalb der Verdauung mit meiner ganzen Willenskraft widersetze, denn begreiflicherweise will ich mich nicht in das verwandeln, in was sich schließlich jede Speise verwandelt, da ein solches Ende gar zu erniedrigend für mich wäre. Nun fürchte ich aber, daß der Stoff meines Anzuges einer tausendjährigen Frist nicht standhalten wird; er kann, als minderwertige russische Ware, früher verwesen und dann würde ich ohne diesen äußeren Schutz trotz meines ganzen Unwillens oder Willens, vielleicht doch verdaut werden, denn wenn ich es auch tagsüber unter keiner Bedingung zulassen werde, so kann mich doch in der Nacht, wenn der Wille mich im Schlaf verläßt, das gewöhnliche Schicksal einer genossenen Kartoffel oder Fleischpastete ereilen. Diese Möglichkeit, oder auch nur der bloße Gedanke an diese Möglichkeit macht mich rasend. Allein schon aus diesem Grunde müßte man den Zolltarif ändern und den Import englischer Stoffe begünstigen, denn da sie fester sind, würden sie den zersetzenden Einflüssen der Natur länger Widerstand bieten, falls jemand in einem solchen Anzug in ein Krokodil hineingerät. Jedenfalls werde ich mein diesbezügliches Projekt bei nächster Gelegenheit einem Staatsmanne vorlegen und gleichzeitig auch den Berichterstattern unserer Tageszeitungen. Mögen sie es erörtern! Hoffe aber, daß sie nicht nur diese Idee von mir annehmen werden. Ich sehe voraus, daß jeden Morgen eine ganze Schar dieser Leute sich um mich drängen wird, um diesen Blechkasten, um meine Beurteilungen der neuesten Telegramme zu vernehmen und jedes Wort, das ich fallen lasse, gierig zu erhaschen. Mit einem Wort – ich sehe die Zukunft im rosigsten Licht ...“

„Delirium, Delirium!“ dachte ich bei mir.

„Freund, aber die Freiheit?“ fragte ich, um seine Ansichten kennen zu lernen. „Du bist doch jetzt geradezu ein Gefangener in einem dunklen Verließ, während der wahre Mensch sich der Freiheit erfreuen soll.“

„Du bist dumm,“ war seine, für mich etwas unerwartete Antwort. „Nur die Wilden lieben Unabhängigkeit, weise Leute lieben dagegen Ordnung, wenn es aber keine Ordnung gibt ...“

„Iwan Matwejewitsch!“ rief ich aus.

„Schweig’ und höre!“ kreischte er, ärgerlich darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte. „Noch niemals hat sich mein Geist so hoch emporgeschwungen wie jetzt. In meiner engen Wohnung fürchte ich augenblicklich nur – die literarische Kritik unserer dicken Tageszeitungen und den Spott unserer satirischen Blätter. Ich fürchte, daß die leichtsinnigen Elemente unter den Besuchern der Ausstellung, die Dummköpfe und Neider und überhaupt die Nihilisten, mich werden lächerlich machen wollen. Doch ich werde Maßregeln zu ergreifen wissen. Erwarte nur mit Ungeduld die Meinungsäußerungen des Publikums, doch hauptsächlich – die Besprechungen der Zeitungen. Bringe morgen alle Zeitungen mit, wenn du kommst!“

„Gut, ich werde einen ganzen Stoß mitbringen.“

„Eigentlich ist es aber noch zu früh, morgen schon Besprechungen zu erwarten, gewöhnlich werden bei uns Neuigkeiten erst nach vier Tagen besprochen. Doch von nun an komme jeden Abend durch den Hofeingang zu mir, denn ich beabsichtige, dich als meinen Sekretär zu benutzen. Du wirst mir die Zeitungen vorlesen und ich werde dir meine Gedanken diktieren und Aufträge geben. Vor allen Dingen aber vergiß nicht die neuesten Telegramme. Daß du mir jeden Tag die letzten europäischen Drahtnachrichten bringst! Doch nun genug: du wirst jetzt schlafen wollen. Geh also nach Hause und denke darüber nach, was ich dir soeben über die Kritik gesagt habe: ich fürchte sie nicht, denn sie befindet sich selbst in einer kritischen Lage. Man braucht nur weise und tugendhaft zu sein und man wird unfehlbar auf ein Piedestal gehoben. Wenn nicht ein Sokrates, dann ein Diogenes, oder dieser und jener zugleich – das wird meine zukünftige Rolle in der Menschheit sein.“