Part 21
„Im Gegenteil, mich umgibt vollkommene Finsternis,“ antwortete der arme Gefangene, „aber ich kann mit den Händen fühlen und mich hier tastend orientieren ... Also auf Wiedersehen, sei unbesorgt und versage dir nicht deine kleinen Zerstreuungen. Bis morgen! Du aber, Ssemjon Ssemjonytsch, komme gegen Abend wieder her, und damit du es, bei deiner bekannten Vergeßlichkeit, diesmal nicht wieder vergißt, binde dir sogleich einen Knoten ins Taschentuch ...“
Ich muß sagen, daß ich froh war, endlich fortgehen zu können, denn erstens war ich vom Stehen müde geworden und zweitens wurde es mir allmählich langweilig. Ich reichte daher geschwind Jelena Iwanowna, die durch die Erregung noch hübscher geworden war, mit artiger Verbeugung meinen Arm und verließ mit ihr die Menagerie.
„Am Abend wieder fünfundzwanzig Kopeken Eintrittsgeld!“ rief uns noch der Deutsche nach.
„O Gott, wie habgierig er ist!“ seufzte Jelena Iwanowna, die in jeden Spiegel zwischen den Schaufenstern der Passage einen Blick warf und sich augenscheinlich dessen bewußt war, daß sie noch hübscher als sonst aussah.
„Das ökonomische Prinzip,“ versetzte ich in angenehmer angeregter Stimmung, stolz auf meine Dame, die neidisch von den Vorübergehenden betrachtet wurde.
„Das ökonomische Prinzip ...“ wiederholte sie mit koketter Langsamkeit, „ich habe nichts von alledem begriffen, was Iwan Matwejewitsch dort sprach, namentlich nicht, was er mit diesem dummen Prinzip meinte.“
„Das werde ich Ihnen sofort erklären,“ versetzte ich eilfertig und begann ihr die günstigen Folgen der Heranziehung fremden Kapitals auseinanderzusetzen, Ansichten, die ich am Morgen desselben Tages in den „Petersburger Nachrichten“ gelesen hatte.
„Wie sonderbar das doch ist!“ unterbrach sie mich, als sie mir eine Weile zugehört hatte. „Aber so hören Sie doch endlich auf, Sie Plagegeist! Welch einen Unsinn Sie heute reden ... Sagen Sie, bin ich sehr rot im Gesicht?“
„Nicht rot, sondern schön,“ antwortete ich, um die Gelegenheit, ihr eine Schmeichelei zu sagen, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen.
„Sie Schmeichler!“ wehrte sie selbstzufrieden ab. „Der arme Iwan Matwejewitsch,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, kokett das Köpfchen auf die Seite neigend, „er tut mir wirklich leid. Ach, mein Gott!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken aus, „aber sagen Sie doch, wie wird er denn heute dort zu Mittag speisen und ... und ... wie wird er denn ... wenn er sonst etwas wünscht?“
„Das ist ein unvorhergesehenes Problem,“ sagte ich, gleichfalls bestürzt. „Ich habe, offen gestanden, an diese Möglichkeit noch gar nicht gedacht. Da haben wir wieder einen Beweis dafür, daß in Lebensfragen die Frauen weit praktischer sind als wir Männer!“
„Der Arme, wie ist er nur da hineingeraten! ... Und nun sitzt er da, so ganz ohne Unterhaltung! Und außerdem ist es dort noch dunkel ... Wie dumm, daß ich keine Photographie von ihm habe ... So bin ich denn jetzt eigentlich Witwe, nicht wahr?“ fragte sie mit berückendem Lächeln, sichtlich interessiert für ihren neuen Stand. „Hm! ... aber er tut mir doch trotzdem leid! ...“
Mit einem Wort – ich sah und hörte die sehr begreifliche und natürliche Sehnsucht einer jungen, interessanten Frau nach ihrem Manne. Endlich waren wir in ihrer Wohnung angelangt und nach erfolgreichen Beruhigungsversuchen, während welcher ich mit ihr zu Mittag gespeist hatte, brach ich um sechs Uhr nach einem Täßchen aromatischen Kaffees auf, um mich zu Timofei Ssemjonytsch zu begeben, denn ich nahm an, daß um diese Zeit alle Ehemänner zu Hause liegend oder sitzend anzutreffen sind.
