Sämtliche Werke 17

Part 19

Chapter 193,797 wordsPublic domain

„Ja, das scheint mir auch,“ meinte der Greis bedächtig. „Über uns! ... Habe ich dir schon erzählt, daß ich einem jungen Mann – Köch-köch! einem jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen – Köch-köch! Ach, mein Gott und Vater! – mein Rücken! ... einem jungen Fant soeben begegnet bin, mit einem Schnurrbärtchen ...“

„Mit einem Schnurrbärtchen! Großer Gott, das sind gewiß Sie!“ flüsterte Iwan Andrejewitsch entsetzt.

„Herrgott, ist das ein Mensch! Ich bin doch hier, hier unter dem Bett, liege hier dicht neben Ihnen! Wo kann er mir denn begegnet sein! Aber so fahren Sie mir doch nicht ewig mit Ihren Händen ins Gesicht!“

„Gott, ich werde sogleich ohnmächtig werden!“

In diesem Augenblick hörte man in der Wohnung darüber allerdings großen Lärm.

„Was mögen sie dort nur treiben?“ fragte sich der junge Mann.

„Mein Herr! Ich zittere, mir graut! Helfen Sie mir!“

„Sst!“

„Ja, mein Herzchen, jetzt höre ich es ganz deutlich, es ist ja fast ein Höllenspektakel dort oben. Und das gerade über deinem Schlafzimmer. Sollte man da nicht hinaufschicken, und um Ruhe bitten lassen?“

„Ach, das fehlte noch!“

„Nun, nun, schon gut, dann nicht. Warum bist du heute so böse?“

„Oh, ^mon Dieu^! Werden Sie nicht bald schlafen gehn?“

„Lisa, du liebst mich gar nicht.“

„Ach, gewiß liebe ich Sie! Nur ... um Gotteswillen, ich bin so müde.“

„Nun, nun, schon gut, ich gehe ja schon.“

„Ach, nein, nein, gehen Sie nicht fort!“ rief die junge Frau plötzlich angstvoll. „Oder nein, gehen Sie, gehen Sie!“

„Was hast du nur, mein Herzchen! Bald sagst du, ich soll fortgehen, bald wieder, ich soll hierbleiben ... Köch-köch! Aber es wäre wirklich Zeit zum ... Köch-köch! Bei Panafidins hatten die kleinen Mädchen ... Köch-köch! ... Mädchen ... Köch! Eine Nürnberger Puppe sah ich bei der Kleinen, köch-köch! ...“

„Ach, jetzt redet er noch von Puppen!“

„Köch-köch! Eine sehr schöne Puppe war es ... Köch-köch!“

„Er verabschiedet sich schon!“ flüsterte der junge Mann seinem Leidensgenossen zu, „er geht und dann können wir sogleich hinausschlüpfen. Hören Sie? So freuen Sie sich doch!“

„O, gäbe Gott! Gäbe Gott!“

„Das war eine Lehre für Sie ...“

„Junger Mann! Was für eine Lehre? Wofür? Ich fühle, daß ... Doch Sie sind noch zu jung, Sie können mir keine Lehre geben.“

„Trotzdem gebe ich sie aber ... Hören Sie?“

„Gott! Ich will niesen! ...“

„Sst! Wenn Sie es nur wagen!!“

„Aber was soll ich denn tun? Es riecht hier nach Mäusen, ich habe Staub eingeatmet! Ich kann doch nicht! Geben Sie mir mein Taschentuch, aus meiner Rocktasche, um Gotteswillen, ich kann mich nicht rühren ... O Gott, o Gott! Wofür werde ich so gestraft?“

„Da haben Sie Ihr Taschentuch! Wofür Sie bestraft werden, das will ich Ihnen sogleich sagen: Sie sind eifersüchtig. Auf Grund Gott weiß welcher Zweifel rennen Sie wie ein Verrückter durch die Straßen der Stadt, brechen in fremde Häuser ein, belästigen die Menschen in ihren Wohnungen, verursachen einen Skandal ...“

