Part 20
„He! Sie! Mein Herr! Warten Sie, kommen Sie zurück ... köch-köch!“ rief ihm plötzlich die heisere Stimme des Alten nach.
Iwan Andrejewitsch kehrte zurück.
„Ich kann den Kater Wassjka nicht finden – sagen Sie, war er nicht unter dem Bett, als Sie dort waren?“
„Nein, da war er nicht, Exzellenz ... Übrigens, es freut mich wirklich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich rechne es mir zur großen Ehre an ...“
„Er hat jetzt Schnupfen und da schnurrt er immer und niest! Man muß ihn wieder einmal prügeln.“
„Ja, Exzellenz, gewiß; Erziehungsstrafen sind bei Haustieren sehr angebracht.“
„Was?“
„Ich sagte nur, daß Erziehungsstrafen, Exzellenz, bei Haustieren sehr angebracht sind, um sie an Gehorsam zu gewöhnen.“
„Ah? Wirklich? ... Nun, mit Gott, das war alles, was ich wissen wollte, besten Dank! Köch-köch!“
Als Iwan Andrejewitsch auf die Straße trat, blieb er lange Zeit regungslos auf einem Fleck stehen, als erwarte er im Augenblick einen Schlaganfall. Dann nahm er langsam den Hut ab, wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, schüttelte sich, dachte nach und begab sich nach Haus.
Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, zu Hause angelangt, erfuhr, daß Glafira Petrowna schon längst aus dem Theater zurückgekehrt war, daß ihre Zähne zu schmerzen begonnen hatten, daß sie nach dem Arzt und nach Blutegeln gesandt, und daß sie nun im Bett lag und voll Ungeduld ihren Gatten erwartete.
Iwan Andrejewitsch schlug sich zuerst vor die Stirn, dann verlangte er Wasser und Bürsten, um sich zu waschen und zu reinigen, und erst nachdem dies geschehen war, entschloß er sich, das Schlafgemach seiner Frau zu betreten.
„Jetzt sagen Sie mir, bitte, wo Sie die Nächte zubringen! So sehen Sie doch, wie Sie aussehen! Wo waren Sie? Das ist doch noch nicht dagewesen: während die Frau zu Hause fast im Sterben liegt, ist der Mann in der ganzen Stadt nicht zu finden! Wo waren Sie? Oder waren Sie wieder auf der Suche nach mir, um mich bei einem Rendezvous zu ertappen, zu dem ich Gott weiß wen bestellt haben soll? Schämen Sie sich denn nicht? Das will ein Mann sein! Bald wird man mit dem Finger auf Sie weisen!“
„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, doch verspürte er schon im selben Augenblick eine solche Rührung, daß er nach seinem Taschentuch greifen mußte, da es ihm zu einer Rede an Worten, Gedanken und Luft gebrach ... Doch wer beschreibt seinen Schreck, sein grauenvolles Entsetzen, als aus seiner Rocktasche, aus der er das Taschentuch hervorzog, plötzlich die Leiche Amischkas herausfiel! Er war sich dessen gar nicht bewußt, daß er im Augenblick der größten Verzweiflung, als er gezwungen war, unter dem Bett hervorzukriechen, die Leiche seines Opfers in die Tasche gesteckt hatte, vielleicht in einer Art Selbsterhaltungstrieb, um die Spuren seiner Tat zu verbergen und somit der Strafe zu entgehen.
„Was ist das?“ rief entsetzt seine Gattin. „Ein totes Hündchen! Gott! Woher kommt das? ... Was fällt Ihnen ein? ... Wo waren Sie? Sagen Sie sofort, wo Sie waren!“
„Herzchen!“ stammelte Iwan Andrejewitsch, dessen eigenes Herz beinahe stille stand, „Herzchen! ...“
Doch nun ziehen wir vor, unseren Helden zu verlassen, denn hier setzt etwas ganz Neues ein, das mit seinen früheren Abenteuern nichts Gemeinsames hat. Es ist möglich, daß ich noch einmal alle diese Unglücksfälle mit ihren Schicksalstücken wiedergebe ... Nur eines müssen Sie, meine verehrten Leser, mir heute schon zugeben: daß Eifersucht eine unverzeihliche Leidenschaft ist, ja sogar noch mehr als das: sogar ein – Unglück! ...
