Part 18
Iwan Andrejewitsch fühlte, daß er in eine Sackgasse geraten, aus der es kein Entrinnen gab, fühlte, daß er eine bodenlose Dummheit begangen, die nun nicht mehr gutzumachen war. Schon öffnete sich die Tür, schon trat der schwere Mann – nach seinen schweren Schritten zu urteilen – ins Zimmer ... Ich weiß nicht, für wen oder was Iwan Andrejewitsch sich in diesem Augenblick hielt. Auch vermag ich nicht zu sagen, was ihn davon abhielt, dem Fremden frank und frei entgegenzutreten, seinen Irrtum zu erklären, für seine Unhöflichkeit um Verzeihung zu bitten und sich dann zurückzuziehen – freilich nicht ruhmbedeckt, nicht heldenhaft – aber man hätte es doch immerhin eine anständige, offene Handlungsweise nennen müssen.
Aber nein: Iwan Andrejewitsch verfuhr wieder wie ein Schulbube, der nicht weiß, was Überlegung ist, oder als hätte er sich für einen zweiten Don Juan gehalten.
Im ersten Augenblick verbarg er sich hinter dem Bettvorhang, doch schon nach zwei Sekunden brach er vor Angst in die Knie und kroch, jedes Gedankens bar, auf allen Vieren unter das Bett des fremden Ehepaares. Der Schreck hatte in ihm jede Regung der Vernunft gelähmt – nur so läßt es sich erklären, daß Iwan Andrejewitsch, der selbst ein hintergangener Gatte war oder sich wenigstens für einen solchen hielt, nun tat, als tue er das, was ihm widerfuhr, selbst einem andern an. Vielleicht konnte er es bloß nicht übers Herz bringen, in einem anderen Manne diese ihm wohlbekannten Qualen durch seine Gegenwart hervorzurufen. Doch wie dem auch gewesen sein mag, Tatsache ist, daß er unter dem Bett lag, ohne selbst zu begreifen, wie er dorthin gelangt war. Das Erstaunlichste war aber für ihn in diesem Augenblick, daß die Dame es widerspruchslos hatte geschehen lassen. Sie hatte nicht einmal aufgeschrieen, als er plötzlich vor ihr aufgetaucht war, dieser fremde bejahrte kleine Mann, um darauf ungefragt unter ihrer Ruhestätte zu verschwinden. Anzunehmen ist, daß sie vor Schreck die Sprache verloren hatte.
Inzwischen war langsam, stöhnend und mit Ach und Weh ihr schwerer Gatte ins Zimmer getreten. Mit greisenhafter Langsamkeit wünschte er seiner Frau einen guten Abend, worauf er sich so schwer in den tiefen Sessel fallen ließ, als hätte er soeben eine riesige Last Holz hereingetragen. Darauf folgte ein langanhaltender Hustenanfall. Iwan Andrejewitsch, der sich aus einem gereizten Tiger in ein Lämmlein verwandelt hatte und nun zitterte und zagte wie ein Mausejunges vor einem Kater, wagte kaum zu atmen, obwohl er doch eigentlich aus eigener Erfahrung wissen mußte, daß nicht alle hintergangenen Ehemänner beißen. Doch das kam ihm gar nicht in den Sinn – sei es aus Mangel an Überlegungskraft, sei es aus irgend einem anderen Mangel in diesem Augenblick. Vorsichtig, nur leise tastend, wagte er unter dem Bett einen kleinen Orientierungsversuch, um seine Gliedmaßen in eine etwas bequemere Lage bringen zu können. Wie groß aber war sein Erstaunen, sein Schreck und seine Verwunderung, als seine tastende Hand plötzlich an einen Gegenstand stieß, der sich bewegte und ihn seinerseits mit einer Hand anfaßte!
Unter dem Bett war noch ein anderer Mensch!
„Wer ist da?“ fragte Iwan Andrejewitsch flüsternd und zitternd.