„Junger Mann! Ich habe noch keinen Skandal verursacht!“

„Schweigen Sie!“

„Junger Mann, Sie können und dürfen mir nicht Moral predigen! Ich bin moralischer als Sie!“

„Schweigen Sie!“

„O Gott, o Gott!“

„Sie verursachen einen Skandal, erschrecken eine schöne junge Frau, die nicht weiß, wo sie sich vor Angst lassen soll, und die vielleicht noch krank werden wird von dieser ganzen Aufregung; Sie beunruhigen einen ehrwürdigen Greis, der durch seine verschiedenen Leiden ohnehin schon genug gequält wird, einen Greis, der vor allen Dingen der Ruhe bedarf, – und das alles aus welchem Grunde? Nur weil Sie sich da irgendeinen Unsinn in den Kopf gesetzt haben, mit dem Sie nun durch alle Gassen und in alle Häuser laufen! Begreifen Sie auch, begreifen Sie auch, in welches Licht Sie sich selbst gestellt haben, als was Sie dastehen, was man von Ihnen denken muß? Fühlen, begreifen Sie das auch wirklich so, wie es sich gehört?“

„Mein Herr! Gut! Ich fühle es! Aber Sie haben kein Recht ...“

„Schweigen Sie! Was reden Sie hier von Recht oder kein Recht! Begreifen Sie denn nicht, wie tragisch das enden kann? Begreifen Sie denn nicht, daß dieser Greis, der seine junge Frau über alles liebt, einfach irrsinnig werden kann, wenn er sieht, wie Sie unter dem Bett seiner Frau hervorkriechen? Doch nein, Sie können nicht die Ursache einer Tragödie sein! Wenn Sie hervorkriechen, muß ein jeder, denke ich, sich vor Lachen krummbiegen. Ich würde viel dafür geben, könnte ich Sie mal bei Licht betrachten! Sie müssen ja zum Platzen komisch sein!“

„Und Sie? In einer solchen Lage, unter dem Bett hervorkriechend, würden Sie gleichfalls lächerlich sein. Auch ich würde Sie gern einmal bei Licht betrachten.“

„Sie!!“

„Ihrem Gesicht wird zweifellos der Stempel der Unsittlichkeit aufgedrückt sein, junger Mann!“

„Ah! Sie kommen wieder auf die Sittlichkeit zu sprechen! Woher wissen Sie denn, weshalb ich hier bin? Ich bin irrtümlicherweise hierher geraten, ich wollte eine Treppe höher hinauf. Und der Teufel mag wissen, weshalb man mich hereingelassen hat! Offenbar muß sie selbst jemanden erwartet haben – doch, versteht sich, jedenfalls nicht Sie. Ich versteckte mich sofort unter dem Bett, als ich Ihre Schritte hörte und als ich sah, daß die Dame so heftig erschrak. Zudem war es hier noch ziemlich dunkel. Übrigens kann auch meine Anwesenheit Ihre Anwesenheit noch lange nicht rechtfertigen. Sie sind, mein Herr, nichts als ein lächerlicher eifersüchtiger Alter! Weshalb ich nicht hinausgehe? Sie denken vielleicht, ich fürchte mich? Nein, mein Verehrtester, ich wäre schon längst gegangen, ich bin nur aus Mitleid mit Ihnen hiergeblieben. Sie würden ja am Ende gar Ihren Geist aufgeben, wenn ich Sie verließe. Sie würden ja wie ein alter Klotz vor ihnen stehen, wenn man Sie endlich ans Licht beförderte, Sie würden sich doch nie und nimmer zurechtfinden ...“

„Weshalb denn wie ein alter Klotz? Weshalb gerade wie dieser Gegenstand? Konnten Sie mich nicht mit einem anderen vergleichen, junger Mann? Weshalb sollte ich mich denn nicht zurechtfinden? Nein, ich würde mich sehr gut zurechtfinden!“