Übrigens:
Nachdem ich das erste Kapitel in einem Stil geschrieben habe, der mir der betreffenden Erzählung angepaßt scheint, gedenke ich fernerhin einen minder hochtrabenden anzuwenden, der dafür natürlicher sein soll, wovon ich den verehrten Leser im voraus in Kenntnis setze.
II.
Timofei Ssemjonytsch empfing mich in eigentümlicher Eile und, wie es mir schien, sogar Verwirrung. Er führte mich in sein enges Arbeitszimmer und schloß die Tür hinter uns zu. „Damit die Kinder uns nicht stören,“ sagte er sichtlich besorgt und unruhig. Mit einer Handbewegung forderte er mich auf, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, während er sich selbst in einen bequemen Sessel niederließ, die Schöße seines ziemlich abgetragenen wattierten Schlafrocks übereinanderschlug und auf alle Fälle eine gewissermaßen offizielle, fast sogar strenge Miene aufsetzte, obgleich er doch weder mein noch Iwan Matwejewitschs Vorgesetzter war, sondern stets nur für unseren Kollegen und sogar guten Bekannten gegolten hatte.
„Ganz zuerst,“ hub er denn auch an, als ich meine Rede beendet hatte, „muß ich Sie bitten, in Erwägung zu ziehen, daß ich kein Vorgesetzter bin, sondern auf gleicher Stufe mit Ihnen wie mit Iwan Matwejewitsch stehe ... Mich geht also die ganze Angelegenheit nichts an, weshalb ich mich denn auch nicht in sie hineinmischen werde.“
Ich wunderte mich, – und zwar am meisten darüber, daß er bereits alles zu wissen schien. Nichtsdestoweniger erzählte ich ihm noch einmal die ganze Geschichte, und zwar noch ausführlicher. Ich sprach sogar sehr erregt, denn ich wollte doch die Pflicht eines aufrichtigen, treuen Freundes erfüllen. Doch auch diesmal hörte er mir ohne jede Verwunderung zu, dafür aber mit allen Anzeichen des Mißtrauens.
„Denken Sie sich,“ sagte er zum Schluß, „ich habe schon immer vermutet, daß gerade so etwas mit ihm geschehen würde.“
„Weshalb denn das, Timofei Ssemjonytsch? Dieser Fall ist doch an sich, sollte ich meinen, noch viel mehr als außergewöhnlich ...“
„Zugegeben. Aber Iwan Matwejewitsch neigte schon immer, während seiner ganzen dienstlichen Laufbahn, gerade zu einem solchen Abschluß. Er war gar zu hitzig, war geradezu anmaßend. Ewig das Wort ‚Fortschritt‘ im Munde und dann so verschiedene Ideen – da sieht man jetzt, wohin das führt!“
„Aber dieser Fall ist, denke ich, durchaus außergewöhnlich, man kann ihn daher doch nicht als Beweis gegen alle fortschrittlich Gesinnten ausspielen ...“
„Nein, aber das ist nun schon einmal so. Glauben Sie mir, was ich sage. Das kommt, sehen Sie mal, von übermäßiger Bildung. Jawohl. Denn die übermäßig Gebildeten wollen ihre Nasen stets überallhin stecken, vornehmlich dorthin, wo man sie nicht wünscht. Übrigens ist es ja möglich, daß sie mehr wissen,“ unterbrach er sich plötzlich, offenbar gekränkt. „Ich bin schon alt und überdies nicht gar so gebildet; ich bin Soldatenkind und habe von unten begonnen – in diesem Jahre werde ich mein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern ...“
„O, nein, Timofei Ssemjonytsch, ich bitte Sie! Im Gegenteil, Iwan Matwejewitsch wartet nur auf Ihren Rat, er vertraut sich ganz Ihrer Leitung an. Er wartet nur auf ein Wort von Ihnen, wartet sogar sozusagen tränenden Auges ...“