Das Krokodil
Eine außergewöhnliche Begebenheit oder Eine Passage in der Passage
Eine wahrheitsgetreue Erzählung der besagten Begebenheit, wie ein gewisser Herr in der Passage von einem Krokodil ganz und gar verschlungen wurde und welche Folgen das hatte.
I.
Am dreizehnten Januar des laufenden Jahres sprach plötzlich um halb ein Uhr mittags Jelena Iwanowna, die Gattin Iwan Matwejewitschs, meines gelehrten Freundes, Kollegen und halb und halb sogar entfernten Verwandten, den Wunsch aus, das Riesenkrokodil, das man gegen eine gewisse Zahlung in bar seit kurzer Zeit in der Passage bewundern konnte, mit eigenen Augen zu sehen. Iwan Matwejewitsch, der das Billett für seine Reise ins Ausland – die er weniger aus Gesundheitsgründen, als aus Neugier zu unternehmen beabsichtigte – bereits in der Tasche hatte, sich also vom Dienst schon quasi entbunden betrachtete und sich demzufolge an diesem Tage von allen Pflichten frei und ledig fühlte, hatte nicht nur nichts gegen diesen Wunsch einzuwenden, sondern entbrannte alsbald sogar selber in reger Wißbegier für die Sehenswürdigkeit.
„Eine prächtige Idee!“ sagte er sehr zufrieden, „nehmen wir das Krokodil in Augenschein! Es ist nicht übel, wenn man, bevor man ins Ausland reist, erst einmal gründlich das Inland mit allen seinen Tieren kennen gelernt hat.“
Mit diesen Worten reichte er seiner jungen Gemahlin den Arm, um mit ihr in die Passage zu gehen. Wie gewöhnlich schloß ich mich ihnen an, denn ich war und bin ja der Hausfreund.
Noch nie hatte ich Iwan Matwejewitsch bei besserer Laune gesehen, als an diesem denkwürdigen Vormittage, – wieder ein Beweis dafür, daß wir nicht ahnen, was uns bevorsteht! Als wir die Passage betraten, äußerte er sich ganz entzückt über den Bau des Gebäudes, und als wir beim Ausstellungsraum, in dem man das neuerdings in der Hauptstadt eingetroffene Ungeheuer bewundern konnte, angelangt waren, wünschte er aus eigenem Antriebe auch für mich den vorschriftsmäßigen Obolus dem Besitzer des Krokodils in die Hand zu drücken, was vordem noch nie von ihm aus geschehen war. Wir wurden in ein nicht sehr großes Zimmer geführt, in dem sich außer dem Krokodil noch Papageien, eigenartige Kakadus und in einem besonderen Käfig an der Wand mehrere Affen befanden. Gleich beim Eingang aber, links von der Tür, stand ein großer Blechkasten – der Form nach einer Wanne nicht unähnlich –, den oben ein starkes Drahtnetz zudeckte und auf dessen Boden etwa einen Zoll tief Wasser stand. Und in dieser flachen Pfütze lag ein riesengroßes Krokodil, lag regungslos wie ein Balken und hatte in unserem feuchten, ungastlichen Klima augenscheinlich alle seine sonstigen Eigenschaften eingebüßt. Dieses erklärt wohl auch den Umstand zur Genüge, daß es in uns durchaus kein besonderes Interesse für sich hervorzurufen vermochte.
„Das also ist das Krokodil!“ meinte Jelena Iwanowna, fast mitleidig in gezogenem Tone, „und ich dachte, daß es ... ganz anders aussähe.“
Anzunehmen ist, daß sie sich überhaupt nichts gedacht hatte.
Währenddessen blickte uns der Besitzer des Ungeheuers, ein Deutscher, sehr stolz und sehr selbstzufrieden an.
„Er hat recht,“ raunte mir Iwan Matwejewitsch zu, „denn ihm gebührt die Ehre, augenblicklich der einzige Mensch zu sein, der in Rußland ein Krokodil besitzt.“
Diese recht überflüssige Bemerkung Iwan Matwejewitschs schreibe ich gleichfalls seiner gehobenen Stimmung zu, da er sonst recht neidisch zu sein pflegte.