„Sst! Hören Sie nicht, wie der Schoßhund bellt! Das kommt alles von Ihrem ewigen Geschwätz! Jetzt haben Sie das Hündchen aufgeweckt! Dieses elende Vieh kann noch zu unserem Verräter werden!“

In der Tat: das Schoßhündchen der Dame, das bis dahin ruhig auf seinem Kissen in der Ecke geschlafen hatte, war plötzlich aufgewacht, hatte ein wenig geschnuppert und war dann mit empörtem Gekläff unter das Bett gestürzt.

„O Gott! Solch ein elendes Vieh!“ murmelte Iwan Andrejewitsch, halb tot vor Schreck und Angst. „Es wird uns bestimmt verraten! Es wird alles offenbar werden! Wodurch habe ich nur diese Strafe verdient, o du mein Gott!“

„Durch Ihre Feigheit natürlich!“

„Ami, Ami, komm her!“ rief plötzlich, erschrocken auffahrend, die junge Frau. „^Ici, ici, viens ici!^“

Doch das Hündchen kümmerte sich nicht um sie, sondern griff mutig Iwan Andrejewitsch an.

„Was ist das, mein Herzchen, weshalb bellt denn Amischka so laut?“ fragte der Greis. „Sind etwa Mäuse unter dem Bett, oder sitzt dort der Kater? Deshalb – ich hörte ihn doch die ganze Zeit schnurren ... Und du weißt doch, Wassjka hat heut Schnupfen ...“

„Liegen Sie ganz still!“ flüsterte der junge Mann. „Rühren Sie sich nicht! Dann wird das Vieh sich vielleicht beruhigen.“

„Mein Herr! Mein Herr! Geben Sie meine Hände frei! Weshalb halten Sie sie?“

„Sst! still!“

„Aber ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, der Hund beißt mich in die Nase! Sie wollen wohl, daß ich meine Nase verliere?“

Es folgte ein Handgemenge, in dem es Iwan Andrejewitsch schließlich gelang, seine Hände zu befreien. Das Hündchen bellte wie rasend; plötzlich aber quietschte es auf und verstummte.

„Ach!“ schrie die Dame auf.

„Was tun Sie?“ flüsterte der junge Mann wütend. „Sie verraten uns! Weshalb haben Sie den Hund gepackt? Teufel, der Kerl würgt ihn noch obendrein! So hören Sie doch, was ich Ihnen sage! Lassen Sie ihn laufen! Hören Sie! Sie Kameel! Haben Sie denn keine Ahnung von einem Weiberherzen? Sie wird uns beide noch an den Galgen bringen, wenn Sie ihren Hund erwürgen!“

Doch Iwan Andrejewitsch hatte die Angst wie taub gemacht: er hörte auf nichts. Es war ihm gelungen, den kleinen Köter am Kragen zu fassen: und da hatte er ihm denn in übergroßem Selbsterhaltungstriebe den Hals mit einem Griff so zugeschnürt, daß dem Tierchen kaum Zeit geblieben war, noch einmal zu quieken, bevor es den Geist aufgab.

„Wir sind verloren!“ flüsterte der junge Mann.

„Amischka, Amischka!“ rief die Dame. „^Mon Dieu^, was haben sie mit meinem Ami gemacht! Amischka, Amischka! ^Ici!^ O, diese Schändlichen! Diese Barbaren! Mein Gott, mir wird schlecht!“