„‚Sozusagen tränenden Auges‘. Hm! Nun, diese Tränen werden wohl Krokodilstränen sein, die man nicht ernst zu nehmen braucht. Weshalb, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb wollte er ins Ausland reisen? Und mit welchem Gelde schließlich? Er selbst hat doch kein Vermögen.“
„O, diese Summe hat er sich zusammengespart, Timofei Ssemjonytsch,“ versetzte ich mitleidig. „Er wollte ja nur auf drei Monate verreisen ... in die Schweiz ... in die Heimat Wilhelm Tells ...“
„Wilhelm Tells? Hm!“
„In Neapel wollte er den Frühling empfangen. Wollte die Museen besichtigen, Sitten und Tiere kennen lernen.“
„Hm! Tiere? Meiner Ansicht nach wollte er es einfach aus Stolz. Was für Tiere denn? Tiere! Gibt es denn bei uns nicht genug Tiere? Wir haben Menagerien, Museen, Kamele ... Bären gibt’s sogar in nächster Nähe von Petersburg. Aber da ist er ja nun glücklich selbst in ein Tier hineingeraten, und noch dazu in ein Krokodil!“
„Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich, der Mensch ist im Unglück, der Mensch wendet sich an Sie als Freund, wie man sich etwa an einen älteren Verwandten wendet, er bittet Sie um Ihren Rat, Sie aber ... machen ihm Vorwürfe! ... So haben Sie doch wenigstens mit Jelena Iwanowna Mitleid!“
„Sie meinen seine Frau? Hm! Ein interessantes Dämchen,“ meinte Timofei Ssemjonytsch, augenscheinlich etwas aufgeweckter, und schnupfte mit Genuß seinen Tabak. „Ein subtiles Frauenzimmerchen. So–o ... rundlich, und das Köpfchen hält sie immer so ein wenig zur Seite geneigt, so ein wenig ... Ja. Sehr angenehm. Andrei Ossipytsch sprach noch vorgestern von ihr.“
„Er _sprach_ von ihr?“
„Jawohl, und zwar in sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Die Büste, sagte er, der Blick, die Coiffure – ein wahres Bonbon, sagte er, aber kein Frauenzimmer, und darnach lachte er. Was wollen Sie, er ist ja ein noch junger Mann.“ Timofei Ssemjonytsch schneuzte sich, als wolle er trompeten.
„Tja, und da haben wir nun diesen anderen jungen Mann, und sehen Sie, was der sich plötzlich für eine exzentrische Laufbahn wählt ...“
„Aber hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes, Timofei Ssemjonytsch!“
„Gewiß, gewiß.“
„Also wie bleibt es denn nun, Timofei Ssemjonytsch?“
„Tja, was kann ich denn hierbei ausrichten?“
„Aber so raten Sie doch wenigstens zu irgend etwas, sagen Sie, was wir tun sollen, Sie sind doch ein erfahrener Mensch! Welche Schritte soll man tun? Soll man durch die Vorgesetzten oder ...“
„Durch die Vorgesetzten? Nein, das in keinem Fall,“ versetzte Timofei Ssemjonytsch eilig. „Wenn Sie meinen Rat zu hören wünschen, so muß man die Sache zuerst vertuschen und sozusagen ganz privatim vorgehen. Denn der Fall ist verdächtig und außerdem neu, noch nie dagewesen. Das ist die Hauptsache, daß es sich hier um etwas Noch-nie-dagewesenes handelt, es hat hierfür noch kein Beispiel, keinen Präzedenzfall gegeben, und schon deshalb ist er eine schlechte Empfehlung ... Daher ist vor allem Vorsicht geboten ... Mag er dort vorläufig liegen. Man muß abwarten, abwarten muß man ...“
„Ja, aber wie lange denn abwarten, Timofei Ssemjonytsch? Und wie, wenn er dort erstickt?“
„Tja, weshalb denn das? Sie sagten doch, glaube ich, daß er sich dort ganz behaglich fühle?“
Ich erzählte nochmals den ganzen Vorgang von Anfang an. Timofei Ssemjonytsch wurde nachdenklich.