„Ich glaube, Ihr Krokodil ist gar nicht lebendig,“ äußerte sich Jelena Iwanowna, pikiert durch die Haltung des Deutschen, mit graziösem Lächeln sich an ihn wendend, um auch diesen Grobian zu besiegen, – ein Manöver, das die Frauen ja so gern üben.
„O nein, Madame,“ versetzte der Deutsche in gebrochenem Russisch und begann sogleich, indem er das Drahtnetz aufhob, mit einem Stückchen das Krokodil auf den Kopf zu stoßen.
Da entschloß sich das heimtückische Ungeheuer, zum Beweise seiner Lebendigkeit, kaum-kaum den Schwanz zu bewegen, dann rührte es auch die Vorderpfoten und erhob ein wenig seine gefräßige Schnauze, worauf es einen eigentümlichen Laut von sich gab, der in etwas an ein langsames Schnarchen erinnerte.
„Na, ärgere dich nicht, Karlchen!“ sagte der Deutsche schmeichelnd, sichtlich befriedigt in seiner Eigenliebe.
„Wie widerlich dieses Tier ist! Ich erschrak ordentlich, als es sich zu bewegen begann,“ sagte Jelena Iwanowna noch koketter. „Jetzt werde ich es womöglich im Traume sehen!“
„Aber er wird Sie nicht beißen, Madame,“ versetzte mit einem Anflug von Galanterie der Deutsche, worauf er als erster über seine eigenen Worte zu lachen begann; von uns jedoch lachte niemand.
„Gehen wir, Ssemjon Sjemjonytsch“ wandte sich Jelena Iwanowna ausschließlich an mich, „sehen wir uns lieber die Affen an. Ich liebe Affen über alles! Einzelne sind geradezu süß, sind so reizend! ... das Krokodil aber ist einfach abscheulich.“
„O, sei nicht so bange, meine Liebe,“ rief uns Iwan Matwejewitsch nach, dem es angenehm war, vor seiner Gattin den Mutigen zu spielen, „dieser schläfrige Landsmann Pharaos wird keinem ein Leid antun,“ – und er blieb beim Blechkasten. Ja, er kitzelte sogar mit seinem Handschuh die Nase des Krokodils, um es, wie er später selbst eingestand, zu veranlassen, nochmals zu schnarchen. Der Besitzer der Menagerie folgte indes Jelena Iwanowna, als der einzigen anwesenden Dame, zum weitaus interessanteren Affenkäfig.
Bis dahin war alles gut abgelaufen und niemand hätte etwas Schlimmes voraussehen können. Jelena Iwanowna gab sich ganz ihrem Entzücken hin, in das die Affen und Äffchen sie versetzten; sie schrie mitunter leise auf vor Vergnügen und wandte sich immer wieder an mich, um mich bald auf diesen, bald auf jenen Affen aufmerksam zu machen, von denen jeder auffallende Ähnlichkeit mit einem ihrer Bekannten und Freunde haben sollte. Ihre Heiterkeit steckte auch mich an, denn die Ähnlichkeit war bisweilen in der Tat ganz verblüffend. Nur der Menageriebesitzer, der von Jelena Iwanowna als Luft behandelt wurde, wußte nicht, ob er lachen oder ob er ernst bleiben sollte, und deshalb wurde er zum Schluß sehr brummig. Doch gerade in dem Augenblick, als mir die Übellaunigkeit des Deutschen auffiel, erschütterte plötzlich ein entsetzlicher, ja, ich kann sogar sagen, ein widernatürlicher Schrei die Luft. Ich wußte nicht, was ich denken sollte und stand wie erstarrt, als ich hörte, daß auch Jelena Iwanowna aufschrie – da wandte ich mich zurück und ... was erblickte ich! Ich erblickte – o Gott! – ich erblickte den armen Iwan Matwejewitsch quer im entsetzlichen Rachen des Krokodils, das ihn in der Mitte des Körpers gefaßt hatte. Ich sah ihn nur noch einen Augenblick, wie er, horizontal in der Luft schwebend, wie ein Verzweifelter mit den Beinen und Armen fuchtelte, und dann – verschwunden war.