„Ich soll Ihnen wohl meinen Namen nennen!“ kam es flüsternd, doch mit deutlicher Ironie zurück. „Liegen Sie und halten Sie den Mund, wenn Sie in die Falle geraten sind!“
„Mein Herr, Ihr Ton ...“
„Still!“
Und der überflüssige Mensch – denn einer hätte unter dem fremden Ehebett vollkommen genügt – dieser freche Mensch preßte die Hand Iwan Andrejewitschs so stark in seiner Faust, daß dieser vor Schmerz fast aufgeschrien hätte.
„Mein Herr, mein Herr ...“
„Sst!“
„So zerdrücken Sie mir doch nicht meine Hand! oder ich schreie!“
„Na los! Schreien Sie nur, wenn Sie’s wagen!“
Iwan Andrejewitsch errötete vor Scham. Der Unbekannte schien kein Erbarmen zu kennen. Vielleicht war er schon so manches Mal der Verfolgung des Schicksals ausgesetzt gewesen und befand sich infolgedessen nicht zum ersten Male in dieser Enge. Iwan Andrejewitsch war aber jedenfalls ein Neuling in dieser Situation und glaubte daher, schier vergehen zu müssen. Das Blut stieg ihm beängstigend heiß zu Kopf. Was sollte er tun? Er mußte liegen wie er lag: platt auf dem Bauch. Da faßte er sich in Demut und schwieg.
„Ich war, mein Herzchen,“ begann der alte Gatte, „ich war, mein Herzchen, bei Pawel Iwanytsch. Wir begannen Préférence zu spielen, aber weißt du, köchö-köch-köch!“ – er hustete – „so ... köch-kch-kch! Mein Rücken ... Köch! Ach Gott ... Köch-kch-kch!“
Und der Greis hustete endlos.
„Mein Rücken ...“ fuhr er endlich mit schwacher Stimme fort, sich die Tränen aus den Augen wischend, „begann so zu schmerzen ... von diesen verwünschten Hämorrhoiden ... daß ich weder stehen noch sitzen ... noch sitzen konnte! Kököch-köch-köch!“
Es schien, daß dem neuen Hustenanfall ein weit längeres Leben bevorstand, als dem Alten, der diesen Husten hatte. Ließ der Husten etwas nach, so brummte er mitunter ein paar unverständliche Worte, die bald wieder im Husten erstickt waren.
„Mein Herr, ich bitte Sie, rücken Sie um Christi willen etwas zur Seite!“ flüsterte inzwischen Iwan Andrejewitsch.
„Wohin soll ich denn rücken, ich habe selbst keinen Platz!“
„Aber, einstweilen, Sie müssen doch zugeben, daß ich nicht lange so liegen kann! Ich befinde mich zum erstenmal in einer solchen Lage.“
„Und ich mich zum erstenmal in so unangenehmer Nachbarschaft.“
„Einstweilen aber, junger Mann, ich muß sagen ...“
„Still!“
„Still? Ich möchte Ihnen nur bemerken, junger Mann, daß Ihre Redeweise, gelinde gesagt, sehr unhöflich ist ... Wenn ich mich nicht täusche, sind Sie noch sehr jung; ich bin älter als Sie.“
„Schweigen Sie!“
„Mein Herr! Sie vergessen sich, Sie wissen nicht, mit wem Sie reden!“
„Mit einem Herrn, der unter einem fremden Bett liegt ...“
„Aber mich hat doch nur ein Zufall, ein Irrtum hergeführt ... Sie aber, wenn ich mich nicht täusche, Ihre Sittenlosigkeit, Unsittlichkeit.“
„Gerade darin täuschen Sie sich eben.“
„Mein Herr! Ich bin älter als Sie, ich sage Ihnen ...“
„Mein Herr, vergessen Sie gefälligst nicht, daß wir hier auf _einem_ Brett liegen. Und ich bitte Sie, mir nicht mit Ihren Händen ins Gesicht zu fahren!“