„Hm!“ meinte er dann, indem er die Schnupftabakdose in der Hand drehte. „Meiner Ansicht nach kann es nicht schaden, wenn er dort eine Zeitlang abliegt, anstatt sich im Auslande herumzutreiben. Mag er jetzt einmal in Muße nachdenken. Natürlich ist es nicht nötig, dabei zu ersticken, deshalb wäre es angebracht, gewisse Vorkehrungen zur Erhaltung der Gesundheit zu treffen, sich, zum Beispiel, vor Husten in acht zu nehmen, vor diesem und jenem usw. Was aber den Deutschen betrifft, so ist er, meiner persönlichen Ansicht nach, durchaus in seinem Recht, denn es ist _sein_ Krokodil, in das Iwan Matwejewitsch, ohne ihn, den Besitzer, um Erlaubnis zu fragen, hineingekrochen ist, nicht umgekehrt, nicht der Deutsche in Iwan Matwejewitschs Krokodil, obschon übrigens dieser, soviel ich weiß, niemals ein Krokodil besessen hat. Nun, das Krokodil ist aber in diesem Fall persönliches Eigentum, folglich kann man es nicht so ohne weiteres aufschneiden, das heißt – ohne dem Besitzer den geforderten Schadenersatz zu zahlen.“
„Aber zur Rettung eines Menschen, Timofei Ssemjonytsch!“
„Tja, sehen Sie, das ist Sache der Polizei. Also wenden Sie sich an diese.“
„Aber schließlich kann ja Iwan Matwejewitsch auch bei uns vermißt werden. Man kann vielleicht irgendwelche Aufschlüsse von ihm verlangen, ihn zu Rate ziehen wollen ...“
„Wen das? – Iwan Matwejewitsch! He–he! ... Zudem hat er ja jetzt Ferien, folglich ignorieren wir ihn und sein Treiben, – mag er dort inzwischen Europa besichtigen, was geht es uns an! Eine andere Sache ist es, wenn er nach Ablauf der Frist nicht pünktlich erscheint. Nun, dann werden wir uns erkundigen, Nachforschungen anstellen ...“
„Nach drei Monaten! Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich!“
„Tja – ... Es ist seine eigene Schuld! Wer hat ihn gebeten, ins Krokodil zu kriechen? Das käme ja schließlich darauf hinaus, daß der Staat ihm noch eine Wärterin halten muß, das ist aber in keinem Budget vorgesehen. Doch die Hauptsache: das Krokodil ist persönliches Eigentum, folglich tritt hier bereits das sogenannte ökonomische Prinzip in Aktion. Das ökonomische Prinzip aber geht allem voran. Noch vorgestern sprach Ignatij Prokofjitsch auf dem Gesellschaftsabend bei Luka Andrejewitsch ganz vorzüglich über diesen Punkt. Sie kennen doch Ignatij Prokofjitsch? Ein Kapitalist, ^homme d’affaires^, und er redet, wissen Sie, ganz vorzüglich. ‚Wir brauchen Gewerbe,‘ sagt er, ‚Gewerbe tut uns not.‘ Wir müssen es eben schaffen, wir müssen es sozusagen erst gebären. Dazu müssen wir zuerst Kapital schaffen, das heißt, der Mittelstand, die sogenannte Bourgeoisie muß geboren werden. Da wir aber hierzulande selbst kein Kapital haben, müssen wir es aus dem Auslande heranziehen. Vor allem muß man den ausländischen Gesellschaften, die hier den Landankauf im großen betreiben, die ganze Bezirke kaufen wollen, mit günstigeren Bedingungen entgegenkommen. ‚Dieses Gemeindewesen, wie wir es jetzt haben, mit dem gemeinsamen Arbeiten und dem gemeinsamen Besitz, der doch ebensogut wie kein Besitz ist – ist einfach Gift,‘ sagte er, ‚einfach unser Ruin!