Doch ich will dieses denkwürdige Ereignis ausführlicher schildern. Während des ganzen Vorgangs stand ich wie ein lebloser Gegenstand, der nur hörte und sah – deshalb ist mir nichts entgangen. Ich entsinne mich nicht, jemals in meinem Leben mit größerem Interesse einem Vorgang zugeschaut zu haben, als ich es in jenem Augenblick tat. „Denn,“ dachte ich bei mir – soviel Überlegungskraft besaß ich doch noch! – „wie, wenn das, anstatt mit Iwan Andrejewitsch, mit mir geschehen wäre – wie groß würde dann die Unannehmlichkeit sein!“ Doch zur Sache.
Das Krokodil begann damit, daß es den armen Iwan Matwejewitsch in seinem Rachen mit den Beinen zu sich drehte und dann einmal schluckte, – und seine Beine waren bis zur Wade verschwunden. Dann, nachdem es wie ein Wiederkäuer einmal aufstieß – was unseren Iwan Matwejewitsch wieder ein wenig hervorstieß, so daß dieser, der sich vergeblich bemühte, herauszuspringen, sich krampfhaft an den Kastenrand klammern konnte – schluckte das Ungeheuer zum zweitenmal, und mein Freund verschwand bis zu den Lenden. Dann, nachdem es wieder aufgestoßen, schluckte es noch einmal, und dann noch einmal. So sahen wir, wie Iwan Matwejewitsch vor unseren Augen im Ungeheuer verschwand. Endlich, nachdem es zum letztenmal geschluckt, hatte das Krokodil meinen gelehrten Freund tatsächlich restlos verschlungen. Nun traten an der Oberfläche des Krokodils Wölbungen hervor, an denen man erkennen konnte, wie Iwan Matwejewitsch mit all seinen Gliedmaßen langsam in den Bauch des Tieres zu gleiten begann. Ich war bereits im Begriff, wieder aufzuschreien, als das Schicksal sich noch einmal gewissenlos über uns lustig machte: das Krokodil blähte sich, rülpste – offenbar war ihm die verschlungene Portion doch zu groß – und öffnete nach einem neuen Aufstoß seinen entsetzlichen Rachen, aus dem plötzlich, zusammen mit dem Aufstoß oder gewissermaßen als dessen Personifikation noch einmal, zum letztenmal, auf einen Augenblick der Kopf Iwan Matwejewitschs herausfuhr und wieder verschwand, sodaß wir nur eine Sekunde lang sein verzweifeltes Gesicht gesehen hatten, von dessen Nase im Moment, als sie über den Rand des Unterkiefers hinausragte, die Brille in das zolltiefe Wasser auf dem Boden des Blechkastens fiel. Es hatte fast den Anschein, als sei dieser verzweifelte Kopf nur deshalb hervorgekommen, um noch einmal, zum letztenmal, einen Blick auf alle Gegenstände zu werfen und bewußt von allen weltlichen Freuden Abschied zu nehmen. Doch die Frist war gar zu kurz bemessen: das Krokodil hatte schon einige Kräfte gesammelt und schluckte von neuem und der Kopf verschwand wieder, diesmal, um nicht mehr zum Vorschein zu kommen.