„Mein Herr! Glauben Sie mir, ich kann hier nichts sehen. Verzeihen Sie, aber ich habe ja doch keinen Platz.“
„Weshalb sind Sie denn so dick?“
„Herrgott, Vater im Himmel! Noch nie hast du mich in eine so erniedrigende Lage gebracht!“
„Ja, noch niedriger kann man nicht gut liegen.“
„Mein Herr, ich muß Sie bitten, mein Herr! Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, ich weiß auch nicht, wie das alles gekommen ist: ich weiß nur, daß ich irrtümlicherweise hierher geraten bin – ich bin nicht das, was Sie von mir glauben ...“
„Ich würde durchaus nichts von Ihnen glauben, wenn Sie mich nicht immer stoßen würden. So schweigen Sie doch endlich!“
„Mein Herr! Wenn Sie nicht weiterrücken, bekomme ich einen Schlaganfall! Sie werden meinen Tod zu verantworten haben. Ich versichere Ihnen ... Ich bin ein ehrenwerter Mensch, ein ... ein Familienvater. Ich kann mich doch nicht in solch einer Lage befinden! ...“
„Sie haben sich doch selbst und freiwillig in eine solche Lage gebracht. Na, rücken Sie doch weiter, dann haben Sie noch etwas Platz. Aber mehr gibt’s davon nicht.“
„Mein Herr! O, ich sehe, Sie sind ein edler junger Mann! Ich sehe, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe ...“ begann Iwan Andrejewitsch in aufwallender Dankbarkeit, indes er seine abgetaubten Gliedmaßen in eine glücklichere Lage zu bringen suchte. „Ich kann Ihnen Ihre eigene Bedrängnis lebhaft nachfühlen, aber was soll man tun? Ich sehe, daß Sie schlecht von mir denken. Erlauben Sie, daß ich meine Reputation in Ihren Augen wieder herstelle ... Erlauben Sie, daß ich Ihnen auseinandersetze, wer ich bin, wie ich mich gegen meinen Willen hierher verirrt habe – nochmals, ich versichere Ihnen! Ich bin nicht aus dem Grunde hier, den Sie annehmen ... Ich fürchte mich entsetzlich ...“
„So schweigen Sie doch endlich, Herrgott noch ’nmal! Begreifen Sie denn nicht, wem Sie sich aussetzen, wenn man Sie hört? Sst! Er wird sogleich aufhören zu husten!“
In der Tat hatte der Husten des Greises nachgelassen und dieser schickte sich wieder an, zu sprechen.
„Also, mein Herzchen,“ krächzte der Greis mühsam und mit kläglicher Stimme, „also, mein Herzchen, köch-köch! Ach! diese Plage! Fedossei Iwanowitsch sagte mir: ‚Sie sollten doch versuchen,‘ sagte er, köch! – ‚doch versuchen, einmal Schafgarbentee zu trinken‘. Hörst du, Herzchen?“
„Ich höre, mein Freund.“
„Nun, also er sagte: ‚Sie sollten doch Schafgarbentee trinken.‘ Ich sagte aber: ‚Ich habe schon Blutegel angesetzt‘. Er aber sagte: ‚Nein, Alexander Demjanowitsch, Schafgarbentee ist besser, ist vor allem ein gutes Purgativ, sage ich Ihnen ...‘! Köch-köch! Ach, mein Gott! Was meinst du nun dazu, mein Herzchen? Köch-köch! Ach, Schöpfer! Köch-köch! ... Also du meinst, Schafgarbentee wäre besser, wie? ... Köch-köch! Ach Gott! Köch! ...“ usw., usw.
„Ich meine, daß es nicht schlecht sein kann, dieses Mittel zu versuchen,“ meinte die junge Frau.