‘ Und wissen Sie, er redet so mit Feuer, mit Temperament. Nun, ihm steht es auch zu: ein Kapitalist! ... Das ist etwas anderes als ein Beamter. ‚Mit diesem Gemeindewesen,‘ sagt er, ‚wird man weder unser Gewerbe, noch unsere Landwirtschaft heben. Die ausländischen Gesellschaften müßten nach Möglichkeit unser ganzes Land ankaufen und dann müßte man die größeren Bezirke in kleinere teilen, teilen, teilen, in möglichst kleine Parzellen teilen,‘ – und wissen Sie, er sagt das so kategorisch: _tei_–len, _tei_–len, sagt er und schneidet so mit der Hand – ‚und dann die einzelnen Landstücke an die Bauern verkaufen, die sie als persönliches Eigentum erwerben wollen. Oder auch nicht einmal verkaufen, sondern einfach verpachten. Wenn dann das ganze Land in den Händen der ausländischen Gesellschaften sein wird,‘ sagt er, ‚dann kann man jeden beliebigen Preis als Pacht ansetzen. Folglich wird der Bauer allein für sein tägliches Brot dreimal soviel arbeiten, wie er jetzt arbeitet, und sobald es einem paßt, kündigt man ihm. Folglich wird er sich in acht nehmen, wird gehorsam sein, fleißig, und das Dreifache von dem, was er jetzt arbeitet, für denselben Preis leisten. Was fehlt ihm jetzt in der Gemeinde! Er weiß, daß er vor Hunger nicht sterben wird, na, und da faulenzt er eben und säuft. So aber würde hier Geld aus allen Ländern zusammenfließen und würden Kapitale entstehen und eine Bourgeoisie. Es sagt ja auch die große englische Zeitung, The Times, die vor nicht langer Zeit einen Artikel über unsere Finanzen gebracht hat, daß unsere Finanzen sich eben nur deshalb nicht bessern, weil wir keinen Mittelstand haben, weil es bei uns keine großen Beutel gibt und keine arbeitsfähigen Proletarier ...‘ Ja, Ignatij Prokofjitsch spricht gut, das muß man ihm lassen. Ein geborener Redner. Jetzt beabsichtigt er eine Schrift einzureichen, die soll direkt an die Behörden gehen und nachher will er sie in den „Nachrichten“ veröffentlichen. Tja, das ist etwas anderes als Gedichte machen, wie sie ein Iwan Matwejewitsch schreibt ...“
„Ja, aber wie bleibt es denn nun mit Iwan Matwejewitsch?“ lenkte ich wieder ein, nachdem ich den Alten hatte ausreden lassen.
Timofei Ssemjonytsch sprach sich mitunter ganz gern einmal aus, um bei der Gelegenheit zu beweisen, daß er nicht etwa zurückgeblieben, sondern von allen neuen Strömungen wenigstens unterrichtet war.
„Wie es mit Iwan Matwejewitsch bleibt? Tja, das ist es ja, wovon ich rede. Da bemühen wir uns nun um Heranziehung fremden Kapitals, doch kaum hat sich das Kapital des herangezogenen Krokodilbesitzers durch Iwan Matwejewitsch verdoppelt, da wollen wir, anstatt jetzt die Gelegenheit zu benutzen und den ausländischen Besitzer zu protegieren, im Gegenteil nichts weniger als seinem Grundkapital den Bauch aufschlitzen! Nun, ich bitt’ Sie, geht denn das? Meiner Ansicht nach müßte sich Iwan Matwejewitsch, wenn er ein treuer Sohn seines Vaterlandes wäre, aufrichtig glücklich schätzen, sich freuen und stolz darauf sein, daß er durch seine Person den Wert des ausländischen Krokodils verdoppelt oder gar verdreifacht hat. Das aber ist ja die erste Bedingung zu einer erfolgreichen Heranziehung fremden Kapitals. Glückt es hier dem ersten, dann wird auch der zweite nicht lange auf sein Erscheinen warten lassen, und der dritte wird dann vielleicht ganze drei oder vier Krokodile mitbringen, und um diese beginnen dann die Kapitale sich zu gruppieren. Da hätten wir alsdann die Bourgeoisie! Tja, man muß eben begünstigen, begünstigen ...“
„Erbarmen Sie sich, Timofei Ssemjonytsch!“ rief ich aus, „Sie verlangen ja eine ganz übermenschliche Selbstaufopferung vom armen Iwan Matwejewitsch!“