Dieses Erscheinen und Verschwinden eines noch lebenden Menschenkopfes war so entsetzlich, gleichzeitig aber – sei es infolge der Überraschung, der Geschwindigkeit oder weil ihm die Brille von der Nase fiel – war es so unsäglich komisch, daß ich plötzlich schallend auflachte. Natürlich besann ich mich sogleich – es ging doch nicht an, daß ich in meiner Eigenschaft als Hausfreund in einem solchen Augenblick lachte! – wandte mich daher schnell zu Jelena Iwanowna und sagte so mitfühlend als möglich:
„Jetzt ist es aus mit unserm Iwan Matwejewitsch!“
Leider fühle ich mich der Aufgabe, die Erregung Jelena Iwanownas während des ganzen Vorgangs zu schildern, nicht gewachsen. Ich kann nur sagen, daß sie nach dem ersten Schrei gleichsam wie gelähmt in vollkommener Regungslosigkeit verharrte und scheinbar ganz gleichgültig, nur mit weit aufgerissenen, sogar ein wenig hervorquellenden Augen dem Vorgang zusah; erst als das Haupt ihres Gemahls zum zweitenmal verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam, kehrten ihre Lebensgeister zurück und sie begann herzzerreißend zu schreien. Da wußte ich mir nicht anders zu helfen, als ihre Hände zu erfassen und sie krampfhaft festzuhalten. In diesem Augenblick erwachte auch der Deutsche aus seiner Erstarrung; er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schrie:
„O, mein Krokodil! O, mein allerliebstes Karlchen! Mutter, Mutter, Mutter!“
Darauf öffnete sich eine Hintertür und die „Mutter“ erschien: eine bejahrte, rotwangige Frau mit einer Haube auf dem Kopf, doch sonst ziemlich unordentlich gekleidet. Als sie die Verzweiflung ihres Mannes sah, stürzte sie ganz verstört herbei.
Und nun setzte ein ganzes Sodom ein: Jelena Iwanowna rief immer nur dies eine Wort: „Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden!“ und stürzte bald zum Deutschen, bald zur Mutter, die sie allen Anzeichen nach anflehte – wohl in einem Augenblick des Vergessens und der Selbstverleugnung – irgend jemanden oder irgendetwas aufzuschneiden. Der Besitzer aber und die „Mutter“ beachteten weder sie noch mich und heulten wie die Kettenhunde an ihrem Blechkasten.
„Er ist verloren, er wird sogleich platzen, er hat einen ganzen Menschen verschlungen!“ schrie der Besitzer des „Karlchen“.
„Ach Gott, ach Gott, unser allerliebstes Karlchen muß sterben!“ jammerte die Mutter.
„Sie haben uns zu Waisen gemacht, wir sind brotlos geworden!“ schrie wieder der Deutsche, und –
„Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“ jammerte wieder die Mutter.
„Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden! Sie müssen das Tier schlachten!“ flehte und befahl Jelena Iwanowna, die sich an den Rock des Deutschen klammerte.
„Er hat mein Krokodil gereizt, – weshalb hat Ihr Mann mein Krokodil gereizt?“ schrie der Deutsche. „Wenn mein Karlchen jetzt platzt, müssen Sie ihn mir bezahlen! Ich werde Sie auf Schadenersatz verklagen! Das war mein Sohn, das war mein einziger Sohn!“
Ich muß gestehen, daß ich über diesen Egoismus des eingewanderten Deutschen und diese Hartherzigkeit seiner unordentlichen „Mutter“ nicht wenig entrüstet war. Auch Jelena Iwanownas immer wieder wiederholte Bitte trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Besorgt dachte ich an die Möglichkeit, daß jeden Augenblick gerade aus einem der anstoßenden Lokale der Passage, in dem jemand eine Rede über Pflanzenkost hielt, ein Vegetarianer die Menagerie betreten konnte – und was konnte es da nicht alles für Mißverständnisse geben, wenn sie noch lange fortfuhr, immer nur diese eine Bitte flehentlich und angstvoll zu wiederholen? Und in der Tat sollte es sich bald zeigen, daß meine Befürchtungen nicht grundlos waren: Zu meinem Entsetzen sah ich, wie plötzlich der Vorhang, der den Ausstellungsraum von der „Kasse“ trennte, zur Seite gezogen wurde und im Türrahmen eine bärtige Gestalt mit einer Beamtenmütze in der Hand erschien, eine Gestalt, die nicht eintrat, wie zu erwarten stand, sondern die sich in stark vorgebeugter Stellung mit den Füßen jenseits der Schwelle hielt und ersichtlich sehr darauf bedacht war, diese Schwelle nicht zu überschreiten, um nicht wegen des Eintrittsgeldes, das der Unbekannte offenbar nicht zu zahlen gewillt war, vom Direktor der Menagerie belästigt zu werden.