„Ja, nicht schlecht! ‚Sie haben,‘ sagte er, ‚vielleicht sogar die Schwindsucht.‘ Köch-köch! Ich aber sagte: ‚Nein, Podagra, und außerdem einen Magenkatarrh ...‘ Köch-köch! Er aber sagt: ‚vielleicht auch Schwindsucht.‘ Also was, köch-köch! Was meinst du dazu, mein Herzchen: habe ich die Schwindsucht? Köch!“
„Ach, wie kommen Sie nur darauf, Alexander Demjanowitsch! Welch ein Unsinn das ist!“
„Ja, Schwindsucht, sagt er. Aber du, mein Herzchen, könntest dich jetzt auskleiden und zu Bett gehen ... Köch-köch! Ich habe aber heute, köch! heute Schnupfen.“
„Uff!“ seufzte Iwan Andrejewitsch in seiner Zwangslage unter dem Bett. „Um Gottes und Christi willen, rücken Sie weiter!“
„Ich kann mich wahrhaftig nur über Sie wundern: können Sie denn keinen Augenblick still sein? ...“
„Sie sind gegen mich erbittert, junger Mann, Sie wollen mich verletzen, das sehe ich. Sie sind wahrscheinlich der Liebhaber dieser Dame?“
„Schweigen Sie!“
„Ich werde nicht schweigen! Ich werde Ihnen nicht erlauben, hier zu kommandieren! Ganz gewiß sind Sie der Liebhaber! Wenn man uns entdeckt, bin ich vollkommen unschuldig, ich ... ich weiß von nichts.“
„Wenn Sie nicht endlich den Mund halten,“ unterbrach ihn der junge Mann zähneknirschend, „werde ich sagen, daß Sie mich hergelockt haben, daß Sie mein Onkel seien, der sein Vermögen durchgebracht hat. Dann wird man wenigstens nicht annehmen, daß ich der Liebhaber dieser Dame sei.“
„Mein Herr! Sie wollen mich zum Narren machen! Wissen Sie auch, daß meine Geduld reißen kann?“
„Sst! oder ich werde Sie das Schweigen anders lehren! Sie sind mein Unglück! So sagen Sie doch, weshalb sind Sie hier? Ohne Sie würde ich ruhig bis zum Morgen liegen, wo ich liege, und dann bei passender Gelegenheit fortgehen ...“
„Aber ich kann hier doch nicht bis zum Morgen so liegen, ich bin doch ein denkender Mensch! Ich habe Verbindungen, habe Protektion ... Was meinen Sie, wird er wirklich hier schlafen?“
„Wer?“
„Nun, dieser Greis?“
„Selbstverständlich wird er! Es sind doch nicht alle Männer so wie Sie. Einige übernachten auch zu Hause.“
„Mein Herr, mein Herr!“ rief Iwan Andrejewitsch erkaltend vor Schreck, „seien Sie überzeugt, daß auch ich zu Hause zu schlafen pflege, es ist das erstemal ... Aber mein Gott, ich sehe ja, daß Sie mich nicht kennen! Wer sind Sie, junger Mann? Sagen Sie es mir ohne Umschweife, ich flehe Sie an, aus uneigennützigster Liebe bitte ich Sie darum, – wer sind Sie?“
„Hören Sie mal! Entweder – oder ich gebrauche Gewalt ...“
„Aber erlauben Sie, erlauben Sie, daß ich Ihnen erzähle, mein Herr, daß ich Ihnen diese ganze entsetzliche Geschichte erkläre ...“
„Ich will nichts von Ihnen hören, ich will nichts wissen, lassen Sie mich in Ruh! Schweigen Sie oder ...“
„Aber ich kann doch nicht ...“
Unter dem Bett spielte sich ein zwar kurzer, doch dafür um so verzweifelterer Kampf ab, bis Iwan Andrejewitsch verstummte.