„Ich _verlange_ nichts, und vor allem bitte ich Sie – wie ich es schon einmal getan – nicht zu vergessen, daß ich nicht sein Vorgesetzter bin und somit von niemandem etwas verlangen kann. Ich rede nur als Sohn meines Vaterlandes – das heißt, nicht als ‚Sohn des Vaterlandes‘, wie eine unserer großen Zeitungen sich nennt, sondern als gewöhnlicher Sohn meines Vaterlandes. Und überdies die Frage: wer hat ihn denn gebeten, in dieses Krokodil hineinzukriechen? Bedenken Sie doch nur: ein solider Mensch, ein Beamter, der bereits einen gewissen Rang erreicht hat, außerdem rechtmäßig verheiratet ist, und plötzlich – solch ein Schritt! Sagen Sie doch selbst!“
„Aber dieser Schritt geschah doch ganz unfreiwillig, nur aus Versehen!“
„Wer kann das wissen? Und zudem, aus welcher Kasse soll dem Deutschen das Krokodil bezahlt werden? – wenn Sie mir das gefälligst sagen könnten.“
„Ginge es nicht a Konto des Gehalts?“
„Wird das ausreichen?“
„Nein, freilich nicht,“ mußte ich zu meinem Kummer zugeben. „Der Deutsche erschrak zuerst nicht wenig, denn er glaubte, sein Krokodil würde platzen; dann aber, als er sich überzeugt hatte, daß alles glücklich abgelaufen war, wurde er gerader größenwahnsinnig und freute sich sehr über die Möglichkeit, den Eintrittspreis zu verdoppeln.“
„Zu verdreifachen, zu vervierfachen! Das Publikum wird sich jetzt um Eintrittskarten reißen! Und ein Krokodilbesitzer ist nicht so dumm, daß er das nicht auszunutzen verstände! Nein, ich wiederhole: mag Iwan Matwejewitsch vorläufig ganz inkognito nur beobachten, ohne sich zu übereilen. Mögen es alle meinethalben wissen, daß er sich im Krokodil befindet, aber möge man es nicht offiziell wissen. In dieser Hinsicht trifft es sich sogar sehr gut, daß er offiziell als verreist gilt und man ihn im Auslande glaubt. Wenn man uns also benachrichtigt, daß er sich im Krokodil befindet, so werden wir es eben einfach nicht glauben. Das läßt sich sehr leicht so machen. Die Hauptsache ist also nur: abwarten. Ja, und es hat doch damit gar keine Eile ...“
„Aber wenn er zum Beispiel ...“
„Beunruhigen Sie sich nicht, der ist widerstandsfähig ...“
„Ja aber, was dann, wenn er sich nun geduldet hat?“
„Tja, ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß es ein sehr verzweifelter Fall ist. Mit Überlegungen kommt man hier nicht vorwärts. Aber das Schlimmste ist, daß wir bisher nichts Ähnliches gehabt haben, wie gesagt: uns fehlt ein Präzedenzfall, ein Beispiel. Hätten wir nur einen einigermaßen ähnlichen Fall, so könnte man noch so manches ausrichten. Denn sonst – wie will man sich hier zurechtfinden? Fängt man an nachzudenken, so kann er lange warten ...“
Da kam mir plötzlich ein glücklicher Gedanke.
„Aber könnte man es nicht so machen,“ unterbrach ich ihn, „daß man, wenn er nun einmal im Bauche des Krokodils ist und dieses dank himmlischer Vorsehung nicht früher eingeht, – kann man dann nicht in seinem Namen eine Bittschrift einreichen, daß man ihm diese Zeit als Dienst anrechne? ...“
„Hm! ... es sei denn, daß man sie als Urlaub anrechnet und selbstverständlich kein Gehalt für diese Zeit zu zahlen braucht ...“
„Nein, ginge es nicht mit dem Gehalt?“
„Auf Grund wessen denn das, wenn ich fragen darf?“
„Ach, sehr einfach. Indem man die Sache so hinstellt, als sei er dorthin abkommandiert ...“
„Was! – wohin?“
„In das Krokodil natürlich! ... Und einfach sozusagen zur Nachforschung und Untersuchung der Tatsachen an Ort und Stelle. Das würde natürlich etwas Neues sein, aber zugleich doch fortschrittlich, und außerdem würde es eine Bemühung um Aufklärung sein ...“
Timofei Ssemjonytsch überlegte.