„Was ist denn, was ist denn geschehen, mein Herzchen?“ sagte der Greis, der wohl gerade im Begriff gewesen war, ein wenig einzuschlummern, „was hast du, mein Herz? Amischka, hierher! Zum Fuß! Amischka, Amischka, Amischka!“ rief der Alte eifrig, schnalzte mit der Zunge, schnippte mit den Fingern, doch es half alles nicht: Amischka kam nicht wieder zum Vorschein. „Wo ist er denn geblieben? Amischka! ^Ici.^ Wirst du wohl! Es kann doch nicht sein, daß der Kater ihn dort aufgefressen hat? Jedenfalls muß Wassjka Prügel bekommen, meine Liebe, er ist schon einen ganzen Monat nicht mehr bestraft worden. Was meinst du dazu? Ich werde morgen Praskowja Sacharjewna fragen, was sie dazu meint. Aber um Gottes willen, mein Herz, was ist mit dir? Du bist ganz bleich! Oh, oh! Wasser! Hilfe! Hilfe!“

Und der Alte stürzte kopflos zur Tür.

„Diese Mörder! Diese Räuber!“ schrie die Dame und sank auf die Chaiselongue.

„Wer, wer, wer das?“ rief der Alte von der Tür her.

„Dort sind Menschen! Fremde Menschen! Dort ... unter meinem Bett! Oh, ^mon Dieu^! Amischka, Amischka! Was haben sie mit dir getan!!“

„Ach, Gott im Himmel! Was für Menschen? Amischka ... Nein, zuerst Leute her, Leute! Leute! Wer ist dort? Wer?“ schrie der Alte ganz heiser vor Aufregung, und er griff nach dem Licht und beugte sich, um unter das Bett zu sehen. „Wer ist dort! Zu Hilfe! Leute! ...“

Iwan Andrejewitsch lag mehr tot als lebendig neben dem Leichnam Amischkas. Der junge Mann aber verfolgte aufmerksam jede Bewegung des Alten. Plötzlich sah er, daß dieser zur Wand ging und sich dort niederbeugte. Im Augenblick kroch er unter dem Bett hervor, während der Alte die Einbrecher auf der anderen Seite des Ehebettes suchte.

„^Mon Dieu!^“ murmelte die Dame ganz erstaunt, als sie plötzlich einen jungen eleganten Mann vor sich stehen sah. „Wer sind Sie? Ich dachte ...“

„Der andere ist noch unterm Bett,“ erklärte ihr der junge Mann leise und schnell. „Er ist schuld an Amischkas Tod!“

„Ach!“ schrie die Dame entsetzt auf.

Doch schon war der junge Mann aus dem Zimmer.

„Ach! Wer ist hier? Hier sehe ich einen Stiefel! Ein Bein!“ keuchte der Alte, der Iwan Andrejewitsch am Fuß hervorzuziehen versuchte.

„Der Mörder! dieser Mörder! oh Ami, oh Ami!“ jammerte die Dame.

„Kommen Sie heraus! Kommen Sie heraus!“ schrie der Alte, mit den Beinen auf den Teppich stampfend. „Wer sind Sie? Was suchen Sie hier? Was wollen Sie? Gott im Himmel! Was das für ein Mensch ist!“

„Das sind ja Mörder!“

„Um Gottes und aller Heiligen willen! Um Christi willen!“ flehte Iwan Andrejewitsch, der auf allen Vieren hervorkroch, sich kniend erhob und flehend die Hände faltete und dann wieder weiterkroch. „Um Gottes willen, Ew. Exzellenz, rufen Sie keine Menschen herbei! Exzellenz, rufen Sie keine Menschen herbei! Das ... das ist ganz überflüssig! Sie ... Sie können mich nicht vor die Tür setzen lassen! ... Ich bin nicht solch einer! ... Ich bin ein freier Mensch ... Das ist ein Irrtum, Exzellenz, ich habe mich nur geirrt! Ich werde Ihnen sogleich alles erklären, Exzellenz, alles, alles, alles!“ fuhr Iwan Andrejewitsch schluchzend mit versagender Stimme fort. „An allem ist nur meine Frau schuld, das heißt, nicht meine Frau, sondern eine fremde Frau, – denn ich bin ja gar nicht verheiratet, ich bin nur so ... Das ist mein Schulkamerad und Jugendfreund ...“