„Herzchen, knurrt hier nicht der Kater irgendwo?“
„Der Kater? Wie ... wie kommen Sie darauf?“
Offenbar wußte die junge Frau nicht, was sie mit ihrem alten Gatten reden sollte, da sie ihre Geistesgegenwart noch nicht völlig wiedererlangt zu haben schien, was ihre erschrockene Stimme und ihre Verwirrung verriet.
„Was für ein Kater?“
„Unser Wassjka, Herzchen. Vor ein paar Tagen ging ich in mein Arbeitszimmer, da saß er und schnurrte so vor sich hin. Ich fragte ihn: was hast du, Wassenjka? Er aber schnurrt und schnurrt. Da dachte ich: ach ihr Heiligen! Sollte er mir etwa meinen Tod prophezeien?“
„Pfui, welch einen Unsinn Sie heute reden! Schämen Sie sich!“
„Nu, nu, sei nicht böse, Herzchen. Ich sehe, der Gedanke, daß ich sterben könnte, ist dir unangenehm, sei aber nicht böse deshalb. Ich sagte es nur so. Aber du könntest dich wirklich, Herzchen, jetzt auskleiden und zu Bett gehen, ich werde hier noch – Köch-köch! – solange sitzen ... Köch-köch-köch!“
„O, um’s Himmels willen, hören Sie auf! Später ...“
„Nu, nu, sei nicht böse, sei nicht böse! Nur war es wirklich so, als raschelten hier Mäuse ...“
„Ach, bald glauben Sie den Kater, bald Mäuse zu hören! Ich weiß nicht, was heute mit Ihnen ist!“
„Nu, nu ... Köch-köch! Nichts, nichts, köch-köch-köch-köch! Ach, du mein großer Gott! Köch!“
„Da haben Sie’s! Sie schreien so laut, daß er es glücklich gehört hat!“ flüsterte der junge Mann seinem Nachbar zu, während der Alte hustete.
„Wenn Sie nur wüßten, was in mir vorgeht! Meine Nase blutet ...“
„So lassen Sie sie bluten, nur schweigen Sie. Warten Sie, bis er fortgegangen ist.“
„Aber, junger Mann, so versetzen Sie sich doch in meine Lage: ich weiß doch nicht einmal, mit wem ich hier liege.“
„Ja, würde es Ihnen denn leichter werden, wenn Sie’s wüßten? Ich interessiere mich nicht im geringsten für Ihren Namen. Und wenn schon – Na, wie lautet er denn, sagen Sie doch zuerst?“
„Nein, wozu den Namen nennen ... Ich will nur erklären, durch welchen sinnlosen Zufall ...“
„Sst ... er hat aufgehört ...“
„Glaube mir, mein Herzchen, jetzt habe ich ganz deutlich flüstern gehört!“
„Ach, nein, das ist doch nicht möglich, es wird sich nur die Watte in Ihren Ohren verschoben haben.“
„Ach, à propos! Weißt du, hier ... Köch-köch ... über uns ... Koch ... in der Wohnung über uns, hier, köch-köch-köch!“ usw.
„Über uns?!“ flüsterte der junge Mann. „Ach, der Teufel! Und ich dachte, dies sei das letzte Stockwerk! Ist denn dies erst das zweite?“
„Junger Mann, mein Herr,“ fuhr Iwan Andrejewitsch wie von jemandem gekniffen auf, „was sagen Sie da? Um Gotteswillen, weshalb interessiert Sie das? Auch ich war der Meinung, daß dies das dritte und letzte Stockwerk sei! Um Gotteswillen, ist hier denn noch ein Stockwerk?“
„Nein wirklich, mein Herzchen, es muß hier jemand sein,“ sagte der Greis, dessen Husten sich wieder gelegt hatte.
„Sst! Hören Sie?“ flüsterte der junge Mann, dessen Hand wie eine eiserne Klammer Iwan Andrejewitschs Hände packte.