„Einen Beamten,“ begann er endlich, „in das Innere eines Krokodils abzukommandieren, mit _besonderen_ Aufträgen, versteht sich, ist meiner persönlichen Ansicht nach – Unsinn. Im Budget ist so etwas nicht vorgesehen. Und was könnten denn das für Aufträge sein?“
„Vielleicht ... so zur wissenschaftlichen Untersuchung der Naturvorgänge an Ort und Stelle, mitten im Leben sozusagen. Heutzutage ist doch Naturwissenschaft Trumpf ... Da könnte er denn dort leben und alles mitteilen ... nun, gleichviel, sagen wir: wie die Verdauung vor sich geht, so gewissermaßen den Prozeß des Verdauens beobachten, oder sonst etwas Ähnliches. Um eben Tatsachenmaterial zu sammeln ...“
„Das wäre also, sagen wir, etwas in der Art einer analytischen Statistik. Nun, was das betrifft, muß ich sagen, daß ich nicht viel davon verstehe, ich bin kein Philosoph. Sie sagen: Tatsachenmaterial, – wir sind doch ohnehin schon mit Tatsachen überhäuft und wissen nicht, was wir mit ihnen anfangen sollen. Hinzu kommt, daß diese Statistik auch noch gefährlich ist ...“
„Inwiefern denn das?“
„Jawohl: gefährlich. Und zudem – das werden Sie doch einsehen – würde er die Tatsachen mitteilen, indem er auf der Seite liegt. Was ist aber das für ein Dienst, der liegend verrichtet wird? Das wäre schon wieder eine Neueinführung, die außerdem gefährlich ist. Und weiter: es fehlt uns jegliches Beispiel. Tja, wenn Sie uns nur ein einziges kleines Vorbild nennen könnten, wenn auch nur ein einigermaßen ähnliches, so ließe es sich, meiner Ansicht nach, eventuell noch machen, daß man ihn dorthin abkommandiert.“
„Ja, aber bis hierzu ist doch noch kein lebendiges Krokodil nach Rußland gebracht worden, Timofei Ssemjonytsch!“
„Hm! Ja ...“ Er überlegte. „Wenn Sie wollen, ist diese Ihre Einwendung richtig und könnte sogar zur Basis eines entsprechenden Verfahrens in dieser Angelegenheit dienen. Aber andererseits müssen Sie auch wieder in Betracht ziehen, daß mit dem Erscheinen lebender Krokodile die Beamten anfangen würden zu verschwinden, und bald würden sie alle verlangen, zumal es dort warm und weich ist, abkommandiert zu werden, um dann auf der Bärenhaut liegen zu können ... das ist doch, nicht wahr, ein schlechtes Beispiel! So kann ja schließlich ein jeder dorthin wollen, um auf diese Weise sein Gehalt ohne jede Mühe zu erhalten.“
„Nun, jedenfalls werden Sie doch ein gutes Wort für ihn einlegen, Timofei Ssemjonytsch? Bei der Gelegenheit: Iwan Matwejewitsch hat mich gebeten, Ihnen eine kleine Kartenschuld zu übergeben, sieben Rubel waren es, glaube ich.“
„Ach richtig, die verlor er letztens bei Nikifor Nikiforytsch. Ich weiß. Und wie guter Laune er damals war, er scherzte, lachte, und jetzt! ...“
Der alte Mann war aufrichtig gerührt.
„Also Sie tun etwas für ihn, Timofei Ssemjonytsch?“
„Gewiß, gewiß. Ich werde mich so unter der Hand erkundigen, nur um zu sondieren ... Aber übrigens – könnten Sie nicht irgendwie, sagen wir, inoffiziell, so auf Umwegen in Erfahrung bringen, wieviel der Besitzer nötigen Falles für sein Krokodil verlangen würde?“
Timofei Ssemjonytsch war ersichtlich gütiger geworden.
„O, unbedingt,“ versprach ich freudig, „und wenn Sie erlauben, werde ich bei Ihnen vorsprechen, sobald ich es erfahren habe.“
„Und seine Frau ... die ist jetzt wohl allein zu Hause? Langweilt sich?“
„Würden Sie sie nicht besuchen, Timofei Ssemjonytsch?“
„Gewiß, gewiß. Ich dachte schon gestern daran, und jetzt ist es ja eine so günstige Gelegenheit ... Tja, was ihn nur geplagt haben mag, das Krokodil zu besehen. Übrigens werde ich es mir doch auch einmal anschauen müssen ...“
„Ja, besuchen Sie doch den Armen.“