„Ihr Wunsch, meine Gnädigste,“ sagte der Unbekannte, bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, „macht Ihrer geistigen Entwicklung wenig Ehre und ist nur auf den Mangel an Phosphorgehalt in Ihrem Gehirn zurückzuführen. Sie werden wohl nichts dagegen haben, wenn die Repräsentanten des Fortschritts und der Humanität Sie in ihren satirischen Zeitschriften der nötigen Kritik unterwerfen, und ...“
Doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, seine Rede zu beenden, denn als der Menageriebesitzer zu seinem Entsetzen einen Menschen im „Ausstellungsraume“ sprechen hörte, der für dieses Vergnügen nichts gezahlt hatte, stürzte er in heller Empörung auf ihn zu und stieß ihn, den humanen Repräsentanten des Fortschritts, unter deutschen Kernausdrücken zur Tür hinaus: wir vernahmen nur noch ihre wortreiche Auseinandersetzung hinter dem Vorhang. Doch der Deutsche kehrte sehr bald zurück, um seine Wut, in die er sich hineingeredet, nunmehr an der armen Jelena Iwanowna auszulassen, die es gewagt hatte, eine Operation seines Karlchen zu verlangen, um ihren Gatten zu retten.
„Was! Sie wollen, daß meinem Karlchen der Bauch aufgeschlitzt werden soll!“ schrie er. „Lassen Sie doch Ihren Mann aufschlitzen! ... _Mein_ Krokodil! Mein Vater hat das Krokodil schon gezeigt, mein Großvater hat das Krokodil gezeigt und mein Sohn wird es wieder zeigen, und so lange ich lebe werde ich es gleichfalls zeigen! Alle werden wir es zeigen! Ich bin in ganz Europa bekannt, Sie aber sind nicht in Europa bekannt, deshalb werden Sie mir Strafe zahlen, verstanden, Madame!“
„Ja, ja!“ pflichtete ihm seine böse dreinblickende Frau Mutter bei, „wir werden Sie verklagen, wenn unser Karlchen platzt!“
„Übrigens wäre es auch zwecklos, das Tier aufzuschneiden,“ wandte ich ziemlich ruhig ein, um Jelena Iwanowna zu besänftigen und sie dann zu bewegen, nach Hause zurückzukehren, „denn unser lieber Iwan Matwejewitsch wird sich bereits aller Wahrscheinlichkeit nach in den Gefilden der Seligen befinden.“
„Mein Freund!“ ertönte da plötzlich unerwartet die Stimme Iwan Matwejewitschs, die uns alle erstarren machte, „mein Freund, du täuschest dich. Mein Rat wäre, sich direkt an den Polizeioffizier dieses Quartals zu wenden, denn ohne polizeilichen Nachdruck wird dieser Deutsche schwerlich die Wahrheit begreifen.“
Diese Worte, die noch dazu in festem, überzeugungsvollem Tone gesprochen waren und in dieser Lage doch eine seltene Geistesgegenwart verrieten, waren so überwältigend, daß wir unseren Ohren nicht trauten. Nichtsdestoweniger eilten wir natürlich sogleich zum Blechkasten und lauschten mit mindestens ebenso großem Mißtrauen als unfreiwilliger Ehrfurcht den Worten des armen Gefangenen. Seine Stimme klang wie diejenige eines Menschen, der sich in einem anderen Zimmer ein Kissen vor den Mund preßt und schreiend laut spricht, etwa um das Gespräch zweier Bauern nachzuahmen, die durch einen Fluß getrennt sich von Ufer zu Ufer allerlei zuschreien, – ein Scherz, den ich einmal auf einem Polterabend das Vergnügen hatte, kennen zu lernen.
„Iwan Matwejewitsch, Liebster, sag’, so lebst du noch?“ fragte Jelena Iwanowna bebend.