„Was für ein Jugendfreund!“ schrie der Alte und er stampfte zornig mit dem Fuß auf. „Sie sind ein Dieb, ein Einbrecher, ein Mörder! Stehlen wollten Sie! ... Aber nicht Jugendfreund! ...“

„Nein, ich bin kein Dieb, Exzellenz, ich bin wirklich sein Jugendfreund ... ich ... ich habe mich nur zufällig verirrt, ich habe nur die Haustüren verwechselt! ...“

„Das kennt man! – Haustüren verwechselt!“

„Ew. Exzellenz! Ich bin nicht solch ein Mensch! Sie täuschen sich! Ich versichere Ihnen, daß Sie sich in einem grausamen Irrtum befinden, Exzellenz! Sehen Sie mich an, betrachten Sie mich, und Sie werden an allen Anzeichen erkennen, daß ich kein Dieb sein kann. Exzellenz! Ew. Exzellenz!“ flehte Iwan Andrejewitsch, sich mit beschwörender Gebärde an die junge Frau wendend. „Sie, Sie werden mich als zartfühlende Dame eher verstehen ... Ich ... ich habe Amischka umgebracht ... Aber ich bin nicht schuld daran ... bei Gott nicht! Daran ist meine ... das heißt, nicht meine, sondern eine fremde Frau schuld! Ich ... ich bin ein unglücklicher Mensch, ich habe den Kelch geleert ...“

„Was geht das mich an, was Sie da geleert haben – es wird wohl nicht nur _ein_ Kelch gewesen sein, nach Ihrem Aussehen zu urteilen! Aber wie sind Sie hierher gekommen, mein Herr, wenn Sie mir das erklären wollten?!“ schrie der Alte zitternd vor Aufregung, obschon er sich selbst eingestand, daß dieser Fremde offenbar kein gewöhnlicher Dieb sein konnte. „Ich frage Sie: wie – sind – Sie – hierher gekommen? Zum Donnerwetter! ... Daß Sie kein Räuber sind ...“

„Ich bin kein Räuber, ich bin kein Räuber, Exzellenz! Ich ... ich bin nur in eine andere Tür ... bei Gott, ich bin kein Räuber! Das kommt alles nur daher, daß ich eifersüchtig bin! Ich werde Ihnen alles erzählen, Exzellenz, alles und ganz offenherzig, Exzellenz, wie meinem Vater werde ich es Ihnen erzählen, wie meinem leiblichen Vater, denn den Jahren nach könnte ich Sie doch für meinen Vater halten!“

„Was?! Für Ihren Vater?!“

„Exzellenz, Ew. Exzellenz! Ich habe Sie vielleicht verletzt! – o, verzeihen Sie es mir! In der Tat, eine so junge Dame ... und Ihre Jahre ... sehr-sehr-sehr angenehm, Ew. Exzellenz, glauben Sie mir, eine ... eine solche Ehe zu sehen ... in den besten Jahren! ... Rufen Sie nur nicht die Leute herbei, um Gottes willen, rufen Sie nicht Ihre Leute her ... die würden nur lachen ... ich kenne sie ... Das heißt, ich will damit nicht sagen, daß ich nur mit Bedienten bekannt bin, – ich habe selbst Bediente, Exzellenz, und ewig lachen sie, die ... Esel! Exzellenz ... Ich glaube, mich nicht getäuscht zu haben ... Durchlaucht ... ich habe doch die Ehre, mit einem Fürsten zu sprechen ...“

„Nein, nicht mit einem Fürsten, mein Herr, ich bin ... ein Privatmann. Und ich bitte Sie, mich mit Ihren Titeln zu verschonen, sich nicht mit ihnen bei mir einschmeicheln zu wollen! Das würde Ihnen auch nicht gelingen! Was ich von Ihnen hören will, ist: wie Sie hierher gekommen sind? Also erklären Sie es mir gefälligst!“