„Mein Herr, Sie zermalmen mir alle Finger! Das ist Vergewaltigung! Lassen Sie los!“
„Sst!“
Wieder kam es zu einem kurzen Kampf, dem wieder vollständige Stille folgte.
„Ja, ich traf eine nette Kleine ...“ fuhr der Greis fort.
„Wie, eine nette? ...“ unterbrach ihn seine junge Frau.
„Ja ... habe ich dir noch nicht erzählt, daß ich einer netten Dame auf der Treppe begegnet bin? ... oder habe ich es vergessen, zu erzählen ... Mein Gedächtnis ist schwach. Johanniskraut müßte ich trinken ... Köch!“
„Was?“
„Johanniskraut müßte ich trinken: man sagt, das helfe ... Köch-köch-köch! ... denn das helfe, sagt man.“
„Da haben Sie ihn unterbrochen!“ flüsterte der junge Mann, knirschend.
„Du sagtest, dir sei heute eine nette Dame begegnet?“ fragte die junge Frau.
„Wie?“
„Dir ist heute eine nette Dame begegnet?“
„Wem das?“
„Aber dir doch!“
„Mir? Wann? Ach so, richtig, ja! ...“
„Endlich! O, du verfluchte Mumie!“ murmelte der junge Mann unterm Bett, der dem vergeßlichen Greise am liebsten einen aufmunternden Rippenstoß versetzt hätte.
„Mein Herr! Ich zittere vor Angst! Mein Gott, mein Gott! was höre ich? Das ist ja wie gestern, ganz wie gestern! ...“
„Sst!“
„Jajaja! Jetzt fällt es mir wieder ein: ein ganz reizender Käfer! So blanke Augen ... unter einem hellblauen Hütchen ...“
„Hellblauen Hütchen! Teufel noch eins!“
„Das ist sie! Sie hat einen kleinen hellblauen Hut! Mein Gott, mein Gott!“ stöhnte Iwan Andrejewitsch wie ein Verzweifelter.
„Sie? Welche ‚sie‘?“ fragte der junge Mann flüsternd, doch mit unheimlichem Händedruck.
„Sst!“ machte nun seinerseits Iwan Andrejewitsch, „er spricht!“
„Zum Teufel! ... Teufel ...“
„Übrigens kann jede Dame einen hellblauen Hut tragen ...“ flüsterte Iwan Andrejewitsch zaghaft.
„Und solch eine Schelmin scheint sie zu sein!“ fuhr der Greis fort, „köch! Sie kommt immer hierher, zu irgendwelchen Bekannten. Und immer liebäugelt sie. Zu diesen Bekannten kommen aber wieder andere Bekannte ...“
„Pfui, wie langweilig das ist,“ unterbrach ihn seine junge Frau. „Ich begreife nicht, wie einen so etwas interessieren kann.“
„Nun, schon gut, schon gut! Sei nur nicht böse!“ beschwichtigte sie wieder der Greis „ich ... ich – Köch! – ich werde nicht mehr davon erzählen, wenn du es nicht willst. Du bist heute nicht bei ganz guter Laune ...“
„Aber wie sind Sie denn hierher geraten?“ forschte plötzlich in gereiztem Flüsterton der junge Mann unterm Bett.
„Ach, sehen Sie, sehen Sie! Jetzt fangen Sie an, sich dafür zu interessieren, vorher aber wollten Sie mich überhaupt nicht anhören!“
„Ach, nun, dann nicht! Mir ist’s schließlich gleich. Aber seien Sie dann still! Hol’s der Teufel, die Geschichte ist, bei Gott! um aus der Haut zu fahren ...“
„Junger Mann, hören Sie, ärgern Sie sich nicht! Ich weiß nicht, was ich rede! Ich ... ich wollte nur sagen, daß Sie sich wohl kaum grundlos für den Zwischenfall interessieren werden ... Aber wer sind Sie, junger Mann? Sie sind mir unbekannt, wie ich sehe, aber wer sind Sie nun eigentlich! Mein Gott! Ich weiß selbst nicht mehr, was ich rede!“
„Hören Sie auf,“ riet ihm der junge Mann, als sei er innerlich mit anderem beschäftigt.