„Ich lebe und befinde mich wohl,“ antwortete Iwan Matwejewitschs fernher leise schreiende Stimme, „denn ich bin dank himmlischer Vorsehung ohne jede Körperverletzung verschlungen. Was mich beunruhigt, ist nur die Frage, wie meine Vorgesetzten diesen Zwischenfall auffassen werden; denn wenn man das Billett zu einer Auslandsreise in der Tasche hat und dabei nur in das Innere eines Krokodils gelangt, wird man schwerlich auf Scharfsinn schließen.“
„Aber, Liebster, beunruhige dich jetzt doch nicht wegen des Scharfsinns!“ sagte Jelena Iwanowna. „Die Hauptsache ist doch, daß man dich irgendwie von dort herauszieht.“
„Herauszieht!“ rief der Deutsche nahezu entrüstet aus. „Das lasse ich einfach nicht zu! Jetzt wird’s noch einmal so viel Publikum geben und ich werde fünfzig Kopeken statt fünfundzwanzig pro Person nehmen, und Karlchen fällt’s nicht ein, zu platzen!“
„Gott sei Dank!“ äußerte sich seine Frau dazu.
„Er hat recht,“ bemerkte ruhig Iwan Matwejewitsch, „zuerst kommt das ökonomische Prinzip.“
„Mein Freund!“ rief ich ihm eifrig und möglichst laut zu, „ich werde mich sogleich schleunigst zu deinen Vorgesetzten begeben, denn mir ahnt, daß wir allein hier nichts werden ausrichten können.“
„Das denke ich auch,“ sagte Iwan Matwejewitsch, „nur wird es in unserer Zeit der Handelskrisis schwer halten, ohne finanzielle Entschädigung den Leib des Krokodils aufzutrennen, doch ist damit gleichzeitig die Frage aufgeworfen: wieviel wird der Besitzer für sein Krokodil verlangen? Und diese Frage zieht eine zweite nach sich: wer wird es bezahlen? Denn wie du weißt, bin ich kein Kapitalist! ...“
„Ginge es nicht a Konto des Gehalts? ...“ wagte ich schüchtern vorzuschlagen, doch der Besitzer des Krokodils unterbrach mich sogleich:
„Ich verkaufe mein Krokodil überhaupt nicht! Ich kann dafür dreitausend Rubel verlangen, ich kann sogar viertausend verlangen! Jetzt wird das Publikum herbeiströmen – ich kann auch fünftausend verlangen für mein Krokodil!“
Kurz, er begann sich ganz entsetzlich zu brüsten. Habgier leuchtete in seinen Augen.
„Ich fahre also!“ rief ich meinem Freunde, innerlich empört, zu.
„Ich auch, ich auch! Ich werde persönlich zu Andrei Ossipytsch fahren und ihn durch meine Tränen zu erweichen suchen!“ sagte Jelena Iwanowna erregt.
„Nein, tue das nicht, meine Liebe,“ versetzte Iwan Matwejewitsch schnell, denn lange schon hegte er eifersüchtigen Groll gegen diesen Andrei Ossipytsch: er wußte, daß seine Frau sehr gern zu diesem Allmächtigen gefahren wäre, um sich ihm zur Abwechslung einmal in Tränen zu zeigen, zumal ihr Tränen sehr gut standen. „Und dir, Ssemjon Ssemjonytsch,“ wandte er sich an mich, „möchte ich gleichfalls abraten, zu meinen Vorgesetzten zu gehen; man kann nicht wissen, was daraus schließlich noch entsteht. Aber fahre heute mal zu Timofei Ssemjonytsch, so, weißt du, ganz privatim. Er ist zwar ein altmodischer und etwas beschränkter Mensch, dafür aber solide und, was die Hauptsache ist, gerade heraus. Grüße ihn von mir und erkläre ihm den Sachverhalt. Ich schulde ihm noch sieben Rubel – ich verlor sie im Kartenspiel – sei also so gut und übergib sie ihm bei der Gelegenheit; das wird den Alten günstiger stimmen. Jedenfalls kann uns sein Rat zur Richtschnur dienen. Jetzt aber sei so freundlich und bringe Jelena Iwanowna nach Hause ... Beruhige dich, meine Liebe,“ fuhr er fort, „ich bin nur müde geworden von diesem Geschrei und will ein wenig schlafen. Hier ist es zum Glück warm und weich, obschon ich noch nicht Zeit gehabt habe, mich genauer in meinem neuen Heim umzusehen ...“
„Umzusehen? Ist es denn dort so hell?“ forschte neugierig, doch sichtlich erfreut Jelena Iwanowna.