„Durchlaucht! das heißt, nein! Ew. Exzellenz ... verzeihen Sie, ich dachte, Sie seien ein Fürst. Ich habe mich versehen, es war ein Irrtum, verzeihen Sie ... das kommt vor ... Sie ähneln so auffallend dem Fürsten Korotkuchoff, den ich bei meinem Bekannten, Herrn Pusyreff, die Ehre hatte, einmal zu sehen ... Sie sehen, ich bin gleichfalls mit Fürsten bekannt, ich habe einen wirklichen Fürsten bei einem Bekannten gesehen: Sie können mich nicht für das halten, für was Sie mich halten! Ich bin kein Räuber, ich bin kein Dieb! Exzellenz, rufen Sie keine Menschen, um Gottes willen, haben Sie Erbarmen mit mir! Bedenken Sie doch: wenn Sie die Leute herrufen – was wird daraus entstehen!“

„Aber wie sind Sie denn hierhergekommen?“ rief die Dame. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Ja, wer sind Sie überhaupt?“ griff der Alte die Frage auf. „Und ich, mein Herzchen, glaubte wirklich, es sei der Kater Wassjka, der da irgendwo schnurrt! Und statt dessen ist es dieser! Ach, Sie Bandit! ... Wer sind Sie? So reden Sie doch!“

Und der Alte stampfte wieder mit dem Fuß auf vor Ungeduld.

„Ich kann nicht, Exzellenz! Ich warte, bis Sie aufgehört haben ... Was mich betrifft, so ist es eine lächerliche Geschichte, Exzellenz. Ich werde Ihnen alles erzählen, es wird sich alles auch ohnedem erklären lassen ... das heißt, ich will damit sagen: rufen Sie nicht fremde Leute her, Exzellenz! Seien Sie großmütig, haben Sie Erbarmen mit mir ... Das hat nichts zu sagen, daß ich unter dem Bett gelegen habe ... das hat mich nicht meiner Würde berauben können. Es ist die lächerlichste Geschichte der Welt, meine Gnädigste!“ wandte sich der arme Iwan Andrejewitsch flehentlich an die junge Frau. „Namentlich Sie, meine Gnädigste, wollte sagen Exzellenz, werden über sie lachen! Sie sehen vor sich einen – eifersüchtigen Gatten! Wie Sie sehen, erniedrige ich mich selbst, tue es selbst und freiwillig! Allerdings bin ich es, der Amischka erwürgt hat, aber ... Mein Gott, ich weiß nicht mehr, was ich rede!“

„Aber wie, _wie_ sind Sie denn hierher gekommen?“

„Im ... im Schutze der Dunkelheit, Exzellenz, indem ich mich der Dunkelheit bediente ... Verzeihung! O, verzeihen Sie, Exzellenz! Ich bitte Sie kniefällig um Verzeihung! Ich bin nur ein gekränkter Gatte, nichts weiter! Denken Sie nicht, Exzellenz, daß ich ein Liebhaber sei! Ich bin kein Liebhaber, ich versichere Ihnen! Ihre Gemahlin ist sehr tugendreich, wenn ich es wagen darf, mich so auszudrücken. Sie ist rein und unschuldig, glauben Sie es mir!“

„Was? Was? Wessen erfrecht sich der Kerl!“ schrie der Alte, ganz rot im Gesicht, und wieder trampelte er mit den Füßen. „Sind Sie verrückt geworden? übergeschnappt? Wie unterstehen Sie sich, von meiner Frau zu reden?“

„Dieses Scheusal, dieser Mörder, der meinen Ami erwürgt hat!“ rief die junge Frau empört aus. Sie war in Tränen aufgelöst ob des Verlustes ihres Amischka. „Und er wagt noch, mich zu beleidigen!“