„Ich werde Ihnen alles erzählen, alles! Sie denken vielleicht, daß ich nicht erzählen werde, daß ich Ihnen böse bin, nicht? Hier haben Sie meine Hand! Ich bin nur in einer etwas niedergeschlagenen Stimmung, das ist alles. Aber sagen Sie mir um Gotteswillen zuerst: wie sind Sie hierher geraten? Aus welchem Grunde, zu welchem Zweck sind Sie in dieses Haus gekommen? Was mich betrifft, so bin ich nicht böse, bei Gott, ich bin Ihnen nicht böse, hier haben Sie meine Hand darauf. Nur wird sie nicht allzu sauber sein, denn hier ist es etwas staubig. Aber was will das besagen!? Auf das Gefühl kommt es an!“
„Eh, gehn Sie zum Teufel mit Ihrer Hand! Kaum, daß man hier Platz hat, platt auf dem Bauch zu liegen – da will er noch Armverrenkungen versuchen!“
„Aber, mein Herr! Sie gehen mit mir um, als wäre ich, mit Erlaubnis zu sagen, eine alte Stiefelsohle!“ wendete Iwan Andrejewitsch in einer Aufwallung der keuschesten Verzweiflung mit einer Stimme ein, wie man sie sonst nur zu flehentlichem Bitten gebraucht. „Behandeln Sie mich nur ein wenig höflicher – hören Sie? – nur ein wenig höflicher, und ich werde Ihnen alles erzählen! Wir würden einander lieb gewinnen; ich bin sogar bereit, Sie zu mir zu Tisch einzuladen. So aber können wir nicht beisammen liegen bleiben, das sage ich Ihnen ganz offen. Sie sind auf einem Irrwege, junger Mann, Sie wissen nicht ...“
„Wann kann er ihr denn begegnet sein?“ murmelte der junge Mann vor sich hin, offenbar in größter Aufregung. „Vielleicht wartet sie dort auf mich ... Nein, ich muß unbedingt fort von hier, koste es, was es wolle!“
„Sie? Wer ist diese ‚sie‘? Mein Gott! von wem reden Sie, junger Mann? Sie glauben, daß hier oben über uns ... Mein Gott, mein Gott, wofür werde ich so gestraft?!“
Und Iwan Andrejewitsch wollte sich, zum Zeichen seiner Verzweiflung, auf den Rücken kehren, doch der Versuch mißlang, was ihn noch unglücklicher machte.
„Was geht das Sie an, wer sie ist? Eh, zum Teufel! – ich krieche hinaus! ...“
„Mein Herr! Was fällt Ihnen ein? Und ich? Wo soll ich denn bleiben?“ stotterte Iwan Andrejewitsch entsetzt und er klammerte sich an die Frackschöße des anderen.
„Was geht das mich an? So bleiben Sie doch allein hier. Oder wenn Sie das nicht wollen, kann ich ja sagen, daß Sie mein Onkel seien, der sein Vermögen durchgebracht hat, damit der Klappergreis nicht auf den Gedanken kommt, in mir den Geliebten seiner Frau zu sehen.“
„Aber, junger Mann, das ist doch ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen! Wer wird Ihnen denn das glauben, daß ich Ihr Onkel sei? Kein dreijähriges Kind wird es Ihnen glauben!“ flüsterte in beschwörendem Tone Iwan Andrejewitsch.