„Exzellenz, Gnade, Exzellenz! Ich habe mich nur versprochen!“ beteuerte halb besinnungslos Iwan Andrejewitsch. „Betrachten Sie mich, wenn Sie wollen, als Wahnsinnigen ... Um Gottes willen! – als Wahnsinnigen, wenn Sie wollen ... Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß Sie mir damit einen großen Dienst erweisen. Ich würde Ihnen meine Hand reichen, aber ich wage es nicht ... Ich war nicht allein, ich bin der Onkel ... das heißt, ich will nur sagen, daß man nicht mich für den Liebhaber halten darf ... Gott! Ich weiß wieder nicht, was ich rede! Ich habe Sie nicht kränken wollen, Exzellenz!“ rief Iwan Andrejewitsch der Frau zu. „Sie sind eine Dame, Sie werden begreifen, was Liebe ist – dieses zarte Gefühl ... Doch was rede ich, was rede ich da wieder! ... Ich will nur sagen, daß ich ein Greis bin, das heißt, kein Greis, sondern ein schon bejahrter Mann ... ein Greis in den besten Jahren ... Ich will damit sagen, daß ich gar nicht Ihr Liebhaber sein kann, meine Gnädigste, daß ein Liebhaber immer ^à la^ Mister Richardson oder ^à la^ Don Juan zu sein pflegt, ich aber ... O Gott, was rede ich! ... Aber Sie sehen doch jetzt wenigstens, Exzellenz, daß ich ein gebildeter Mensch bin, der die Literatur kennt. Sie lächeln, meine Gnädigste. Es freut mich, es freut mich ungemein, daß ich Sie zum Lächeln habe bringen können! O, wie es mich freut, daß Sie lächeln!“

„^Mon Dieu!^ Was das für ein komischer Mensch ist!“ bemerkte die Dame, die sich die Lippen biß, um jetzt nicht wirklich laut aufzulachen.

„Ja, das ist er,“ meinte gleichfalls lächelnd der Alte, sichtlich erfreut darüber, daß seine Frau lachte. „Mein Herzchen, weißt du, ich denke, er kann kein Dieb sein. Aber wie ist er hierher gekommen?“

„Ich weiß, ich begreife – das ist sehr sonderbar, sogar noch mehr als sonderbar! Wirklich, so etwas kommt sonst nur in Romanen vor! Wie? Um Mitternacht in der Großstadt, plötzlich – ein fremder Mensch unter dem Bett im Schlafzimmer! Da hört doch alles auf! Ist das nicht seltsam, entsetzlich? ^À la^ Rinaldo Rinaldini, nicht wahr? Doch das hat nichts auf sich, das hat alles nichts zu sagen, Exzellenz. Ich werde Ihnen alles erzählen ... Und Ihnen, meine gnädigste gnädige Frau, werde ich ein anderes Schoßhündchen zur Stelle schaffen ... ein ebenso entzückendes! Mit so langer seidenweicher Wolle und so kleinen Beinchen, daß es keine zwei Schritte zu gehen vermag: es verwickelt sich sonst in seinem eigenen Fell und fällt. Und gefüttert wird es nur mit Zuckerstückchen. Ich werde es Ihnen besorgen, gnädige Frau, ich werde es unfehlbar besorgen!“

„Hahahahaha!“ lachte die Dame von ganzem Herzen über den armen Iwan Andrejewitsch. „^Mon Dieu, mon Dieu^, wie ist er komisch!“

„Ja, das ist er! Ha–ha–ha! Köch-köch-köch! Zum Lachen ... köch! und so zerzaust und bestaubt ... köch-köch-köch!“

„Exzellenz, meine Gnädigste, ich bin jetzt vollkommen glücklich! Ich würde jetzt um Ihre Hand bitten, aber ich wage es nicht, meine Gnädigste, ich fühle, daß ich mich seither geirrt habe, in allem, doch jetzt öffne ich die Augen! Jetzt glaube ich, daß auch meine Frau rein und unschuldig ist! Ich habe sie grundlos verdächtigt.“

„Seine Frau! Er hat eine Frau!“ rief die Dame, die ihr Lachen nicht mehr meistern konnte.

„Was! Er ist verheiratet? Ist’s möglich? Das hätte ich nicht gedacht! Hahaha! Köch-köch-köch!“

„Exzellenz, Exzellenz! Aber meine Frau ist an allem schuld ... das heißt, vielmehr: ich bin schuld, denn ich verdächtigte sie; ich wußte, daß hier in diesem Hause ein Rendezvous stattfinden sollte – im dritten Stockwerk, hier über Ihrer Wohnung; der Brief war in meine Hände geraten. Ich versah mich aber, ich dachte, vor der richtigen Tür bereits angelangt zu sein, und da lag ich denn unter dem Bett, noch eh’ ich mich dessen versah ...“

„He–he–he–he! Köch-köch-köch!“

„Hahahahaha!“

„Hahahaha!“ begann zuguterletzt auch Iwan Andrejewitsch zu lachen. „O, wie glücklich ich bin! O, wie rührend es ist, uns alle so friedlich und einträchtig miteinander zu sehen! Und meine Frau ist – oh, das weiß ich jetzt! – vollkommen schuldlos! Davon bin ich fest überzeugt. Nicht wahr, so muß es doch sein, meine Gnädigste?“

„Ha–ha–ha! Köch-köch! Weißt du, Herzchen, wer das ist?“ wandte sich lachend und hustend der Alte an seine Frau.

„Wer? Hahaha! Wen meinst du?“

„Köch-köch! Hahaha! Das ist dasselbe nette Frauenzimmerchen, das mit allen kokettiert! Das ist sie! Ich könnte wetten, daß das seine Frau ist!“

„Nein, Exzellenz, ich bin überzeugt, daß Sie eine andere meinen; ich bin vollkommen überzeugt davon ...“

„Aber, mein Gott! – weshalb verlieren Sie dann Ihre kostbare Zeit!“ unterbrach ihn die Dame, indem sie zu lachen aufhörte. „So eilen Sie doch! Gehen Sie nach oben, vielleicht treffen Sie sie noch an ...“

„Sie haben recht, gnädige Frau, ich werde nach oben eilen. Doch ich weiß, daß ich niemanden antreffen werde, gnädige Frau. Das kann nicht meine Frau sein, davon bin ich fest überzeugt. Sie ist jetzt zu Hause! Ich allein bin der Schuldige! Ich habe es meiner eigenen Eifersucht zuzuschreiben ... Was meinen Sie, oder werde ich sie wirklich dort antreffen, gnädige Frau?“

„Hahahahaha!“

„He–he–he! Köch-köch!“

„Gehen Sie! Gehen Sie! Und wenn Sie wieder an unserer Tür vorüberkommen, dann treten Sie ein und erzählen Sie!“ rief die Dame lebhaft. „Oder nein: kommen Sie morgen und bringen Sie Ihre Frau mit: ich will sie kennen lernen.“

„Leben Sie wohl, gnädige Frau, besten Dank, ich werde sie unfehlbar mitbringen. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin glücklich und froh, daß alles so schnell und gut seine Lösung gefunden hat!“

„Und den Schoßhund! Vergessen Sie den nicht!“

„Nie im Leben, gnädige Frau! Ich werde ihn unfehlbar bringen!“ beteuerte Iwan Andrejewitsch, der bereits an der Tür stand. „So weiß wie ein Zuckerstückchen und auch nicht viel größer als ein solches, mit langem seidigen Fell! – Leben Sie wohl, gnädige Frau, es hat mich sehr, sehr, sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, sehr gefreut!“

Und Iwan Andrejewitsch verbeugte sich und verschwand.