„Na dann schwatzen Sie wenigstens nicht und legen Sie sich platt! Sie können doch hier ruhig übernachten und dann morgen sehen, wie Sie entkommen. Kein Mensch wird Sie hier bemerken; denn wenn einer schon herausgekrochen ist, wird niemand noch einen zweiten unter dem Bett vermuten – da könnte ein ganzes Dutzend sich gesichert fühlen. Übrigens wiegen Sie allein ein ganzes Dutzend auf. Rücken Sie zur Seite, ich krieche hinaus.“
„Sie drücken mich, junger Mann ... Aber wie, wenn ich zu husten beginne? Man muß doch alles voraussehen ...“
„Sst!“
„Was ist das, mein Herzchen, ich glaube über uns hat wieder ein Spektakel begonnen,“ bemerkte der Greis, der inzwischen wohl eingeschlummert war, mit schläfriger Stimme.
„Über uns?“
„Hören Sie, junger Mann: ich werde hinauskriechen.“
„Ich höre, – nun!“
„Mein Gott, junger Mann, ich werde hinauskriechen!“
„Ich nicht. Mir ist alles gleich. Wenn schon einmal ein Strich durch die Rechnung gemacht ist, dann – ... Aber wissen Sie, was ich stark vermute? Daß Sie, gerade Sie und kein anderer ein betrogener Ehemann sind! – Verstanden?“
„Mein Gott, welch ein Zynismus! ... Vermuten Sie das wirklich? Aber weshalb denn gerade ein Ehemann ... ich bin doch nicht verheiratet ...“
„Was, nicht verheiratet? Sie? Wer das glaubt!“
„Ich bin vielleicht selbst ein Liebhaber, Sie können es doch nicht wissen!“
„Famoser Liebhaber das! Ha–ha!“
„Mein Herr, mein Herr! Nun gut, ich werde Ihnen alles erzählen. Vernehmen Sie also meine Beichte, – die Beichte eines Verzweifelten. Nicht ich bin der Betreffende, ich bin nicht verheiratet. Ich bin gleichfalls Junggeselle – ganz wie Sie. Es ist das nur mein Freund, mein Jugendfreund, um den es sich handelt ... Ich aber bin ein Liebhaber ... Da sagt er mir eines Tages: ‚Ich bin ein unglücklicher Mensch, ich muß den bittersten Kelch leeren, denn ich mißtraue meiner Frau.‘ Aber, Freund, sage ich, wessen verdächtigst du sie denn? ... Aber Sie hören mich ja gar nicht! So hören Sie, hören Sie doch! ... Eifersucht ist lächerlich, sage ich zu ihm, Eifersucht ist ein Laster! ... Er aber sagt: ‚Nein, ich bin ein unglücklicher Mensch! Ich – wie gesagt ... ich leere den Kelch, den bittersten Kelch ... d. h. ich habe sie im Verdacht ...‘ – Du bist mein Jugendfreund, sagte ich zu ihm. Wir haben gemeinsam Blumen gepflückt, gemeinsam die ersten Freuden genossen ... Mein Gott, ich weiß nicht mehr, was ich rede! Sie lachen die ganze Zeit, junger Mann. Sie werden mich noch verrückt machen!“
„Das sind Sie ja schon.“
„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja, daß Sie mir das sagen würden, als ich das Wort noch nicht einmal ausgesprochen hatte – da schon ahnte ich es! Lachen Sie nur, lachen Sie nur, junger Mann! Ebenso bin auch ich gewesen, zu meiner Zeit, ebenso habe auch ich verführt! Ach, ja! – jetzt aber, ... jetzt werde ich sicher verrückt werden!“
„Was ist das, mein Herzchen, hat hier nicht jemand geniest?“ fragte wieder der Greis mit seiner trägen Langsamkeit. „Warst du es, mein Herzchen?“
„Oh, ^mon Dieu^!“ stöhnt die arme junge Frau.
„Sst!“ hörte man unter dem Bett.
„Das muß über uns im dritten Stockwerk sein,“ bemerkte die junge Frau in ihrer Herzensangst. Unter dem Bett wurde es schon allzu verräterisch laut und immer lauter.